Ein neues Stück Stadt

Das Areal des ehemaligen Sophienspitals in Wien wurde zu einem urbanen Mix aus Wohnen und Kultur mit unterschiedlichen sozialen Angeboten. Der neue, kleine Stadtteil kombiniert Sanierung und Neubau.
MAIK NOVOTNY

Emsig gestickt wird in der Nähwerkstatt, die Vorbereitungen für die Modenschau am nächsten Tag laufen auf Hochtouren. Keine professionellen Supermodels werden dann auftreten, sondern selbstbewusste Senior:innen um die 80. Durch die große Fensterfront geht der Blick direkt auf den Gürtel und den Westbahnhof. Im Erdgeschoß wird niederschwellig und gut gelaunt zum Demenztraining eingeladen. Der Eindruck ist eindeutig: Die älteren Mitbürger: innen sind selbstbewusster Teil des Stadtgeschehens.

Der Pensionist:innenclub „All in Neubau“ ist Teil des bunten Mosaiks auf dem 1,3 Hektar großen Areal des ehemaligen Sophienspitals im 7. Wiener Gemeindebezirk. Dieses war 1881 eröffnet worden, 1945 übernahm es die Stadt Wien und wandelte es 1987 in ein Pflegezentrum um. Dieses wurde 2016 geschlossen, und die Stationen übersiedelten ins neue Pflegewohnhaus Rudolfsheim-Fünfhaus. Dort, wo früher Kranke und Ältere gepflegt wurden, sind nun 176 geförderte Wohnungen in einem Neubau, ein Gemeindebau in einem Altbau sowie soziale und kulturelle Einrichtungen entstanden. Der Bauträgerwettbewerb des wohnfonds_ wien wurde im September 2020 entschieden und das Ergebnis ging Juli 2021 in den Grundstücksbeirat.

Kompetentes Team

Gewonnen hatte das Team aus den Bauträgern Sozialbau AG und WBVGPA sowie den Architekt:innen P.Good und Martin Kohlbauer. Die Sozialbau errichtete 120 Wohnungen und übernahm die Sanierung des denkmalge schützten Kenyon-Pavillons von 1907 und des Karl-Ludwig-Pavillons. Die WBV-GPA errichtete 56 Wohnungen. Schlüsselübergabe hier war im November 2025, die 46 Gemeindewohnungen wurden Anfang 2026 übergeben.

Erstmals wurden hier im Rahmen der Wiener Wohnbauförderung Neubau und Bestand miteinander verknüpft, für Stadt, Bezirk und wohnfonds_wien war das Areal von Beginn an ein Best- Practice-Projekt mit entsprechendem planerischem Goodwill und medialer Aufmerksamkeit. Aus dem Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz ergab sich die Möglichkeit, ein Drittel der Fläche für Nicht-Wohnnutzungen zu errichten. Diese fanden zum großen Teil im Kenyon- Pavillon Platz, da eine Adaption der stattlich hohen Räume fürs Wohnen zu stark mit der denkmalgeschützten Substanz kollidiert wäre. Da die Sozialbau diesen Bauteil und seine Nutzungen übernahm, wurde ihr auch der größere Anteil an Wohnungen zugeteilt, um das gesetzmäßig erforderliche Verhältnis von Wohnen und Nichtwohnen zu erreichen. Fördertechnisch wurde die Sanierung des Bestands durch die Neubauförderung abgedeckt.

Präzisionsarbeit: Im Nähatelier von „All in Neubau“ laufen die Vorbereitungen für die Modenschau

Die Architekt:innen wiederum teilten sich den Neubau (Kohlbauer) und die Adaptierung des Altbaus (P.Good) auf, für die Neugestaltung des alten Parks wurden Auböck + Karasz beauftragt. Eine konsequente Entscheidung, denn Azita Goodarzi und Martin Praschl von P.Good haben bei einer Vielzahl von Projekten ausgewiesene Expertise bei der sorgfältigen Sanierung von Altbausubstanz gezeigt, und Martin Kohlbauer bekam durch den Planungsauftrag eine Art Entschädigung für den Verlust eines seiner Werke.

Mitten im Leben: Blick vom Pensionist:innenclub direkt auf den Westbahnhof

Denn dort, wo jetzt fünf dicht nebeneinanderstehende, einfach gestaltete Wohntürme, gekrönt mit „fliegenden“ Photovoltaik-Dächern mit Urban Gardening und Liegestühlen auf den Dachterrassen bis zu elf Geschoße in die Höhe ragen, stand zuvor der erst 1999 errichtete letzte Bauteil des Sophienspitals – ebenfalls von Architekt Martin Kohlbauer entworfen. Ein Bestandserhalt war aufgrund des speziellen Zuschnitts des Altbaus und des im Wettbewerb geforderten hohen Ausmaßes an Wohnfläche nicht realisierbar, im Sinne der Kreislaufwirtschaft bemühte man sich jedoch gemeinsam mit dem Baukarussell um eine Wiederverwertung von Bauteilen. Vorbildhafte Klimagerechtigkeit war im Bauträgerwettbewerb großgeschrieben, die Wärmeversorgung erfolgt durch Fernwärme und Geothermie und die Lücken zwischen den fünf Wohntürmen sollen Frischluft von Westen in den dicht bebauten Gründerzeitbezirk lassen.

Stepptanz und Apfelstrudel

Das gesamte erste Obergeschoß aller Türme füllt die Wiener Volkshochschule, in der beim Tag der Offenen Tür reichlich Andrang herrscht: Im Foyer, wo die roten Goodie-Bags ausgehändigt werden, in der Lehrküche, beim Stepptanz im Mehrzwecksaal, bei den Community Nurses des Fonds Soziales Wien (FSW) und überall dazwischen. Auch der Kindergarten im Karl-Ludwig- Pavillon ist schon in Betrieb, und der Durchgang zum Gürtel im Erdgeschoß wird künftig einen Rahmen für Events und Kunstprojekte abgeben.

Niederschwelliger Lern-Ort: Foyer der Volkshochschule

Auch nebenan, bei sophie7 im Kenyon- Pavillon, herrscht schon reges Leben. Die Gastronomie eröffnet zwar erst im März, doch für die Besucher:innen gibt es jetzt schon Apfelstrudel mit Vanillesauce, und der neue Veranstaltungssaal im Untergeschoß hat schon seine Premiere erlebt – die Präsentation eines Buchs über den 7. Gemeindebezirk. „Technisch hat alles funktioniert, und das Haus war mit wuselndem Leben erfüllt, das war großartig“, freut sich Roman Bolschetz, der gemeinsam mit Stephan Zuber den Betrieb und das Programm des sophie7 steuert. Auch Barbara Seifert, Bezirksrätin bei den Grünen, ist begeistert: „Ein Saal dieser Größe hat uns bisher im Bezirk gefehlt.“ Hier werden künftig Konzerte und Kabarettaufführungen stattfinden, auch für private Nutzungen ist der Saal mit seinen 400 Sitzplätzen buchbar.

Ein weiterer Saal wartet im Erdgeschoß des Pavillons auf die ersten Nutzer: innen, darüber sind neben einem von sophie7 betriebenen Co-Working- Space der Pen-Club und die Kiesler- Stiftung eingezogen. Unter dem Dach hat der Kulturverein Mezekere, der sich insbesondere der Kunst von Migrant: innen und der niederschwelligen Kulturvermittlung verschrieben hat, schon seine Türen zum Soft-Opening geöffnet und zeigt die farbenfrohen textilen Rauminstallationen der Künstlerinnen Guadalupe Aldrete und Sophie Douala. Die offizielle Eröffnung wird im Mai erfolgen. „Wir sind sehr glücklich, hier angekommen zu sein. Es herrscht richtige Aufbruchstimmung im ganzen Areal“, freut sich Mbatijua Hambira, Geschäftsführer von Mezekere. „Wir alle strecken schon die Fühler zueinander aus.“ Auch er werde nachher gleich bei den Pensionist: innen und der Volkshochschule vorbeischauen.

Kultur und Leistbarkeit

Im Karl-Ludwig-Pavillon wird bereits seit Herbst gewohnt, nebenan im Gemeindebau wurde eine brandneue Turnhalle ins Souterrain eingefügt, die den Pensionist:innen und Vereinen im Bezirk zur Verfügung steht. Susanne Szabo, Bereichsleiterin des Pensionist:innenclubs für den 7. Bezirk, testet schon den Bodenbelag (natürlich nicht mit Straßenschuhen), daneben steht Kursleiter Tobias Ludescher, schon im Sport-Dress, und freut sich bereits auf die ersten Kurse.

Bereits eingezogen ist der Art Space Mezekere mit seiner ersten Ausstellung
Zufrieden mit der Nachbarschaft: Mezereke-Geschäftsführer Mbatijua Hambira
Sport und Spiel: Die neue Turnhalle im Untergeschoß des Gemeindebaus

Auch die Bauträger selbst sind vor Ort und inspizieren das neue Stück Stadt. „sophie7 zeigt, wie wir gemeinnützigen Bauvereinigungen nachhaltigen Wohnraum für die Zukunft schaffen: sozial, kostengünstig und innovativ“, so Michael Gehbauer, Geschäftsführer der WBV-GPA. „Die Verbindung aus historischem Bestand, ökologischer Innovation und kultureller Vielfalt macht dieses Quartier zu einem wichtigen Beitrag für eine lebenswerte Stadt der Zukunft.“

„sophie7 zeigt, wie wir gemeinnützigen Bauvereinigungen nachhaltigen Wohnraum für die Zukunft schaffen: sozial, kostengünstig und innovativ.“

Michael Gehbauer, WBV-GPA

Hannes Stangl, Vorstandsvorsitzender- Stellvertreter der Sozialbau, zeigt sich erfreut über den Kultur-Mix von sophie7 im Kenyon-Pavillon. „Hier wollten wir zeigen, dass wir als Bauträger auch eine kulturelle Verantwortung haben und das innovativ umsetzen können. Oft scheitern solche guten Ideen nach dem Bauträgerwettbewerb daran, dass man die passenden Nutzer: innen nicht findet. Daher haben wir hier von Anfang an die richtigen Leute gesucht und gefunden.“

Gute Zusammenarbeit: Michael Gehbauer, WBV-GPA, und Hannes Stangl, Sozialbau
Klare Kontraste: Neubau und sanierter Altbau
Mitten in der Stadt: Blick auf den Wohnbau vom abendlichen Gürtel
Fotos: Florian Albert

Glücklich am Gürtel

Eine weitere Aufgabe, die die Bauträger zu lösen hatten, war die im Wettbewerb vom wohnfonds_wien geforderte Leistbarkeit: Ausschließlich geförderte Wohnungen mit äußerst geringem Eigenmittelanteil waren in der Ausschreibung verlangt. „Das war eine Herausforderung“, sagt Hannes Stangl. „Noch dazu, weil es genau in die Zeit der rapide steigenden Baukosten fiel. Wir hatten das Glück, dass damals die Wiener Wohnbauförderung erhöht wurde. Wir konnten als eines der ersten Projekte damals davon profitieren, und so haben wir die gewünschte Leistbarkeit umsetzen können.“

Kein Zweifel: Die zentrale Lage im begehrten 7. Bezirk und direkt am Westbahnhof ist sowohl als Wohnort als auch für die kulturellen und sozialen Nutzungen ein idealer Standort. Nicht wenige Wiener:innen fragten sich während der Bauphase jedoch, ob das Wohnen am Gürtel wirklich so erstrebenswert sei. Nein, der Lärm sei kein Problem, sagt die junge Bewohnerin aus dem 8. Stock. Sie wohne hier sehr gerne. Natürlich werde nachts hier schon oft gerast, Blaulicht und Sirenen gebe es auch oft, doch dank schallisolierender Fenster habe man hier in der Wohnung seine Ruhe. Und schließlich ist man ja auch mitten in der Stadt. Mit allem, was dazugehört.

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