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Mit Klassik gegen den Blues

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Isabel Kriszun spielt mit Leidenschaft Geige. Der Corona- Shutdown brachte die Geigerin auf den Balkon, mit ihren Kurzkonzerten verzauberte sie für einige Wochen die Nachbarschaft.
LIZA PAPAZOGLOU
Redakteurin von unserem Schweizer Partnermagazin Wohnen

Wie jeden Abend warteten die Bewohner der Gewobag-Sied- lung Albisrieden in Zürich auf ihren Balkonen auf die Geigerin. Es ist 19.20 Uhr, immer mehr Fenster öffnen sich, ganze Familien lehnen sich an die Brüstungen, Lacher schwirren durch die Luft, man winkt sich zu.

Nur wenige kommen in den Hof, Alte und Junge verteilen sich mit gehörigem Abstand auf Bänken, Spielplatz und Wiese. Sicher, er höre immer zu, sagt einer. Dann, wie jeden Abend um 19.30 Uhr, hebt Isabel Kriszun ihre Geige ans Kinn und beginnt zu spielen. Schlagartig wird es mucksmäuschenstill, nur die sanften Klänge der „Méditation“ aus Jules Massenets Oper „Thaïs“ erfüllen den Hof.

Ein paar Minuten lang lauschen die Menschen völlig gebannt – eine verzauberte Auszeit vom Ausnahmezustand. Als die letzten Töne verklungen sind, brandet Applaus auf, „Danke“ ruft es über den Hof. „Wahnsinnig schön! Es war eine ganz besondere Stimmung, alles so ruhig, sogar die kleinen Kinder. Das hat mich wirklich fasziniert“, sagt eine Frau. Gerührt ist auch das Rentnerpaar, das extra aus einer anderen Gewobag-Siedlung hergekommen ist, um der Geigerin zuzuhören.

Das sei, sagt Isabel Kriszun später am Abend, ihr 18. Balkonkonzert gewesen. Sie weiß das so genau, weil sie Buch führt über die Stücke, die sie spielt – „schließlich braucht es Abwechslung“. Begonnen mit ihren Darbietungen hat die 35-Jährige am 20. März, gleich nach der Bekanntgabe des Shut-downs, der die Schweizer Bevölkerung ins Haus verbannte.

Dass Isabel Kriszun seitdem für ihre Nachbarn jeden Tag ein Kurzkonzert gibt, hat sich einfach so ergeben. An jenem Abend spielte sie für ihren Freund sein Lieblingsstück. „Dabei ließen wir die Balkontüre offen. Die Leute in unserem Haus haben darauf sehr positiv reagiert und wünschten sich mehr.“ Und so verabredete man sich für den nächsten Abend um 19.30 Uhr mit offenen Balkontüren.

Zusammenrücken in der Krise

„Ich musste schon etwas über meinen Schatten springen, da ich ja nicht jeden Tag solistisch auftrete. Aber mein Freund ermutigte mich, und vor allem spürte ich, wie viel Trost viele in so verrückten Zeiten aus Musik schöpfen.“ Musikmachen sei das, was sie gut könne, wo sie sich hineingebe und alles andere vergesse.

„Es ist meine Art, wie ich den Menschen fünf Minuten Freude schenken kann.“ Als es draußen wärmer wurde, stellte sich Isabel Kriszun auf den Balkon zum Spielen, was noch mehr Publikum anlockte. Das habe sie am Anfang schon nervös gemacht, sagt sie. Aber sie habe einfach etwas Positives machen wollen und habe gemerkt, dass ihre Konzerte ganz rasch zu einer Art Fixpunkt geworden seien.

„Das ist wichtig in Zeiten, wo auf einmal alle Strukturen wegbrechen und man sich völlig verloren fühlt. Da geben Rituale Sicherheit und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl. Besonders schön finde ich, wie das alle verbunden hat, von den ganz Kleinen bis zur älteren Generation.“

Heute werde sie von Leuten angesprochen, die sie vorher nicht kannte…

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