Digital assistiert, analog verbunden

Wie vernetzte Systeme Senior:innen unterstützen – und warum der menschliche Faktor entscheidet. Einige digitale Helfer sind bereits im Einsatz und zeigen die Potenziale und Herausforderungen auf.
LINDA PEZZEI

Vernetzte Assistenzsysteme gelten als Schlüssel, um älteren Menschen länger ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen – von Sturzerkennungs- über Notrufuhren bis zu Telemedizin und sogenannte smarte Wohnkonzepte. Projekte wie WAALTeR in Wien, Loxone- Smart Living in Allschwil oder das neue ÖJAB-Pflegewohnhaus Salzburg zeigen: Technik wirkt nur, wenn sie intuitiv bedienbar ist, im sozialen Kontext vermittelt wird und Zeit für Begegnung statt Kontrolle schafft.

AAL:
Active and Assisted Living (AAL) = altersgerechte Assistenzsysteme, die ältere Menschen mit Technik bei Sicherheit, Gesundheit, Mobilität und sozialer Teilhabe unterstützen – unaufdringlich und alltagsnah.

Active and Assisted Living, AAL, umfasst altersgerechte Assistenzsysteme, die älteren Menschen ein aktives, unabhängiges und selbstbestimmtes Leben ermöglichen sollen. Der Alltag wird durch technische Systeme, Produkte und Dienstleistungen situationsabhängig und unaufdringlich unterstützt – etwa bei Sicherheit, Gesundheit, Mobilität und sozialer Kommunikation. AAL-Technologien sollen sich an Bedürfnisse und Lebensumfeld der Nutzer:innen anpassen, nicht umgekehrt.

Technik im Hintergrund

WAALTeR
- 90+ Wiener Haushalte, 60–89 Jahre
- Tablet, Smartwatch, optional Sicherheit & Gesundheit
- 24 Stammtische als Lernund Austauschformat
- Fokus: Mobilität, soziale Integration, Sicherheit, Gesundheit und Lebens- qualität

Das Wohnbauprojekt Wegmatten in Allschwil in der Schweiz zeigt, wie Smart Living generationengerecht funktionieren kann: Auf Basis des Loxone-Systems steuern Automatikfunktionen Licht, Beschattung, Lüftung, Sicherheit und Komfort – weitgehend selbstständig. Ein einfaches Tastenkonzept ersetzt Schalterbatterien, Bewegungsmelder sorgen nachts automatisch für Licht, und bei ungewöhnlich hoher Temperatur alarmiert das System mit blinkender Beleuchtung, geöffneten Lamellen und Push- Nachricht.

Gerade für ältere Bewohner:innen sind Funktionen wie Nachtlicht, Herdabschaltung oder Sturzerkennung zentral – sie minimieren Risiken, ohne dass Nutzer:innen dauernd an Technik denken müssen. Loxone formuliert den Anspruch so: Ein intelligentes Gebäude soll Aufgaben selbst übernehmen und „dezent im Hintergrund“ agieren – eingreifen kann man bei Bedarf dennoch jederzeit intuitiv.

ÖJAB Pflegewohnhaus Salzburg: die wichtigsten Systeme
- „Livy care“ (Sturz-/Weglaufschutz, Vitaldaten) Mobile Pflegedokumentation per Tablet
- VR-Brillen für biografie- bezogene Erlebnisse
- Ziel: Sicherheit, Entlastung der Pflegekräfte, mehr Zeit für Begegnung

Gemeinsam lernen

WAALTeR – die Wiener AAL-Testregion – erforschte zwischen 2016 und 2019, wie digitale Assistenz im Alltag älterer Menschen verankert werden kann. Rund 80 Testhaushalte wurden mit Tablet, Smartwatch und optionalen Modulen für Notruf, Sturzerkennung und Telemedizin ausgestattet, eine Vergleichsgruppe kam ohne Technik aus.

Wesentlich war der Prozess: Auftaktveranstaltungen, Info-Cafés und 24 Stammtische gaben Teilnehmer:innen Raum, Geräte gemeinsam auszuprobieren, Fragen zu stellen und voneinander zu lernen. „Technologien wie Tablets oder Notfalluhren werden dann gut angenommen, wenn sie in einem sozialen Kontext vermittelt werden“, betont Julia Sauskojus von Urban Innovation Vienna, „Dieses gemeinsame Lernen, in der eigenen Sprache und im eigenen Tempo, war der entscheidende Faktor, der Berührungsängste abgebaut und den tatsächlichen Nutzen erlebbar gemacht hat.“

Mit Virtual-Reality-Brillen können pflegebedürftige Menschen Altbekanntes trotz Immobilität aufs Neue erleben, zum Beispiel ein Spaziergang im Wald, in der Seniorenwohnanlage Aigen in Salzburg.

Die Studie zeigt auch: Ältere Menschen sind keine homogene Gruppe, digitale Angebote müssen flexibel genug sein, unterschiedliche Bedürfnisse, Vorerfahrungen und Motivationen zu adressieren. Das größte Potenzial sieht Sauskojus in Sicherheit, Telemedizin und Kommunikation – hier ist der unmittelbare Nutzen für Senior:innen und Angehörige besonders greifbar.

Pflege entlasten

Im ÖJAB-Pflegewohnhaus Salzburg kommen mit dem Neubau in Aigen erstmals das Assistenzsystem „Livy care“, digitale Pflegedokumentation per Tablet und Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz. „Livy care“ erkennt Stürze, meldet Weglauftendenzen bei dementen Bewohner:innen und ermöglicht Vitalparameter- Monitoring wie Blutzuckermessungen. Pflegekräfte dokumentieren Maßnahmen mobil, sparen Wege und gewinnen Zeit für Zuwendung.

„Innovative Technologien, wie moderne, intuitiv bedienbare Dokumentationssysteme, entlasten unsere Mitarbeitenden von bürokratischen Aufgaben. So bleibt wertvolle Zeit für die individuelle Betreuung unserer Bewohner:innen, für Begegnungen und Gespräche“, sagt Reinhard Gager. Monika Schüssler betont, dass die KI Prozesse einfacher, schneller und sicherer machen kann, aber niemals Pflegekräfte ersetzt – in der ÖJAB bleiben immer Menschen diejenigen, die Entscheidungen treffen und Beziehungen gestalten.


3 Fragen an …
Julia Sauskojus, Urban Innovation Vienna

Was ist die wichtigste Erkenntnis aus WAALTeR?

Dass Technologie immer Teil eines sozio-technischen Systems ist: Ohne soziale Begleitung, passende Inhalte und echte Rückbindung an den Alltag entfalten selbst gute AAL-Lösungen ihren Wert nicht.

Was brauchen ältere Menschen, um digital teilhaben zu können?

Vor allem ein Umfeld, das Orientierung bietet, Fragen zulässt und Fehler nicht sanktioniert – dann werden Technologien nicht nur getestet, sondern langfristig genutzt.

Wo sehen Sie das größte Zukunftspotenzial?

In Lösungen, die Sicherheit, Telemedizin und soziale Verbindung kombinieren – also dort, wo sowohl Senior:innen als auch Angehörige unmittelbar einen Nutzen erleben.


Verwaltung der Zukunft

Realitylabs Projekt „Verwaltung der Zukunft“ zeigt, welche Rolle Hausverwaltungen in diesem Wandel spielen können. Digitale Tools erleichtern zwar Auftrags- und Datenmanagement, interne Kommunikation und Bewohner:innenservice – doch sie brauchen klare Zuständigkeiten, gute Schulung und eine Ansprechperson, die insbesondere älteren Bewohner:innen beim Einstieg hilft.

Das HV- Forum empfiehlt daher eine Kombination aus digitaler Plattform und „Schwarzem Brett“, Haussprecher:innen als lokale Kontaktpersonen und Formate wie Infoabende, um Ängste abzubauen. So wird die Hausverwaltung zum „digitalen Kümmerer“, der Technik begleitet, statt sie nur bereitzustellen.

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