Kunststoffrohrleitungen in der Trinkwasser- und Heizungsinstallation – Chancen, Grenzen und Schadensbilder

Von Dr. Georg Scholzen

Kunststoffrohrleitungen haben sich in der Trinkwasser- und Heizungsinstallation seit Jahrzehnten etabliert. Sie gelten vielfach als Alternative zu metallischen Rohrleitungen – nicht zuletzt, um klassische Korrosionsprobleme zu vermeiden. Gleichzeitig zeigen Schadenanalysen aus der Praxis, dass auch Kunststoffsysteme keineswegs frei von Risiken sind. Schäden entstehen nicht nur durch Montagefehler, sondern auch durch materialtypische Eigenschaften, ungeeignete Betriebsbedingungen oder Planungsdefizite.

Der folgende Beitrag bündelt zentrale Erkenntnisse aus der Schadenspraxis und ordnet sie fachlich ein. Er beleuchtet typische Schadensmechanismen an Kunststoff- und Mehrschichtverbundrohren, zeigt Grenzen des Werkstoffes auf und leitet daraus Anforderungen für Planung, Installation und Betrieb ab.

Korrosion, Degradation und der besondere Blick auf Kunststoffrohre

Während bei metallischen Rohrleitungen von Korrosion gesprochen wird, bezeichnet man vergleichbare Schädigungsprozesse bei Kunststoffen als Degradation. Darunter versteht man chemische oder physikalische Veränderungen des Werkstoffs infolge äußerer Einwirkungen wie Temperatur, Druck, Sauerstoff, Chemikalien oder Desinfektionsmaßnahmen.

Typische Erscheinungsformen sind Quellung, Versprödung, Rissbildung, Ablösung von Schichten oder Festigkeitsverluste – stets verbunden mit einer Verkürzung der Nutzungsdauer.

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Wichtig ist vorab festzuhalten: Alle in der EU zugelassenen und geprüften Kunststoffrohrsysteme dürfen in der Trinkwasserinstallation eingesetzt werden. Entscheidend ist jedoch, dass ihre Einsatzgrenzen bekannt sind und eingehalten werden. Kunststoffrohre verzeihen Abweichungen von den anerkannten Regeln der Technik deutlich weniger als häufig angenommen.

Typische Schadensbilder an Kunststoffrohrleitungen

Montagefehler und Verbindungstechnik

links: Mehrschichtverbundrohr ohne Verbundhaftung, rechts: Abrissstelle am Fitting

links: strumpfhosenartige Faltung der vom Innenrohr gelösten Schichten, rechts: Detail der überlappten Aluminiumenden mit dazwischen liegender, abgelöster Kunststoffklebeschicht

Ein erheblicher Teil der Schäden ist nicht materialspezifisch, sondern auf mangelhafte Ausführung zurückzuführen. Undichte Press-, Klemm- oder Steckverbindungen treten bei Kunststoff-, wie bei Metallrohren auf. Bei Kunststoffsystemen erhöht sich jedoch das Risiko, da eine große Vielfalt an Rohrtypen, Dimensionen und Verbindungstechniken existiert. Jede Kombination erfordert spezifische Werkzeuge, Schulungen und die strikte Einhaltung der Herstellerangaben.

Bereits kleine Abweichungen – etwa unvollständiges Pressen, falsche O-Ringe oder nicht systemkonforme Fittings – können langfristig zu Undichtigkeiten führen.

Diffusionsoffenheit und unerwartete Ablagerungen

Ein lange unterschätztes Phänomen ist die Bildung von Kalkablagerungen in diffusionsoffenen Kunststoffrohren. In der Praxis wurden massive Calciumkarbonatablagerungen insbesondere in Polypropylenrohren unmittelbar hinter Warmwassererwärmern beobachtet. Ursache ist das Diffundieren von CO₂ durch die Rohrwand, wodurch sich das Kalk-Kohlensäure-Gleichgewicht verschiebt. Die Folge sind Ablagerungen an der Rohrinnenwand, die sich aufgrund unterschiedlicher Ausdehnungskoeffizienten von Rohrmaterial und Kalk wieder ablösen und in nachgeschaltete Armaturen eingetragen werden können.

Kalkansammlung in dem Kunststoffrohr aus Polypropylen nach dem Warmwasserbereiter (Quelle: Sonderdruck Sanitär+HeizungsTechnik 1998-2001)

Solche Ablagerungen können Ventile blockieren und den Volumenstrom erheblich reduzieren. Es handelt sich hierbei nicht um klassische Leitungswasserschäden im Sinne der Versicherung, wohl aber um funktionale Schäden mit erheblichem Betriebsrisiko.

Sauerstoffdiffusion und Folgeschäden

Ein vergleichbares Problem zeigte sich bereits bei frühen Kunststoff-Heizungsrohren. Sauerstoff kann durch diffusionsoffene Rohrmaterialien in eigentlich geschlossene Systeme eindringen und dort metallische Komponenten zur Korrosion bringen. Die daraus resultierenden Leckagen an Heizkörpern, Pumpen oder Verteilern waren häufig versicherungsrelevant – nicht jedoch die Kunststoffrohre selbst, sondern die korrodierten Metallbauteile.

Thermische Längenänderung und mechanische Spannungen

Kunststoffe weisen im Vergleich zu Metallen eine deutlich höhere thermische Längenausdehnung auf. Wird diese Ausdehnung durch Befestigungen oder Einbausituationen behindert, entstehen erhebliche Zug- und Druckspannungen. Typische Folgen sind:

  • Undichtigkeiten an Press- oder Klemmverbindungen
  • Versagen von O-Ringen mit ungeeigneten Materialeigenschaften
  • Verformung oder Herausreißen von Heizungsverteilern aus der Befestigung
  • Besonders kritisch sind Systeme, bei denen einzelne Bauteile unterschiedliche Ausdehnungskoeffizienten besitzen und diese nicht aufeinander abgestimmt sind.
  • Temperaturüberschreitungen – ein zentrales Schadensrisiko
  • Plastische Verformung einfacher Kunststoffrohre

Überschreitungen der zulässigen Betriebstemperatur führen bei Thermoplasten zu plastischen Verformungen. In der Praxis kam es bei defekten Sicherheitstemperaturbegrenzern zu Aufblähungen von PVC-Warmwasserrohren, gefolgt von Rohrbrüchen an Armaturenanschlüssen und massiven Leitungswasserschäden.

Legionellenprophylaxe und Verbundrohre

Ein besonders praxisrelevantes Schadensfeld ergibt sich aus erhöhten Warmwassertemperaturen zur Legionellenprophylaxe. Temperaturen über 80 °C im Warmwasserbereiter, die erforderlich sind, um an allen Entnahmestellen mindestens 65 °C zu erreichen, überschreiten häufig die Dauerbelastbarkeit von Mehrschichtverbundrohren.

Geplatztes Verbundrohr (Bildquelle: Georg Scholzen, Provinzial Versicherung AG)

In mehreren Schadensfällen kam es zum Aufblähen, Reißen oder Platzen der Verbundrohre. Anders als bei punktuellen Korrosionsschäden an Metallleitungen führen solche Versagensformen zu großflächigen Rissen und damit zu einem extrem hohen Wasseraustritt in kurzer Zeit.

Mehrschichtverbundrohre – Vorteile mit systembedingten Risiken

Mehrschichtverbundrohre gelten als „zweite Generation“ der Kunststoffrohre. Ihr Aufbau aus einer Aluminium-Zwischenschicht mit innen- und außenliegenden Kunststoffschichten verbindet Formstabilität mit Diffusionsdichtheit. Sie werden sowohl in der Trinkwasserinstallation als auch in Heizungsanlagen eingesetzt.

Der zentrale Schwachpunkt liegt jedoch in der Schichthaftung. Unterschiedliche Ausdehnungskoeffizienten von Aluminium und Kunststoff erzeugen bei thermischer Belastung hohe Scherkräfte im Haftvermittler. Typische Schadensbilder sind:

  • Ablösung der Kunststoffschichten vom Aluminiumkern
  • Abriss an Fittings
  • Faltenbildung des Innenrohres mit Querschnittsverengung
  • Blasenförmige Aufwölbungen des Mediumrohres

Diese Schäden traten in der Praxis häufig bereits nach vier bis fünf Betriebsjahren auf – insbesondere in Warmwasser- und Heizungsanwendungen mit erhöhten Temperaturen oder unzureichend berücksichtigten Ausdehnungslängen.

Hinzu kommt: Chemische oder thermische Desinfektionsmaßnahmen verändern das Medium und beschleunigen die Alterung von Kunststoffen und Klebstoffen zusätzlich.

Bild links: Ablösung des Innenrohres aus PE-X von Aluminiumrohr und Faltenbildung mit Querschnittsverengung des Rohres. Bild mitte: Blasenförmige Aufwölbung des Kunststoffinnenrohres Bild rechts : Blick in ein durchfluss-vermindertes Rohrstück.

(Bild-Quelle: Alle Bilder und Schadenbeispiele stammen aus dem Sonderdruck der Beiträge in der Sanitär + Heizungstechnik von 1998 bis 2001 der Initiative Kupfer, von Karl-Josef Heinemann)

Planung, Ausführung und Betrieb – die entscheidenden Stellschrauben

Unabhängig vom Werkstoff gelten für Kunststoffrohrleitungen dieselben Grundanforderungen wie für metallische Systeme:

  • fachgerechte Planung unter Berücksichtigung der Betriebsgrenzen
  • systemkonforme Installation nach Herstellerangaben
  • qualifiziertes Fachpersonal und geeignetes Werkzeug
  • sachgerechter Betrieb und regelmäßige Instandhaltung

Besondere Bedeutung kommt der Planung zu. Sie muss nicht nur den Regelbetrieb, sondern auch mögliche Störfälle berücksichtigen. Temperaturen von über 120 °C, wie sie bei defekten Regel- oder Sicherheitseinrichtungen auftreten können, sind von handelsüblichen Kunststoff- und Verbundrohren nicht beherrschbar.

Ebenso wichtig ist eine umfassende Dokumentation der Anlage. Nur wenn Material, Einsatzgrenzen und Herstellerangaben auch Jahre später noch nachvollziehbar sind, lassen sich geplante Betriebsänderungen – etwa im Rahmen hygienischer Maßnahmen – sicher bewerten.

Fazit

Kunststoff- und Mehrschichtverbundrohre sind leistungsfähige und bewährte Werkstoffe für die Trinkwasser- und Heizungsinstallation. Sie sind jedoch keineswegs wartungsfrei oder unkritisch. Schäden entstehen weniger durch den Werkstoff an sich, sondern durch Überschreitungen der Einsatzgrenzen, unzureichende Planung, fehlerhafte Montage oder veränderte Betriebsbedingungen.

Die dargestellten Schadensfälle zeigen: Es gibt keinen Rohrwerkstoff, der über eine Nutzungsdauer von 50 Jahren per se schadenfrei bleibt. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Material, Planung, Ausführung und Betrieb. Werden die allgemein anerkannten Regeln der Technik sowie die Herstellerangaben konsequent eingehalten, können Kunststoffrohrsysteme eine ebenso lange und sichere Nutzungsdauer erreichen wie metallische Installationen.


Lesen Sie auch folgende vertiefende Beiträge von Dr. Georg Scholzen.

Kunststoffrohrleitungen in der Trinkwasserinstallation – „als Alternative zu metallischen Rohrleitungen“
Schadenursachen und Schäden an Kunststoffrohrleitungen
Schäden an Kunststoffrohrleitungen: Mehrschichtverbundrohr


Dr. Georg Scholzen ist Diplom-Chemiker mit über 20 Jahren Erfahrung in der Verhütung von Leitungswasserschäden. Er war u. a. Sprecher der Projektgruppe „Leitungswasser“ des GDV, Mitglied im Projektkreis „Betrieb und Wartung“ beim DVGW, Autor des Fachbuchs „Leitungswasserschäden: Vermeidung – Sanierung – Haftung“ und Experte im FORUM LEITUNGSWASSER der AVW Unternehmensgruppe.

Forum Leitungswasser erscheint in Kooperation mit der Initiative Schadenprävention und  der AVW Gruppe

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