Theresa Fink ist eine Pionierin der digitalen Stadtplanung. Am AIT Austrian Institute of Technology forscht sie zu nachhaltiger Stadtentwicklung und unterstützt Städte und Gemeinden, Planer:innen und Bauträger dabei, Quartiere resilient zu machen, wie sie im Interview erläutert.
FRANZISKA LEEB
Im 4. Stock des Demonstrationsgebäudes Energybase werden im City Intelligence Lab des AIT Städte der Zukunft geplant. Als das Vorzeige-Bürogebäude 2008 auf dem Gelände des Technologieparks Techbase Vienna fertiggestellt wurde, galt es mit seinem ganzheitlich auf Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit setzenden Konzept als eines der ambitioniertesten Bürohäuser Europas. Theresa Fink war damals noch Schülerin.
Zehn Jahre später verfasste sie zum Abschluss ihres Architekturstudiums an der TU Graz im Zuge einer Anstellung am AIT ihre Masterarbeit über Stadtplanung mittels Simulationsmodellen. Den digitalen, KI-gestützten Planungsmethoden blieb sie ebenso treu wie dem AIT. Nach den Befähigungsprüfungen zur Immobilientreuhänderin ist ihr auch die Sprache der Bauträger vertraut.
Was geschieht im City Intelligence Lab?
Als Stadtplanungslabor für nachhaltige Stadtentwicklung unterstützt es in frühen Planungsphasen faktenbasierte Entscheidungsfindung und eine ganzheitliche Bewertung und Analyse. Im Prinzip fungieren wir als Schnittstelle aus der Planung in die Entscheidungsfindung, wo komplexe Themen gemeinsam betrachtet werden können. Wird zum Beispiel ein Stadtbezirk neu entwickelt oder transformiert, ist man mit einer komplexen Themenwelt konfrontiert. Welche Dichte ist verträglich, welche Nutzungen?
Es spielen Fragen der Mobilität, gesellschaftliche Fragen und vieles mehr hinein. Es gibt viele Simulationen und Analysen und damit viele Möglichkeiten, die im Raum stehen. Um das zu bewerten, Wirkungen sichtbar zu machen und Effekte zur Diskussion zu stellen, unterstützen wir Politik, Projektbeteiligte, Planungsbüros sowie Bürger:innen mit gut aufbereiteten Unterlagen, um Stadtentwicklungen greifbar zu machen.
Wie haben sich in den vergangenen Jahren die Prozesse geändert?
Klimawandelanpassung, Klimaneutralität, Aufenthaltsqualität, 15-Minuten- Stadt, gemischte statt monofunktionale Stadt: Es gibt viele Anforderungen, und um all dieser Komplexität gerecht zu werden, braucht man digitale Methoden und Tools. Man kann heute auf sehr viele frei verfügbare Daten zugreifen. Digitale Werkzeuge und Algorithmen machen es möglich, zahlreiche Themen mitzudenken und die Entscheidungen dann faktenbasiert aufzubereiten. Früher waren Planungen sehr linear. Inzwischen sind es viele unterschiedliche Stakeholder:innen, die schon in den frühen Planungsphasen mitspielen – das ist der große Unterschied.
Aber wie kommt es dann von diesen Zahlen zu einem Entwurf, also dem, was Stadt in ästhetisch-kultureller Hinsicht ausmacht?
Wir können die Rahmenbedingungen anhand von Daten und Fakten aufbereiten sowie mit Machbarkeitsstudien und Planungsvarianten unterstützen. Aber die ästhetische und gesellschaftliche, kulturelle Komponente kommt von einer planenden Person, die diese Tools verwendet. Viele von uns haben selbst Architektur oder Raumplanung studiert, wir möchten keine Planer:innen mit diesen Tools ersetzen. Es geht einfach darum, dass man diese Datenmengen nicht auf analoge Art verarbeiten kann.
Was geht mit Künstlicher Intelligenz besser als ohne?
Manche Prozesse besser, aber viele auf jeden Fall schneller. Bei uns im Haus wurde zum Beispiel ein Algorithmus entwickelt, mit dem sich ein Simulationsprozess zur Vorhersage von Windkomfort und Sonnenstunden von zuvor einigen Stunden bis Tagen auf einige Sekunden reduzieren ließ. In frühen Planungsphasen, wo man die Kubatur weiß, aber noch nicht, in welche Richtung man sich im Detail entscheiden wird, ist es ein Mehrwert, wenn man solche Simulationen in Sekundenschnelle durchführen kann.
Das heißt, so bekommt man schnell eine Empfehlung, an welcher Stelle der Hauseingang am wenigsten dem Wind ausgesetzt ist?
Genau. Wohin soll man den Gastgarten setzen, wo soll man Verschattungselemente platzieren? Sollte das Gebäude noch anders gedreht werden oder abgerundete Ecken bekommen, welche Höhe ist vertretbar? Vorhersagemodelle sind ein Anwendungsgebiet. Ein anderes ist die Anomalie-Erkennung, die im Facility Management zur Optimierung des Gebäudebetriebs dient. Es gibt viele unterschiedliche Einsatzgebiete. Wir können z. B. Papierausschnitte auf einem physischen Modell oder auf dem Tisch anordnen, abfotografieren und mittels Objekterkennung in ein digitales Modell übersetzen. Bereits in einem Designworkshop, indem man manuell arbeitet, kann man die Erkenntnisse aus der digitalen Wirkungsanalyse einbinden und verschneiden. Gesammeltes Feedback von Bürger:innen kann mit Language-Learning-Modellen von qualitativen Daten in quantitative Bewertungen übersetzt werden.
Wie weit ist all das bereits in die Planungspraxis durchgedrungen?
Simulationen sind in gewissen Bereichen bereits etabliert. Für Tools, wo es eher Richtung Workflows geht, braucht es auch strukturelle und institutionelle Änderungen, die breitenwirksam sind. Die Stadt Wien hat zum Beispiel bereits sehr umfassende Datengrundlagen und da gibt es auch eine Innovationsabteilung, die sich damit beschäftigt. Vielen andere Städten mangelt es jedoch an Datengrundlagen und Personalressourcen. Aber es gibt flächendeckend Bedarf, sich digital gut aufzustellen. Über das Pionierstadtnetzwerk arbeiten wir auch mit vielen kleineren Städten zusammen. So werden gezielt Kapazitäten und Kompetenzen aufgebaut. Für Österreich sind viele Daten frei verfügbar. Darauf lassen sich valide Auswertungen aufsetzen, die Städte und Regionen dabei unterstützen, Schritte Richtung Klima-Resilienz zu setzen.
Gibt es in Österreich noch andere In- stitute, die Gleiches anbieten wie Sie?
Verschiedene Themen werden auch von Universitäten oder anderen Anbieter: innen abgedeckt. Der gesamtheitliche, domänenübergreifende Ansatz ist aber unser Alleinstellungsmerkmal.
Gibt es bei der Digitalisierung der Stadtplanung in Österreich Aufholbedarf gegenüber anderen Ländern?
Grundsätzlich ist Österreich im Sinne der Datenqualität und des -zugangs sehr gut unterwegs, wie uns im Rahmen von europäischen Projekten bestätigt wird. Das trifft auch auf die Planungs- und Immobilienbranche zu. Es ist ein Prozess, wo noch Kompetenzen aufgebaut werden. Natürlich gibt es Beispiele wie Singapur, wo die Digitalisierung anders gelebt wird.
Sind Ängste vor Datenmissbrauch gerechtfertigt?
Für uns sind Daten die Grundlage, um gute Entscheidungen treffen zu können. Auch wenn wir sie aus Umfragen oder Beteiligungsprozesse bekommen, wird immer darauf geachtet, dass sie nicht auf einzelne Personen rückführbar sind. Städte stellen die räumlichen Daten frei zur Verfügung, die man sieht, wenn man an den jeweiligen Ort geht. Das könnte man auch selbst erkunden. Digital geht es schneller.
Tragen KI-Anwendungen zu stärker menschenzentrierten Städten und Quartieren bei?
Beim Hybrid Planner des AIT, der KI in der Bilderkennung einsetzt, geht es darum, analoge Module zu digitalisieren, um unterschiedliche Zielgruppen einzubinden. Wenn Bürger:innen einen Baum, eine Bank oder andere Wünsche platzieren können, verringert man mit digitalen Mitteln Barrieren.
Kann man schon umgesetzte Resultate besichtigen?
Stadtentwicklungsprojekte haben lange Zeithorizonte. Es dauert viele Jahre, bis man durchspazieren und die realen Ergebnisse messen kann. In Lustenau haben wir im Rahmen eines Forschungsprojekts der BOKU unterschiedliche Planungsvarianten im Zuge der integrativen Entwicklung des Ortsteils Rotkreuz evaluiert. In Wien begleiteten wir die Planungsprozesse für den Stadtteil Kempelenpark mit Simulationen. Wir sind kein Planungsbüro, sondern wir unterstützen die Planung mit unseren Tools.
Es kommt also immer darauf an, was die Planungsbüros aus Ihren Auswertungen machen?
Genau. Für die Stadt Wien evaluierten wir Bebauungsplanungen danach, welche Aufzonung oder Umstrukturierung welche Effekte hätte. Welche Maßnahme umgesetzt wird, obliegt nicht uns. Im Rahmen des EU-Projekts Clarity wurde für Linz untersucht, wie sich der Klimawandel und seine Begleiterscheinungen wie Extremwetterereignisse oder Hitze auswirken. Rasch zur Anwendung gekommen sind die Forschungsresultate zum Beispiel am Hauptplatz, wo Bäume in Tröge gepflanzt wurden, um für Beschattung und besseren thermischen Komfort zu sorgen.
Machen es diese Simulationen leichter, politisch etwas durchzusetzen?
Auf jeden Fall. Wenn man wie beim Projekt Lila4Green mit Augmented Reality zeigen kann, wie sich mittels Bäumen und Parklets der öffentliche Raum verändert, ist es einfacher, Politik und Bevölkerung abzuholen. Wichtig in der Stadtentwicklung sind die interdisziplinäre Zusammenarbeit und der ganzheitliche Ansatz. Es wird greifbarer, wenn man Effekte darstellen, Wechselwirkungen offenlegen und langfristige Szenarien entwickeln kann. Gerade in der Stadtplanung geht es nicht um die Veränderung von heute auf morgen, sondern um ein komplexes System zukünftiger Rahmenbedingungen für soziodemografische und klimatische Veränderungen. Da ist die Co-Kreation mit den unterschiedlichen Stakeholder:innen sehr wichtig.
Was ist Ihr Traumprojekt?
Die Transformation einer ganzen Stadt mit einem nachhaltigen Masterplan zu begleiten.


