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83 Wohnungen – SolarArchitekt Rolf Disch: Mittelfristig wird billig bauen ohnehin teuer, vor allem über die hohen Nebenkosten

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„Das Plusenergiehaus wurde vor 25 Jahren entwickelt. Inzwischen wird es großzügig von der KfW gefördert. Warum sollte man überhaupt noch unter diesem Niveau bauen?“ fragt Rolf Disch und erklärt, was ihn seit Jahrzehnten antreibt. „Architekten und Bauträger treffen eine Wahl: Mit jedem Strich, den sie zeichnen, mit jedem Euro, den sie in die Hand nehmen, heizen sie am Ende entweder das Klima auf oder sie helfen bei der Eindämmung des Klimawandels.“

Wir stehen in Schallstadt, einer idyllischen Ortschaft fünf Kilometer südlich von Freiburg im Breisgau, vor uns die Baustelle ‚Brandhof 13-19‘ auf einem Grundstück von ca. 4.500 m². Hier entstehen die „Plusenergie- Klimahäuser“, Bauherr und Architekt ist Solarpionier Rolf Disch. Die Gebäudezeile von etwa 115 m Länge ist in vier Einzelhäuser unterteilt – mit 83 Wohneinheiten, vier Ladengeschäften und insgesamt 7.200 m² Wohn- und Nutzfläche. Drei Vollgeschosse sind schon im Rohbau erkennbar, darauf kommen noch eineinhalbgeschossige Penthäuser mit Maisonette-Wohnungen und großzügigen Dachterrassen, die einen idyllisch-schönen Blick auf Schwarzwald und Kaiserstuhl bieten.

Schallstadt zieht sich mit seinen drei Ortsteilen entlang der Bundesstraße 3, wo sich auch der Großteil der ortsansässigen Läden, Restaurants usw. befindet. Jetzt aber soll ein Dorf-Zentrum geschaffen werden. Die Klimahäuser sind Teil dieser neu entstehenden Ortsmitte, mit einem neuen Rathaus, weiteren Wohngebäuden und verschiedenen sozialen Einrichtungen. Im Erdgeschoss bieten sie vier Ladengeschäfte, mit denen das Angebot für die neue Ortsmitte komplettiert werden kann.

Bereits vorhanden sind eine Kirche und die alte Binzenmühle – hier lebte im 15./16. Jahrhundert der Kartograph und Humanist Martin Waldseemüller, der dem Kontinent Amerika seinen Namen gab. Westlich und nördlich des Rathauses geht es dann gleich in die örtlichen Sportanlagen und ins Grüne, Richtung Rheintal, Tuniberg und Kaiserstuhl.

Schall- und Wärmeschutz – Energiegewinnung

Die Klimahäuser bilden den Abschluss dieses Baugebiets zu einem Gewerbegebiet hin. Damit fällt ihnen auch die Aufgabe zu, den Schallschutz für die dahinterliegende, neu entstehende, kleinteiligere Wohnbebauung zu garantieren. Auch wenn faktisch kaum etwas zu hören ist, so sind die Anforderungen an die Fassade hoch – ein baurechtliches Thema, von dem die Planer der Hamburger Hafencity nicht nur ein Lied, sondern einen vierstimmigen Shanty mit Schiffshorn-Begleitung singen können.

Zunächst war an eine ähnliche Lösung wie in Hamburg gedacht worden, aber die dort verwendeten Kastenfenster taugen im Brandfall nicht als zweiter Rettungsweg. Schall-, Brand- und Wärmeschutz auf Passivhaus-Niveau zu vereinen, war eine große Herausforderung. Die Fa. ENERsign liefert die entsprechend hochwertigen Fenster.

Mit entsprechender Dämmung, passiver Nutzung der Sonnenenergie über die hochwertigen Fenster und (wohnungsweise dezentraler) Lüftung mit Wärmerückgewinnung wird KfW-40-plus-Standard erreicht, so dass für die Wohneinheiten eine staatliche Förderung von je 30.000 Euro (als Tilgungszuschuss) anfällt. Mit großflächigen Photovoltaikanlagen auf den Dächern und an den Balkonbrüstungen sowie als Überdachung der Tiefgarageneinfahrt kommen ca. 470 kW Leistung zusammen. Damit lässt sich der komplette Energiebedarf der Klimahäuser abdecken – Strom, Raumheizung, Warmwasser und Elektromobilität.

Ein Stromspeicher puffert tagsüber Stromüberschüsse ab, die abends verbraucht werden können, und ein Rest wird noch ins Netz eingespeist. Der stationäre Speicher mit zunächst ca. 120 kWh kann später erweitert werden mit weiteren stationären Batterien, dazu auch mit der zusätzlichen mobilen Speicherkapazität der Autobatterien, wenn das bidirektionale Laden (V2G) Einzug hält. Alle Gebäude der Neuen Ortsmitte können an ein Nahwärmenetz angeschlossen werden, das von der Firma Energiedienst AG betrieben wird. Die Wahl fiel auf ein „Kaltes Nahwärmenetz“.

Die üblichen heißen Netze lassen sich nämlich nur schwierig wirtschaftlich betreiben, wenn der Dämmstandard der angeschlossenen Gebäude hoch und der Wärmebedarf entsprechend niedrig ist, also nur wenige Kilowattstunden verkauft werden. Das wiederum treibt die Anschluss- und Arbeitspreise für die Wärmelieferung in die Höhe. Den Bau- und Hausherren, die – auch um die Nebenkosten dauerhaft niedrig zu halten – viel Geld in hohe Gebäudeeffizienz investieren, bereitet das wenig Freude. So wird stattdessen eine kalte, ungedämmte Wasserleitung verlegt.

„Kaltes Nahwärmenetz“

Die Idee dahinter: Einem das Neubaugebiet kreuzenden großen Abwasserkanal wird Wärme entzogen, so dass man Sommer wie Winter in der Nahwärmeleitung mit 15 bis 17 Grad Celsius rechnen kann: eine gute Ausgangstemperatur für die Wärmepumpen in den Einzelgebäuden. Da in den Klimahäusern eine Flächenheizung verwendet wird, kommt man mit einer niedrigen Vorlauftemperatur aus, so dass bei dem relativ geringen Temperaturhub von nur ca. 20 K der Stromverbrauch der Wärmepumpe gering ist und eine Jahresarbeitszahl von über 4,5 erreicht werden kann.

Der besondere Charme des Systems: Im Sommer kann die Fußbodenheizung als Kühlung genutzt werden, indem Wasser auf dem niedrigen Ausgangs-Temperaturniveau der Kalten Nahwärmeleitung durch die Heizschleifen gepumpt wird.

Wer will schon bei 70 Grad duschen?!?

Wenn die Kosten für Raumheizung (und Kühlung) solchermaßen minimiert werden, fällt prozentual am Wärmeverbrauch das warme Wasser immer mehr ins Gewicht. So werden auch hier die Verbräuche durch drei Maßnahmen reduziert…

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