Rohstoffquelle Altbau

Das Salzburger Forschungsprojekt Cico zeigt vor, wie man aus alten Häusern neue baut. Und wie digitale Technologien die Kreislaufwirtschaft im Bausektor vorantreiben. Daraus entstand ein Vorzeigeprojekt, das vor allem für Gemeinnützige eine gute Orientierung für den Umgang mit dem Bestand gibt.
IVONA JELČIĆ

Das zweite Leben des alten Seniorenwohnheims in Golling bei Salzburg begann mit der Geburt eines digitalen Zwillings. Der Altbestand wurde mittels Drohnen- und Fotoaufnahmen genauestens erfasst und in einem digitalen 3D-Modell abgebildet. So habe man exakt ermitteln können, „welches Material für die Wiederverwertung geeignet ist und in welchen Mengen“, sagt Salzburg-Wohnbau-Geschäftsführer Thomas Maierhofer.

„Wir können die Anzahl der Fenster ablesen oder auch die Stückzahl der Dachziegel errechnen und erkennen, welches Material selektiert beziehungsweise in die Hauptbestandteile für die Wiederverwertung fragmentiert werden muss.“ Ein entscheidender Schritt für die Planung des Rück-, aber auch des Neubaus. Im Fall des Gollinger Seniorenheims fielen am Ende 4.300 Tonnen Recyclingmaterial an, mehr als ein Drittel davon sind bei der Errichtung der neuen Wohnanlage „DreiGang“ mit 36 Wohnungen am selben Standort wiederverwendet worden.

Thomas Maierhofer von der Salzburg Wohnbau ist vom gezielten Einsatz von digitalen Tools überzeugt.
Fotos: Paul Ott, Leopold, SWB, bvfs

Es handelt sich dabei um eines von mehreren Bauprojekten, die die gemeinnützige Wohnbaugesellschaft Salzburg Wohnbau im Rahmen des Forschungsprojekts „Circular Concrete“, kurz Cico, realisiert hat. Forschung und Praxis gingen dabei Hand in Hand. Mit der Bautechnischen Versuchs- und Forschungsanstalt Salzburg (bvfs), der Universität Salzburg, der Fachhochschule Salzburg, dem Halleiner Beton-Hersteller Deisl und der Baufirma Steiner aus Radstadt war eine ganze Reihe von Partnern mit an Bord.

Ziel war es, „Beton aus Rückbaumaterialien wiederverwertbar zu machen und damit eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Bausektor zu ermöglichen“, so Maierhofer. Dieser Sektor ist bekanntlich enorm ressourcenintensiv, die Recyclingquote aber nach wie vor gering. Und was die Wiederverwertung von Betonabbruch betrifft, so erfolgt diese primär in minderwertigeren Anwendungsbereichen, zum Beispiel als Schüttmaterial im Straßenbau.

Die Devise bei „Circular Concrete“ lautete dagegen: Upcycling statt Downcycling. Aus dem Rückbau von Gebäuden gewonnenes Material soll für die Herstellung von Beton mit möglichst hoher Qualität verwendet werden und dieser dann wieder im Hochbau zum Einsatz kommen. Sprich: Aus einer Betonwand wird am Ende bestenfalls wieder eine Betonwand, aus einem alten Haus – oder zumindest aus Teilen daraus – wird ein neues gebaut. „Wir haben im Cico-Projekt gezeigt, dass das funktioniert und das Material gleichwertig eingesetzt werden kann“, erklärt Michael Kirchweger, Leiter der Abteilung Baustoffe & Baukonstruktionen an der Bautechnischen Versuchs- und Forschungsanstalt Salzburg.

Michael Kirchweger, Leiter der Abteilung Baustoffe & Baukonstruktionen an der Bautechnischen Versuchs- und Forschungsanstalt Salzburg

Ökologisch und wirtschaftlich

Laut Maierhofer haben die Ergebnisse aus dem Projekt Cico bestätigt, „dass sich zirkuläre Prozesse auch im industriellen Maßstab ökologisch und wirtschaftlich umsetzen lassen“. Wo Altbestand nicht saniert oder umgenutzt werden kann, dient er künftig also womöglich als wertvolle Rohstoffquelle. Um diese effizient zu nutzen, braucht es entsprechendes Know-how und integrale Planung. Digitale Technologien spielen dabei eine Schlüsselrolle – Stichwort digitaler Zwilling: Beim sogenannten „Scan to BIM“-Verfahren werden 3D-Scans verwendet, um ein bestehendes Objekt zu dokumentieren und in ein Gebäudedatenmodell (Building Information Modelling) zu verwandeln.

Über den „digital twin“ können auch Materialwege simuliert und Stör- und Schadstoffe sichtbar gemacht werden. Zudem enthalten digitale Materialpässe detaillierte Informationen über die im Gebäude verbauten Produkte, Komponenten und Materialien. Diese Technologien ermöglichen einen höheren Grad an Rückgewinnung von Sekundärrohstoffen, betont Maierhofer, „eine zentrale Anforderung für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen“.

Welche Rolle Digitalisierung auf dem Weg zum ressourcenschonend(er)en Bauen spielt, zeigt sich auch an einem anderen Projekt des Unternehmens: „Reduce25“ verfolgt das Ziel, den Materialverbrauch im Hochbau um 25 Prozent zu reduzieren. Herzstück des entsprechenden Wohnbauprojekts in Hallein ist eine 3D-gedruckte Betondecke, bei der durch Einsatz von 3DAussparungskörpern rund 34 Prozent weniger Beton und 26 Prozent weniger Bewehrungsstahl benötigt werden.

Salzburg Wohnbau Projekt Golling, Foto: Neumayr/Leo 23.09.2021

CO² dauerhaft binden

Zu den im Rahmen von Cico realisierten Bauvorhaben zählen auch die Volksschulen in Salzburg-Anif und in Siezenheim sowie ein Wohnbau in Schwarzach im Pongau. Insgesamt kamen dabei mehr als 3.500 Tonnen Recyclingbeton zum Einsatz. Die Aufbereitungstechnologien wurden dabei stetig weiterentwickelt, in Golling hat man dann erstmals auch CO₂-angereicherten Recyclingbeton eingesetzt – ein Ergebnis aus dem Cico-Folgeprojekt CO₂-max. Zusammen mit dem Schweizer Startup Neustark, einem Spin-off der ETH Zürich, wurde dabei erstmals in Österreich eine neuartige Technologie erprobt, um Kohlendioxid in rezyklierten Gesteinskörnungen zu binden.

Beton, wegen der hohen CO₂- Emissionen bei der Herstellung klimatechnisch schlecht beleumundet, hat nämlich auch die Fähigkeit, Kohlendioxid zu speichern. Was auf natürliche Weise extrem langsam geschieht, durch spezielle Verfahren aber beschleunigt werden kann. „Wenn ich Betonabbruch zerkleinere, maximiere ich die Oberfläche und damit auch die Fähigkeit, CO₂ aufzunehmen“, weiß bvfs-Experte Kirchweger. Aus dem mit CO₂ angereicherten Betongranulat wird schließlich Recycling-Beton hergestellt. Beim Salzburger CO₂-max-Feldversuch wurden 898 Tonnen Material behandelt und 8.534 kg CO₂ dauerhaft gebunden. Ähnliche Pilotprojekte hat es zuvor nur in der Schweiz und in Deutschland gegeben.

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