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Biodiverse Schwammstadt: Ein Zukunftsbild für den Dresdner Postplatz 2045

Biodiverse Schwammstadt: Zukunftsbild für den Dresdner Postplatz
Postplatz mit neu errichtetem dreieckigem Glasdach, dem "Wilsdruffer Tor". Bild: Sebastian Weingart) | https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/

Wie könnte eine klimagerechte Stadt der Zukunft aussehen? Eine neue Vision für den Postplatz in Dresden zeigt eine überraschend grüne und lebendige Perspektive für diesen Verkehrsknotenpunkt im Stadtzentrum. Entwickelt haben diese Vision verschiedene Akteur*innen aus der Dresdner Zivilgesellschaft. Wissenschaftlich untersetzt wurde das Zukunftsbild unter anderem durch Forschungsergebnisse des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR).

Statt wie bisher als „steinernes Gelenk“ zu erscheinen, verwandelt sich der Postplatz in Dresden auf dem Bild in eine Oase aus Grün und Blau: Dach- und Fassadenbegrünung, entsiegelte Frei- und Wasserflächen sowie eine Vielzahl neu gepflanzter Bäume verleihen ihm die Atmosphäre eines Parks und damit eine ganz neue Aufenthaltsqualität.

Die Darstellung ist ein motivierender Wegweiser für ein Dresden, das sich den Herausforderungen des Klimawandels stellt. Das Bild soll als Einladung für alle Menschen in Dresden gelten, sich für eine lebenswerte Stadt der Zukunft selbst einzubringen.

Dresden Postplatz 2045 | Reinventing Society & loomn (CC BY-NC-SA 4.0, Vorherbild: Sebastian Weingart) | https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/

Impulse für zukünftige Stadtentwicklung:

1. Außenliegender Sonnenschutz der Fenster

Der außenliegende Sonnenschutz ist eine der effektivsten Möglichkeiten um, v.a. bei großen Fensterflächen, die Hitzebelastung in Gebäuden zu reduzieren und die Raumtemperaturen um mehrere Grad Celsius zu verringern. Kombiniert mit Dünnschicht-Photovoltaikmodulen können diese zugleich zur Stromerzeugung genutzt werden.

2. Erneuerbare Energien in der Stadt

Strom kann in der Stadt durch Nutzung der Dachflächen über Photovoltaikelemente erneuerbar erzeugt werden. Wie an diesem Beispiel zu sehen ist, können diese vom Design her auch so gewählt werden, dass sie die bestehende Gebäudeansicht nicht wesentlich verändern.

3. Rasengleise

Grüne Straßenbahngleise fördern die Versickerung von Regenwasser und tragen so zu einem nachhaltigen Wassermanagement bei. Gleichzeitig sorgen die Grasflächen für eine effektive nächtliche Abkühlung und erhöhen die Zufuhr kühler Luft ins Stadtquartier. Sie mindern Lärm durch die Schalldämmung der begrünten Flächen und schaffen gleichzeitig Lebensräume für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten, wodurch die Biodiversität in urbanen Räumen gesteigert wird.

4. Künstliche Nisthilfen

Damit die Stadt auch für Tiere ein Lebensraum sein kann, müssen neben Nahrungsquellen auch Nistmöglichkeiten vorhanden sein. Künstliche Niststrukturen an Fassaden oder auf Dächern können das Angebot für viele Tierarten verbessern und damit auch die Biodiversität und ein natürliches Gleichgewicht unter den Arten stärken. Insbesondere für Wildbienen, Fledermäuse und Vögel gibt es bereits hochwertige Lösungen, die in die Fassade intergiert werden können.

5. Spielplätze mit Trinkbrunnen und Toiletten

Spielplätze mit Sitzgelegenheiten, Toiletten und Trinkbrunnen schaffen inklusive Orte, die allen Menschen Zugang zum öffentlichen Raum ermöglichen und so die Teilhabe unabhängig von Alter, Herkunft oder Einkommen fördern. Sie erfüllen grundlegende menschliche Bedürfnisse kostenfrei und stärken dadurch soziale Gerechtigkeit und Lebensqualität im urbanen Raum. Zudem fördern sie die Begegnung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, was den sozialen Zusammenhalt in der Stadt stärken kann.

6. Essbare Stadt

Essbare Elemente wie z.B. Obstbäume im öffentlichen Raum fördern das Bewusstsein für Saisonalität und machen sichtbar, wie Lebensmittel wachsen. Sie fördern die Verbindung der Stadtbevölkerung zum Lebensmittelanbau und zur -produktion und sensibilisieren für einen nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Die Essbare Stadt trägt zur Klimaanpassung bei, indem begrünte Flächen das Stadtklima regulieren, Wasser speichern und die Biodiversität erhöhen. Gleichzeitig schafft sie inklusiven Raum für Gemeinschaft, Bildung und Teilhabe.

7. Dach- und Fassadengrün

Dach- und Fassadenbegrünung haben neben der Hitzeschutzwirkung – sowohl im Freiraum als auch im Gebäude – weitere wesentliche positive Eigenschaften für den Natur-, Umwelt- und Ressourcenschutz. Dies sind zum Beispiel lokaler Rückhalt von Regenwasser, Filterung von Luftschadstoffen, Erhöhung der Biodiversität oder die gemeinschaftliche Nutzung als Dachgärten.

8. Flächen für Regenwassermanagement

Häufigere und heftigere Starkregenereignisse sind ein zunehmendes Risiko des Klimawandels. Die Kanalisation oder Elemente zur Verdunstung oder Versickerung sind oft nicht in der Lage, die Wassermengen in so kurzer Zeit abzuführen. Für solche Ereignisse muss eine Schwammstadt Rückhalteräume bereitstellen, die größere Menge Regenwasser schadlos für einige Tage speichern können. Ideal dafür sind multifunktional nutzbare Räume wie tiefergelegte Parks, Sportplätze oder auch Skatebahnen. In den Phasen ohne Starkregeereignis ist hier ungestörte Freizeitnutzung möglich.

9. Bäume

Urbanes Grün ist sowohl über die Tages- als auch die Nachtzeit betrachtet ein wirksamer Hitzeschutz. Vor allem tagsüber erhöhen Bäume mit ausladenden Baumkronen die Aufenthaltsqualität an heißen, strahlungsreichen Sommertagen, da sie die gefühlte Temperatur insbesondere wegen ihrer Schattenwirkung um über 10 Grad Celsius verringern. Bäume dienen außerdem als Staubfilter und als Lebensraum für Tiere.

10. Regenstele – Wert des Regenwassers ins Bewusstsein bringen

Mit dem Fortschreiten des Klimawandels werden wir mit länger anhaltender Trockenheit rechnen müssen. Regenwasser ist bereits heute wertvoll – zumal der Erhalt und die Vitalität des öffentlichen Grüns von einer gleichbleibenden Bewässerung abhängen. Die Regenstele visualisiert die Regenmenge anschaulich und hebt den Wert öffentlich hervor. Zugleich bietet die Stele die Möglichkeit, Niederschlagswasser zeitweise zu speichern und später zur Bewässerung des öffentlichen Grüns zu nutzen.

11. Verkehr

In der Vision ändert sich der Mobilitätsmix am Postplatz zu mehr ÖPNV, Radnutzung sowie Fußverkehr. Dazu wird die Infrastruktur um den Postplatz zu Radfahrstraßen umgebaut – gut sichtbar blau gefärbt. Die Straßenbahnen fahren auf Rasengleisen und durch die Verkehrsberuhigung und die Umgestaltung des Platzes sind auch Wege zu Fuß deutlich angenehmer. Lieferverkehr und Rettungsdienste können diese Wege natürlich weiterhin nutzen. Der Platz ist barrierearm passierbar und bietet Orientierung.

„Versiegelte Plätze wie der Postplatz werden in heißen Sommern, besonders für ältere Menschen und Kinder, zur gesundheitlichen Belastung.“

Hinter dieser Vision stehen zivilgesellschaftliche Akteur*innen wie der BUND Dresden und die Lokale Agenda Dresden, gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der Technischen Universität Dresden (TUD) und des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR). Der Verein Reinventing Society und die Agentur loomn haben die Ideen grafisch umgesetzt. „Wir möchten mit dieser positiven Vision Menschen dazu inspirieren, selbst aktiv zu werden und sich an der Gestaltung einer lebenswerten Stadt der Zukunft zu beteiligen“, erklärt Julia Leuterer von der Lokalen Agenda Dresden.

Dass solche grünen Visionen dringend notwendig sind, verdeutlicht Hanna Witte vom Projekt „Biodiverse Schwammstadt Dresden“: „Versiegelte Plätze wie der Postplatz werden in heißen Sommern, besonders für ältere Menschen und Kinder, zur gesundheitlichen Belastung.“

Messungen und Simulationen von Dr. Astrid Ziemann von der Professur für Meteorologie der TUD zeigen, dass eine umfassende Begrünung die thermische Belastung deutlich senken kann. Astrid Ziemann ergänzt: „Vitale Vegetation ist die beste Antwort, die Städte auf Hitze geben können, sowohl für den Freiraum als auch für erträgliche Temperaturen in Gebäuden.“ Gleichzeitig bieten solche grünen Oasen Lebensraum für Tiere und verbessern durch nachhaltiges Regenwassermanagement die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen in Trockenzeiten.

Dr. Christoph Schünemann vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung betont: „Dieses Bild hat keinen konkreten Gestaltungsanspruch – es ist eine Einladung, Dinge einmal anders zu denken.“

Die Darstellung soll daher nicht als Blaupause für die Planung verstanden werden, sondern vielmehr ein motivierender Wegweiser sein – für ein Dresden, das sich den Herausforderungen des Klimawandels stellt.

Dabei haben die Ideen, die wir in dem Zukunftsbild zusammenbringen, aber Hand und Fuß, denn wir beteiligten Wissenschaftler*innen haben zentrale Erkenntnisse aus unserer Forschung zu Hitzeanpassung in Städten einbringen können“, schließt Christoph Schünemann.


Quelle: Dr. Christoph Schünemann // Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR).

Finanziert wurde die Erarbeitung des Zukunftsbildes durch das BUND-Projekt „Biodiverse Schwammstadt Dresden“, die Stadtentwässerung Dresden und die Lokale Agenda Dresden.

Das Zukunftsbild „Dresden Postplatz 2045“ ist unter einer Creative Commons-Lizenz verfügbar, sodass es alle nutzen können, die sich für ein klimagerechtes und inklusives Dresden einsetzen. Zusätzlich zum hier gezeigten Zukunftsbild steht auch eine Version mit Nummerierung zur Verfügung, die ergänzt wird durch Erläuterungen zu den einzelnen Elementen der Anpassung an den Klimawandel.

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Politik träumt vom Neubau – zieht aber die Mietpreisbreme an – die Realität liegt längst im Bestand

Gerd Warda, Foto: krimiwa

Liebe Leser, liebe Leserinnen.

Die Kluft zwischen politischen Wunschzielen und den tatsächlichen Entwicklungen am Wohnungsmarkt wächst. Während die Politik auf Bundes- und Landesebene weiterhin das Mantra „400.000 neue Wohnungen pro Jahr“ wiederholt, verlagert sich in der Praxis das Engagement der Wohnungsunternehmen und Eigentümer deutlich in den Bestand.

Aktuelle Umfragen und Zahlen zeigen: Sanierung und Modernisierung sind das Gebot der Stunde. Angesichts explodierender Baukosten, regulatorischer Unsicherheiten und wirtschaftlicher Risiken ist der Neubau vielerorts zum Hochrisikogeschäft geworden.

Gleichzeitig stellt die Politik mit der Verlängerung der Mietpreisbremse zusätzliche Hürden auf. Man kann es nicht oft genug sagen: Wer bremst, darf sich nicht wundern, wenn die Kräne stillstehen.

Für Architekten und Planer zeichnet sich längst eine neue Realität ab. Umbaukultur, Nachverdichtung und klimagerechte Bestandssanierung werden zur zentralen Aufgabe. Hier entstehen die Projekte, die in den kommenden Jahren das Bild unserer Städte prägen werden. Es wird Zeit, dass auch die Politik diesen Wandel anerkennt – und ihn aktiv unterstützt, statt an überholten Neubauparolen festzuhalten.

Die Zukunft des Wohnens wird im Bestand entschieden – nicht auf leeren Neubauflächen. Gerade im intelligenten Umbau und in der Sanierung liegt die Chance für neue, lebenswerte Stadtbilder.

Wohnungswirtschaft architektur., eine neue Ausgabe mit vielen neuen Blickwinkeln.

Bauen und planen Sie mit der Natur!

Ihr Gerd Warda

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Wohnungsbau 2025/26: Neubau stagniert – Sanierung gewinnt an Bedeutung

Wohnungsbau 2025/26: Neubau stagniert – Sanierung gewinnt
Klimagerechtes Sanierung gewinnt an Bedeutung. Nur so lässt die zweite Miete eindämmen und bezahlbares Wohnen wird möglich. Foto: Wohnungswirtschaft heute / Gerd Warda

Die Diskussion um die Zukunft des Wohnungsbaus in Deutschland spitzt sich weiter zu. Während die Politik an ambitionierten Neubauzielen festhält, stellt sich die Realität in der Branche deutlich anders dar. Immer mehr soziale Vermieter und private Eigentümer verlagern ihre Investitionen vom Neubau in die Bestandsmodernisierung.

Damit zeichnet sich auch für Architekten und Planer ein neuer Schwerpunkt ab: der Umbau und die energetische Erneuerung des vorhandenen Wohnungsbestands.

Neubauziele geraten aus dem Blick

Aktuelle Umfragen und Branchenanalysen belegen den Trend: Der Neubau von Mietwohnungen und Mehrfamilienhäusern stagniert. So gehen laut einer aktuellen VNW-Umfrage 88 Prozent der sozialen Vermieter in Hamburg nicht davon aus, dass die Stadt ihr Ziel von jährlich 10.000 Baugenehmigungen erreichen wird.

VNW-Direktor Andreas Breitner kommentiert: „Die Bedingungen für den Neubau sind nach wie vor nicht günstig. Deshalb konzentrieren sich die Investitionen der Unternehmen auf den Bestand.“

Auch auf Bundesebene zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Der GdW berichtet, dass die Zahl der Baugenehmigungen für Mehrfamilienhäuser im Vergleich zu 2021 um mehr als 35 Prozent gesunken ist. GdW-Präsident Axel Gedaschko: „Das wirtschaftliche Umfeld lässt derzeit kaum Spielraum für neue Projekte.“

Regulatorische Hemmnisse verstärken die Zurückhaltung

Ein weiterer Bremsfaktor ist die jüngst verlängerte Mietpreisbremse. IVD-Präsident Dirk Wohltorf warnt: „Wer bremst, ist verantwortlich, wenn die Bagger stehen bleiben. Solche Regulierung schreckt Bauherren und Kapitalanleger ab.“ Auch Haus & Grund-Präsident Kai Warnecke kritisiert: „Die Mietpreisbremse löst nicht das Problem fehlender Wohnungen – sie verschärft es.“

Die Verunsicherung über politische Rahmenbedingungen sowie steigende Baukosten führen dazu, dass viele Projekte zurückgestellt oder gar nicht erst geplant werden.

Trend zur Bestandsmodernisierung

Stattdessen rückt die Sanierung des Bestands in den Fokus. In der VNW-Umfrage gaben 83 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie in den kommenden vier Jahren den Großteil ihrer Investitionen in die Sanierung bestehenden Wohnraums stecken werden.

Gleichzeitig setzt sich ein neues Denken im Bereich klimagerechtes Bauen durch. Die Initiative „Praxispfad CO₂-Reduktion“ fordert einen praxisorientierten Ansatz für nachhaltigen Klimaschutz im Gebäudesektor – weg von rein formalen Effizienzvorgaben, hin zu technologisch intelligenten Lösungen.

Dabei spielen Wärmepumpen, Photovoltaik und Solarthermie eine immer größere Rolle. Gerade im Mehrgeschosswohnungsbau sind diese Systeme zunehmend wirtschaftlich attraktiv und eröffnen neue Möglichkeiten für architektonisch anspruchsvolle Sanierungen.

Was bedeutet das für Architekten und Planer?

Für Architekten und Planungsbüros verschiebt sich der Markt spürbar. Bestandsarchitektur und energetische Sanierung werden zur dominierenden Aufgabe. Das erfordert neue Kompetenzen – von integraler Planung mit Gebäudetechnik über Kenntnisse in nachhaltigen Baustoffen bis hin zur Gestaltung von Umbau und Nachverdichtung im städtischen Kontext.

Die Bundesarchitektenkammer (BAK) weist darauf hin, dass der Erhalt und Umbau des Bestands künftig zur „entscheidenden kulturellen und technischen Herausforderung“ der Architektur wird.

Die Zukunft des Wohnungsbaus in Deutschland liegt aktuell weniger im klassischen Neubau als im intelligenten Umgang mit dem Bestand. Für die Architektur bedeutet das: neue Chancen, aber auch neue Anforderungen. Gleichzeitig wird deutlich: Politische Zielsetzungen und Marktrealität klaffen derzeit auseinander. Ein Umdenken in der Wohnungspolitik ist dringend erforderlich – nicht zuletzt, um Planungssicherheit für Architekten und Investoren zu schaffen.

Gerd Warda

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Das schwebende Erbe von Malente – Zum 100. Geburtstag des Architekten Peter Arp

Das schwebende Erbe von Malente: 100. Geburtstag von Peter Arp
Liegen oder Schweben - die Liegehalle im Malenter Kurpark. Bodenplatten aus schwarzem Terrazzo mit Einlagen aus Carraramarmor geben der Halle einen edlen Charakter.

„Gebäude, die nicht genutzt werden, sind dem Zerfall preisgegeben“, sagt der Architekt Christian Bielke. Was wie eine nüchterne Diagnose klingt, ist zugleich eine Einladung: hinzuschauen, was war, und zu fragen, was daraus werden kann. Der Verein „Freunde des Kurparks Malente e.V.“ tut in diesem Jahr genau das. Der 100. Geburtstag des Architekten Peter Arp gibt ihnen den Anlass – und die Hoffnung, dass das architektonische Kleinod wieder ins Blickfeld rückt, dass Gespräche entstehen, Ideen wachsen und Veränderung tatsächlich beginnen kann.

Entstanden in einer Phase des sozialen und architektonischen Aufbruchs, spricht Malentes Kurpark von einer immer noch aktuellen Idee: dass Architektur nicht nur funktional, sondern auch humanistisch sein kann. Dass Landschaft nicht dekorativer Rahmen, sondern Mitspieler ist. Und dass ein Ort, selbst in der Provinz, mit der Leichtigkeit eines kalifornischen Bungalows daherkommen darf – vorausgesetzt, sie wird auch ge- (und be-)lebt.

Mitte der 1960er Jahre verwirklichten der Hamburger Landschaftsarchitekt Karl Plomin und der junge Malenter Hochbauarchitekt Peter Arp ein Ensemble, das dem Modernismus der Nachkriegszeit eine lokale Stimme gab. Mit Stahl, Glas, Backstein und Kupfer – aber ohne Pathos. Der Bau des Kurparks war kein Geniestreich aus dem Nichts, sondern Teil einer langen Entwicklung: vom Kaiserzeit-Heilbad über die Kneipp’sche Gesundheitsbewegung bis zur Nachkriegsmoderne, in der sich soziale Utopien in Beton und Terrazzo abbildeten.

Die Architektur spricht eine klare Sprache. Glas, Stahl und unbunte Farben verschmelzen mit der Natur – inspiriert von der kalifornischen Mid-Century-Architektur, der Bauhaus-Idee von Funktionalität und einem international geprägten Stilverständnis, das hier in der Holsteinischen Schweiz einen Widerhall fand.

Die Liegehalle etwa ruht auf Stützen über dem abschüssigen Gelände und öffnet sich mit großzügigen Glasfronten zur Natur – nicht um sich zu zeigen, sondern um den Blick freizugeben. Ihre Anmutung erinnert an Richard Neutra oder das Farnsworth House von Mies van der Rohe – gebaut allerdings nicht für den Rückzugsort eines Millionärs, sondern für Kurgäste mit Verordnungsschein.

Rückzug der öffentlichen Hand

Die Blütezeit des Kurparks war eng verknüpft mit dem Sozialstaat der alten Bundesrepublik. Kuren galten als medizinisch sinnvoll und gesellschaftlich anerkannt. Bis weit in die 1980er Jahre hinein waren sie ein zentrales Instrument der Vorsorge – und ermöglichten auch ärmeren Bevölkerungsschichten Zugang zu Erholung, Hydrotherapie und – man höre und staune – moderner Architektur.

Dann kamen die Gesundheitsreformen. Im Zuge von Sparmaßnahmen wurde die Kur zurückgestuft, die Zahl der Verordnungen sank dramatisch. Für Orte wie Malente bedeutete das den Verlust ihrer ökonomischen und kulturellen Grundlage. „Die Gesundheitsreform war ein schwerer Schlag“, sagt Julia Freese, Vorsitzende des Vereins „Freunde des Kurparks“. „Vom florierenden Kurort wurde Malente zu einem Ort des Stillstands.“ Das Intermar-Hotel steht heute als bewohnte Ruine da, die Bahnhofstraße wirkt verlassen. „Malente hat seine Seele verloren.“

Die Nachwirkungen dieser politischen Entscheidungen reichen weit. Sie haben ganze Landschaften verändert, nicht nur in Ostholstein. Die Architektur von Peter Arp wurde zur stummen Zeugin eines gesellschaftlichen Versprechens, das nicht mehr eingelöst wird.

Modernität als Haltung

Was Arps Bauten auszeichnet, ist nicht spektakuläre Form, sondern stille Konsequenz. „Diese Gebäude schweben förmlich über dem Gelände“, beschreibt Julia Freese. Die Materialien – Terrazzo mit Carrara-Marmor, oxidiertes Kupfer, Sichtbackstein – sind hochwertig, aber nicht auftrumpfend. Ein gewollter Kontrast zur oft dekorfreudigen Sanatoriumsarchitektur der 1950er Jahre.

„Gebäude, die nicht genutzt werden, sind dem Zerfall preisgegeben“, sagt der Architekt Christian Bielke bei einem Gespräch mit Julia Freese, Vorsitzende des Vereins „Freunde des Kurparks“ und Co-Vorsitzender Ulrich Zeutschel. Der 100. Geburtstag des Architekten Peter Arp gibt ihnen den Anlass – und die Hoffnung, dass das architektonische Kleinod wieder ins Blickfeld rückt.

Die Gebäude wurden bewusst zurückgenommen entworfen, um der Landschaft den Vorrang zu lassen. Arp selbst war beeinflusst von Arne Jacobsen, dem dänischen Meister der Integration von Architektur und Natur – und vielleicht auch ein wenig von der Aussicht auf den Dieksee.

„Das Wechselspiel von gebauter und gewachsener Umwelt ist selten so geglückt wie hier“, sagt Christian Bielke, Architekt aus dem nahen Eutin. Und noch heute sei die Substanz hervorragend erhalten: „Das ist keine romantische Ruine, das ist ein intaktes Ensemble, das genutzt werden will.“ Nur das Kupferdach könnte mal wieder poliert werden.

Räume für Begegnung statt Leerstand

Ideen gibt es viele: „Ein Café im Sommer, wie in anderen Kurparks üblich, fehlt völlig“, so Freese. Auch die Vermietung der Liegehalle für Feiern scheitert derzeit an starren Regeln – dabei wäre die Nachfrage da. Co-Vorsitzender Ulrich Zeutschel berichtet von seiner vergeblichen Suche nach einem Ort für seinen Geburtstag. „Man darf nur eine Stunde mieten – das reicht kaum für eine Feier.“

Das Café ist schon lange geschlossen, eine Nachfolge wurde nie gefunden. „Es fehlt ein niederschwelliger Treffpunkt mit Blick und Kaffee.“ Die Architektur selbst ist für viele ein Anziehungspunkt, aber es fehlt an der Möglichkeit, zu verweilen. Es ist eine Einladung ohne Tisch.

Doch es gibt auch Lichtblicke: Konzerte im Haus des Kurgastes, die „FeierAbend Musik“ oder sporadische Boulespiele bringen Leben in die Anlagen. „Wir haben hier eine großartige Akustik und einen sehr guten Flügel“, sagt Freese über den Saal im Obergeschoss. „Aber weil der Fahrstuhl nicht mehr funktioniert, müssen wir Konzerte zurückfahren.“

Im Mai dominieren die zahlreichen Rhododendren in voller Blüte den Kurpark. Schauen wir genau hin scheint die Liegehalle sich fast schwebend in die Natur einzufügen.

Die Freunde des Kurparks setzen sich für eine neue Zukunft ein – nicht als nostalgisches Museum, sondern als öffentlicher Ort. Wenn das örtliche Bauamt in das Haus des Kurgastes zieht, wäre das ein Anfang. Wenn ein Trauzimmer eingerichtet wird ein weiterer. „Man muss nicht für 100 Jahre planen, man muss anfangen“, sagt Bielke. Und meint damit: ruhig mal experimentieren.

Kulturdenkmal mit Zukunft

Seit 2003 steht der Kurpark unter Denkmalschutz. Das betrifft nicht nur die Gebäude, sondern das gesamte Ensemble aus Garten, Wegen, Bepflanzung und Sichtachsen. Aktuell erarbeitet ein Landschaftsarchitekturbüro aus Kiel ein denkmalpflegerisches Gutachten. Was in den 1960er Jahren mit öffentlichem Anspruch und großem Idealismus entstand, wird heute neu gelesen: als Modell für das Zusammenwirken von öffentlichem Raum, baulicher Qualität und kultureller Teilhabe.

100 Jahre Peter Arp – das ist ein Anlass, über die Vergangenheit hinauszudenken. Der Kurpark Malente ist ein Archiv der Moderne. Und wer weiß, vielleicht ist das Jubiläumsjahr tatsächlich der Beginn eines neuen Kapitels für das schwebende Erbe von Malente. 

Kristof Warda


Aller Fotos: „Freunde des Kurparks“ / Kurpark-Malente – Ein Juwel unter den Parks

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Hörspaziergang durch die Laubenganghäuser des Bauhauses Dessau von 1930

Hörspaziergang durch Laubenganghäuser des Bauhauses Dessau
Bauhaus-Siedlung Dessau-Törten, Laubenganghaus, jeweils sechs Wohnungen einer Etage werden an der Nordfassade über einen Laubengang erschlossen. Architekt Hannes Meyer und die Bauhaus-Bauabteilung, Bewohner auf einem Laubengang. © Stiftung Bauhaus Dessau (I 1620 F)

Auf Basis der Ergebnisse eines mehrjährigen DFG-Forschungsprojektes zu den Laubenganghäuser des Bauhauses Dessau von 1930 hat die Universität Kassel einen kostenfrei zugänglichen Hörspaziergang erstellt, der nun im Vorfeld des 100-jährigen Jubiläums des Bauhauses Dessau online geht.

Zum Jahresende wird zudem ein Bauhaus-Taschenbuch und der umfangreiche Forschungsbericht als E-Book zum Thema folgen, im Frühjahr nächsten Jahres eine Ausstellung im Deutschen Architekturzentrum in Berlin. Die Laubenganghäuser sind das wichtigste und einzige erhaltene, vom Bauhaus selbst entworfene und realisierte Bauprojekt, das zudem seit 2017 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Hörspaziergang rund um die Laubenganghäuser der Bauhaussiedlung Törten, Dessau

Die Siedlung Törten ist der wichtigste und neben dem zerstörten Haus Nolden der einzige Bauauftrag, den das Bauhaus zeit seines Bestehens direkt erhielt. Ab 1928 arbeiteten die Lehrenden und Studierende der »Bauabteilung« des Bauhauses, als Teil der Architekturausbildung, kollektiv an den Entwürfen für die »stadtsiedlung törten«. Das städtebauliche Konzept sah eine moderne Mischbebauung vor. 1930 wurden, unter Leitung von Hannes Meyer und Beteiligung der Studierenden, fünf dreigeschossige Laubenganghäuser errichtet. Zum Bau der über 500 vorgesehenen Einfamilienhäuser in Flachbauweise kam es nicht.

Heute gehören die Laubenganghäuser zum Unesco-Welterbe. Sie wurden für Familien mit geringem Einkommen errichtet und erzählen – wie die gesamte Planung – von den sozial ausgerichteten Gestaltungsvorstellungen des Bauhauses im Hinblick auf Städtebau, Architektur, Ausstattung und Möblierung.

Der Hörspaziergang entstand in einem Seminar der Universität Kassel, Fachgebiet Architekturtheorie und Entwerfen / Prof. Dr. Philipp Oswalt.

Leitung: Dr. Jens-Uwe Fischer, Studierende: Jonas Baumann, Henry Bültmann, Yunjie Chung, Jay Döveling, Laura Festor, Sebastian Görs, Markus Grote, Benjamin Hennig Omicevic, Anika Kirchner, Dominik Neas, Annika Seitz, Adelina Stapel, Tudor Tarnowietzki, Merlin Woditschka und Xinyao Yang.

Ein Dank an die Wohnungsgenossenschaft Dessau + Stiftung Bauhaus Dessau + Freies Radio Kassel.

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Frankfurter Nordweststadt zwischen Gesellschaft, Individuum und Raum – Großwohnsiedlungen und ihre Bewohner*innen im Wandel

Großwohnsiedlungen und ihre Bewohner*innen im Wandel
Grünraum in der Großwohnsiedlung Nordweststadt. Foto: Forschungslabor Nachkriegsmoderne

Eine Stadt in der Stadt vom Reißbrett, die die täglichen Bedürfnisse berücksichtigt. So genannte „Großwohnsiedlungen“ entstanden in den 1950er- bis 1970er-Jahren überall in Deutschland. Auch heute noch stellen sie einen nennenswerten Anteil am Gesamtwohnungsbestand. Ihre Bewohner*innen und die Gesellschaft haben sich aber geändert. Ursprünglich für die Mittelschicht gebaut, sind die Quartiere heute oft von Armut und Ausgrenzung geprägt. Gleichzeitig sind die Familienstrukturen vielfältiger geworden.

Wie passt der heutige Alltag mit der Wohnidee von gestern zusammen? Ein Forschungsteam des Instituts für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt am Main, des Gender- und Frauenforschungszentrums der Hessischen Hochschulen (gFFZ) sowie des Forschungslabors Nachkriegsmoderne der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) geht dieser Frage am Beispiel der Frankfurter Nordweststadt nach.

Nordweststadt als perfektes Untersuchungsgebiet

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt „Großwohnsiedlungen im Wandel. Intersektionale Perspektiven auf Nutzungsverhalten und Bedarfe von Bewohner*innen“ ist im April offiziell gestartet. Durch die Zusammenarbeit von Geograf*innen, Genderforscher*innen und Stadtplaner*innen soll ein umfassendes Bild des Alltags in Quartieren der „Nachkriegsmoderne“ und der darin stattfindenden Transformationsprozesse entstehen.

Die Frankfurter Nordweststadt sei dafür ein perfektes Untersuchungsgebiet, so Prof. Dr. Maren Harnack, Professorin für Städtebau und Entwerfen an der Frankfurt UAS. „In der Quartiersplanung sowie Wohnungen spiegeln sich konkrete Vorstellungen etwa vom Alltag und Familienleben der damaligen Zeit wider. Das Verständnis davon, wie diese Architektur in Wechselwirkung zu den heutigen Wohnenden steht, ist auch für Quartiere der Zukunft interessant“, so die Forscherin des Forschungslabors Nachkriegsmoderne.

In drei eng verzahnten Teilprojekten untersuchen die Forscher*innen die Alltagswelt vor Ort unter anderem mit Interviews, teilnehmenden Beobachtungen und Mappings.

Teilprojekt 1, das unter Leitung von Dr. Hanna Haag am gFFZ angesiedelt ist, widmet sich der Frage, wie Haushalte und einzelne Bewohner*innen ihre Wohnungen und öffentliche Freiräume in der Großwohnsiedlung nutzen und gestalten.

Teilprojekt 2 nimmt Orte der Vergemeinschaftungen wie Kirchen und Jugendzentren in den Blick. Wie werden sie genutzt, was fehlt den Bewohner*innen? Verantwortlich für das Teilprojekt, das am Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt am Main angesiedelt ist, ist Prof. Dr. Sebastian Schipper, Heisenberg-Professor für Geographische Stadtforschung.

Teilprojekt 3 untersucht, wie Architektur und Raumgestaltung das soziale Miteinander beeinflussen und welche räumlichen Strukturen nachhaltige Nutzungen ermöglichen. Besondere Aufmerksamkeit gilt im Projekt so genannten intersektionalen Perspektiven, also inwiefern Faktoren wie Geschlecht, Alter und soziale Herkunft die Nutzungsmuster und Bedarfe der Bewohner*innen beeinflussen. Dr. Hanna Haag, wissenschaftliche Koordinatorin des gFFZ: „Die Bewohner*innen der Nordweststadt kennzeichnen sich durch vielfältige Lebensrealitäten, die wiederum Einfluss auf das Wohnen selbst nehmen. Dieser Diversität möchten wir in unserem Teilprojekt sowie im Gesamtverbund nachspüren und sie sichtbar machen.“

Erkenntnisse für die Planung

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Die Erkenntnisse sind nicht nur für die Grundlagenforschung wichtig. Vielmehr sollen die Ergebnisse, so Professor Sebastian Schipper von der Goethe-Universität, „für die zukünftige Planungspraxis produktiv gemacht werden und dazu beitragen, Strategien zu entwickeln, den gegenwärtigen Herausforderungen und gesellschaftlichen Konflikten in Großsiedlungen zu begegnen.“

Silke Schmidt-Thrö


Weitere Informationen unter www.frankfurt-university.de/nachkriegsmoderne

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TU Graz: Module und Faltwerkträger zur Aufstockung eines Gebäudes

TU Graz: Module und Faltwerkträger zur Aufstockung
Module und Faltwerkträger zur Aufstockung des Gebäudes. Bildquelle: holz.bau forschungs GmbH

Das Vermeiden von weiterer Bodenversiegelung und der gleichzeitig steigende Bedarf an innerstädtischem Wohnraum lassen sich nur schwer unter einen Hut bringen.

Im Projekt „HOT – Holz-on-Top“ hat ein Konsortium rund um die holz.bau forschungs GmbH, das Institut für Holzbau und Holztechnologie, das Institut für Architekturtechnologie, das Institut für Bauphysik, Gebäudetechnik und Hochbau (alle TU Graz) sowie rosenfelder & höfler consulting engineers Methoden entwickelt, mit denen genau das mittels nachhaltiger Baumaterialien gelingt.

Sie machen eine Nachverdichtung von Gründerzeitgebäuden mittels modularisierten Holzbaus möglich, ohne den ursprünglichen Charakter der Gebäude zu beeinträchtigen.

Neuer Wohnraum für Zehntausende

Die Idee für das Projekt geht zurück auf Ida Pirstingers Dissertation aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „Gründerzeitstadt 2.1“, die am Institut für Gebäudelehre der TU Graz entstanden ist. Die Arbeit befasste sich mit dem Potenzial der Nachverdichtung von Gründerzeitquartieren zur inneren Stadterweiterung.

Die dafür angestellten Berechnungen ergaben ein Potenzial für zusätzlichen Wohnraum für rund 35.000 Menschen allein in Graz, wenn dort nur die gut- und bestgeeigneten Wohnblöcke nachverdichtet werden. Ähnliche Berechnungen für Wien ergaben ein Potenzial für zusätzlichen Wohnraum für rund 54.000 Menschen.

„Diese Analyse hat eindeutig gezeigt, dass innerstädtisch noch viel Wohnraum für ein weiteres Bevölkerungswachstum geschaffen werden kann, ohne neue Flächen versiegeln zu müssen“, sagt Andreas Ringhofer vom Institut für Holzbau und Holztechnologie der TU Graz, der auch Geschäftsführer der holz.bau forschungs GmbH ist. „Im Projekt Holz-On-Top haben wir nun die technischen Maßnahmen entwickelt, um dieses Potenzial auch praktisch nutzen zu können.“

Auch PV-Paneele könnten montiert werden. Bildquelle: holz.bau forschungs GmbH

Erhebungen bei 45 Dachstühlen

Damit die Maßnahmen auch die entsprechenden Anforderungen erfüllen, begannen die Forschenden damit, den derzeitigen Bestand zu erheben. Dafür besichtigten sie, auch im Zuge von Vorarbeiten, 45 Dachtragwerke von Gründerzeitgebäuden in Graz und evaluierten deren baulichen Zustand.

Dabei zeigte sich unter anderem, dass bei über 80 Prozent der untersuchten Dachtragwerke in den nächsten fünf Jahren Handlungsbedarf hinsichtlich Instandsetzung besteht.

Für erhaltenswerte Dachtragwerke sehen die Forscher Instandsetzungsmaßnahmen vor, um speziell Objekte von besonderer handwerklicher Kunst zu erhalten. Für nicht erhaltenswerte Dachtragwerke wurde ein Nachverdichtungskonzept entwickelt, mit dem, unter Beibehalt der gegenwertigen Dachform, der Bestand um bis zu zwei Geschosse nachverdichtet werden kann. Mit diesem Konzept kann auch den Anforderungen der Schutzzonen entsprochen werden.

Darauf aufbauend entwickelte das Team ein modulares Gebäudetechnik-Konzept und in Zusammenarbeit mit dem Büro rosenfelder & höfler consulting engineers einen bauphysikalischen Leitdetailkatalog, um die Gebäude aufzustocken. Die Basis für diese Aufstockung ist ein mit Brettsperrholz abgedeckter Stahlbeton-Trägerrost. Das neue Dachtragwerk bildet ein neuartiger Faltwerkträger, bei dem es sich um einen dreiecksförmigen Brettsperrholzträger handelt.

Der neuartige Faltwerkträger im Querschnitt. Bildquelle: holz.bau forschungs GmbH

Zentrale Punkte für eine möglichst breit anwendbare Lösung waren neben einem geringen Eingriff in den Bestand ein möglichst hoher Vorfertigungsgrad und eine damit verbundene kurze Baustellendauer. Zudem ist der Grundriss flexibel gestaltbar, um auf verschiedene räumliche Verfügbarkeiten sowie unterschiedliche Wohnraumwünsche (eine oder mehrere Wohneinheiten) reagieren zu können. Außerdem achtete das Team darauf, dass die Konstruktionen einerseits resilient und andererseits unkompliziert zu überprüfen und reparieren sind.

Auf 85 Prozent der Dachstühle anwendbar

Die Integration der Gebäudetechnik ist flexibel gestaltet – von einer minimalen bis zu einer umfassenden Ausstattung reichen die Varianten. Gemein haben sie, dass die Längen der wasserführenden Leitungen möglichst kurz gehalten sind und die Leitungsführung zentral verläuft, womit die vorgefertigten, modularen Gebäudeteile besser integriert werden können und zugänglich bleiben. Um das Thema Heizen nachhaltig zu lösen, sieht die Planung für die Nachverdichtung Luft-Wasser-Wärmepumpen vor.

„Wir haben das fertige Planungskonzept von „Holz-On-Top“ bereits hinsichtlich seiner Anwendbarkeit auf Basis der uns bekannten Dachstühle analysiert. Es ist auf 85 Prozent von ihnen anwendbar“, sagt Projektleiter Dominik Matzler. „Mit unseren detaillierten Leitfäden für die Planung sowie einer frei verfügbaren Planungssoftware (CLTdesigner) zur Berechnung von Holz-Beton-Verbundelementen sind alle Werkzeuge vorhanden, um die Ergebnisse von „Holz-on-Top“ in die Umsetzung zu bringen – nicht nur bei Gründerzeitgebäuden, sondern auch bei anderen Bestandsgebäuden.“

  • TU Graz | Institut für Holzbau und Holztechnologie holz.bau forschungs GmbH
  • Andreas RINGHOFER, Dipl.-Ing. Dr.techn.
  • andreas.ringhofer@tugraz.at
  • Dominik MATZLER, Dipl.-Ing. BSc
  • dominik.matzler@tugraz.at

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Gebäude-Studie belegt: Mehr Klimaschutz im Bauen muss nicht zu mehr Kosten führen

Mehr Klimaschutz im Bauen muss nicht zu mehr Kosten führen

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat die Ergebnisse der Kurzstudie „Lebenszyklusbasierte Betrachtung von Gebäuden“ veröffentlicht. Entstanden ist diese in Zusammenarbeit mit dem Buildings Performance Institute Europe (BPIE).

Dabei wurden 28 DGNB-zertifizierte Wohngebäude hinsichtlich ihrer Klimawirkungen und Kosten analysiert. Die Erhebung macht deutlich, dass es keine eindeutige Korrelation zwischen den Ökobilanzwerten und den Herstellungskosten der Immobilien gibt. Gleiches gilt auch für die Baukosten in Verhältnis zur erreichten Zertifizierungsstufe. Werden die Kosten nicht nur für die Errichtung, sondern über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, so zeigt die Kurzstudie, dass die Nutzungskosten bei neueren Projekten eine größere Relevanz bekommen.

Bei ihrer Erhebung gingen die DGNB und das BPIE der Frage nach, ob und welche Mehr- oder Minderkosten entstehen, wenn Auftraggebende lebenszyklusoptimierte, klimafreundliche Gebäude realisieren wollen. Hierfür wurden die Ökobilanzdaten von 28 DGNB-zertifizierten Wohnungsneubauten hinsichtlich ihrer Baukosten und ihres CO2-Ausstoßes über den Lebenszyklus auf vielfältige Weise ausgewertet.

Die Gegenüberstellung des Gesamterfüllungsgrads der DGNB Zertifizierung und der Herstellungskosten zeigt, dass es keinen Zusammenhang bezüglich der Auszeichnungsstufe gibt. Bildquelle: DGNB

„Kaum ein Vorurteil hält sich im Bau- und Immobilienbereich so hartnäckig, wie die Annahme, dass eine nachhaltige, klimagerechte Bauweise teuer ist“, erklärt Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB.

„Genau dem wollten wir mit der Kurzstudie eine valide Diskussionsgrundlage auf Basis realer Projektdaten entgegensetzen. Dass die unabhängige Untersuchung belegt, dass dieser Behauptung das faktische Fundament fehlt, ist eine gute Nachricht. Es ist absolut möglich, mit niedrigen Kosten Gebäude zu errichten und zu betreiben, die geringe CO2-Emissionen verursachen und ein sehr gutes Zertifizierungsergebnis erzielen.“

Auswertungen unterstreichen den Wert einer guten, differenzierten Planung

Zu den zentralen Erkenntnissen der Kurzstudie zählt, dass eine lebenszyklusoptimierte Bauweise nicht notwendigerweise teurer sein muss. Im Vergleich aller ausgewerteten Projekte zeigt sich, dass eine besonders klimaschonende Art des Bauens auch mit deutlich günstigeren Erstellungskosten möglich ist. Die Vermutung, dass ein grundsätzlicher Zusammenhang besteht zwischen niedrigen CO2-Emissionen im Betrieb und höheren Baukosten, bestätigte sich ebenfalls nicht. Im Gegenteil: Es ließ sich sogar eine leichte Tendenz erkennen, dass Gebäude mit geringer Klimawirkung im Betrieb niedrigere Baukosten aufweisen.

Auch eine Korrelation zwischen dem erzielten Zertifizierungsergebnis und den Baukosten ließ sich nicht erkennen. Es gibt sogar einige Projekte, die mit Platin die höchste Auszeichnungsstufe bei der DGNB Zertifizierung erreicht haben und deutlich geringere Kosten verzeichnen als Wohnbauten, die lediglich ein DGNB Zertifikat in Silber erhalten haben.

Beim genaueren Blick auf die Verteilung der Kosten über den Gebäudelebenszyklus lässt sich bei Projekten, deren Fertigstellung neueren Datums ist, eine Verschiebung der Kostenanteile in Richtung der Nutzungskosten feststellen. Etwas geringeren Kosten in der Bauphase stehen deutlich höhere Kosten im Betrieb gegenüber.

Dass eine lebenszyklusoptimierte Bauweise nicht notwendigerweise teurer zu realisieren ist, zeigt die Gegenüberstellung der Herstellungskosten mit den CO2-Emissionen für die Herstellung des Bauwerks. Bildquelle: DGNB

Andersherum ist die Tendenz hinsichtlich der Verteilung der CO2-Emissionen über den Lebenszyklus – also die Unterscheidung nach Treibhausgasemissionen, die während der Konstruktion anfallen, und dem CO2-Ausstoß über 50 Jahre Betrieb. Während bei älteren Gebäuden der Anteil der bauwerksbedingten Emissionen nur bei einem Drittel liegt, ist es bei neueren Projekten im Schnitt bereits etwa die Hälfte. Die Kurzstudie ergab darüber hinaus, dass die größten Hebel zur Reduktion dieser grauen Emissionen in der Wahl der Bauweise und der Materialität des Tragwerks liegen.

Handlungsempfehlungen an Marktakteure und Politik

Aus den Ergebnissen der Kurzstudie haben die DGNB und das BPIE eine Reihe von Empfehlungen abgeleitet. So sollten z.B. die Nutzungskosten und Umweltwirkungen bereits in frühen Planungsphasen mitgedacht werden, um die Kosten über den Lebenszyklus zu optimieren. Hiermit verbunden ist die unbedingte Empfehlung, zeitnah Know-how im Bereich der Gebäudeökobilanzierung aufzubauen.

In Richtung Politik motivieren die Verfasser der Kurzstudie, eine Regulierung, die den Lebenszyklus von Gebäuden im Blick hat, möglichst frühzeitig einzuführen. Wichtig ist dies insbesondere, da sich durch die in der Europäischen Gebäuderichtlinie (EPBD) begründeten Einführung des neuen Null-Emissionsgebäudestandards für Neubauten ab 2030 für alle, die sich nicht frühzeitig mit den dazugehörigen Anforderungen beschäftigen, eine Reihe von Risiken ergeben. Auch sollten Marktakteure über Beteiligungsformate mitgenommen und der Erfahrungsaustausch mit anderen EU-Ländern, die hier bereits weiter sind, verstetigt werden.

Dr. Anna Braune, Abteilungsleiterin Forschung und Entwicklung der DGNB: „Auch wenn aktuell in Deutschland unter dem Schlagwort der Entbürokratisierung die Klimaschutzanforderungen im Bauen und die Dringlichkeit ihrer Umsetzung punktuell in Frage gestellt werden, wird die durch die EU vorgegebene Richtung trotzdem bleiben. Mit der Kurzstudie haben wir gezeigt, dass der angeblichen Mehrkosten-Argumentation die Grundlage fehlt. Vielmehr geht es um gute Planung und den Willen, nachhaltige Gebäude mit möglichst geringer Klimawirkung zu errichten.“

Oliver Rapf, Executive Director vom BPIE: „Die Studien-Ergebnisse kommen genau zum richtigen Zeitpunkt! Sie sollten Mut machen, nun ambitioniert die EPBD-Vorgaben zur Offenlegung und Lebenszyklus-THG-Grenzwerten frühzeitig umzusetzen. Damit kann Deutschland die Chancen der Lebenszyklusperspektive voll ausschöpfen – fürs Klima und für die Industrie.“

Felix Jansen


Die Kurzstudie „Lebenszyklusbasierte Betrachtung von Gebäuden“ ist die dritte Erhebung, die die DGNB gemeinsam mit dem BPIE in den vergangenen Monaten veröffentlicht hat. Eine im Februar 2025 erschienene Studie beschäftigte sich mit den Klimawirkungen von Sanierungen, u.a. im Vergleich zu Neubauten. Hinzu kam eine im April 2025 finalisierte Veröffentlichung mit Marktdaten zur Relevanz und zu den Kosten von Gebäudeökobilanzen.

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Women in Architecture Festival 2025: BDA Berlin mit vielfältigem Programm zu Sichtbarkeit, urbaner Transformation und Identität

Women in Architecture Festival 2025: Transformation und Identität
WIA25 – BDA Berlin engagiert sich mit vielfältigem Programm Unter dem Motto Vielfalt präsentieren Sibylle Bornfeld und Vera Hartmann aus dem Architekturbüro Sauerbruch Hutton ihr Projekt in der Ausstellung „Architektinnen BDA“. © studioriethmueller

Leistungen von Frauen in Architektur und Stadtentwicklung würdigen und den gesellschaftlichen Diskurs über Gleichstellung und Baukultur stärken – unter diesem Motto beteiligt sich der BDA Berlin am bundesweit ausgerichteten Women in Architecture Festival 2025 (WIA25).

Vom 20. bis 22. Juni 2025 gestaltet der Landesverband des Bundes Deutscher Architektinnnen und Architekten ein vielfältiges Programm aus Symposium, Ausstellung und internationalen Impulsen. Alle Veranstaltungen stehen Fachpublikum, Medien und interessierten Bürgerinnen und Bürgern offen.

Symposium: SYNAPSEN – SYNERGIEN – SYNTHESEN


Im Mittelpunkt des Programms des BDA Berlin steht das hochkarätig besetzte Symposium „SYNAPSEN – SYNERGIEN – SYNTHESEN“. Am 21. Juni diskutieren internationale Architektur-Expertinnen die Herausforderungen und Chancen einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung im Zeichen von Gemeinschaft, Verbindung und Integration. In drei Panels und neun Impulsvorträgen geht es um Sichtbarkeit, urbane Transformation sowie ästhetische und kulturelle Identität.

Mit dabei sind neben anderen (v.l.): Christa Kamleithner, Martina Baum, Reem Almannai, Johanna Meyer-Grohbrügge. © KOPF & KRAGEN Fotografie | © Frank Dölling | © Sascha_Kletzsch | © Oliver Helbig

Panel 1: Women in Architecture – Sichtbarkeit und Expertise

Nicola Borgmann, Kuratorin, Architektin und Kunsthistorikerin, München
Johanna Meyer-Grohbrügge, Architektin BDA, Berlin
Saikal Zhunush, Architektin, Lausanne / Kirgistan

Panel 2: Transforming the Urban_Stadt von morgen

Paola Alfaro d’Alençon, Architektin und Stadtforscherin, Frankfurt/M.
Martina Baum, Architektin BDA und Stadtplanerin, Stuttgart
Ragnhild Klußmann, Architektin BDA, Köln

Panel 3: Update Baukultur_Ästhetik und Identität

Reem Almannai, Architektin, München
Nanni Grau, Architektin BDA, Berlin
Christa Kamleithner, Architekturhistorikerin und Kulturwissenschaftlerin, Zürich

  • Moderation: Marietta Schwarz (Deutschlandfunk Kultur, Architektin)
  • Ort: feldfünf im Metropolenhaus, Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz 7–8, 10969 Berlin
  • Zeit: 21. Juni 2025, 9:30 – 18:00 Uhr (Get-together ab 18 Uhr)
  • Teilnahmebeitrag: 25 € / 15 € für Studierende, inkl. Imbiss und Getränke
  • Anerkennung: Fortbildung der Architektenkammer Berlin (8 UE)
  • Anmeldung: www.bda-berlin.de/events/wia25

Präsenz zeigen: Ausstellung „Architektinnen BDA“

Die Ausstellung „Architektinnen BDA“ präsentiert die Bandbreite aktueller Arbeiten von Architektinnen aus den Landesverbänden Berlin und Brandenburg, knapp 60 BDA-Büros haben sich beteiligt. Gezeigt wird eine Werkschau der eingereichten Projekte in der BDA Galerie sowie auf rund 200 Litfaßsäulen und Plakatwänden im öffentlichen Raum in Berlin und Brandenburg. Ziel ist es einem breiten Publikum zu verdeutlichen, welchen wichtigen Beitrag Architektinnen für die Architektur leisten.

  • Vernissage: 20. Juni 2025, 19 Uhr, Grußwort Laura Fogarasi-Ludloff (Vorsitzende BDA Berlin), Livemusik
  • Finissage: 15. Juli 2025, 19 Uhr
  • Ort: BDA Galerie, Mommsenstraße 64, 10629 Berlin
  • Weitere Infos: www.bda-berlin.de/events/architektinnen-bda

WIA-Ukraine Netzwerk: REFLECT – REACT – RESPONSE

Mit dem neuen Netzwerk WIA-Ukraine bringt der BDA Berlin weitere internationale Perspektiven in das Festival. In Vorträgen und Diskussionen thematisieren ukrainische Architektinnen die Baukultur ihres Landes, stellen Strategien für Wiederaufbau und Neuanfang vor und laden zum Austausch.

Symposium & Ausstellung: 22. Juni 2025, 13:00 – 20:00 Uhr, feldfünf im Metropolenhaus, Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz 7–8, 10969 Berlin

  • Open Table: 26. Juni 2025, 18:00 – 21:00 Uhr, BDA Galerie, Mommsenstraße 64, 10629 Berlin
WIA25 – BDA Berlin engagiert sich mit vielfältigem Programm Ausstellung „Architektinnen BDA“: Gezeigt werden Projekte von BDA-Architektinnen in Berlin und Brandenburg, ab 20.6.2025 in der BDA Galerie Berlin sowie auf rund 200 Litfaßsäulen und Plakatwän- den im öffentlichen Raum in Berlin und Brandenburg. © studioriethmueller

Quelle: Bund Deutscher Architektinnen und Architekten
Landesverband Berlin e.V.
Petra Vellinga

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Wohnen im Wandel: Vom französischen Militärareal zum lebendigen Quartier in Trier

Wohnen im Wandel: Vom Militärareal zum lebendigen Quartier
Mit Castelnau Mattheis wächst in Trier ein modernes, nachhaltiges Wohnquartier, das Geschichte und Zukunft miteinander verbindet. Foto: EGP

Trier ist die älteste Stadt Deutschlands und vereint Universität, Bischofssitz und UNESCO-Weltkulturerbe. Damit übernimmt sie eine bedeutende Rolle in der Region: Mit dem Bau von rund 960 Wohneinheiten – darunter 159 Einfamilienhäuser und knapp 800 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern – erweitert die Stadt nun seine Vielfalt und schafft ein attraktives Lebensumfeld auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne Castelnau. 

Das Areal im Süden der Stadt, das sich über eine Fläche von rund 58 Fußballfeldern erstreckt, wird von der EGP GmbH umfassend saniert und entwickelt. Das Ergebnis: ein im Entstehen befindliches heterogen strukturiertes Quartier im Grünen und dem aktuell größten Neubaugebiet in Trier mit dem Namen Castelnau Mattheis.

In enger Zusammenarbeit mit der Stadt Trier und dem Beratungsunternehmen Drees & Sommer, das auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisiert ist, leistet die EGP damit einen wichtigen Beitrag zur Schaffung dringend benötigten Wohnraums in der Region.

Der Wohnungsbau in Deutschland ist stark zurückgegangen. Gestiegene Baukosten, bürokratische Hürden und begrenzte Flächen erschweren die Entwicklung. Laut einer Prognose des Zentralen Immobilienausschusses könnten bis 2027 circa 830.000 Wohnungen fehlen – insbesondere in den Ballungsräumen ist der Bedarf hoch. Um diese Lücke zu schließen, braucht es Alternativen zum klassischen Neubau.

Eine effiziente und nachhaltige Lösung ist die Flächenumnutzung: „Flächenrecycling bietet die Chance, der zunehmenden Flächenversiegelung entgegenzuwirken und das Potenzial zu nutzen, was bereits vorhanden ist – der erste Schritt einer nachhaltigen Entwicklung“, erklärt David Becker, Geschäftsführer der EGP GmbH.

„Castelnau Mattheis profitiert von seiner Höhenlage unmittelbar am Wald, der grünen, naturnahen Umgebung mit altem Baumbestand – tolle Voraussetzungen also für lebenswertes Wohnen“, ergänzt Becker. Die Kaserne Castelnau ist dabei eines von fünf großen Stadtentwicklungsprojekten der EGP in Trier, mit denen die Stadt auf den steigenden Bedarf an Wohnraum reagiert.

Boden für die Zukunft

Trier blickt auf eine lange Geschichte als Militärstandort zurück. Zeitweise waren hier bis zu 15.000 Soldaten stationiert, womit die Stadt nach Paris die zweitgrößte französische Garnison war. Heute erinnern nur noch die französischen Straßennamen an diese Vergangenheit – die militärischen Einrichtungen selbst sind längst verschwunden. Seit nun schon knapp 25 Jahren werden die einstigen Kasernenflächen am Standort stattdessen schrittweise für die zivile Nutzung umgestaltet – stets im Planungs- und Abstimmungsprozess mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort.

Doch die Umwandlung militärischer Flächen bringt besondere Herausforderungen mit sich, wie Max Vogel, Projektleiter und Leading Consultant im Bereich Urban and Infrastructure Solutions bei Drees & Sommer, erklärt: „Ein wichtiges Thema ist die Altlastensanierung. So musste etwa der Boden des ehemaligen Schießstandes der Kaserne Castelnau aufwendig von Munitionsresten und Schadstoffen befreit werden.“

Doch der Einsatz zahlt sich aus: „Wo früher ein Schießstand war, wird in den nächsten Jahren eine Freizeitwiese mit Spielplatz, Fußballfeld und Liegewiese entstehen“, sagt Vogel.

Ganzheitliche Quartiersentwicklung: Von der Infrastruktur bis zur Freiraumgestaltung

Zusammen mit seinem Team verantwortet der erfahrene Experte für Quartiere die Flächenentwicklung des Projekts in Trier und koordiniert alle am Projekt beteiligten Stakeholder. Dazu gehört nicht nur die grundsätzliche Planung des Quartiers in Abstimmung mit der Stadt und der EGP, sondern auch die Baurechtschaffung sowie die Planung der leitungsgebundenen Erschließung. Besonders in diesem Bereich gilt es, die Vorgaben verschiedener Akteure – Stadtwerke, Planer, Entwickler und Bauherren – aufeinander abzustimmen. Neben der Wahl des Energieträgers, sei es Gas, Geothermie oder Solarthermie, muss auch das Wärmenetzkonzept – etwa als Fern- oder Nahwärmenetz – festgelegt werden.

Darüber hinaus entscheidet sich hier, welcher Telekommunikationsanbieter im Quartier implementiert wird und wie das Kanalnetz ausgestaltet sein soll. „Üblicherweise wird heute ein Trennsystem verwendet, bei dem Schmutz- und Regenwasser getrennt geführt werden, idealerweise mit einer dezentralen Versickerung des Regenwassers im Quartier“ erklärt Max Vogel.

Neben der leitungsgebundenen Erschließung ist das Team um ihn auch für die Planung der Straßen, Wege sowie Quartiers- und Spielplätze verantwortlich und trägt so maßgeblich zur nachhaltigen Neugestaltung des Areals bei. Insgesamt entstehen dabei 3,4 Kilometer neue Straßen, 6,3 Kilometer Kanäle sowie 45 Kilometer Leitungen, die das Quartier zukunftsfähig machen.

Naturnahes Wohnen mit urbaner Anbindung

Das Neubaugebiet Castelnau Mattheis grenzt direkt an das Naturschutzgebiet Mattheiser Wald – eine besondere Lage, die auch in die Quartiersgestaltung einfließt. „Uns ist es wichtig, mit der Entwicklung des neuen Wohnviertels die Belange des Artenschutzes und der angrenzenden Naturräume in den Mittelpunkt zu stellen und den Charakter der Landschaft ins Quartier zu übertragen“, erklärt David Becker. Daher setzen die Planer auch auf nachhaltige Baustoffe wie Holz sowie auf natürliche Farbkonzepte in Grün- und Brauntönen, die sich harmonisch in die Umgebung einfügen.

Trotz der naturnahen Ausrichtung bietet das Quartier gleichzeitig eine optimale Anbindung an die Umgebung: Ein durchdachtes Mobilitätskonzept und eine gut ausgebaute Infrastruktur sorgen für kurze Wege innerhalb des Viertels und eine bequeme Erreichbarkeit der angrenzenden Stadtteile und Naherholungsgebiete. Gleichzeitig schaffen 21 Gewerbebetriebe, ein Nahversorgungszentrum und eine KiTa eine hohe Lebensqualität direkt vor Ort.

Mit Castelnau Mattheis wächst in Trier ein modernes, nachhaltiges Wohnquartier, das Geschichte und Zukunft miteinander verbindet. Bis 2030 entstehen hier in fünf Teilbereichen vielfältige Wohnformen – von Einfamilienhäusern über Reihenhäuser bis hin zu Mehrfamilienhäusern. „Die ersten Bewohnerinnen und Bewohner zogen bereits Ende 2022 in das Teilgebiet ‚Auf der Höhe‘ ein – ein wichtiger Meilenstein für das Projekt“, berichtet Becker.

Marie Beichert

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