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GECF-Generalsekretär Yury Sentyurin: Geopolitische Spannungen abbauen, gemeinsam für sichere, wettbewerbsfähige und umweltfreundliche Versorgung mit Erdgas sorgen.

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Die politische Atmosphäre zwischen Russland und der Europäischen Union ist in letzter Zeit angespannt. Nord Stream 2 ist Gegenstand der politischen Debatte. Die derzeitige Situation führt zu Unsicherheiten hinsichtlich der künftigen Gasversorgung Europas und insbesondere Deutschlands.

So stellen sich die Fragen: Ist Gas eine sichere und stabile Energiequelle für die Zukunft? Warum? Wenn Nordstream 2 nicht zu Ende gebaut wird, wie könnte das kompensiert werden? Würden sich Sanktionen gegen Russland auf den Gaspreis in der EU auswirken?

Fragen über Fragen, deren Antworten auch die für anstehende Entscheidungen bei Investitionen der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Neubau und Bestand von Bedeutung sind. Wohnungswirtschaft heute. – Redakteur Kristof Warda im Gespräch mit Yury Sentyurin, Generalsekretär der GECF (Forum Gas exportierender Länder).

Herr Generalsekretär Sentyurin, vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Entwicklungen: Ist Gas eine sichere und stabile Energiequelle für die Zukunft? Warum?

Es ist wahrscheinlich, dass die jüngsten politischen Entwicklungen einige Hürden für die Ausführung von Pipeline-Projekten wie Nord Stream 2, einer wettbewerbsfähigen und zuverlässigen Route für Erdgas, darstellen könnten. Wir sind jedoch nicht der Meinung, dass die Schwierigkeiten eines Projekts bedeuten, dass Gas nicht sicher ist und nicht als eine realisierbare Option für Deutschland oder für Europa im Allgemeinen betrachtet werden sollte.

Der Gasindustrie ist es gelungen, die Versorgungssicherheit erheblich zu verbessern, indem sie eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Bewältigung von Unterbrechungen und zur Kontinuität der Gasbeschaffung angeboten hat. Die großen Gasversorger verfügen nun über ein diversifiziertes LNG [Liquefied Natural Gas/ Flüssiggas]-/Pipeline-Portfolio, das es ihnen ermöglicht, potenzielle Verzögerungen zu bewältigen, indem sie auf verschiedenen Routen tätig werden. Wir sind der Meinung, dass eine Verzögerung bei einem Projekt von einem Hauptlieferanten leicht bewältigt werden kann, indem er Gas über eine andere Route, wie z.B. LNG, liefert.

Der Schlüsselaspekt für Europa besteht jedoch darin, die geeignete Versorgungsquelle in Betracht zu ziehen und dabei sowohl die Wettbewerbsfähigkeit als auch den ökologischen Fußabdruck des beschafften Gases zu berücksichtigen, da die Umwelt ein wichtiges Anliegen des Kontinents ist. Der GECF als Zusammenschluss der großen Gaslieferanten ist in einer guten Position, um eine sichere, wettbewerbsfähige und umweltfreundliche Versorgung mit Erdgas zu gewährleisten.

Wir sind der festen Überzeugung, dass Erdgas im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Erholungspläne der Länder stehen sollte, insbesondere in der Zeit nach der COVID-19-Pandemie. Abschließend möchte ich zur Zusammenarbeit auf internationaler Ebene aufrufen, um die geopolitischen Spannungen abzubauen und gemeinsam für die Energiesicherheit zu arbeiten. Dieser Geist der Zusammenarbeit wurde auf dem kürzlich abgehaltenen G20-Energieministertreffen (27.-28. September 2020) geäußert, das zwar in seinem Schlusskommuniqué die Arbeit des GECF anerkennt, aber „offene, flexible, transparente, wettbewerbsfähige, stabile und zuverlässige Energiemärkte sowie stabile, vorhersehbare, notwendige, faire und nichtdiskriminierende rechtliche Rahmenbedingungen zur Förderung von Marktstabilität und Investitionen“ fordert.

Generalsekretär Yury Sentyurin

Falls der Bau der Nordstream 2 nicht zu Ende geführt werden sollte, und Deutschland aus politischen Gründen versucht, mit weniger – oder sogar ohne russisches Gas auszukommen – wie könnte das kompensiert werden?

Deutschland wird den Prognosen zufolge bis 2050 der größte Gasmarkt in Europa bleiben und in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre mit rund 100 Milliarden Kubikmetern (Mrd. m3 ) seinen Höchststand erreichen, um dann bis 2050 aufgrund des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien und Verbesserungen der Energieintensität allmählich auf etwa 70 Mrd. m3 zu sinken. Angesichts des Rückgangs des Gesamtenergieverbrauchs im Land wird jedoch erwartet, dass sich die Position von Erdgas stärken und dieser Brennstoff im Jahr 2050 bis zu 27% des Energiemixes ausmachen.

Das größte Wachstumspotenzial bei der Gasnachfrage wird von den Plänen der Regierung zum Ausstieg aus Kohle und Kernenergie ausgehen, die bis 2038 rund 50 Gigawatt der deutschen versetzbaren Erzeugungskapazität verschließen werden. Während die Erneuerbaren Energien den Kapazitätsaufbau dominieren werden, wird auch die Gaserzeugung eine Rolle spielen. Als Ausgleich für die aus dem Netz genommenen Kapazitäten wird Erdgas im Prognosezeitraum den Rückhalt der erneuerbaren Energien sichern. Wir erwarten daher, dass die Gasnachfrage im Stromsektor erst nach 2030 zu sinken beginnt.

Bei genauerem Hinschauen fällt die Prognose allerdings für verschiedene Bereiche sehr unterschiedlich aus: In der Industrie wird die Gasnachfrage nur geringfügig sinken, da dieser Brennstoff bereits die kohlenstoffärmste Option ist, sobald hohe Heiztemperaturen erforderlich sind. Der private und der gewerbliche Sektor werden hingegen einen sehr starken Rückgang verzeichnen. Zeitgleich werden jedoch auch die Gaskessel effizienter, wird – nicht zuletzt durch den verstärkten Einsatz von Wärmepumpen – immer mehr Strom gebraucht werden – und es wird die Entwicklung dezentraler erneuerbarer Heizsysteme voranschreiten.

Das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 begann vor vielen Jahren mit kommerzieller und politischer Unterstützung der EU-Behörden und Unternehmen…

Generalsekretär Yury Sentyurin
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