Wenn der Boden unter dem Haus trocknet: Bringt Dürre einen neuen Gebäudeschaden?
Von Dr. Georg Scholzen und Gerd Warda
In Frankreich reißen nach Dürreperioden die Häuser. Versicherer regulieren Schäden durch schrumpfende Tonböden längst als Naturkatastrophe. Deutschland kennt vergleichbare Bodenverhältnisse – aber bislang keine Schadenkategorie innerhalb der Versicherungswirtschaft.. Was bedeutet das für Gebäudeversicherer und Wohnungsunternehmen?
Ein Riss zieht sich diagonal von der Ecke eines Fensters durch die Fassade. Ein anderer öffnet sich zwischen Außenwand und Anbau. Türen schließen plötzlich nicht mehr richtig. Im schlimmsten Fall bewegt sich ein Teil des Fundaments.
In Frankreich sind solche Bilder nach ausgeprägten Trockenperioden längst Bestandteil der Schadenpraxis. Die Ursache liegt nicht im Gebäude, sondern darunter.
Das Phänomen heißt retrait-gonflement des argiles, kurz RGA: Schrumpfen und Quellen tonhaltiger Böden. Bestimmte Tone verlieren bei langanhaltender Trockenheit Wasser und damit Volumen. Wird der Boden später wieder feuchter, nimmt sein Volumen erneut zu.
Für Gebäude sind vor allem ungleichmäßige Bewegungen gefährlich. Ein Teil des Hauses bewegt sich stärker als ein anderer. Fundamente und Mauerwerk müssen diese Differenzen aufnehmen – bis sie es nicht mehr können. Dann entstehen Risse.
Für Frankreich ist daraus längst kein exotischer Bauschaden mehr geworden. Es ist ein Versicherungsrisiko.
Millionen Häuser liegen in den französischen Risikozonen
Nach Angaben des französischen Versicherungsverbandes France Assureurs sind rund 16 Millionen Einfamilienhäuser grundsätzlich dem Phänomen des Schrumpfens und Quellens von Tonböden ausgesetzt. Rund 10,4 Millionen liegen in Zonen mit mittlerer oder hoher Gefährdung.
Die finanziellen Folgen haben eine Größenordnung erreicht, die auch deutsche Versicherer interessieren sollte.
Für den Zeitraum 1989 bis 2021 wurden in Frankreich Schäden an Einfamilienhäusern von insgesamt rund 16 Milliarden Euro ausgewiesen. Das außergewöhnliche Trockenjahr 2022 verursachte Schäden in Milliardenhöhe. Frankreich behandelt bestimmte trockenheitsbedingte Bodenbewegungen innerhalb seines Naturkatastrophensystems.
Damit existiert dort eine klare Verbindung:
Dürre → Schrumpfen der Tonminerale → Bodenbewegung → Gebäudeschaden → Versicherungsfall.
Deutschland besitzt diese eindeutige Zuordnung bislang nicht. Und genau darin liegt der Ausgangspunkt dieser Serie.
Könnte derselbe Schaden auch in Deutschland auftreten?
Die physikalischen Vorgänge machen an Staatsgrenzen nicht halt. Auch in Deutschland gibt es Ton-, Torf-, Anmoor- und andere Böden, deren Eigenschaften vom Wassergehalt abhängen. Ebenso gibt es einen großen historischen Gebäudebestand mit Gründungen, die unter völlig anderen klimatischen und wasserwirtschaftlichen Bedingungen errichtet wurden.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Deutschland vor einer französischen Schadenentwicklung steht.
Aber es bedeutet, dass Versicherer eine Frage stellen sollten: Wissen wir, welche unserer versicherten Gebäude auf einem Untergrund stehen, der auf zunehmende Trockenheit empfindlich reagieren kann?
Das Münsterland als Untersuchungsraum
Gerade für die Wohnungswirtschaft ist das Münsterland interessant. Die Region verfügt über umfangreiche historische Gebäudebestände. Gleichzeitig kommen lokal grundwassergeprägte, organische und andere setzungsempfindliche Böden vor.
Außerdem gibt es Bodenverhältnisse, bei denen der oberflächennahe Untergrund aus Tonmergel-, Kalkmergel-, Kalk- und Mergelsteinen besteht, wie z. B. in Altenberge. Dort sind Schäden an Gebäuden durch das Schrumpfen von Tonmineralen im Tonmergel bekannt. Beispielsweise musste ein Einfamiliengebäude mit Teilunterkellerung aufwändig mit Stützen angehoben und der Untergrund mit Sand wieder verfüllt werden, um weitere Schäden am Gebäude in Form von Setzungsrissen zu beheben bzw. zu verhindern. Kostenaufwand mehr als 20.000 Euro.
Daher ist dieses Risiko für Privatmenschen schon erheblich. Bei einem anderen Beispiel in der Region wurde der Garagenanbau immer weiter vom Gebäude entfernt bzw. das Garagentor ließ sich nicht mehr öffnen bzw. schließen. Auch hier lagen die Kosten im vierstelligen Bereich.
Umgangssprachlich wird in der Gegend auch von Sommerfrost gesprochen. Dabei können bestimmte Tonarten bis 10 % Volumen durch den Wasserverlust verlieren. Deshalb eignet sich der „Altenberger“ Bodenaushub mit einem hohen Tonmineralgehalt nicht für die Abdichtung der örtlichen Deponie.
Daraus darf keine pauschale Gefährdung des Münsterlandes abgeleitet werden. Die Untergrundverhältnisse können sich innerhalb kurzer Entfernungen erheblich unterscheiden. Aber gerade diese Kleinräumigkeit macht das Thema für Versicherer interessant. Denn klassische Gebäudedaten wie Baujahr, Wohnfläche und Bauart könnten künftig um einen Faktor ergänzt werden: den Untergrund.
Setzung
Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau Baden-Württemberg beschreibt Setzungen als eine der häufigsten Verformungen des Untergrundes. Entscheidend sei für Bauwerke weniger die absolute Absenkung als vielmehr der Unterschied zwischen einzelnen Bereichen. Kann das Gebäude diese Bewegungen aufgrund seiner Steifigkeit nicht aufnehmen, entstehen Spannungen und Risse. Wasserentzug kann dabei insbesondere bei tonhaltigen Böden eine Volumenabnahme verursachen.
Typische Warnsignale sind diagonale Risse von Fenster- oder Türöffnungen, Risse an Gebäudeecken, klemmende Türen und Fenster oder sichtbare Verschiebungen zwischen verschiedenen Gebäudeteilen.
Besonders aufmerksam sollten Eigentümer bei älteren Gebäuden auf wenig tragfähigem Untergrund sein. Gründerzeitliche Gebäude wurden lange vor modernen geotechnischen Erkundungen, Bemessungsregeln und heutigen Gründungstechniken errichtet. Je nach Standort stehen ihre Fundamente auf sehr unterschiedlichen Bodenarten und Gründungssystemen.
Für historische Bauten ist der Mechanismus seit Langem bekannt. Eine Untersuchung der TU Braunschweig zur Rissbildung in historischem Mauerwerk beschreibt ausdrücklich, dass Veränderungen des Grundwasserspiegels insbesondere bei Torf und weichem Ton Setzungen verursachen können. Auch die Austrocknung bindiger Böden kann sogenannte Schrumpfsetzungen auslösen.
Der Geologische Dienst Nordrhein-Westfalen liefert dazu eine bemerkenswerte Größenordnung: Sinkt bei Niedermooren der Wasserstand, wird der Torf belüftet und zersetzt sich. Der dadurch verursachte Torfschwund kann nach Angaben des GD NRW zu Moorsackungen von etwa 0,5 bis 3 Zentimetern pro Jahr führen.
Das ist für Gebäude eine ganz andere Dimension als ein Haarriss im Putz.
Der Versicherer sieht zunächst nur einen Riss
Genau hier beginnt das Problem der Schadenpraxis. Ein Eigentümer meldet keinen „Schaden“. Er meldet einen Riss. Der Versicherer muss anschließend feststellen, warum dieser Riss entstanden ist.
War es ein Baumangel? Eine alte Setzung? Eine Baumaßnahme auf dem Nachbargrundstück? Eine Grundwasserabsenkung? Ein Leitungsdefekt? Oder tatsächlich eine trockenheitsbedingte Veränderung des Bodens?
Frankreich zeigt, wie wichtig diese Kausalitätsprüfung werden kann. Dort benötigen Versicherer entsprechende Sachverständige, um einen Rissschaden einer Dürreperiode und der Bodenbewegung zuordnen zu können. Damit entsteht neben dem eigentlichen Schaden ein zweites Risiko: das Diagnoseproblem.
Und wenn nicht die Wand, sondern das Rohr nachgibt?
Für deutsche Gebäudeversicherer könnte ein anderer Zusammenhang sogar wichtiger werden als der Riss selbst.
Bewegt sich ein Gebäude gegenüber seinem Untergrund, werden nicht nur Fundamente und Wände beansprucht. Problematisch wird es, wenn ein Wasserschaden gemeldet wird, weil durch die Setzung eine wasserführende Rohrleitung beschädigt wurde. Auch Leitungen müssen Bewegungen aufnehmen. Besonders an Hausanschlüssen, Gebäudeeinführungen, Muffen und Übergängen können zusätzliche mechanische Belastungen entstehen. Der Versicherer sucht die Schadenstelle und kann vielleicht keinen Zusammenhang zwischen der Setzung des Gebäudes aufgrund der Trockenheit und dem Riss in der Leitung erkennen.
Daraus ergibt sich eine zweite mögliche Schadenkette:
Dürre → Bodenbewegung → Gebäudesetzung → mechanische Belastung der Leitung → Rohrbruch → Leitungswasserschaden.
Und damit landet das Problem mitten in einer der größten Schadenpositionen der deutschen Wohngebäudeversicherung.
Vielleicht kennen wir den Schaden längst – nur unter einem anderen Namen
Das ist die zentrale These dieser Serie. Möglicherweise muss Dürre gar keine völlig neue Schadenart erzeugen. Sie könnte eine neue Ursache einer längst bekannten Schadenart werden. Wenn ein Rohr infolge einer Bodenbewegung bricht, erscheint der Schaden in der Statistik zunächst als Leitungswasserschaden. Doch wird auch gespeichert, warum das Rohr gebrochen ist? Wenn diese Information fehlt, könnte ein klimabedingter Trend lange unentdeckt bleiben.
Die Frage an die Versicherer
Deshalb beginnt diese Serie nicht mit der Behauptung, Deutschland habe ein neues Massenschadenproblem.
Sie beginnt mit einer Frage: Erfasst die Versicherungswirtschaft überhaupt die Daten, mit denen sie erkennen könnte, ob ein solches Problem entsteht?
Frankreich zeigt, wie groß trockenheitsbedingte Gebäudeschäden werden können. Deutschland hat jetzt die Chance, früher hinzusehen. Denn der nächste Klimaschaden muss nicht durch das Dach oder die Kellertür kommen. Er könnte unter dem Fundament beginnen.
Ausblick auf Teil 2
Im nächsten Teil geht es um die entscheidende Versicherungsfrage: Was passiert, wenn die Bodenbewegung selbst nicht versichert ist – aber dadurch eine versicherte Wasserleitung bricht?


