Die Gasversorgung in Deutschland rückt wieder stärker in den Fokus. Grund sind die aktuell niedrigen Füllstände der deutschen Gasspeicher. Mit knapp 50 Prozent liegen diese auf einem für die Jahreszeit historisch niedrigen Niveau. Die Bundesnetzagentur hat die Energieversorger dazu aufgerufen, ausreichend Gas für die kommende Heizperiode einzuspeichern.
Eine akute Gasmangellage bedeutet dies jedoch nicht. Deutschland verfügt inzwischen über eine deutlich breitere Versorgungsstruktur. Neben Pipelineimporten steht mit den LNG-Terminals unter anderem in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und an der Ostseeküste zusätzliche Importinfrastruktur zur Verfügung.
Die entscheidende Frage ist daher weniger, ob ausreichend Gas verfügbar sein wird, sondern zu welchem Preis.
Weniger Speicher bedeutet weniger Risikopuffer
Gut gefüllte Gasspeicher reduzieren die Abhängigkeit von kurzfristigen Einkäufen am internationalen Markt. Bei niedrigen Speicherständen fällt dieser Puffer geringer aus. Treffen ein kalter Winter, geopolitische Spannungen oder eine steigende internationale LNG-Nachfrage zusammen, können die Gaspreise entsprechend stark reagieren.
Gleichzeitig haben sich die Abhängigkeiten verändert. Die frühere Abhängigkeit von russischem Pipelinegas wurde erheblich reduziert, dafür haben LNG-Importe – insbesondere aus den USA – an Bedeutung gewonnen. Die Versorgung ist damit breiter aufgestellt, geopolitische Risiken bleiben jedoch bestehen.
Versorgungssicherheit und Preisrisiko müssen getrennt betrachtet werden. Auch wenn physisch genügend Gas verfügbar ist, kann dessen Beschaffung in einer angespannten Marktsituation erheblich teurer werden.
Was können Unternehmen tun?
Für Immobilien- und Wohnungsunternehmen sowie Verwalter ist eine vorausschauende Beschaffungsstrategie entscheidend. Über den Terminmarkt können benötigte Mengen bereits mehrere Jahre vor dem eigentlichen Lieferzeitraum preislich abgesichert werden.
Gerade die Entwicklung des Lieferjahres 2027 zeigt, welchen Unterschied der Beschaffungszeitpunkt machen kann. Unternehmen, die frühzeitig eingekauft haben, befinden sich heute in einer deutlich günstigeren Risikoposition als Marktteilnehmer, die ihre Mengen noch beschaffen müssen.

Preisrisiken und Beschaffungsstrategien gelten analog auch für Strom
Aufgrund der Merit Order gelten die o. g. Risiken und Strategien ebenfalls für den Stromeinkauf. Merit Order bedeutet, dass das teuerste Kraftwerk den Strompreis an der Börse bestimmt und die teuersten Kraftwerke sind i. d. R. Gaskraftwerke.
Eine professionelle Energiebeschaffung sollte daher nicht nur das nächste Lieferjahr betrachten. Je nach Preisniveau können auch die Jahre 2028 bis 2031 frühzeitig in die Strategie einbezogen werden.
Entscheidend ist die eigene Markteinschätzung: Langfristige Verträge sind besonders dann sinnvoll, wenn das aktuelle Preisniveau attraktiv erscheint. Bei als hoch eingeschätzten Preisen können kurzfristigere oder spotmarktnahe Beschaffungsmodelle eine Alternative darstellen.
Fazit
Die niedrigen Speicherstände bedeuten aktuell keine unmittelbare Gasmangellage. Sie reduzieren jedoch den Sicherheitspuffer und erhöhen damit insbesondere das Preis- und Beschaffungsrisiko.
Für Unternehmen gilt daher: Nicht nur die Verfügbarkeit von Gas ist entscheidend, sondern auch der Preis, zu dem zukünftige Mengen beschafft werden können. Wer mehrere Jahre vorausblickt und attraktive Terminmarktpreise gezielt zur Absicherung nutzt, kann die Auswirkungen zukünftiger Markt- und Versorgungskrisen deutlich reduzieren.
Stefan Strenge, Geschäftsführer Hansa Energie Service GmbH (HES)


