Zukunftsfähig bedeutet regenerativ

ReGenerativa ist eine Plattform, die Kunst, Wirtschaft und Innovation zusammenbringen will, um drängende Probleme zu lösen. Ihr Ziel: Regeneration. Wir reden mit dem Gründer der Initiative, Christoph Thun-Hohenstein, darüber, was das auch für das Wohnen bedeuten kann.
FRANZISKA LEEB

„Am Anfang muss immer die Frage stehen, wie kann ich Zukunft im Einklang mit der Natur und nicht auf deren Kosten gestalten?“ Christoph-Thun Hohenstein setzte sich bereits als Direktor des Wiener MAK für neue Visionen von Fortschritt, Ideen für einen positiven Wandel und ein Mindset für Klimafürsorge ein und führte diesen Fokus auch als Sektionsleiter für Internationale Kulturangelegenheiten im Außenministerium fort. Ferner initiierte er die Klima Biennale Wien, die heuer im April und Mai das zweite Mal stattfinden wird und zuletzt rief er die Zukunftsplattform ReGenerativa ins Leben. Das große G darin steht für Generativität, das Sorgetragen um künftige Generationen und für den Generationendialog, den es braucht, um gemeinsam ein neues Narrativ zu entwickeln.

Regeneration bedeute mehr als Nachhaltigkeit, betont Thun-Hohenstein, sie sei ein „radikaler Mindset- Change“, da sie die konsequente Ausrichtung menschlicher Zivilisation an der Natur, als deren Teil wir Menschen uns empfinden, verlange. „Diese Denkweise ist der Ausgangspunkt für konkrete Transformationsschritte mit Augenmaß. Kreislaufkultur ist dabei ein zentraler Aspekt.“

Christoph Thun-Hohenstein im Gespräch mit dem Soziologen Nikolaj Schultz zum Auftakt des inhaltlichen Vorbereitungsprozesses des für Herbst 2026 geplanten ersten All-Generations Ideas Summit: ReGeneration.
Foto: eSeL.at/LorenzSeidler, Stadtgemeinde Tulln, eSeL.at/LorenzSeidler

Der Zukunftskurator, wie er sich selbst bezeichnet, ist kein realitätsfremder Träumer, der wirtschaftliche Machbarkeiten ignoriert: „Die hohe Kunst der Regeneration besteht darin, dieses neue Mindset mit fairer, aber nicht unbegrenzter Umsetzungsflexibilität zu verknüpfen.“ Eine Schlüsselrolle könnten dabei wirkmächtige Technologien wie Generative KI – auch dafür steht das G – spielen; Allheilmittel seien sie keines.

Bis 2100 denken

Noch nie zuvor sei angesichts des Klimawandels und der rasanten Entwicklungen bei Künstlicher Intelligenz die persönliche Zukunft so eng mit der Zukunft der Menschheit und der Erde verwoben gewesen. Da alle, die seit 2000 geboren wurden, zumindest im Globalen Norden exzellente Aussichten hätten, noch zu Ende unseres Jahrhunderts zu leben, lautet die magische Zahl der ReGenerativa 2100. Mit der Methode des Backcasting, bei der man sich eine erstrebenswerte Zukunft ausmalt, gilt es nun zu überlegen, was von diesem Zukunftsbild ausgehend schrittweise zu tun ist, um es zu realisieren. Und da gäbe es „nur ein Gestaltungskonzept, das sich als Wegweiser für die Gegenwart und die nächsten fünf Jahre genauso gut eignet wie für ein Dreivierteljahrhundert in die Zukunft: Regeneration“.

Was bedeutet das für die Wohnpolitik und Wohnungswirtschaft? „Qualitätsvolles, erschwingliches Wohnen ist ein gesellschaftliches Grundbedürfnis und zugleich Voraussetzung für funktionierende Demokratien. Es wird diesen Anforderungen nur gerecht, wenn es zukunftsfähig geplant wird.“

Regeneratives Wohnen

Zukunftsfähig bedeutet regenerativ. Also so zu planen, zu bauen (oder umzubauen) und zu leben, dass es zu Klimaschutz und -anpassung, zur „Heilung“ von Ökosystemen und zur Verbesserung der Umwelt wie auch des sozialen Zusammenhalts aktiv beiträgt und dadurch lebenswichtige Systeme dauerhaft stärkt. Regeneratives Wohnen müsse daher in Städten wie im ländlichen Raum ganzheitlich und mit Fokus auf Lebenszykluskosten gedacht werden. Das bedeutet, dass Wohnen in all seinen Aspekten einen deutlichen Mehrwert erzielt.

So gehe es darum, in den Außenbereichen, aber auch im Innenraum mehr Natur zu generieren, Biodiversität zu erhöhen und die Bodenqualität zu verbessern. Weiters gilt es, mehr Energie zu erzeugen als zu verbrauchen, mehr biobasierte, kreislauffähige und regionale Baumaterialien zu verwenden und mehr Sorgfalt im Umgang mit Lebensmitteln und Wasser walten zu lassen. Es bedeutet zudem, mehr soziale Beziehungsqualitäten und mehr Beziehungsreichtum zur Natur und anderen Spezies zu schaffen und mehr partizipative Demokratie in Grätzl und Gemeinde zu ermöglichen. Ein enormes Potenzial liegt dabei im öffentlichen Raum.

In Tulln wurde ein Parkplatz zum Stadtpark, Gestaltung: DnD Landschaftsplanung

Park statt Parkplatz

Am Beispiel des Nibelungenplatzes im niederösterreichischen Tulln an der Donau sieht man heute schon, wie sehr eine regenerative Denkweise in der Stadtentwicklung die Lebensqualität für angrenzende Betriebe, Wohnhäuser und die ganze Stadt sowie ihre Gäste zum Besseren wenden kann. In zentraler Lage an der Donaulände und um das Rathaus wurde ein riesiger Parkplatz zum Park.

Unterschiedliche Beteiligungsformate und Kommunikationsschienen sorgten dafür, dass die Bürgerinnen und Bürger mitentscheiden konnten und für die Volksbefragung, die drei Varianten der Umgestaltung zur Wahl stellte, umfangreich mit relevanten Fakten – und wohl auch eindrücklichen Zukunftsbildern – versorgt waren. Mit einer Mehrheit von 60 Prozent fiel die Entscheidung zugunsten der größten Variante. Dabei blieben von 211 Stellplätzen nur 55 übrig, wobei das weitgehend entsiegelte Karree des Parkplatzes bei Bedarf gesperrt und für Veranstaltungen genutzt werden kann.

Die Bäume wurden nach dem Schwammstadt-Prinzip gesetzt, womit viel Niederschlagswasser gespeichert wird und sich gesunde Bäume mit großen Kronen entwickeln können. Es gibt ruhige, an die Atmosphäre des Auwalds anknüpfende Bereiche und solche, an denen sich geselliges Leben entfalten kann. Es gibt Bereiche, die dank der Ausstattung mit USB-Ladestationen zur mobilen Arbeit im Freien einladen und andere, wo der Ausgleichssport stattfinden kann.

Viel neue Natur, die den Naturraum an der Donau hinein in die Stadt erweitert, ist gepaart mit modernen digitalen Lösungen wie der elektronischen Erfassung freier Kurzparkplätze, WLAN am ganzen Platz und einer digitalen Messung von Bodenfeuchte, Temperatur und Leitfähigkeit des Untergrunds, auf deren Basis die Bewässerung effizient gesteuert wird.

„Regenerative Häuser und Wohnungen sowie ihr Umfeld sind lebendige Öko- und Sozialsysteme. Sie sind zugleich – im Sinn eines Regenerativen Digitalen Humanismus – gemeinschaftliche Plattformen für die Verteidigung menschlicher Würde im KIZeitalter sowie für die kluge Nutzung zukunftsweisender Teamintelligenz und -kreativität von Mensch und KI“, bringt Christoph Thun-Hohenstein das Beste aus verschiedenen Welten zusammen. „Von der Quantität zur erschwinglichen Qualität, von der Gleichgültigkeit zur Wertschätzung von Dingen und Umwelt, das sind die zwei wesentlichen Punkte, die das Konzept der Regeneration von dem unterscheiden, was wir derzeit großteils leben.“


Buchtipp

In seinem neuen Buch „Zukunftsmutig“ ermuntert Christoph Thun-Hohenstein in kurzweiligen, zwischen Realität und Fiktion changierenden Texten auf Basis einer „regenerativen Zukunftsleiter“ dazu, nicht vor der Macht des Kapitals zu kapitulieren, sondern die Zukunft positiv zu sehen und sich mit Freude an ihrer Gestaltung zu beteiligen. € 26,–,
ISBN: 978-3-218-01499-1
Verlag Kremayr & Scheriau


Entgeltliche Einschaltung. Profil-Bericht mit finanzieller Unterstützung der Plattform ReGenerativa – www.regenerativa.eu

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