Es war ein langer Weg und bedurfte konsequenter Dialoge, in einem nahezu 30jährigen Prozess ein praxisorientiertes Handlungsprogramm zur strategischen Stärkung der kommunalen Grün- und Freiraumplanung für die Stadt der Zukunft schrittweise zu entwickeln.
Ausgelöst durch das BMEL (heute BMELH) zur EXPO 2000 und dem inkludierten 1. Weltkongress zur Thematik der Vitalität und Gesundheit des Stadtgrüns (Plant Health in Urban Horticulture) in Braunschweig wurde 2015 zunächst das Grünbuch Stadtgrün „Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft“ unter Federführung des damaligen BMUB in enger Kooperation mit 7 weiteren Bundesministerien herausgegeben, dem in der Aufarbeitung der Thematik 2017 das Weißbuch Stadtgrün folgte. Stets waren Berufsverbände, Bundesinstitute, wissenschaftliche Forschungsinstitutionen, Stiftungen und Vereine in einem intensiven Dialog zu urbanen Aspekten eingebunden, die sich als Ergebnis in 10 Handlungsfeldern im Weißbuch wiederfinden.
Gemeint ist ein transparenter und offener Prozess mit dem Ziel, die Städte lebenswerter, nachhaltiger, sozial- und umweltverträglicher zu gestalten. Letztlich sollen auch die politisch festgelegten Klimaziele erreicht, die Biodiversität verbessert und die Erfüllung der EU-Verordnung „Wiederherstellung der Natur“ unterstützt werden.
4. Bundeskongress „Grün in der Stadt“


Daher war es konsequent, im Weiteren den Wissenstransfer aus der Forschung in breite Bereiche der „grünen Praxis“ voranzutreiben, den Erfahrungsaustausch zwischen allen Akteuren weiter zu verstetigen, Ergebnisse aus Forschungsprojekten und Modellvorhaben des Bundes auszuwerten und Erkenntnisse aus Expertisen und Fachwerkstätten aufzuarbeiten.
Unter Federführung des heutigen Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) und des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mündet all dieses jetzt in der sog. „Agenda Stadt grün-blau“, die nach Abstimmung mit 9 Bundesressorts jetzt der Öffentlichkeit beim 4. Bundeskongress „Grün in der Stadt“ von Bundesministerin Verena Hubertz in der Berliner Malzfabrik am 7.5.2026 vorgestellt wurde (Abb. 1).
In Präsenz und im online-stream verfolgten viele Akteure den Erklärungen zur Agenda. Sie baut auf dem Weißbuch Stadtgrün von 2017 auf und richtet sich an Kommunen, Bundesressorts und Fachakteure. Die Agenda bündelt Strategien und Maßnahmen für klimaresiliente, gesunde und lebenswerte Städte – entlang der vier Fokusthemen grün-blau vital, grün-blau gesund, grün-blau sozial und grün-blau statt grau. (Abb. 2)


Abb. 2: Kurzdarstellung der Agenda auf Roll-ups, die die Diskussion unter den Beteiligten anregte
Die Agenda unterstützt eine nachhaltige Entwicklung von Grün und Wasser – der sogenannten grün-blauen Infrastruktur (GBI) – in den Kommunen in Deutschland und versteht sich als ein Handlungsprogramm des Netzwerks Weißbuch Stadtgrün. Auch geht sie auf veränderte Rahmenbedingungen ein, die sich insbesondere aus der Coronapandemie, den zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels und weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen ergeben. Sie bündelt daher wenige besonders umsetzungsrelevante Maßnahmen in den ausgewählten Fokusthemen und will der Arbeit des Netzwerks neue Impulse geben.
In der Kurzfassung thematisiert die Agenda:
Grün-blau vital – Städte wassersensibel entwickeln
- Regenwasser rechtlich als Ressource behandeln
- Urbane Wasserkreisläufe stärken
- Schwammlandschaften entwickeln
Grün-blau gesund – Gesundheit schützen und fördern
- Mental gesund durch Erholung und Naturerleben
- Hotspots zuerst naturbasiert entlasten
- Sportability: Grüne Freiräume für offene Bewegung
Grün-blau sozial – Freiräume gemeinschaftlich und gerecht nutzen
- Grünräume für soziale Interaktion gestalten
- Teilhabe durch soziale Angebote stärken
- Unterschiedliche Nutzungen moderieren
Grün-blau statt grau – Raumpotenziale neu gewinnen und vernetzen
- Straßenarbeiten für grün-blauen Stadtumbau nutzen
- Bundesweiten Entsiegelungswettbewerb unterstützen
- Schulhöfe ökologisch und klimaangepasst umgestalten und öffnen
- Wohnumfeld mit übertragbaren Lösungen wirksam begrünen
- Rad- und Fußwegesysteme und Grünvernetzung gemeinsam entwickeln
Grün-blau kompetent
- Dieses Fokusthema wird bis Herbst 2026 erarbeitet. Es setzt sich im Querschnitt mit Instrumenten, integrierten und partizipativen Planungsprozessen, Daten und Finanzierung auseinander.
Das Weißbuch Stadtgrün bleibt weiterhin Grundlage und gültiger Rahmen, die Agenda baut darauf auf und ergänzt es um aktuelle Themen und Handlungsbedarfe. Die vorgeschlagenen Ziele und Maßnahmen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wollen gezielt Schwerpunkte für die kommenden Jahre setzen. Die vollständige Fassung ist nachzulesen: www.gruen-in-der-stadt.de.
Sehr zum Bedauern der Teilnehmer wurde die Agenda lediglich in Kurzvorträgen und einer gelenkten Podiumsdiskussion dargestellt, Fragen aus dem Publikum konnten kaum gestellt werden. In den Pausen bei Kaffee und Snacks ergaben sich jedoch Möglichkeiten zum kritischen Austausch.
Dafür war im Programm u.a. ein Keynote-Vortrag von Maria Vassilakou, der ehemaligen Wiener Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung vorgesehen. Sie begeisterte die Zuhörer, indem sie ihr positives Wirken in der Wiener grün-blauen Stadtentwicklung überzeugend und gut illustriert darlegte (Abb. 3). Sie plädierte dafür, interdisziplinär und mit klar definierten Zielen vorzugehen. Sie definierte: „Eine gute Stadt ist dort, wo wir leben wollen.“


Abb. 3: Keynote-Sprecherin Maria Vassilakou bei ihrem Vortrag zu „Wien als lebenswerteste Stadt der Welt“
In nachfolgenden Ressortrunden, gelenkten Diskursforen und Stimmen aus dem Netzwerk wurden unterschiedliche Aspekte dargelegt. Hier kamen auch Berufsverbände zu Wort, u.a. begrüßte BGL-Präsident Thomas Banzhaf die neue „Agenda Stadt grün-blau“ des Bundes ausdrücklich. Das beim Bundeskongress „Grün in der Stadt“ vorgestellte Handlungsprogramm setzt aus seiner Sicht wichtige Impulse für klimaangepasste, lebenswerte Kommunen – von Entsiegelung und wassersensibler Stadtentwicklung bis hin zu Gesundheitsförderung und nachhaltiger Pflege urbaner Grünflächen.
Er forderte nun eine schnelle und verbindliche Umsetzung vor Ort sowie eine stärkere Unterstützung der Kommunen. Auch sah er sich bestätigt, dass das kontinuierliche Engagement des BGL zu diesem Thema sich jetzt auszahle. „Unser Ziel ist, dass Pflege, Bewässerung und Entwicklung ein fester Bestandteil von Förderprogrammen werden“, kommentierte der BGL-Präsident in einer nachfolgenden BGL-Pressemitteilung. Inwieweit sich der BGL selbst durch interne Optimierungsprozesse im gewünschten Netzwerk aktiv beteiligen wird, lies er allerdings offen.
Der Bundeskongress endete bei vielen Teilnehmern mit dem Gefühl, dass zwar die Agenda gute Ziele beschreibt, aber viele Fragen offen sind und Details noch der Klärung bedürfen. Neben der finanziellen Ausstattung von Förderprogrammen ist es wohl an dem Netzwerk Weißbuch Stadtgrün, den Gesamtprozess weiter mit Leben zu füllen.
Prof. Dr. habil. Hartmut Balder, Institut für Stadtgrün



