KI kann nicht alles

Zentrale Thesen von Architektin Mariya Korolova sind, dass Künstliche Intelligenz zwar hilfreich und bedeutend ist, jedoch keinesfalls alles leisten kann und dass kritisches Denken daher unverzichtbar bleibt.
PETER REISCHER

Wann haben Sie in Wien zu studieren begonnen?

Ich bin 2013 nach meinem Architekturstudium aus der Ukraine nach Wien gekommen, um meinen Traum zu verwirklichen und an der Universität für angewandte Kunst bei Zaha Hadid zu lernen. Während meines Studiums habe ich eine Unterbrechung eingelegt und war im Rahmen des Olympiastadion- Projekts in Tokio tätig, den Wettbewerb dafür hatte Hadid gewonnen. Das Projekt wurde aber gestoppt. Später kam dann Kazuyo Sejima (Architekturbüro SANAA) an die Angewandte. Bei ihr habe ich mein Diplom gemacht. Jetzt bin ich dabei, meine Doktorarbeit zum Thema „Angewandte KI in Architektur und Bildung und die sich wandelnde Rolle des Architekten“ abzuschließen.

Wie weit haben diese zwei Personen Sie in Ihrer Architekturphilosophie beeinflusst?

Am Anfang habe ich sehr Zaha Hadid nachgeeifert. Sie hat alle Grenzen durchbrochen und bei ihren Versuchen immer wieder Grenzen überschritten, um interessante Kombinationen in der Architektur zu erzielen. Sie experimentierte sehr viel. Dieser Geist des Probierens, der Implementierung neuer Technologien hat mich sehr beeinflusst und inspiriert. Kazuyo Sejima hatte viel mehr Wert auf Gefühle gelegt, auf die Persönlichkeit des Menschen, auf Raum und die Umgebung und wie wir Emotionen darin schaffen können.

Sind Sie heute mehr Forscherin oder Unternehmerin?

Jetzt bin ich eigentlich mehr Forscherin, ich bin Senior Scientist beim Institut für immobilienwirtschaftliche Forschung (IPRE, Institute of Property Research) und mache auch viele Forschungen an der Red TU Wien (Real Estate Development and Project Management an der TU Wien). Ich fokussiere mich sehr auf Künstliche Intelligenz und versuche, bei der Lehre die Punkte zu finden, die dafür wichtig sind. Da suche ich dann Beispiele aus dem realen Leben zu finden und sie zu integrieren.

Was wollen Sie erreichen?

Ich denke, dass es wichtig ist, immer weiterzudenken, aber zur gleichen Zeit kritisch zu bleiben und die menschliche Perspektive des Geschehens zu betrachten. Und gleichzeitig an die Grenzen zu gehen. Für mich gibt es kein spezielles Ende, es ist ein immer vorwärtsschreitender Prozess.

Beeinflusst die KI den Wohnbau bereits oder wird sie ihn beeinflussen?

Noch nicht direkt im Entwurfsprozess, sondern eher im Hinblick auf Verständnis und Kommunikation. KI automatisiert bereits viele Aufgaben wie E-Mail-Kommunikation, Vertragsprozesse und Teile des Prototyping und Renderings. Wenn Probleme zwischen einzelnen Partnern (Nutzer:innen und Architekt:innen oder sogar Behörden) auftreten, kann KI dabei helfen, (die Bedürfnisse und Ziele) besser zu verstehen und Lösungen zu finden. Das größte Potenzial sehe ich jedoch vor allem in den Bereichen Kommunikation und Prozessintegration. KI kann dafür genutzt werden, wird aber nicht immer.

Wo finde ich KI und die erwähnte Kommunikation beim „Smart Home“?

Man muss zuerst feststellen, wer baut und wofür die Architektur genutzt werden soll. Das muss festgeschrieben werden, dann hilft KI, um durch die Gespräche und Auseinandersetzungen zu führen. Wir machen da auch Versuche mit der Kommunikation von KI zum Menschen und vom Menschen zur KI.

Die KI hat rein funktionale, logische Kriterien?

Ja, die KI versteht den Raum nicht so wie der Mensch, sondern mehr als Bild, als Linien und Koordinaten, vielleicht Pixel. Da müssen wir die Architektur integrieren. Wenn wir das Ziel verstehen, die psychischen Bedürfnisse der Nutzer:innen, die persönliche/menschliche Ebene, dann müssen wir das umkodieren auf die architektonische Logik – wie Räume ineinandergreifen und wirken. KI kann das noch nicht sehr gut.

Sehen Sie in der Verwendung der KI im Wohnbau mehr Vor- oder Nachteile?

Im Moment versucht man, so viel wie möglich KI überall zu integrieren, mit viel Geld, Zeit und Aufwand. Es geht oft darum, sagen zu können: „Wir benutzen KI in unserer Firma“. Es bedeutet viel Vertrauen der Investor:innen und der Öffentlichkeit aber bei genauem Hinschauen bringt es nicht den gewünschten Erfolg. Das bringt Rückschläge und die Ansicht, dass KI nicht geeignet ist. Aber man muss sehr tief in die Materie eintauchen und genau definieren, welche Prozesse und Ziele damit erreicht werden können – denn es geht nicht nur darum, Dinge schneller und effizienter zu erledigen, oder mehr Kund:innen und Aufträge zu generieren.

Aber eigentlich geben wir damit Entscheidungen und Kontrolle ab und übertragen sie an Computer und Maschinen?

Ja, das tun wir, aber wir müssen die richtigen Fragen stellen. KI gibt immer eine Antwort, aber bei blöden Fragen erhalten wir auch blöde Antworten.

Was passiert mit einem „Smart Home“ beim Blackout?

Die letzte Entscheidung und Kontrolle sollen immer beim Menschen liegen. Wir lagern nicht alles an die KI aus. Sie ist eine Hilfe, ein Werkzeug wie ein Teammitglied.

Aber was passiert, wenn der Strom weg ist, da funktioniert die KI sowieso nicht mehr, und auch alles andere (Elektrische) im Haus ist tot!

Ich komme aus der Ukraine und dort sind wir solche Zustände seit einigen Jahren gewohnt. Die Menschen adaptieren sich einfach, verzichten eine Zeit lang auf den Strom und versorgen sich mit Generatoren.

Mariya Korolova studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien bei Zaha Hadid & Kazuyo Sejima von SAANA. Seit 2023 ist sie KIForscherin und Dozentin an der TU Wien, Fakultät für Architektur, seit 2025 ist sie außerdem als Beraterin für die strategische Implementierung von KI in Geschäftsprozessen tätig.

Meilensteine
Gründung des Runden Tischs „KI in der Kreativwirtschaft“ zur Organisation von Forscher:innen, Rechtsexpert:innen und Praktiker:innen
- Symposien: „KI: Architekturinnovation” (2023), „Die Zukunft der Kreativwirtschaft und des geistigen Eigentums im Zeitalter der KI” (2026).
- Vortrag bei der TU Wien- Arbeitsgruppe „KI in der Lehre“

Wenn alles in der Architektur immer digitaler wird, fehlt der Mensch in dem Konzept?

Ich hoffe und glaube auch, dass nicht alles zentral gesteuert sein wird. Eigentlich steuern wir eher auf Dezentralisierung zu. Wir müssen immer irgendwie fähig sein, unser Heim/Haus zu betreiben und zu steuern.

Wie weit wird KI unsere Architektur und unser Verständnis vom Wohnbau verändern?

Ich glaube, es wird alles viel schneller werden, hoffentlich nicht nur beim Zeichnen und Rendern, sondern auch beim Bauen und bei der Zugänglichkeit. Aber wir haben auch das Problem einer Gleichschaltung, wenn alles sehr ähnlich wird. Denn wenn wir die menschliche Kreativität und Perspektive weglassen, handelt die KI nur aufgrund der bereits im Internet existierenden Daten. Dann entstehen immer gleiche Dinge und wir verlieren unser kulturelles Erbe, dann überschwemmt die Globalisierung alles.

Kann man die KI in der Architektur mit der Forderung nach Nachhaltigkeit vereinen?

Natürlich! Die Architekt:innen oder die Manager:innen müssen diese Richtung immer im Kopf haben, manchmal bekommt man von der KI Vorschläge für neue Materialien oder Designs, die man nicht bedacht hatte. Dann kann man das implementieren. Man kann heute solaren Eintrag, Temperaturerhöhungen, klimatische Änderungen sehr einfach mit KI in die Planung integrieren. Aber ich bin sehr skeptisch, KI als globales Passwort für Lösungen zu verwenden, denn in vielen Fällen ist es nur maschinelles oder algorithmisches Lernen.

Glauben Sie, dass KI zur Rettung der Welt beitragen kann?

Das hängt nur von den Menschen ab. Wir programmieren KI, wir wissen, was wir brauchen und wollen. In vielen Fällen ist das schwierig, weil auch der Markt reguliert. Money rules the World und wenn man die Welt retten will, muss man selbst etwas dafür tun.

Dann heißt das aber auch, dass wir neue moralische und ethische Richtlinien in der Architektur brauchen?

Ja, im kritischen, philosophischen und moralischen Denken sicher. Wir kommen zurück zu einer Renaissance und die Fähigkeit zum kritischen Denken ist unerlässlich.

Kommentar

Lesen Sie die nächsten Artikel dieser Ausgabe

Lesen Sie Artikel zum selben Thema