Kohlenstoffsenke Gebäude

Am zweiten „CEPS Construction Day“ in Brüssel, unter der Schirmherrschaft der Forschungsplattform ReConstruct, die vom Fachverband Steine-Keramik unterstützt wird, wurden mit hochrangigen Expert:innen der EU neue politische und technologische Entwicklungen im Zusammenhang mit Baumaterialien und Gebäudebestand diskutiert.

Besonders im Fokus stand das Thema „Gebäude als Kohlenstoffsenke“ und die Frage, wie sich die gebaute Umwelt – einschließlich Planung, Gestaltung, Baumaterialien, Energieversorgung und Mobilität – verändern muss, um die Ziele der EU in Bezug auf CO₂- Einsparung, leistbares Wohnen und Resilienz erreichen zu können. Stefan Schleicher vom Wegener Center der Universität Graz strich hervor, dass auf dem Weg dorthin zukünftig ein neues Verständnis von Gebäuden erforderlich sei und dass dabei Bereiche wie Nutzung von 100 Prozent erneuerbarer Energie, thermische Betonteilaktivierung, Wärmepumpen und integrierte Kontrolle der Haustechnik wesentliche Bestandteile dieser Weiterentwicklung sein werden.

Zusätzlich unterstrich Schleicher seine Auffassung, dass der sogenannte „Digitale Zwilling“ die neue Normalität in Gebäuden darstellen werde und verwies dabei auf erfolgreiche Beispiele in der Schweiz, wo bei zukunftsweisenden Quartierlösungen die oben genannten Komponenten mittels Digitalisierung der Haustechnik optimal eingesetzt werden. Allein der Name „Klima- und Innovationsgesetz“ der Schweiz verweist für Schleicher bereits darauf hin, wie ernst das Land das Thema nimmt – Unternehmen erhalten Förderungen, wenn sie einen Netto-Null-Fahrplan vorlegen.

Nina Neumann von der Generaldirektion Energie der Europäischen Kommission, DG Ener, sprach Energiearmut, Energiekosten und ihre negativen Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der EU-Märkte an – die Lösung liegt in der Steuerung des Energieverbrauchs auf der Nachfrageseite. Nach der Reduktion der betriebsbedingten Gebäudeemissionen durch Umsetzung der EPBD muss das Thema graue Emissionen im Lebenszyklus von Gebäuden in Angriff genommen werden. Dazu sollen Leitmärkte für Lowcarbon- Baustoffe entwickelt und ein Umsetzungspfad erstellt werden. Neumann kündigt einen delegierten Rechtsakt zur Finanzierung der Gebäuderenovierung sowie den Affordable Housing Plan für Ende 2026 an.

Regenerative Methode

Christian Holzleitner von der Generaldirektion Klima der Europäischen Kommission stellte ein neues Zertifikatesystem – Carbon Removal and Carbon Farming Regulation, CRCF Regulation – vor, das sich mit der Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre und einer regenerativen Methode zur Kohlenstoffbindung in Böden mittels Biokohle beschäftigt. Das System unterscheidet die drei Bereiche „carbon farming“, „carbon storage in buildings“ und „permanent removals“.

Im Bereich „permanent removals“ ist der Einsatz von Biokohle für die Immobilienbranche, aber auch für die Betonhersteller interessant. Durch die Beimengung von Biokohle im Beton kann CO₂ dauerhaft gespeichert werden, wofür entsprechende Removal-Zertifikate generiert werden können. Holzleitner skizzierte für die Umsetzung einen Zeitrahmen bis etwa 2028.

Ida Karlsson, Universität Göteborg, Jakob Steinmann, Ramboll, Luca Nipius, CEPS, Christian Holzleitner, EU Kommission, Christian Egenhofer, CEPS, Sebastian Spaun, VÖZ und Andreas Pfeiler, Fachverband Steine-Keramik.

Sebastian Spaun von der österreichischen Zementindustrie erläuterte, warum Zement und Beton schwer ersetzbar sind und dass der CO₂- Fußabdruck von Beton pro Kubikmeter zu den kleinsten, im Vergleich der meistverwendeten Baustoffe im Hochbau gehört. Die Dekarbonisierungs- Maßnahmen der Zementindustrie und die Herausforderungen bezüglich der Verfügbarkeit von CCS und CCU in Österreich und anderen Binnenländern standen ebenso zur Diskussion.

Ida Karlsson von der Chalmers University of Göteborg betonte, dass alle Anstrengungen darauf gerichtet sein müssen, Emissionen zu reduzieren, der Atmosphäre CO₂ zu entziehen, Ressourcen- und Kohlenstoffkreisläufe zu schließen sowie Wiederverwendung vor Recycling und Entsorgung zu stellen.


Negativ ist das neue Null

Peter Richner, stellvertretender Direktor der Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa in der Schweiz – ist davon überzeugt, dass die ökologischen Ziele mit wirtschaftlicher Vernunft verbunden werden müssen.

Die Schweiz hat mit dem Klima- und Innovationsgesetz ein Gesetz verabschiedet, das Klimaschutz und Innovation direkt miteinander verknüpft. Was macht diesen Ansatz so besonders?

Besonders ist zunächst, dass das Gesetz explizit auf sogenannte negative Emissionen setzt – also auf Technologien und Prozesse, die CO₂ nicht nur vermeiden, sondern aktiv wieder aus der Atmosphäre holen.

Peter Richner, Stv Direktor der EMPA, portraitiert im NEST der EMPA am 6. Februar 2019 in Duebendorf. Bild Gaetan Bally

Wie wollen Sie Kohlenstoff im Kreislauf führen?

Ausgangspunkt ist, dass wir für Netto-Null nicht nur Emissionen vermeiden, sondern auch CO₂ zurückholen müssen. Mein Ansatz ist, diese Rückholung mit der Energie- und Bauwirtschaft zu verknüpfen. An Orten mit sehr viel erneuerbarer Energie – etwa in Australien oder Nordafrika – können wir CO₂ mit Hilfe von Sonne und Wind abscheiden und zugleich grünen Wasserstoff erzeugen. Aus beidem entsteht synthetisches Methan. Dieses Methan kann über die bestehende Erdgas-Infrastruktur transportiert werden – die Logistikkette existiert bereits, anders als bei Wasserstoff. In der Schweiz oder Europa können wir dieses Methan dann durch Pyrolyse wieder in Wasserstoff und festen Kohlenstoff zerlegen. Der Wasserstoff dient als Energieträger, der Kohlenstoff wiederum als wertvoller Rohstoff.

Und dieser Kohlenstoff soll in der Bauwirtschaft eingesetzt werden?

Genau. Der Bausektor bietet die einmalige Möglichkeit, große Mengen Kohlenstoff dauerhaft zu speichern. Wir pelletieren den festen Kohlenstoff und setzen ihn als Zuschlagstoff im Beton ein. Im Labor können wir damit bereits CO₂-neutrale Betone herstellen – also von derzeit rund 200 Kilogramm CO₂-Ausstoß pro Kubikmeter Beton auf null. Langfristig sehen wir Potenzial für negative Werte von minus 100 bis minus 150 Kilogramm. Dieser Beton wird in zwei bis drei Jahren einsatzfähig sein.

Wie wirkt sich der Kohlenstoff auf die Eigenschaften des Betons aus?

Nach aktuellem Stand gibt es keine Qualitätsverluste. Im Gegenteil: Wir sehen sogar Möglichkeiten, die mechanischen Eigenschaften des Betons zu verbessern. Der Kohlenstoff kann also nicht nur ökologisch, sondern auch materialtechnisch ein Gewinn sein.

Wie reagiert die Industrie auf diesen Ansatz?

Das Interesse ist enorm. Natürlich ist der Beton anfangs teurer, aber die sogenannten „First Mover“ sind bereit, das zu tragen. Sobald die Produktion skaliert ist, sinken die Kosten deutlich. Entscheidend ist, dass wir an der bestehenden Betonrezeptur kaum etwas ändern müssen – wir ersetzen lediglich einen Teil des Zuschlagstoffs. Das senkt die Einstiegshürde und macht die Technologie schnell anwendbar.

Viele Länder, darunter auch Österreich, haben sehr ambitionierte Ziele für Netto-Null. Ist das Ihrer Einschätzung nach realistisch?

Nur, wenn wir auf solche Kreisläufe setzen. Mit Biokohle lässt sich das bereits heute in kleinem Maßstab umsetzen, aber wirklich relevant wird es erst, wenn wir aktiv CO₂ aus der Luft oder aus dem Meer entfernen. Länder mit großem Flächenpotenzial und viel Sonnenenergie, etwa in der südlichen Hemisphäre, werden dabei eine zentrale Rolle spielen. Sie können die Welt mit erneuerbarer Energie und synthetischen Energieträgern versorgen.

Entgeltliche Einschaltung unseres Medienpartners Fachverband Steine-Keramik, Wiedner Hauptstraße 63, 1045 Wien – www.baustoffindustrie.at

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