„Retten wir die Gründerzeitarchitektur!“

Architektin Isabella Wall von der Trimmel Wall Architekten ZTGmbH, ist ein absoluter Fan der Gründerzeitarchitektur in Wien. Sie schwärmt im Interview über die vielfältigen Möglichkeiten, energiesparend, nachhaltig und trotzdem zeitgemäß zu sanieren (statt abzureißen).
PETER REISCHER

Frau Architektin Wall, Sie renovieren, bzw. sanieren gerade ein Gründerzeithaus in der Zwölfergasse im 15. Bezirk in Wien. Welches sind die Herausforderungen bei diesem Projekt?

Aus einem kleinen, unscheinbaren Gründerzeithaus hat sich ein Vorzeigeprojekt entwickelt. Zu Beginn war unser Planungsauftrag nur ein kleiner Umbau des zum Großteil bewohnten Hauses. In der Planungsphase wurde dann aber schnell klar, wie viel aus der Liegenschaft herausgeholt werden kann und das Projekt begann zu wachsen, bis hin zu einer umfassenden durchgreifenden Sanierung mit den ersten Tiefenbohrungen im Öffentlichen Gut der Stadt Wien.

Isabella Wall
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Wie umfangreich ist es?

Wir haben die Hälfte der Altbauwohnungen saniert und im neu ausgebauten Dachgeschoß drei neue Wohnungen errichtet. Im Innenhof wurde ein Aufzug zugebaut, der das gesamte Gebäude barrierefrei erschließt. Alle Wohnungen wurden an das neue, zentrale Heizsystem mit Erdwärme angeschlossen.

Isabella Wall

Haben Sie das Haus auch mit neuen Dämmungen versehen?

Ja, alle Fassaden und Feuermauern wurden außen mit einem Wärmedämmverbundsystem gedämmt, bis auf die gegliederten Bereiche der Straßenfassade. Leider können wir nicht immer eine ökologische Dämmung verwenden, wie z. B. Hanf bei unserem Projekt in der Mariahilfer Straße.

Isabella Wall

Sie versuchen also, von den Erdölprodukten wegzukommen?

Ja, natürlich! Wir arbeiten derzeit an einem Projekt – das in naher Zukunft fertig wird –, bei dem wir ein Jahr lang versucht haben, mit der Baufirma eine Lösung zu finden, sogar über die Ausschreibung. Aber schlussendlich hat sich keine Firma gefunden, die eine mit Hanf gedämmte Fassade realisieren konnte, außer zu untragbaren Preisen. Der Erfahrungswert für solche Dämmungen ist offenbar noch immer zu gering, und es traut sich kaum jemand darüber.

Isabella Wall
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Sie haben das Heizsystem auf ein energieautarkes System umgestellt. Wie schwierig ist es, im öffentlichen Raum eine Tiefenbohrung am Gehsteig bewilligt zu bekommen?

Bis jetzt war dies gar nicht möglich. Erst in einem eineinhalb Jahre dauernden Prozess konnte Architekt Trimmel mit den Wiener Magistraten ein Verfahren dafür entwickeln. Wie schwierig es in Zukunft sein wird – in diesem Rahmen – eine Bewilligung zu bekommen, wird sich zeigen.

Isabella Wall

Ist da ein Umdenken in der Stadt Wien und bei den Behörden im Hinblick auf solche Verfahren zu bemerken?

Auf jeden Fall. Ich würde sagen, dass vor gut einem Jahr die geopolitische Situation einiges dazu beigetragen hat. Es wollten auf einmal alle weg vom Gas. Sogar Altmieter, die sonst oft nicht so gerne auf ihren Gasherd verzichten, wollten plötzlich um jeden Preis raus aus Gas.

Isabella Wall

Ist die Gemeinde Wien bereit oder immer mehr bereit, solche Projekte zu fördern bzw. zu genehmigen?

Ja, auf jeden Fall! Es gibt ein starkes Bewusstsein dafür, dass sich auch verwaltungstechnische Strukturen ändern müssen, um eine tatsächliche Veränderung in der Stadt bewirken zu können. Das ist aber keine einfache Aufgabe. Es soll z. B. ein Plandokument geben, auf dem man ablesen können wird, ob eine Liegenschaft in einem Fernwärmeversorgungsgebiet liegt, wo man zu einem Fixpreis einen Anschluss bekommt, wie bis jetzt bei Gas, oder nicht. Außerhalb dieser Gebiete können dann z. B. auch Tiefenbohrungen im Öffentlichen Gut gemacht werden.

Isabella Wall

Wie viele Bohrungen haben Sie in der Zwölfergasse durchgeführt?

Wir haben vier Bohrungen mit 100 bis 150 Meter im Innenhof durchgeführt, die alle sanierten Wohnungen im Altbau und das Dachgeschoß versorgen. Dann auf dem Gehsteig noch drei 200-Meter-Bohrungen. Damit sind jetzt insgesamt fast 1.000 Quadratmeter Wohnfläche mit Heizwärme versorgt. Der Strom für die Heizung (Pumpen, …) kommt von Photovoltaik- Paneelen am Dach. Somit ist das Heizsystem völlig autark. Der Gasanschluss im Haus ist komplett entfernt worden.

Isabella Wall

Ich habe bei einem Projekt Ihres Büros die Förderliste gesehen. Zwei Spalten lang und ziemlich aufwendig. Warum tun Sie sich das an?

Das hat auch mit Wirtschaftlichkeit zu tun. Förderungen von Maßnahmen ermöglichen uns mehr Spielraum für Innovation! Deshalb sehen wir das nicht als Belastung, sondern als Chance! Viele unserer Projekte beinhalten innovative Aspekte, die nur in Zusammenhang mit einem Forschungsprojekt finanzierbar sind.

Isabella Wall

Wenn man diese Förderliste genau anschaut, scheint ziemlich viel Geld möglich zu sein. Zahlt sich so ein Projekt dann finanziell für den Bauherrn aus?

Bauherrn haben sehr unterschiedliche Ziele. Der eine will seine Investition in 15 Jahren zurückhaben, der andere bis an sein Lebensende. Manche akzeptieren, dass es eine Investition in die nächste Generation ist.

Isabella Wall

Lassen sich jetzt diese schwierigen Projekte mit der Vision von der Website Ihres Büros („Alle unsere Projekte erwirtschaften einen Gewinn“) zur Deckung bringen?

Es ist Gott sei Dank nicht immer nur der wirtschaftliche Gewinn, der zählt. Aber manche Projekte machen uns das Erreichen dieses Ziels nicht einfach.

Isabella Wall

Warum dann solch diffizile und aufwendige Projekte?

Das war schon seit vielen Jahren die Tradition unseres Büros. Ich liebe Projekte, bei denen eine Reaktion auf bereits Vorhandenes gefragt ist. Neubauten finde ich in vielen Fällen nur bedingt spannend. Der ökologische Ansatz ist nicht mein Ausgangspunkt, sondern das Interesse an der Architektur der Gründerzeit und diese nicht nur zu bewahren, sondern auch ökologisch und nachhaltig weiterzuentwickeln. Ich denke, dass sie dafür sehr gut geeignet ist.

Isabella Wall
Isabella Wall hat an der TU Wien Architektur studiert und ist Ziviltechnikerin. Ihr Spezialgebiet ist seit 15 Jahren die Stadterneuerung. Seit 2017 ist sie Partnerin bei Trimmel Wall Architekten. Mit ihrem Blick für das Ganze und ihrer Liebe zum Detail hinterlässt sie in Wiener Gründerzeithäusern ihre Handschrift, unter anderem im Projekt „Mariahilfer Straße 182“, das 2018 mit dem 1. Preis beim Wiener Stadterneuerungspreis und 2019 mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet wurde.

Ist da ein gewisser Masochismus mit dabei?

Vielleicht, aber in der Regel zahlen sich die Projekte für uns schon aus.

Isabella Wall

Warum wird – angesichts des Klimawandels und der Lage in der Welt – aber immer noch so viel auf der „grünen Wiese“ neu gebaut, statt mehr saniert?

In Wien gibt es eine lange Tradition des sozial verträglichen Sanierens der Gründerzeitgebäude, darum beneidet man uns in vielen europäischen Städten. Der kostenintensive Dachgeschoßausbau kommt dabei, denke ich, in Wien leider zu schnell in den Verruf des Luxus. Der günstigere Neubau passt da dann oft besser ins Bild. Das ist schade, gerade in Wien, wo wir so einen tollen Altbaubestand mit der Gründerzeitarchitektur haben. Da konnte man schon vor 100 Jahren darin leben und arbeiten und heute noch immer. Die Struktur ist einfach fantastisch und zeitlos.

Isabella Wall

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