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Kopf in den Wolken

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Rotterdam ist der Spielplatz in den Niederlanden für nationale und internationale Architekten. Bei aller Bauund Design-Euphorie muss die Stadt aber aufpassen, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe nicht zu verlieren.
THORBEN POLLERHOF

Das „Manhattan an der Maas“, wie die Stadt auch genannt wird, ist der wohl interessanteste Platz für moderne Architektur in den Niederlanden. Wer europaweit baut, will auch hier bauen. Wer von der TU Delft kommt, will seine neu erlernten Fähigkeiten hier unter Beweis stellen. Denn im Gegensatz zur Hauptstadt Amsterdam verfolgt Rotterdam einen anderen Ansatz: neu statt alt, hoch statt flach.

Die Lage an der Maas, die direkt in den Ärmelkanal führt, hilft der Stadt dabei, rasch wieder an Bedeutung zu gewinnen, und der Schicksalsschlag erlaubt eine völlige Neuorientierung. Diese beginnt in den 1980ern revolutionär zu werden, indem man sich dafür entscheidet, vor allem im Zentrum die klassisch niederländische Architektur zu verwerfen und jungen, aufstrebenden Architekten Platz für ihre Prachtbauten zu lassen. Willkommen im Hafen der hohen Häuser.

Michael Gehbauer, WBV-GPA und Obmann des Verein für Wohnbauförderung, ist von den Ideen und der architektonischen Vielfalt begeistert. „Wohnen im Hochhaus ist eine Antwort auf die Knappheit des Bodens und für klimafreundliches Bauen. Es ist beeindruckend, was Rotterdam in kurzer Zeit umsetzt – denn die Themen sind die gleichen wie bei uns: Zu wenig leistbarer Wohnraum, explodierende Grundstückspreise und ressourcenschonender Umgang mit Flächen.“

Ein aktuelles Beispiel ist das in Bau befindliche CasaNova am Wijnhaven im Maritim-Distrikt. Im neuen Zentrum Rotterdams entsteht dieser 110 Meter hohe Wohnturm. Es ist das zweite Projekt von Barcode Architects in der Umgebung – erst kürzlich ist The Muse, der Wohnturm direkt daneben, fertig geworden. Sie unterscheiden sich in ihrer Architektur grundsätzlich. CasaNova ist ein dreieckiger Turm mit einer Fassade, bei der jede Fliese von Hand bearbeitet wird; The Muse hingegen ein rechteckiger Turm, dessen Betonbalkone versetzt angebracht sind, um der Monotonie zu entgehen.

Beim CasaNova war angedacht, die unteren Geschoße mit großzügigen Balkonen und Terrassen auszustatten. „Der Lichteinfall hat uns allerdings nicht gefallen, also haben wir unten etwas weggenommen und es oben wieder draufgepackt“, sagt Architektin Caro van de Venne. Steht man im achten Stock, blickt man durch ein schräges Fenster auf den Hof. Vor fallenden Küchenresten wird (noch) nicht gewarnt.

Ausnahmsweise Holz

Was man im Hinterkopf behalten sollte: In den Niederlanden zu bauen, ist nicht einfach. Denn der Boden trägt in der Regel kein Haus, das höher als zwei Stockwerke ist. Die Lösung: Pfähle, die so weit in die Erde gerammt werden, dass sie eine Bodenschicht erreichen, die standfest genug ist. Je nachdem, wie hoch der Turm ist, können diese Pfähle gut und gerne 60 Meter lang sein.

Ein Gebiet, das dieselbe Entwicklung durchmacht, ist das Lloydkwartier, etwas weiter Richtung Meer. Auf dem Kai des Schiehavens, auf dem früher ein Elektrizitätswerk stand, entsteht gerade eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten. Teile des ehemaligen Werks sind in Büros umgewandelt worden, die Lagerhalle daneben in Wohnungen – die Laderampen gibt es immer noch, sie dienen heute als Balkone.

Das neueste Projekt ist das Sawa, ein Terrassenhaus in Holzbauweise mit 109 Wohneinheiten (50 Miet- und 59 Eigentumswohnungen). Die Pläne stammen aus dem Hause Mei Architekten. Sawa soll neben den freifinanzierten Wohnungen auch „bezahlbaren“ Wohnraum enthalten.

Wartezeit von 5,5 Jahren

Das ist nicht selbstverständlich in Rotterdam. Denn der Staat zog sich in den 1990er-Jahren immer weiter aus der Finanzierung des gemeinnützigen Sektors zurück. Die rund 700 gemeinnützigen Wohnungsunternehmen der Niederlande sind also der letzte Anker, um bezahlbaren Wohnraum zu gewährleisten. Das funktioniert nur marginal…

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