Liebe Leserinnen. Lieber Leser.
Auch diese drei Themen bewegen die Wohnungswirtschaft und ihre Mieter in diesem Monat besonders. Auf den ersten Blick haben sie wenig miteinander zu tun. Auf den zweiten sehr viel. Denn in Wien, Wolfsburg und bei der deutschen Energiepolitik geht es um dieselbe Frage: Wer übernimmt heute Verantwortung für das Wohnen von morgen?
Klimaneutralität im Gebäudebestand – geht das überhaupt? Seit Jahren diskutieren wir über Ziele, Fristen und vor allem Kosten. Gerade große ältere Wohnungsbestände lassen sich schließlich nicht einfach neu erfinden.
Wien zeigt, dass es trotzdem geht.
Die GESIBA nimmt im Wohnpark Alt-Erlaa 3.182 Wohnungen in die Hand. Knapp 25.000 ältere Fenster sowie Terrassen- und Loggiatüren werden ausgetauscht. Hinzu kommen 780 Tiefensonden bis in rund 150 Meter Tiefe. Sie sollen künftig klimafreundliches Heizen und – angesichts immer heißerer Sommer ebenso wichtig – Kühlen ermöglichen.
Der Heizwärmebedarf soll dadurch etwa halbiert werden. Bis 2040 soll Alt-Erlaa vollständig unabhängig von fossilem Gas sein.
Das Entscheidende: Alt-Erlaa ist kein kleines Demonstrationsprojekt und kein Neubau auf der grünen Wiese. Hier wird ein großer, alter Wohnungsbestand dekarbonisiert – genau jene Aufgabe also, vor der die gesamte Wohnungswirtschaft steht.
Natürlich lässt sich Wien nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Aber die GESIBA zeigt: Dekarbonisierung im großen Wohnungsbestand ist machbar, wenn langfristig geplant und konsequent investiert wird.
Was wird aus den 10.000 VW-Wohnungen?
Von Wien nach Wolfsburg. Dort geht es ebenfalls um langfristige Verantwortung – allerdings unter völlig anderen Vorzeichen.
Im Zuge der Sanierung des Volkswagen-Konzerns steht auch ein möglicher Verkauf von rund 10.000 Wohnungen in und um Wolfsburg im Raum. Sie gehören zur VW Immobilien GmbH, die seit Jahrzehnten sozial orientierter Bestandshalter und Teil unserer wohnungswirtschaftlichen Familie ist.
Die Sorge in der Branche ist deshalb groß. vdw-Verbandsdirektorin Dr. Susanne Schmitt hat sich an Ministerpräsident Olaf Lies, Wolfsburgs Oberbürgermeister Dennis Weilmann und VW-Chef Oliver Blume gewandt und vor den sozialen Folgen eines Verkaufs gewarnt.
Denn 10.000 Wohnungen sind keine beliebige Konzernreserve.
Wer einen solchen Bestand besitzt, trägt Verantwortung für Mieter, Nachbarschaften, Quartiere und letztlich für die soziale Stabilität einer Stadt. Natürlich muss Volkswagen in wirtschaftlich schwieriger Lage seine Strukturen überprüfen. Aber der Erlös eines Wohnungsverkaufs steht sofort in der Bilanz. Die gesellschaftlichen Folgekosten stehen dort nicht. Dr. Susanne Schmitt vom vdw formuliert es treffend: „Stadtreparatur ist um ein Vielfaches teurer als partnerschaftliche Stadtentwicklung.“
Nach der Entscheidung des VW-Aufsichtsrats vom 3. September, Verkäufe in kleineren Einheiten unter zehn Millionen Euro zu ermöglichen, bekommt diese Frage zusätzliche Brisanz. Volkswagen sollte sich bewusst sein: Hier geht es nicht nur um Immobilienwerte. Es geht um ein Stück Sozialgeschichte des Unternehmens – und um das Zuhause Tausender Menschen.
Und wer denkt an unsere Gasspeicher?
Das dritte Thema könnte Mieter und Vermieter schneller einholen, als uns lieb sein kann.
Die Zurückhaltung von Ministerin Reiche vom Bundeswirtschaftsministerium beim Befüllen, beziehungsweise bei der Absicherung ausreichender Gasspeicherstände, muss die Wohnungswirtschaft interessieren. Denn Energiepolitik ist immer auch Wohnungspolitik.
Die geopolitischen Risiken sind erheblich: Konflikte im Nahen Osten, die Politik der USA unter Präsident Trump und schwer kalkulierbare internationale Energiemärkte. Was passiert, wenn Deutschland unter solchen Bedingungen mit unzureichender Vorsorge in eine neue Versorgungskrise gerät? Die Rechnung landet nicht auf irgendeinem Energiemarkt. Sie landet bei den Menschen.
Steigende Gas-, Strom- und Fernwärmepreise erreichen über die Nebenkosten unmittelbar die Mieter. Gleichzeitig treffen sie Wohnungsunternehmen, die Milliarden in Klimaschutz, Sanierung und ihre Quartiere investieren müssen.
Sollte Energie 2027 erneut extrem teuer werden, gerät damit ein Ziel unter Druck, das neben der Klimaneutralität stehen muss: bezahlbares Wohnen. Versorgungssicherheit ist deshalb keine abstrakte Frage der Energiewirtschaft. Vorsorge heute entscheidet über die Belastungen von Mietern und Vermietern morgen.
Drei Themen – eine Frage
Was verbindet Alt-Erlaa, die VW-Wohnungen und unsere Gasspeicher? Der Zeithorizont. Die GESIBA investiert heute, damit ihre Wohnungen auch 2040 funktionieren. Volkswagen muss entscheiden, welchen Wert ein über Jahrzehnte gewachsener sozialer Wohnungsbestand künftig haben soll. Und in Berlin wird heute mitentschieden, welche Energiekosten Mieter und Vermieter 2027 tragen könnten.
Wohnungswirtschaft funktioniert nicht in Quartalen.
Gebäude stehen Jahrzehnte. Quartiere entwickeln sich über Generationen. Und Menschen erwarten von ihrem Zuhause Sicherheit und Verlässlichkeit.
Wien zeigt, was mit langem Atem möglich ist. In Wolfsburg sollte er nicht verloren gehen. Und bei unserer Energieversorgung sollten wir besser heute darüber nachdenken, was uns mangelnde Vorsorge morgen kosten könnte.
September 2026 Wohnungswirtschaft heute., Ausgabe 218, mit Fakten und Einschätzungen zum zielführenden Handeln.
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Bleiben Sie zuversichtlich und nachhaltig.
Ihr Gerd Warda und das Wohnungswirtschaft heute-Team

