Das 83. Symposium zur Zukunft des Wohnens, in Zusammenarbeit mit Der Standard, führte in die Seestadt Aspern. Urbane Lebensräume befinden sich im Wandel und erfordern ein grundlegendes Umdenken in Planung und Entwicklung: Bauen, ohne Freiräume von Anbeginn gleich mitzudenken, ist Vergangenheit – doch nun müssen die Freiräume neu gedacht werden.
GISELA GARY
Klimaresilienz, Alltagstauglichkeit und soziale Teilhabe sind die Stichworte, die beim 83. Symposium im Speiseamt von Wienwork am häufigsten fielen. Wienwork bildet hier sozial benachteiligte Menschen u. a. in der Gastronomie aus. Als Vorprogramm gab es eine Führung durch Sebastian Zenz zum Bauplatz der „Grünen Saite“. Die Grüne Saite entsteht im Norden von aspern Seestadt als partizipatives Bindeglied zwischen mehreren Naturräumen mit vielen Funktionen und für alle Generationen. Sie verbindet grüne Infrastruktur und soziale Teilhabe zu einem integrierten Konzept, das Lebensqualität, Gesundheit und Wohlbefinden der Bewohner:innen in den Mittelpunkt stellt.


Durch eine enge Verzahnung von Park, gemeinschaftlichen Gärten, Fahrrad- und Fußwegen sowie klimafreundlichen Mobilitätsangeboten soll so eine lebendige, resiliente Nachbarschaft entstehen. Die Grüne Saite gilt als Meilenstein zukunftsorientierter Stadtentwicklung, der ökologische Ziele, soziale Gestaltungskraft und wirtschaftliche Dynamik harmonisch zusammenführt.
Öffentliche Freiräume sollen als lebendige Begegnungsorte soziale Interaktion und Identität fördern. Sabine Müller, Vorständin der Wien 3420 AG, betonte, dass Stadt zwischen den Gebäuden stattfindet: „Der Raum wirkt immer intuitiv auf den Menschen. Der Freiraum muss als einladendes Wohnzimmer verstanden werden, aber wir legen in der Seestadt auch Wert darauf, dass wir Flächen leer lassen und beobachten, wie diese von den Menschen verwendet werden.“


Ein gutes Stichwort für Carina Wenda, Leiterin für nachhaltige Planungsprozesse der Klimakoordinationsstelle der Stadt St. Pölten, die mit ihrer Keynote Best Practices aus der niederösterreichischen Hauptstadt mitbrachte – wie „Sturm 19 Park“ oder den Promenadenring: „Wir brauchen eine neue Balance im urbanen Gefüge – denn mit begrenztem Wohnraum steigt die Bedeutung des (halb-)öffentlichen Freiraums. Die Partizipation spielt dabei eine entscheidende Rolle. Der Freiraum hat letztlich auch die Verantwortung für die Lebensqualität.“
Beide Projekte befinden sich in sehr dicht besiedelten Stadtteilen von St. Pölten, und trugen trotz einiger Herausforderungen aufgrund des Widerstands der Anrainer:innen zu einer wesentlich verbesserten Aufenthaltsqualität bei, zu effektiven Klimawandel-Anpassungsmaßnahmen als auch zur Verkehrsberuhigung. Der Knackpunkt war, der Bevölkerung eine gemeinwohlorientierte Stadtplanung zu erklären.


Öffentlicher Raum für alle
Der politischen Debatte stellten sich Georg Niedermühlbichler, Abgeordneter zum Wiener Landtag und Gemeinderat, SPÖ, und Peter Kraus, Parteivorsitzender und Sprecher für Klima und Baukultur, die Grünen Wien.
„Wohnen passiert nicht nur in den eigenen vier Wänden – das Rote Wien hat bereits stark auf die Freiraumgestaltung gesetzt. Alle Mieter:innen profitieren, dennoch brauchen wir Förderungen für den stärkeren Ausbau von Grünräumen. Wir müssen beides ermöglichen: Freiräume und leistbares Wohnen“, so Niedermühlbichler.
Peter Kraus unterscheidet zwischen Bestandsstadt und Neubaugebieten: „Da haben wir völlig unterschiedliche Situationen. Ich sehe jedoch auch einen großen Hebel beim ruhenden Verkehr – dafür geben wir viel zu viel Geld aus. Dass Umgestaltungen inklusive dem Wegnehmen von Parkplätzen funktioniert, wie z. B. die Zollergasse oder die Bernhardgasse zeigt, dort haben wir gemeinsam mit den Anrainer:innen das klimafitte Konzept geplant“, berichtete Kraus.
Fazit: Die Menschen wollen mehr Freiflächen und wir müssen diese ermöglichen – aber wir brauchen auch unbedingt eine Neuausrichtung des Mobilitätsverhaltens.
Neuinterpretation notwendig
In der Diskussion zeigte sich Susanne Staller, Landschaftsplanerin tilia, von St. Pölten beeindruckt und zugleich überzeugt, dass eine Neuinterpretation von Freiräumen in der Stadt notwendig ist. Landschaftsplanerin Carlo Lo, die auch im Beirat der Seestadt ist, sprach vom laufenden Lernen: „Noch vor wenigen Jahren verhinderten z. B. diverse Feuerwehrzugangs-Vorschriften Bäume mitten im Straßenraum – heute ist das kein Problem mehr, wir lernen ständig und mit jedem Projekt weiter.“
Robert Grüneis, Vorstand der Wien 3420 AG, bestätigte die Aussage: „G’scheiter werden ist nicht verboten. Aber wirklich herausfordernd ist die Partizipation. Und die Akzeptanz der Bevölkerung, dass der öffentliche Raum etwas kostet und keine Selbstverständlichkeit ist.“ Kerstin Robausch-Löffelmann, Vorständin der BWS Gemeinnützige allgemeine Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft, ergänzte: „Freiräume sind soziale Räume, aber die Kultur, das Bewusstsein dafür hat sich verändert. Wir wollen als Bauträger natürlich, dass die Freiräume ebenso lange lebenswert erhalten bleiben wie unsere Wohnbauten – dazu braucht es aber einen intensiven Begleitungsprozess.“
Simon Tschannett, Geschäftsführer Weatherpark GmbH, brachte den Klimawandel ein, der immer stärker in den Fokus rückt: „2024 hatten wir 54 Tropennächte, Gründerzeitstädte wie Wien wurden in einer Zeit gebaut, wo es noch keine Hitzewellen gab. Deshalb müssen wir Anpassungen vornehmen – vor allem in den öffentlichen Bereichen. Dafür brauchen wir aber Stadtklimatolog:innen und ein Budget.“ Carla Lo sprach von Alltagsorten – und dass nicht jeder Zentimeter im öffentlichen Raum gestaltet werden muss. Ein Umdenken macht sich in der Seestadt bereits bemerkbar: Die Grünraumgestaltung der Grünen Saite startet bereits vor der Errichtung der Wohnbauten.




Tischfrage: Womit können alltagstaugliche, klimaresiliente und sozial gerechte Freiräume am besten gewährleistet werden?


„Freiräume müssen strukturiert errichtet werden – und sie müssen leistbar sein. Immerhin zahlen wir diese mit unseren Steuern. Es müssen Bereiche sein, die für alle sozialen Gruppen verwendbar sind.“
Doris Molnar,
Vorstandsdirektorin Gedesag


„Wir brauchen einen gesunden Mix – und müssen die Potenziale erkennen. Gemeinsam muss dann die Nutzung der Flächen ausverhandelt werden, gleichzeitig wollen wir den Bestand bewahren wie auch die Stadtbäume.
Christina Stockinger,
Stadtentwicklung und Stadtplanung, MA 18 Wien


„Wir wollen einen Dialog des Umschichtens, und dabei viel radikaler als früher sein. Die monetären Rahmenbedingungen müssen passen – und angepasst werden. Und wir plädieren für mehr Mut zur Korrektur – und zum Handeln anstatt zum Reden.“
Sne Veselinović,
Architektin


„Mut und Courage für Experimente ist unsere Antwort – auch in der Bestandsstadt. Auch wenn einmal etwas scheitert, dranbleiben. Aber wir müssen auch Verantwortung an die Bewohner:innen abgeben.“
Erik Meinharter,
plansinn


„Welcher Abstand zwischen Freiraum und Verkehrsweg gilt – hier müssen die Vorgaben weiter heruntergebrochen werden. Auch wir sehen zu wenig Mut für neue Wege – ohne dabei das große Ganze zu verlieren. Bezüglich Erhaltung und Pflege können auch Private herangezogen werden.“
Olivia Kantner,
Verkehrsplanerin komobile


„Indem wir zuerst klären, für wen wir eigentlich planen – und dabei langfristiger denken, mit einem finanziellen Puffer für Unvorhergesehenes. Für die Pflege und Auseinandersetzung mit Grünräumen braucht es einen Kümmerer, der auch einer der Bewohner sein kann.“
Olivia Kantner,
Verkehrsplanerin komobile


„Grünraum muss den Bewohner:innen zur Verfügung gestellt werden – aber er muss wirklich absolut alltagstauglich sein. Um die Bevölkerung stärker einzubeziehen, haben sich z. B. Baumpartnerschaften als sehr positiv bewährt.“
Andrea Eggenbauer,
Konsulentin für humane Nachhaltigkeit und Nutzer:innenverhalten in Wohnbau und Quartiersentwicklung, Architektin und Stadtplanerin


