China greift nach Deutschlands Wärmepumpenmarkt, warnt Stiebel Eltron-Chef Dr. Kai Schiefelbein

China hat mit einem „Aktionsprogramm zur hochwertigen Entwicklung der Wärmepumpen-Industrie“ eine neue Wachstumsbranche definiert. Im jüngsten 15. Fünfjahresplan wird die Wärmepumpe als Schlüsseltechnologie für die CO2-Reduktion ausdrücklich genannt. Der strategisch geplante Industriehochlauf soll China zum weltweiten Technologie- und Marktführer bei umweltfreundlicher Wärmeerzeugung machen. Deutschland ist von dieser Offensive besonders betroffen – als größter Ziel- und Wachstumsmarkt für Heizungswärmepumpen in Europa. In diesem Interview erklärt Dr. Kai Schiefelbein, CEO von Stiebel Eltron, die Situation und wie eine echte Industriepolitik unsere Wirtschaft stärken kann.  

Kommt Chinas neue Wirtschaftspolitik für Sie überraschend?

Dr. Kai Schiefelbein: Chinas Plan, die Weltmarktführerschaft bei Zukunfts- bzw. Schlüsselindustrien und damit auch bei Heizungswärmepumpen anzustreben, ist nicht neu und damit auch nicht überraschend. Wir kennen das aus der PV-Industrie, der Batterieindustrie mit Lithium-Ionen-Batterien oder aus der Elektromobilität, wo sich Europa noch wehrt und wo man sehen wird, wie das Ganze ausgeht. Das Bestreben ist aber in allen Fällen ganz klar und offensichtlich, und als Mensch, der an Geschichte interessiert ist, kann ich das auch gut verstehen. Die Chinesen haben sich von der verlängerten Werkbank für westliche Industrienationen zu einer erfolgreichen Wirtschaftsnation mit riesengroßem Binnenmarkt entwickelt. Davor habe ich tiefen Respekt.

China setzt klar auf zukunftsfähige Schlüsselindustrien – mit dem Ziel, Weltmarktführer zu werden

Wie geht China strategisch vor?

Dr. Kai Schiefelbein: China setzt konsequent auf Zukunftsindustrien. Sie fördern und subventionieren ja nicht in der Breite irgendwelche Industrien aus der Vergangenheit, sondern subventionieren die Windenergie, die Photovoltaik, die Batteriezellenfertigung, die E-Mobilität und jetzt auch die Wärmepumpenindustrie. Das heißt, sie setzen klar auf zukunftsfähige Schlüsselindustrien – mit dem Ziel, Weltmarktführer zu werden. Das ist legitim und aus meiner Sicht industriepolitisch ausgesprochen klug. Und damit stellt sich nicht die Frage irgendwelcher moralischer Bewertungen, sondern es stellt sich die Frage, was tun wir, um weiterhin als Europa industriell signifikant zu sein.

Wie bewerten Sie die konkreten Maßnahmen im chinesischen Aktionsplan?

Dr. Kai Schiefelbein: Die Maßnahmen, die im Aktionsplan stehen, sind absolut sinnvoll und hochgradig geeignet, um eine Weltmarktführerschaft anzustreben. Das startet mit der Vergabe zinsgünstiger Kredite, die ganz klar angesprochen wird und die Banken in die Pflicht nimmt. Vor allem sind das Darlehen, die nicht an enge Covenants gekoppelt sind. Die Unternehmen müssen also nicht aufwendig eine hohe Profitabilität nachweisen, um an das Darlehen zu kommen, und werden auch nicht gegängelt, wenn ihnen unterwegs mal die Profitabilität temporär abhandenkommt.

Wie wird mit diesen Darlehen investiert?

Dr. Kai Schiefelbein: Solche Darlehen sind natürlich geeignet, Unternehmen schnell im Bereich Forschung und Entwicklung zu skalieren. Entwicklungsingenieure, Entwicklungsressourcen, Labore und IT-Umgebungen – letztendlich ist alles, was man braucht, um gut entwickeln zu können, kostenintensiv. Entwicklungskosten entstehen aber typischerweise vorlaufend zum Markterfolg und den daraus resultierenden Erlösen. Das lässt sich über solche zinsgünstigen Kredite natürlich sehr gut finanzieren. Unternehmen können so in Bezug auf ihre Kompetenz und ihr Know-how ziemlich schnell skalieren, weil sie schlicht das dafür nötige Geld zur Verfügung haben. Der nächste Punkt ist: Ich kann dann mit diesem Geld auch die Produktion schnell skalieren, also in Produktionsanlagen investieren – und auch das wieder vorlaufend zum Markt.

Wenn Politik auf dem Standpunkt steht, man könne ja gar nicht wissen, was in der Zukunft für Technologien gefragt sind – dann versäumt Politik die notwendige Mitgestaltung an der Industriepolitik und sabotiert die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
 

Wie ist hier der Unterschied zu Europa?

Dr. Kai Schiefelbein: In Europa werden Darlehen aufgrund der Verfügbarkeit finanzieller Mittel typischerweise nachlaufend zum Marktwachstum vergeben. Das heißt: Der Markt zieht an, wir profitieren von erhöhtem Absatz, können aber bei noch weiterem Wachstum schlecht liefern. In dieser Situation bekommen wir Kredite von der Bank, können aber erst jetzt investieren und die Produktionskapazitäten dem Marktbedarf nachfahren. Das ist in der wettbewerblichen Auseinandersetzung ziemlich unglücklich: Was ich temporär nicht liefern kann, liefert halt jemand anders. China hat nicht nur Zukunftsindustrien identifiziert, sondern auch erkannt, dass es schlau ist, hier im Voraus die Kapazitäten zu skalieren. So kann man bei einem Engpass schnell liefern und durch diesen Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb Marktanteile gewinnen.

Was kann unsere Politik von China lernen?

Dr. Kai Schiefelbein: Die Menschen, die in China einen Aktionsplan für die Wärmepumpenindustrie schreiben, wissen, wovon sie reden. Da wurden vorher Potentialstudien gemacht und die Ergebnisse detailliert analysiert und entsprechende Schlüsse gezogen: Nicht nur wurden zukunftsträchtige Industrien identifiziert, sondern es werden auch gleich sinnvolle Fördermaßnahmen benannt und angestoßen. Wir in Europa müssen unseren teils überheblichen Blick auf China neu justieren: Die Chinesen haben bei ihren Entscheidungen in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal danebengegriffen. Sie haben die PV-Industrie gefördert, die Windenergie gefördert, die Akkuzellfertigung gefördert. Sie haben das Thema Elektromobilität gefördert, sie haben KI-Applikationen gefördert und digitale Massendatenanalysen oder Massendatennutzung gefördert. Jede dieser Industrien, die die Chinesen gefördert haben, hat sich als ein enorm relevanter Wirtschaftszweig erwiesen. Auch die Haltung, dass Planwirtschaft grundsätzlich „böse“ ist und dass alles „technologieneutral“ sein muss, legt nationales Industriepotenzial lahm. Politik, die sich nicht auf Technologien festlegt, die keine Industriepolitik betreibt und die auf Einflussnahme verzichtet, die verzichtet darauf, die Wirtschaft im eigenen Land leistungsfähig zu erhalten. Wenn Politik auf dem Standpunkt steht, man könne ja gar nicht wissen, was in der Zukunft für Technologien gefragt sind – dann versäumt Politik die notwendige Mitgestaltung an der Industriepolitik und sabotiert die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.

Wir müssen also aufhören, von Technologieneutralität zu reden und dafür sorgen, dass es für die Technologie, die weltweit dominieren wird, einen Binnenmarkt gibt. Jede Nation lebt von ihrem Binnenmarkt, auch China lebt vom Binnenmarkt

Was könnte eine gezielte Industriepolitik insbesondere im Wärmemarkt in Europa erreichen?

Dr. Kai Schiefelbein: Mit Industriepolitik gilt es zu verhindern, dass der Massenmarkt für Wärmepumpen an die Chinesen geht. Dafür sind ein paar Maßnahmen erforderlich. Wir brauchen als erstes mal einen starken Binnenmarkt. Wir müssen also aufhören, von Technologieneutralität zu reden und dafür sorgen, dass es für die Technologie, die weltweit dominieren wird, einen Binnenmarkt gibt. Jede Nation lebt von ihrem Binnenmarkt, auch China lebt vom Binnenmarkt. Die fördern auch immer erst zuhause – das war bei E-Autos so, bei PV, bei Windenergie und das ist jetzt bei Wärmepumpen so. Und wenn ihre Firmen in einem starken Heimatmarkt eine bestimmte Größe erreicht haben, dann wird die Exportwirtschaft gefördert. Wir brauchen auch in Deutschland einen starken Binnenmarkt für die Wärmepumpe. Dafür müssen die politischen Rahmenbedingungen stimmen, dafür müssen die Förderungen stimmen, dafür müssen die Energiepreise stimmen.

Welche Weichenstellung braucht es für die Kreditvergabe zur wettbewerbsfähigen Förderung der Industrie?

Dr. Kai Schiefelbein: Wir brauchen einen vernünftigen Zugang zu Geld. Antizyklische Investitionen sind eine schöne Idee, in Deutschland ist das jedoch nur möglich, wenn man zufällig steinreich ist und Geld auf der hohen Kante liegen hat. Braucht man jedoch Geld von Banken, ist antizyklisches Investieren nahezu unmöglich: Als Covenant bekommen Unternehmen den Nettoverschuldungsgrad genannt, da steht das EBITDA im Nenner – und wenn der Nenner gegen 0 geht, das wissen wir Mathematiker alle, dann wird leider der Term unendlich groß. Damit ist der Nettoverschuldungsgrad extrem schlecht und die Bank interveniert. Antizyklisch investieren, was eigentlich alle Experten den Unternehmen raten, ist in Deutschland daher praktisch derzeit nicht möglich. Wir brauchen also einen vernünftigen vereinfachten Zugang zu Geld. Und es gilt, die Basel-2-Kriterien an aktuelle Herausforderungen anzupassen, zumindest für Zukunftsindustrien – sonst können wir nicht wettbewerbsfähig skalieren.

Welche Rolle spielt die Entwicklungsförderung in diesem Szenario?

Dr. Kai Schiefelbein: Wir brauchen eine vernünftige Förderung von Entwicklung: Nicht nur für die Forschung, sondern auch für Produkte. Die Produktentwicklung hin zum verkaufsfertigen Industrieprodukt muss ein Stück weit subventioniert werden. Wenn wir das als einzige Volkswirtschaft nicht tun, könnte es passieren, dass wir außen vor bleiben. Zusätzlich brauchen wir Ausnahmetatbestände für das Kartellrecht, so dass in Zukunftsindustrien verschiedene Unternehmen auch auf verschiedenen Wertschöpfungsstufen besser und enger zusammenarbeiten können. Dabei sollten Ingenieure und nicht, wie es derzeit der Fall ist, überwiegend Juristen am Tisch sitzen. Wir brauchen darüber hinaus eine Genehmigungspraxis, die es ermöglicht, halbwegs zeitnah eine Fabrik zu bauen, wenn man ein Produkt fertig entwickelt hat. Im Moment ist es so, dass wir in Deutschland länger auf eine Bau- und Nutzungsgenehmigung warten, als es in der Slowakei dauert, die ganze Fabrik fertig auf eine Wiese zu stellen.

Wir versuchen mit unheimlich viel Aufwand, alte Industrien, von denen eigentlich alle wissen, dass sie keine Zukunft haben, so lange wie möglich am Laufen zu halten, und setzen viel zu wenig auf Zukunftstechnologien. Das ist auf vielen Feldern so: bei Photovoltaik, bei Computer-Technologie, bei Prozessoren, Mikrochips und der ganzen Internet-Technologie. Das ist so bei Massendatenanalysen, künstlicher Intelligenz, Lithium-Ionen-Akkus und der E-Mobilität.

Was ist Ihr Fazit?

Dr. Kai Schiefelbein: Eins ist klar: Europa ist im Moment auf dem Weg in die De-Industrialisierung. Wir versuchen mit unheimlich viel Aufwand, alte Industrien, von denen eigentlich alle wissen, dass sie keine Zukunft haben, so lange wie möglich am Laufen zu halten, und setzen viel zu wenig auf Zukunftstechnologien. Das ist auf vielen Feldern so: bei Photovoltaik, bei Computer-Technologie, bei Prozessoren, Mikrochips und der ganzen Internet-Technologie. Das ist so bei Massendatenanalysen, künstlicher Intelligenz, Lithium-Ionen-Akkus und der E-Mobilität. Das kann auch bei der Wärmepumpe so kommen, wenn politisch weiterhin Öl- und Gaskessel als Technologie angesehen werden, in der heimische Unternehmen stark sein müssten. Wir verschwenden zu viel Energie darauf, den Status Quo zu erhalten – zu Lasten einer erfolgreichen Zukunft.

Wir müssen etwas ändern und dabei den Nachweis bringen, dass Demokratie leistungsfähig sein kann. Demokratie muss wieder lernen, gestalten zu wollen. So bitter wie es ist: da müssen wir uns leider auch mal einzelne Maßnahmen von autoritären Systemen abgucken, um Wettbewerbsfähigkeit und damit auch ein Stück weit Unabhängigkeit zu sichern. Die Chinesen ziehen entsprechende Schlüsse aus Potenzialanalysen, identifizieren Technologien, die zukunftsträchtig sind und leiten Maßnahmen ein, so dass ihre Industrie in diesen Feldern erfolgreich sein kann. Wir können uns als Europäer natürlich entrüstet hinstellen und sagen, dass das gegen den freien Welthandel ist. Dann sind wir am Ende die, die Recht hatten – aber möglicherweise eben auch die, die kaum noch eine Rolle spielen.

Carsten Heer

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