Leitungswasserschäden zählen zu den größten Schadenrisiken in Wohngebäuden – und ihre wirtschaftliche Bedeutung wächst weiter. Steigende Baukosten, komplexere Gebäudetechnik und hohe Anforderungen an Betrieb und Sanierung erhöhen den Druck auf Wohnungsunternehmen.
Gleichzeitig zeigen aktuelle Analysen: Ein erheblicher Teil der Schäden wäre vermeidbar. Im Gespräch erläutert Stefan Schenzel, Teamleiter AVW Schadenmanagement, warum Prävention stärker in den strategischen Fokus der Wohnungswirtschaft rücken sollte.
Herr Schenzel, Leitungswasserschäden gehören seit Jahren zu den häufigsten Schadenfällen in Gebäuden. Warum gewinnt das Thema aktuell an Bedeutung für die Wohnungswirtschaft?
Stefan Schenzel: Die Dimension der Schäden zeigt, dass wir es längst nicht mehr nur mit einem klassischen Versicherungsthema zu tun haben. In Deutschland entstehen jährlich rund 1,1 Millionen Leitungswasserschäden, die Regulierungssumme lag 2025 bei etwa 5,55 Milliarden Euro. Statistisch gesehen kommt es etwa alle 30 Sekunden zu einem Rohrbruch. Diese Zahlen verdeutlichen: Das Thema betrifft unmittelbar die strategische Steuerung von Gebäudebeständen. Für Wohnungsunternehmen bedeutet das, Schadenprävention stärker als Teil des Asset- und Risikomanagements zu verstehen.
Was treibt die Kostenentwicklung aktuell besonders stark?
Stefan Schenzel: Selbst, wenn die Anzahl der Schäden konstant bleibt, steigen die Kosten weiter. Materialpreise, Löhne und Baukosten bewegen sich auf einem hohen Niveau und wirken sich direkt auf die Schadenregulierung aus. Damit wird jeder einzelne Schaden teurer. Die wirtschaftliche Belastung wächst also auch dann, wenn die Schadenzahlen nicht steigen. Genau deshalb gewinnt Prävention zunehmend an Bedeutung.
Häufig wird bei solchen Schäden zuerst an Materialversagen gedacht. Entspricht das den tatsächlichen Ursachen?
Stefan Schenzel: Nur teilweise. Die Analysen zeigen ein deutlich anderes Bild: Rund 38 bis 40 Prozent der Schäden gehen auf Installations- und Montagefehler zurück – etwa unsachgemäß verarbeitete Verbindungen, fehlerhafte Dichtungen oder falsch verlegte Leitungen. Betriebsbedingungen wie Frost machen etwa 25 Prozent aus. Materialfehler liegen bei rund 13 Prozent, Planungsfehler bei etwa zwei Prozent. In rund einem Fünftel der Fälle wirken mehrere Ursachen zusammen oder lassen sich nicht eindeutig zuordnen. Entscheidend ist: Ein großer Teil dieser Schäden wäre grundsätzlich vermeidbar.
In welchen Situationen entstehen solche Risiken besonders häufig?
Stefan Schenzel: Ein besonders sensibles Zeitfenster sind Renovierungs- und Umzugsphasen. Gerade in diesen Situationen werden Installationen häufig verändert oder ergänzt. Ein scheinbar kleiner Eingriff – etwa ein zusätzlich montiertes Ventil oder eine neue Verbindung – kann das Risiko deutlich erhöhen, wenn der Zustand der bestehenden Installation nicht umfassend bewertet wird. Die Schnittstelle zwischen alter und neuer Technik ist oft die eigentliche Schwachstelle.
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Thema Trinkwasserhygiene?
Stefan Schenzel: Eine größere, als viele vermuten. Hygienische Sicherheit und technische Dichtheit sind keine getrennten Themen. Wer normgerecht plant, korrekt dimensioniert und fachgerecht installiert, reduziert nicht nur hygienische Risiken, sondern auch die Wahrscheinlichkeit von Leckagen und Folgeschäden.
Was bedeutet das konkret für große Wohnungsunternehmen?
Stefan Schenzel: Ein Leitungswasserschaden ist weit mehr als eine Reparaturrechnung. Er führt häufig zu Mietausfällen, organisatorischem Aufwand und Belastungen für die Mieter. In einem Markt, der ohnehin durch energetische Sanierung, Dekarbonisierung und neue regulatorische Anforderungen stark gefordert ist, können zusätzliche Belastungen schnell zu einem strategischen Thema werden.
Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Ansatzpunkt?
Stefan Schenzel: Schadenprävention muss früher ansetzen – in Planung, Ausführung und Betrieb der technischen Gebäudeausstattung. Wenn Qualität in diesen Bereichen systematisch organisiert wird, lassen sich Risiken deutlich reduzieren. Für Wohnungsunternehmen wird es daher immer wichtiger, das Thema nicht nur reaktiv zu behandeln, sondern strukturiert in ihre Prozesse und strategischen Entscheidungen zu integrieren. Mit unserer Initiative Schadenprävention und dem FORUM LEITUNGSWASSER haben wir hierzu gemeinsam mit Fachleuten aus der Praxis einen Lösungsansatz speziell für die Wohnungswirtschaft entwickelt. Ziel ist es, typische Schadenursachen frühzeitig zu erkennen, Wissen zu bündeln und konkrete Präventionsmaßnahmen praxisnah umzusetzen. Wohnungsunternehmen, die sich hierzu austauschen oder mehr über unsere Ansätze erfahren möchten, können jederzeit gerne auf uns zukommen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schenzel.



