Die Diskussion über bezahlbares Wohnen konzentriert sich häufig auf Baukosten, Förderprogramme oder Bauvorschriften. Doch ein entscheidender Faktor gerät dabei oft in den Hintergrund: die Menschen, die Wohnungen tatsächlich bauen, modernisieren und instandhalten. Ohne ein leistungsfähiges Handwerk wird weder der Neubau noch die dringend notwendige Modernisierung des Gebäudebestandes gelingen.
Dabei steht die Wohnungswirtschaft vor einer historischen Aufgabe. Es geht längst nicht mehr nur um den Neubau von Wohnungen. In Deutschland müssen in den kommenden Jahren mehr als 14 Millionen Wohnungen in Mehrgeschossgebäuden energetisch modernisiert werden. Fassaden müssen gedämmt, Fenster ausgetauscht, Heizsysteme erneuert und Gebäude technisch auf einen zeitgemäßen Stand gebracht werden. Gleichzeitig sollen vielerorts zusätzliche Wohnungen durch Aufstockungen, Dachausbauten oder Nachverdichtung entstehen. Der Bestand wird damit zunehmend zum wichtigsten Bauplatz der Zukunft.
Hinzu kommt eine zweite große Baustelle: Millionen Ein- und Zweifamilienhäuser müssen ebenfalls klimafit gemacht werden. Neue Heizsysteme, bessere Dämmung, moderne Gebäudetechnik oder die Integration erneuerbarer Energien gehören zu den zentralen Aufgaben der kommenden Jahre. Zusammengenommen ergibt sich daraus eine gewaltige Modernisierungswelle, die ohne handwerkliche Kompetenz nicht zu bewältigen sein wird.
Personalmangel wird Kostentreiber
Das Problem: Gerade das Handwerk leidet massiv unter Fachkräftemangel. Schätzungen zufolge fehlen derzeit rund 200.000 Fachkräfte. Mehr als 119.000 Stellen sind offiziell unbesetzt, die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen, da viele kleinere Betriebe ihre offenen Stellen gar nicht erst melden. Für die Wohnungswirtschaft hat das direkte Folgen. Wenn Fachkräfte fehlen, verlängern sich Bauzeiten, Kapazitäten werden knapper und Projekte teurer. Der Mangel an Personal wird damit selbst zum Kostentreiber beim Bauen.
Verschärft wird die Situation durch den demografischen Wandel. Viele erfahrene Handwerksmeister erreichen in den kommenden Jahren das Rentenalter. Gleichzeitig fehlt häufig eine Nachfolge für die Betriebe. Damit drohen nicht nur Arbeitsplätze verloren zu gehen, sondern auch gewachsene Strukturen und wertvolles Fachwissen. Branchenvertreter rechnen damit, dass allein in diesem Jahr rund 60.000 Beschäftigte weniger im Handwerk tätig sein könnten.
Ein zentrales Problem liegt in der Nachwuchsgewinnung.
Über viele Jahre galt das Studium als der vermeintlich einzig richtige Bildungsweg. Die berufliche Ausbildung verlor dagegen an gesellschaftlicher Attraktivität. Die Folgen zeigen sich heute deutlich: Tausende Ausbildungsplätze im Handwerk bleiben unbesetzt. Zuletzt waren deutschlandweit mehr als 16.000 Lehrstellen vakant. Ohne Nachwuchs fehlen jedoch nicht nur Fachkräfte auf Baustellen und in Werkstätten, sondern auch die zukünftigen Betriebsinhaber, die Unternehmen weiterführen und selbst ausbilden.
Gleichzeitig gibt es erste Anzeichen für eine vorsichtige Trendwende. Immer mehr junge Menschen hinterfragen den klassischen Weg vom Abitur direkt ins Studium. Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt, nicht zuletzt durch die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, lassen viele Schulabgänger nach stabileren Berufsperspektiven suchen. Handwerksberufe gelten dabei zunehmend als krisensicher. Tätigkeiten auf Baustellen oder in Werkstätten lassen sich nur begrenzt automatisieren. Für manche Abiturienten wird eine Ausbildung deshalb wieder zu einer ernsthaften Option.
Migration ist die Chance fürs Handwerk
Ein weiterer wichtiger Faktor für die Zukunft des Handwerks ist die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Deutschland verfügt über ein erhebliches Potenzial an Menschen, die arbeiten und sich beruflich integrieren möchten. Gerade im Bau- und Ausbauhandwerk könnten sie einen wichtigen Beitrag leisten. Voraussetzung dafür sind jedoch funktionierende Integrationsstrukturen, allen voran Sprachkurse und Qualifizierungsangebote. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse bleibt der Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung oft versperrt.
Die Herausforderungen im Handwerk wirken sich unmittelbar auf die Wohnungswirtschaft aus. Wenn Betriebe keine Fachkräfte finden, können sie weniger Aufträge annehmen. Bauprojekte verzögern sich, Modernisierungen werden verschoben und die Kosten steigen. Bezahlbares Wohnen ist deshalb nicht nur eine Frage von Förderpolitik oder Bauordnungen. Es ist vor allem eine Frage der verfügbaren Arbeitskräfte.
Vor der Branche liegt eine Herkulesaufgabe
Millionen Wohnungen müssen modernisiert, energetisch saniert und teilweise erweitert werden. Gleichzeitig müssen weiterhin neue Wohnungen entstehen, um den Bedarf in wachsenden Städten zu decken. Ohne ein starkes Handwerk wird diese Aufgabe nicht zu bewältigen sein.
Die Zukunft des bezahlbaren Wohnens entscheidet sich deshalb nicht allein in Ministerien oder Förderprogrammen. Sie entscheidet sich vor allem dort, wo gebaut wird – in Werkstätten, Ausbildungsbetrieben und auf den Baustellen des Landes. Ohne ausreichend Fachkräfte bleibt jede Wohnungsbauoffensive ein politisches Versprechen. Erst das Handwerk macht sie zur Realität.
Gerd Warda


