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Neue Freiräume mit Aussicht

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Gut gestaltete Dachterrassen haben auf Genossenschaftsbauten an Bedeutung gewonnen. Sie können begrünt und vielfältig genutzt werden, erweitern den am Boden knapper werdenden Freiraum und bieten sich als Fluchtort vor der Großstadthektik an – wie schweizer Beispiele zeigen.
PATRIZIA LEGNINI

Wie Modelleisenbahnen sehen vom Dach des Zollhauses in Zürich die Züge aus. Die Maulbeerbäume sind von weitherum zu sehen und bilden so das grüne Wahrzeichen des Zollhauses, des zweiten Wohnbaus der Genossenschaft Kalkbreite. Projektleiter Andreas Billeter lässt seinen Blick zuerst über die umliegenden Gebäude schweifen, bevor er im Pflanztrog vor sich nach einem nadeligen Rosmarintrieb greift und ihn zwischen den Fingern zerreibt. In verschiedenen Töpfen und Hochbeeten wachsen Sonnenhüte, Walderdbeeren und Königskerzen. In den Pflanztrögen, die den gesamten Dachrand säumen, gibt es Thymian, Salbei, Rosmarin und andere Kräuter.

„Die Idee ist, dass sich die Bewohner hier bedienen“, sagt Billeter. Lilian Kögler, die mit ihrer Familie im mittleren Gebäude des dreiteiligen Ensembles wohnt und sich in einer Arbeitsgruppe für die Dachterrassen engagiert, findet deren Gestaltung und Begrünung sehr gelungen. Wäre es nach ihr gegangen, hätten die Pflanzen aber noch üppiger gedeihen dürfen. Hochbeete für Gemüseanbau erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Sie entsprechen dem Trend zur Selbstversorgung, der immer weitere Bevölkerungskreise erfasst.

Wie Kögler sehnen sich die meisten Menschen nach lebendigem Grün. In der dichten Stadt sind aber Gärten, Pärke, Wiesen und andere Freiflächen rar geworden. Immer stärker drängen Stadtlandschaften darum in die Höhe. Auch beim Zollhaus, eingepfercht zwischen Gleisfeld, Zoll- und Langstraße, ging es den Planern darum, auf knapp 970 Quadratmetern Dachfläche einen möglichst grünen Freiraum für die Bewohner zu schaffen, der Möglichkeiten zur persönlichen Aneignung bietet. „An dieser Lage spült es den ganzen Nutzungsdruck in die Höhe“, sagt Billeter. Aus ökologischen und wirtschaftlichen Gründen wurden die privaten Flächen minimiert, auch draußen: Die Wohnungen verfügen über keine Balkone.

„Die Außenräume haben als Begegnungs- und Erholungsorte deshalb eine ungeheuer wichtige Bedeutung.“ Die Gleisterrasse, die sich im ersten Geschoß befindet und durch Treppen öffentlich erschlossen ist, darf von den Quartierbewohnern und Passanten wie ein Dorfplatz genutzt werden. Während die Dachterrasse auf dem ersten Gebäude den Zollhausbewohnern sowie den Gewerbetreibenden zur Verfügung steht, ist das Dach des mittleren Hauses den Bewohnenden vorbehalten. Hier dürfen sie Feste feiern, Gemüse pflanzen und verweilen, wie es ihnen beliebt.

Vielfältige Nutzung

Um Dachflächen nicht mehr zu verschwenden, suchen Architekten und Städteplaner vermehrt nicht nur bestehende Gebäude nach Erweiterungsmöglichkeiten ab, sondern experimentieren auch mit neuen Bauten. Immer häufiger werden Dächer zum Wohnen selbst, zur Energiegewinnung, als Terrassen und gemeinschaftliche Dachgärten genutzt. Auch Letztere eignen sich besonders zur Nutzung von Sonnenenergie: Auf Pergolen können Paneele als Schatten spendende Elemente und Energielieferanten eingesetzt werden, wie es zum Beispiel auf dem Dach des Holligerhofs der Genossenschaft Warmbächli in Bern geschieht.

In der Schweiz werden Dächer seit etwa dreißig Jahren mit Solaranlagen bestückt und stärker begrünt. Reichhaltig bepflanzte Dächer mit dem Charakter eines großen Gartens sind bei Wohnhausanlagen noch selten anzutreffen. Immer mehr Wohnbaugenossenschaften legen aber Wert auf grüne, gut gestaltete und gemeinschaftlich nutzbare Dächer. Jürg Grob von der Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen der Stadt Zürich (PWG) hat ihr Potenzial schon früh erkannt. Er steht auf einer Dachterrasse an der Josefstraße, zeigt auf die Schneeberge am Horizont und gerät ins Schwärmen: „Solche Aussichten sind doch wunderbar. Sie eröffnen einem ganz neue Perspektiven.“

Schon vor bald 20 Jahren hat sich Grob dafür eingesetzt, dass die Bewohner der alten Stadthäuser ihre Dächer als luftige Stadtoasen nutzen konnten. Bei Dachterrassen und Dachgärten sind die Gestaltungsmöglichkeiten ähnlich breit wie bei bodengebundenen Freiräumen. Wenn Statik, Absturzsicherung und Budget passen, lassen sich auf dem Dach sogar Saunen (Hobelwerk in Winterthur), Waschsalons (Siedlung Klee in Zürich Affoltern), Gemeinschaftsküchen (Holligerhof in Bern) oder Schwimmbäder bauen.

Auch in der autofreien Siedlung Fabrikgässli 1 in Biel steht die Dachterrasse hoch im Kurs: Die Terrasse, an die ein Waschsalon und ein Vorratsraum angeschlossen sind, ist mit einer Solaranlage ausgestattet und mit Liegestühlen, Tischen und Stühlen, Feuerschalen und einer Projektionsleinwand möbliert. Vor fünf Jahren haben die Bewohner eine Schatten spendende Pergola aus Holz gebaut…

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