Klimaschutz und Ressourcenschonung

Ewiges Wachstum und Verschwendung sind nicht mehr leistbar, wenn es um Klimaschutz und Ressourcenschonung geht. Neben der Begrünung ist die Kreislaufwirtschaft der größte Hebel.
MAIK NOVOTNY

In Zeiten des drohenden Klimakollaps trägt der Wohnbau eine hohe Verpflichtung. Er muss den sozialen Zusammenhalt auch in Krisenzeiten ermöglichen, und er kann konstruktiv zu einem ökologischen Wandel des Bauens beitragen. Am besten auf allen Ebenen gleichzeitig. Bei der Wien-Süd tut man das beispielsweise in Kooperation mit Forschungsinstitutionen wie der Universität für Bodenkultur, mit denen Projekte für Bauwerksbegrünung, Urban Gardening und andere Lösungen entwickelt werden, die den zum Alltag werdenden Phänomenen wie Dürresommer, urbane Hitzeinseln und Starkregenereignissen standhalten können.

Einer der wichtigsten Hebel für die Klimafitness ist jedoch die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Eine wichtige Grundlage dafür bildete 2021 das White Paper KreislaufBAUwirtschaft des Klimaministeriums, bei dem unter Leitung von Eva Margelik vom Umweltbundesamt mehrere Institutionen beteiligt waren und viele Stakeholder nach den Hürden und Potenzialen einer Umsetzung der Circular Economy befragt wurden.

Hürden und Chancen

- Anzeige -

Die genannten Hürden für den Durchbruch der Kreislaufwirtschaft sind nahezu überwältigend viele. Nur eine kleine Auswahl: Hohe Grundstückspreise fördern Abbruch und Neubau statt Erhalt und Sanierung. Aufwendige Aufbereitungsverfahren machen Upcycling oft unrentabel. Alte Bauteile entsprechen oft nicht heutigen Standards. Die Zwischenlagerung ist kostenintensiv. Gewährleistungsfristen erlöschen vor dem ersten Erneuerungszyklus.

Der Aufwand für Recycling rechnet sich bei manchen Baustoffen nicht, weil diese als Rohstoff noch zu billig sind. Sekundärbaustoffe werden von Bauherren oft als minderwertig angesehen. Eine Betrach1 – 2 0 2 3 25 THEMA tung des Gebäudes als Materiallager bedingt eine aufwendige Abstimmung von Angebot und Nachfrage. Das Schließen der Kreisläufe – selbst wenn es gelingt – würde den Bedarf nicht decken.

Klingt entmutigend? Muss nicht sein, denn es wurden reichlich Lösungsansätze genannt: Es ließe sich in öffentlichen Ausschreibungen ein verpflichtender Anteil von Sekundärrohstoffen vorschreiben. Man könnte schon bei der Planung auf Wiederverwendbarkeit achten und Nachnutzungskonzepte prüfen. Die Wohnbauförderung könnte kreislaufwirtschaftliche Kriterien aufnehmen, dass etwa die Sanierung gegenüber dem Neubau bevorzugt wird. Tragwerke könnten so bemessen werden, dass sie mehr als 50 Jahre genutzt werden können.

Zwischen Rückbau und Neubau innerhalb eines Bauvorhabens ließen sich Stoffströme anlegen. Eines der ersten Projekte mit einer umfassenden Kreislaufwirtschaftsstrategie ist die Biotope-City Wien mit rund 600 Wohnungen, begonnen beim Rückbau der ehemaligen Fabrik und der Wiederverwertung der gewonnenen Materialien.

Aushub zu Ziegeln

Dies ist keine Träumerei, vielerorts werden diese Ansätze schon umgesetzt, insbesondere in den Vorreiter-Ländern Belgien und der Schweiz: Das Unternehmen BC Materials in Brüssel beispielsweise erzeugt Lehmziegel aus Bodenaushub, manchmal sogar gleich direkt vor Ort in der Baugrube. Doch auch Österreich holt schnell auf. Der Architekt und Kreislauf-Experte Thomas Romm, Initiator des Baukarussells, arbeitet mit unterschiedlichen Kooperationspartnern, zunehmend auch im geförderten Wohnbau, da sich die Kreislaufwirtschaft hier in klaren Leistungsbildern abbilden lässt.

Ansätze gibt es mehrere, die effektivsten beim Baumaterial im Umgang mit dem Boden. „Boden und Aushub sind ein enormer Hebel für die Kreislaufwirtschaft“, sagt Romm. „In Österreich werden 30 Millionen Tonnen Aushub pro Jahr erzeugt. Wir kippen Ressourcen, die wir schon auf der Schaufel haben, einfach weg.“

Kreislaufwirtschaft
OIB 7 Schon 2020 hat das OIB einen eigenen Sachverständigenbeirat zur Erstellung einer OIB-Richtlinie 7 eingerichtet. Diese soll Anforderungen an Nachhaltigkeit, Dauerhaftigkeit und Kreislauffähigkeit des Gebäudesektors gemäß dem EU-Green Deal umsetzen. Ein Ausgangspunkt ist die Grundanforderung 7 der Bauprodukteverordnung „Nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen“, die allgemeine Bedingungen für Wiederverwertbarkeit, Dauerhaftigkeit und Umweltverträglichkeit von Bauten und Baustoffen stellt. Dies soll in einer OIB-Richtlinie festgeschrieben werden, so wie auch eine längere Nutzungsdauer und die Rückbaubarkeit von Gebäuden. Bis das soweit ist, wird es noch dauern, denn dazu braucht es ein juristisches Abkommen zwischen Bund und Ländern sowie bessere Grundlagen seitens der EU. Letzten Informationen zufolge könnte es 2027 soweit sein.

An der Kurbadstraße in Wien- Oberlaa, wo auf dem Areal des ehemaligen Kurhauses und neben dem U1- Bahnhof ein neues Quartier entwickelt ist, kooperiert Romm mit der WBVGPA. „Das ganze Gebiet des Kurparks Oberlaa sind ehemalige Ziegelgruben, in denen es immer noch Lössböden und Tonerden gibt“, sagt Romm. „Wir haben vorgeschlagen, Vegetationssubstrate zu Klimaschutzsubstraten zu machen. Im Planungsgebiet werden viele Bäume erhalten, aber jene, die gerodet werden müssen, können wir via Pyrolyse zu Bioholzkohle machen, also sehr effektives Carbon Capturing.“

Um vor Ort wieder eingesetzt zu werden, muss der Aushub während des Baus gelagert werden, was sich bei einer bauplatzübergreifenden Koordinierung auch problemlos realisieren ließe, so Romm. „Das kostet zwar, wenn man den Lagerplatz mieten muss, aber eine Wiederverfüllung und Substrate aus Material vor Ort bringen auch kostenmäßig sehr viel – mehr als 15 Euro pro Kubikmeter.“

Lehm, Beton und Holz

Nicht nur als Humus kann der Aushub der Lehmböden wiederverwendet werden, sondern auch konstruktiv. So wurde gemeinsam mit POS Architekten eine „Ildefonso-Konstruktion“ mit nichttragenden Lehmbauwänden in den oberen Geschoßen entwickelt. Auch das Forschungsprojekt Reduced Carbon Concrete, das den Zementanteil im Beton reduziert, kann hier angewendet werden und ermöglicht eine CO₂-Einsparung bei den Deckenelementen von 30 Prozent.

Ebenso beteiligt ist Thomas Romm beim Wiener WohnBAUMprogramm, das innovative Konzepte für Holzkonstruktionen im Wohnbau fördert. Gemeinsam mit Bauträger Migra und Hohensinn Architekten aus Graz wurde dabei ein herstelleroffenes Bausystem entwickelt, welches ein nachträgliches Aufstocken und eine Nachverdichtung auf den derzeit noch niedrig gewidmeten Grundstücken ermöglicht.

So kann vermieden werden, dass die Konstruktion bei höherem Nutzungsdruck nicht auf den Müll wandert, sondern einfach ergänzt werden kann, so Romm: „Das Wichtigste bei der Kreislaufwirtschaft ist nicht die Rezyklierbarkeit, sondern die Dauerhaftigkeit. Es geht darum, dass Gebäude möglichst lang stehen bleiben können – und darum, wie sich gute Ideen skalieren lassen.“

Dass parallel an so vielen Fronten gearbeitet wird, hat seinen Grund: Die Zeit drängt. „Wenn wir in fünf bis zehn Jahren die unumkehrbaren Kipp-Effekte des Klimawandels nicht aufgehalten haben, wird es keine Nachhaltigkeit mehr geben“, sagt Thomas Romm. „Es geht nicht darum, Klimagerechtigkeit und Leistbarkeit auszubalancieren. Es geht um eine Vollbremsung. Das heißt nicht, dass wir aufhören müssen zu bauen oder nur noch wiederverwerten sollen. Aber wir müssen anders bauen.“

Lesen Sie die nächsten Artikel dieser Ausgabe

Lesen Sie Artikel zum selben Thema