Klimafolgenanpassung auf öffentlichen und privaten Grundstücken

Vor welche Herausforderungen stellt der Klimawandel die Einwohner:innen Niedersachsens? Welche Bereiche in der Kommune sind besonders gefährdet durch Überflutungen? Wie kann ein gut durchdachtes Regenwassermanagement sowohl bei zu viel als auch bei zu wenig Wasser sowie bei der Reduzierung von Hitzestress helfen? Wie können Bürger:innen selbst vor der eigenen Haustür aktiv werden?

Von Malin Delfs und Heike Neukum

Ein kurzfristiges Zuviel bzw. ein langfristiges Zuwenig an Wasser ist in Zeiten des Klimawandels und der Klimafolgenanpassung ein zentrales Thema. Bedingt durch den Klimawandel wird davon ausgegangen, dass zukünftig mit einer Zunahme von Wetterextremen zu rechnen ist (DWA 2022), dies betrifft einerseits trockenere Sommer mit häufigeren sowie längeren Trockenphasen, anderseits häufiger auftretende Extremwetterereignisse. So ist in den letzten Jahren der norddeutsche Sommer seinem verregneten Ruf nicht gerecht geworden, die sehr trockenen Sommer 2018, 2019, 2020 und 2022 haben dies verdeutlicht. Trotz des insgesamt ausreichenden Wasserdargebots in Deutschland ist die Niederschlagsverteilung regional sehr unterschiedlich, so dass Unterschiede in der Wasserverfügbarkeit, bedingt beispielsweise durch verschiedene klimatische Randbedingungen und die naturräumlichen Gegebenheiten, zu lokalen Engpässen führen können.

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Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass Regenereignisse zukünftig in ihrer Häufigkeit und Intensität zunehmen (DWD 2022), jedoch zeichnet sich hierbei derzeit ab, dass die Niederschlagsmenge im Sommer gleichbleibt oder leicht abnimmt und gleichzeitig die Niederschlagsmenge im Winter zunimmt (DWD 2018). Das bedeutet, dass es im Sommer weniger oft regnet, aber dann extremer und gehäuft in Form von konvektiven (an vertikale / aufsteigende Luftbewegungen gebundene) Regenereignissen von kurzer Dauer. Städte und Gemeinden, Bürger:innen, Grund- und Gebäudeeigentümer:innen sollten sich aus diesem Grund alle auf eine zunehmende Gefährdung infolge von lokalen Starkregenereignissen einstellen und Vorsorge treffen. Darüber hinaus sollte über eine angepasste Garten- und Grünflächenbewirtschaftung nachgedacht werden, die einen besseren Schutz gegenüber extremen Hitzewellen und längerer Trockenheit bieten kann.

Drei verschiedene Arten der Entsiegelung. Foto: Laura Hörner

Häufig werden Gefahren und Risiken, die mit derartigen meteorologischen Extremereignissen einhergehen, durch die veränderten Strukturen heutiger Siedlungsbereiche verstärkt. Hierzu tragen u. a. ein hoher Versiegelungsgrad und eine dichte Bebauung, die Anordnung von Gebäuden sowie fehlende Retentionsflächen bei. Wie können wir also unsere bebaute Umwelt so umgestalten, dass sie diesen Herausforderungen gerecht wird?

Klimafolgenanpassung beginnt vor der eigenen Haustür. Zum Beispiel …

  • … mit dem Reduzieren von städtischen Wärmeinseln und Hitzestress durch städtebauliche Planungsmaßnahmen und private Vorsorge.
  • … mit dem Schutz vor Starkregenereignissen und Überflutungen.
  • … mit einem durchdachten dezentralen Regenwassermanagement.

Reduzieren von städtischen Wärmeinseln und Hitzestress durch städtebauliche Planungsmaßnahmen und private Vorsorge


Bebaute Gebiete sind in der Regel deutlich wärmer als unbebaute Gebiete. Dabei wird der sogenannte Wärmeinsel-Effekt besonders deutlich in großen Städten, lässt sich in der Tendenz jedoch auch bereits in kleinen und mittleren Kommunen beobachten. Aufgrund des höheren Anteils versiegelter Flächen wird mehr Sonnenstrahlung absorbiert, wodurch die Umgebung aufgeheizt wird. Je nach Siedlungsstruktur (Bebauungsdichte, Gebäudehöhe, Anordnung der Gebäude) wird zudem die Windgeschwindigkeit reduziert und die Luftzirkulation gehemmt.

Weitläufige Grünflächen und Parks mindern diese Effekte merklich: Die in den Gebäuden gespeicherte Wärme kann besser an die Umgebung abgegeben und zwischen Gebäuden aufgestaute Wärme kann aus dem Siedlungsgebiet herausgeleitet werden. Außerdem erwärmen sich begrünte Flächen weniger stark, so dass die Luft dort merklich kühler ist. Häufig werden diese grünen Infrastrukturen ergänzt durch blaue Elemente wie z. B. offene Wasserkörper oder Bäche. Diese tragen durch Verdunstungsprozesse erheblich zum Temperaturausgleich bei und sorgen so für ein spürbar angenehmeres Mikroklima.

Begrünungssysteme wie Dach- oder Fassadenbegrünung regulieren den Wärmehaushalt des Gebäudes, filtern die Luft und bieten Lebensraum für verschiedene Tiere. Auch das gezielte Pflanzen von Bäumen (idealerweise standortgerechte, trockenheitsresistente Arten), um die direkte Sonneneinstrahlung durch Beschattung zu reduzieren, hat einen merklichen Einfluss auf das Gebäudeinnere.

Schutz vor Starkregenereignissen und Überflutungen

Starkregen sind Niederschläge mit einer hohen Niederschlagsmenge und einer meist kurzen Dauer. Bei einem Starkregenereignis sind sowohl die öffentliche Kanalisation als auch private Grundstücksentwässerungsanlagen in der Regel innerhalb kurzer Zeit überlastet. Starkregenereignisse treten typischerweise als Sommergewitter sehr lokal auf und können in kurzer Zeit große Flächen überfluten. Die Vorhersagbarkeit von Starkregenereignissen ist oft sehr eingeschränkt und die Vorwarnzeiten entsprechend so gering, dass kaum Zeit zum Handeln bleibt. Die Speicherkapazität der Böden ist bei einem Starkregenereignis aufgrund der großen Wassermenge meist schnell erschöpft, so dass das Wasser sich bereits nach kurzer Zeit oberflächlich seinen Weg bahnt.
Gehen Starkregen über besiedelten Gebieten und deren Außengebietsflächen nieder, kommt es häufig zu Überflutungen durch wild abfließendes Wasser, teils mit großen Schäden an Gebäuden oder an Infrastrukturen.

Da das Auftreten von Starkregenereignissen nicht verhindert werden kann, ist es wichtig, die Gefährdung und das mit einem Starkregenereignis verbundene Risiko zu ermitteln. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse dienen als Grundlage für effektive Vorsorgemaßnahmen zur Schadensvermeidung bzw. -minimierung.

Starkregengefahren und Risiken kennen

Bevor Maßnahmen ergriffen werden, sollte die Gefährdungssituation unter Berücksichtigung des Geländes und der sich darauf befindlichen Baustrukturen genau analysiert werden. Wenngleich Starkregen und daraus entstehende Sturzfluten überall in Niedersachsen – von der Nordsee bis an den Harz und unabhängig davon, ob fließende Gewässer in der Nähe sind – auftreten können, so unterscheiden sich beispielsweise die Fließgeschwindigkeiten, Überflutungstiefen und die dadurch verursachten Schäden enorm aufgrund der jeweiligen Topographie und anderen naturräumlichen und infrastrukturellen Gegebenheiten.

Über die tatsächliche Gefährdung durch Starkregen können z. B. eigens für das Stadt- oder Gemeindegebiet berechnete Karten den Bürger:innen, sowie Haus- und Grundeigentümer:innen Auskunft liefern.

Muldenkaskaden zur Versickerung von Straßenabflüssen. Foto: MUST Städtebau GmbH

Das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG) arbeitet derzeit an einer deutschlandweit vergleichbaren Erfassung und Kartierung von Starkregengefahren, den Hinweiskarten Starkregengefahren. Sie werden als digitales Kartenwerk zur Verfügung gestellt und geben einen Überblick über mögliche Gefahrenbereiche bei Starkregen. Diese Karten stellen die Ergebnisse der Simulation eines festgelegten Regenereignisses dar, sie können allerdings eine lokale Analyse z. B. durch hydraulische Modellrechnung nicht ersetzen. Die Hinweiskarten Starkregengefahren werden voraussichtlich für das Gebiet von Niedersachsen ab Frühjahr 2024 für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Gezielter Objektschutz vor Starkregen

Dr. Heike Neukum ist Hydrogeologin und arbeitet bei der Kommunalen Umwelt-AktioN UAN im Bereich Starkregen und Hochwasser. E-Mail: neukum@uan.de

Haus- und Grundeigentümer:innen stehen verschiedene Maßnahmen zur Verfügung, um ihre Objekte (z. B. Haus, Grundstück) vor Schäden durch Überflutungen zu schützen. Bauliche Objektschutzmaßnahmen können hierbei sinnvoll oder sogar notwendig sein. So kann beispielsweise durch Maßnahmen wie dichte und angepasste Fenster und Türen das Eindringen von Oberflächenwasser in Gebäudeöffnungen verhindert und durch eine erhöhte seitliche Einbordung oder durchgehende Mauern, Aufkantungen, Schwellen oder Ableitungsrinnen das Überfluten von Gebäuden bzw. der Grundstücke vermieden werden. Weiterhin bietet z. B. eine angepasste Gartengestaltung die Möglichkeit, Notwasserwege einzurichten, die einen Abfluss mit geringerer Schädigung von Sachgütern ermöglichen.

Dabei ist zu beachten, dass nur der unmittelbare Objektschutz, also der Schutz des eigenen Hauses / Grundstückes zulässig ist. Es ist nicht erlaubt, durch die Maßnahme den Wasserabfluss zum Nachteil der Nachbar:innen zu behindern, zu verstärken oder auf andere Weise zu verändern (§ 37 Wasserhaushaltsgesetz, WHG). Auch gilt es, die verschiedenen Ansprüche der Gebäudenutzer:innen zu berücksichtigen, so dass keine der Ausführungen die Barrierefreiheit negativ beeinträchtigt.
Auch im Bestand kann Objektschutz mittels technischer oder konstruktiver Maßnahmen erhöht werden.

Hierzu zählen nachträgliche Ausrüstungen zum Schutz von Gebäudeöffnungen oder Einfahrten gegen Wasserzutritt (z. B. installierbare Klappen, Schotte, Schutztore oder sonstige Sperrvorrichtungen). Mechanische Anlagen (z. B. Rückstauventile im Keller / Untergeschoss zum Schutz vor Überschwemmungen durch Kanalrückstau) müssen regelmäßig geprüft, instandgehalten und gewartet werden. Auf Flächen wie Zufahrten oder Vorplätzen können die Abflussverhältnisse beispielsweise durch querlaufende Rinnen, die das Wasser abführen, verbessert werden.

Malin Delfs ist Geografin und arbeitet bei der Kommunalen Umwelt-Aktion UAN im Bereich Hochwasser. E-Mail: delfs@uan.de

Gegen potenzielle Schäden durch Starkregen und Sturzfluten sollten Bürger:innen sowie Haus- und Grundeigentümer:innen auch finanziell durch den Abschluss geeigneter Versicherungen vorsorgen. Als mögliche Versicherungen kommen beispielsweise grundsätzlich in Betracht: Wohngebäudeversicherung, Hausratversicherung, Haus- und Grundbesitzerhaftpflichtversicherung, Elementarschadenversicherung, Gewässerschadenhaftpflichtversicherung („Öltankversicherung“).

Durchdachtes dezentrales Regenwassermanagement

Um der doppelten Herausforderung des Klimawandels – zu viel Wasser und zu wenig Wasser – gerecht zu werden, sollen private und kommunale Grundstücke so gestaltet werden, dass ein naturnaher Umgang mit Regenwasser ermöglicht wird. Dies bedeutet, die Verdunstung zu fördern, den Oberflächenabfluss zu verringern und die Versickerung zu erhöhen, dadurch kann auch die Grundwasserneubildung vor Ort erhöht und die Mischwasserkanalisation entlastet werden.

Sowohl die Gestaltung privater Grundstücke als auch die des öffentlichen Raumes in Städten und Gemeinden zielte lange Zeit darauf ab, Regenwasser so schnell wie möglich aus den Siedlungsgebieten abzuleiten. Heute stehen vielfältige naturnahe und technische Lösungen zum intelligenten Umgang mit Regenwasser zur Verfügung und multifunktionale Maßnahmen im Rahmen eines dezentralen Regenwassermanagements haben sich in vielen Städten in Deutschland bereits etabliert und tragen dort auch zur Reduzierung von Überflutungen bei. Zu nennen sind hier beispielsweise Dachbegrünungen, versickerungsfähige Oberflächen oder dezentrale Versickerungssysteme (z. B. Modulblöcke aus speziellem Kunststoff mit einem geringen Raum- und hohen Nutzenverhältnis und Wasserspeichervolumen über 90 Prozent) oder Rückhaltesysteme (z. B. Mulden-Rigolen-Systeme).

Auch jedes einzelne Grundstück kann einen positiven Beitrag zum natürlichen Wasserkreislauf leisten, indem beispielsweise Regenwasser gesammelt (z. B. mittels Regentonnen, unterirdischen Flachtanks oder Zisternen) oder zwischengespeichert und schließlich während trockener Phasen zeitverzögert an die Umgebung abgegeben wird. Jede noch so kleine unversiegelte Fläche auf dem Grundstück kann hierzu einen Beitrag leisten. Auch bei befestigten Bereichen im Garten, wie beispielsweise Terrassen, Auffahrten oder Wegen, kann bei der Materialauswahl die Wasserdurchlässigkeit berücksichtigt werden (z. B. durch die Nutzung von durchlässigem Fugenmaterial, mit Kies o. ä. befüllten Wabengittern, mit Rasen bepflanzten Schottern / Erdgemischen, Rasengittersteinen, wasserdurchlässigen Betonpflastersteinen bzw. versickerungsfähigen Pflastern). Bestenfalls werden versiegelte Flächen sogar so weit wie möglich zurückgebaut.

Die Kommunale Umwelt-AktioN UAN hat sich als erster und einziger kommunaler Umweltverband in Deutschland zum Ziel gesetzt, Kommunen, kommunalen Verbänden und kommunalen Unternehmen bei der Lösung örtlicher Umwelt- und Nachhaltigkeits-aufgaben zu helfen. Die UAN ist ein Verein in Trägerschaft des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes.
Ein langjähriger Tätigkeitsbereich der UAN sind die Themen Abwasser, Gewässerentwicklung, Hochwasser und Starkregen. Gerade erarbeitet die UAN mit dem Leitfaden „Kommunale Starkregenvorsorge in Niedersachsen“ eine praktische Anleitung zur Erarbeitung kommunaler Starkregen-vorsorgekonzepte, der im Herbst 2023 erscheint. Der Leitfaden basiert auf den Erkenntnissen des mit finanzieller Unterstützung des niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie und Klimaschutz von der UAN und einer beauftragten Arbeitsgemeinschaft von drei Ingenieurbüros durchgeführten dreijährigen Pilotprojektes „Kommunale Starkregenvorsorge“. Website: www.uan.de.

Weiterführende Literatur

NACHHALTIG WOHNEN UND BAUEN

Ein Themenheft von Wohnungswirtschaft heute in Kooperation mit RENN.nord. 192 Seiten, 18,90 €

Nachhaltig Wohnen und Bauen Teil 1 von 3

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