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Die Kunst des Zwischenraums

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Zwischen den Baukörpern wird oft nur flächig, nicht räumlich gedacht. Es lohnt sich aber, sich der Freiräume schon zu Beginn der Planung anzunehmen, ja sogar, sie zum Ausgangspunkt der Überlegungen zu machen und von Anbeginn mitzudenken.
FRANZISKA LEEB

Nur in dringenden Fällen die Wohnung verlassen und Abstand halten, verlangen seit März 2020 die Verordnungen und Virologen, ins Freie gehen und Lufttanken die Psychologen und der Hausverstand. Wie sehr das Wohlbefinden mit dem Zustand des öffentlichen Raums vor unserer Haustür und den im Wohnumfeld zur Verfügung stehenden Freiflächen korreliert, haben wir weltweit niemals zuvor so intensiv wahrgenommen.

Wohl nie zuvor war der Bevölkerung der Wert der öffentlichen Parkanlagen so bewusst, wie im Frühling 2020, als sowohl die Bundesgärten in Wien und Innsbruck für mehrere Wochen geschlossen wurden und auch etliche kleinere Städte Parkschließungen als taugliches Mittel zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie erachteten. Dies traf die Menschen in den Ballungsräumen härter als die Landbevölkerung und jene, die in Stadtteilen mit viel grüner Infrastruktur leben, weniger stark, als die in den dichtbebauten Gebieten. Grünraum ist nicht gerecht verteilt. Bislang nur in Fachzirkeln diskutiert, drang diese Botschaft nun in alle Haushalte.

Grünraum für alle

Im lieblichsten Gefilde/prangt jener schöne Wald. Da spühr’ ich Josephs Milde/in himmlischer Gestalt. Als Kaiser? nein, als Vater,/ließ er den Schluß ergehn: „Der anmuthsvolle Prater/soll jedem offen stehn“ – so dichtete voll Überschwang der Lyriker Michael Denis im Jahr 1766, nachdem Kaiser Joseph II. die Öffnung des Praters für alle veranlasst hatte. Er beschreibt damit eine frühe Bemühung um die Herstellung von Grünraumgerechtigkeit in Wien. Die ehemaligen höfischen Parks, die Schloss- und Villengärten, die Stadtparks und Schrebergärten, grüne Innenhöfe von Wohnanlagen, private Hausgärten und Alleen – zusammen bilden sie das grüne Netz, das an manchen Stellen dichter, an manchen lockerer gewebt ist.

Wie hochwertig es in all seinen Teilen ist, liegt nicht nur in den Händen von Stadtplanung und Stadtgartenamt. Wesentlich tragen auch die von gemeinnützigen und gewerblichen Bauträgern errichteten Siedlungsfreiräume dazu bei. Gerade auf den in jüngerer Vergangenheit umgenutzten Arealen ehemaliger Frachtenbahnhöfe wie der Grünen Mitte Linz und nach dem Motto „Freie Mitte – vielseitiger Rand“ auf dem Wiener Nordbahnhofareal stehen die Freiräume im wahrsten Sinn des Wortes im Zentrum.

Neue Sichtweisen, neue Pflanzen

Am Grünzug Mühlgrund, der im Zuge der verstärkten Siedlungstätigkeit entlang der verlängerten U2 landschaftsarchitektonisch neu akzentuiert (zwoPK Landschaftsarchitektur) wurde, liegt die Wohnsiedlung MGG22 in der Mühlgrundgasse im Stadtteil Stadlau des 22. Wiener Gemeindebezirks. Sieben Häuser und drei Plätze, gebaut auf drei Grundstücken in unterschiedlichem Besitz, geplant von drei Architekturbüros. Es ging nicht um ein Nebeneinander möglichst auffälliger Solitäre, sondern um das Gestalten eines Siedlungskörpers um einen Siedlungsinnenraum.

Sophie und Peter Thalbauer Architektur, Thaler Thaler Architekten (Norbert Thaler, Ursina Thaler-Brunner) und Architekt Alfred Charamza verständigten sich auf eine möglichst einheitliche Architektursprache – von Anfang an mit im Boot die Landschaftsarchitekten Oliver Barosch und Isolde Rajek. Drei quadratische Plätze liegen umspült von winkelförmigen Gebäuden, Wegen und Durchgängen in der Mittelachse. Von Obstbäumen (bald) beschattet, mit locker arrangierten Stühlen und Tischen auf sandigen Oberflächen sind sie wohnliche Bühnen des Siedlungslebens.

Rampen und Stufen gleichen Niveauunterschiede aus, die Abgrenzungen zwischen den privaten und (halb-)öffentlichen Außenräumen sind integrativer Teil des Gesamtkonzepts. „Der Städtebau wirkt sich maßgeblich auf die Freiraumqualität aus“, betont Isolde Rajek. „Es tun sich auch für die Architekten neue Sichtweisen auf, wenn Landschaftsarchitekten frühzeitig, am besten schon in die ersten konzeptionellen Überlegungen, eingebunden werden.“ Nach wie vor gäbe es städtebauliche Wettbewerbe, bei denen die Einbeziehung von Freiraumplanern nicht gefordert sei. In Deutschland sei dies mittlerweile undenkbar.

Zwischenraum als Ausgangspunkt

Angesprochen auf ihren Umgang mit dem Freiraum im Wohnbau flutscht Architektin Eva Rubin spontan Christian Morgensterns Gedicht vom Lattenzaun über die Lippen. Durch den Entzug des Zwischenraums, aus dem die Architekten ein Haus bauen, wird der Lattenzaun unansehnlich und dumm. „Die Zwischenräume sind das Wichtigste – zuerst muss der Außenraum modelliert werden, dann erst die Wohnungsgrundrisse – die Fassade ist mir wurscht“, so die Kärntner Architektin…

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