Magdalena Strasburger: Sektorenkopplung in der Wohnungswirtschaft – Wirtschaftlichkeit? Teil 3

Eine übergeordnete Logik braucht, wer Photovoltaik, Speicher, Wärmepumpe und Wallbox gleichzeitig betreibt. Die Sektorenkopplung liefert sie. Wir von der Redaktion GebäudeTransformation haben Magdalena Strasburger gebeten diesen wichtigen Baustein in einer Serie von drei Teilen zu erklären. Sie promovierte zum Beitrag dynamischer Stromtarife zu einer nachhaltigeren Stromnutzung.

Ihr Fokus liegt auf nachhaltigen und intelligenten Gebäudekonzepten sowie strategischen Fragestellungen rund um Energie, Digitalisierung und innovative Geschäftsmodelle. Im dritten Teil geht es um die „Wirtschaftlichkeit“.

Teil 3 von 3: Wirtschaftlichkeit

In den ersten beiden Teilen dieser Reihe ging es um das Ziel und um das Werkzeug. Sektorenkopplung führt Strom, Wärme und Mobilität hinter einem Netzanschluss zusammen, und ein Energiemanagementsystem (EMS) macht daraus über Messung, Prognose und Steuerung einen abgestimmten Fahrplan.

Es bleibt die Frage, die in unseren Beratungsgesprächen zuletzt am häufigsten gestellt wird und die am Ende über das Projekt entscheidet. Rechnet sich das? Die Antwort lautet nicht pauschal ja.

Die Kostenseite

Ein EMS ist kein einzelner Anschaffungspreis, sondern ein Bündel aus verschiedenen Positionen. Die folgende Reihenfolge entspricht in unseren Projekten in etwa der Häufigkeit, mit der unsere Kunden von den einzelnen Positionen überrascht werden.

  • Messtechnik: Zähler, Wandler und Sensoren am Netzanschlusspunkt und an jeder relevanten Anlage. Je Messstelle bewegt sich das im niedrigen dreistelligen Bereich, in Summe ist es dennoch der am häufigsten übersehene Posten. Wo ein intelligentes Messsystem (iMSys) fehlt, kommen Messstellenbetrieb und häufig ein Umbau des Zählerplatzes hinzu.
  • Steuerungseinheit und Software: Lokale Hardware, eine Lizenz oder eine Kombination aus beidem für herstellerunabhängige Systeme, die Wärmepumpe, Speicher und Ladeinfrastruktur markenübergreifend steuern.
  • Betrieb: Lizenzen, Monitoring, Updates, Störungsbehebung. Als Faustregel rechnen wir mit laufenden Kosten von rund zehn bis fünfzehn Prozent der Investitionssumme pro Jahr.
  • Herstellung der Steuerbarkeit auf der Anlagenseite: Ein Wechselrichter mit dokumentierter Schnittstelle, eine Wärmepumpe mit EEBUS statt nur SG-Ready, eine stufenlos regelbare Wallbox. Bei der Neuanlage kostet das fast nichts.

Für eine Liegenschaft mit Photovoltaik, zentraler Wärmepumpe, Batteriespeicher und einigen Ladepunkten liegt die Investition in Messung und Steuerung erfahrungsgemäß im hohen vierstelligen bis mittleren fünfstelligen Bereich.

Die große Spanne ergibt sich vor allem daraus, ob Messinfrastruktur und Steuerbarkeit bereits vorhanden sind oder erst noch aufgebaut werden müssen. Daher sollte Sektorenkopplung bei jeder Modernisierung mitgedacht werden, auch wenn sie aktuell noch nicht umgesetzt wird.

Woher der Nutzen kommt

  • Höherer Eigenverbrauch: Das Fraunhofer ISE zeigte 2022, dass ein EMS die Eigenverbrauchsquote einer PV-Anlage mit Speicher um bis zu zehn Prozentpunkte steigern kann. Jede verschobene Kilowattstunde ist die Differenz zwischen Bezugspreis und Einspeisevergütung wert. Bei 6,66 Cent für Teileinspeisung bis 40 kW, und einer ab 2027 durch Direktvermarktung geringeren Vergütung, wächst dieser Wert weiter.
  • Zeitvariable Beschaffung: Seit dem 1. Januar 2025 müssen alle Lieferanten dynamische Tarife anbieten (§ 41a EnWG). Eine Neon-Untersuchung von Oktober 2025 weist für Wärmepumpen Einsparungen bis 28 Prozent aus, für 448 Haushalte mit PV, Speicher und dynamischem Tarif im Schnitt 12,7 Prozent. Beide Werte setzen automatisierte Steuerung voraus.
  • Reduzierte Netzentgelte nach § 14a EnWG: Der Paragraf bietet zwei Module. Modul 1 gewährt eine Pauschale von rund 110 bis 190 Euro im Jahr. Modul 2 senkt den Arbeitspreis um 60 Prozent, lässt den Grundpreis entfallen, verlangt aber einen separaten Zähler. In verbrauchsstarken Liegenschaften mit zentraler Wärmepumpe kann Modul 2 der größte Einzelposten sein.
  • Vermiedene Netzanschlussverstärkung: Anschlüsse werden üblicherweise für den Fall ausgelegt, dass alle Ladepunkte gleichzeitig mit voller Leistung laden. Dynamisches Lastmanagement verteilt die vorhandene Leistung auf die tatsächlich ladenden Fahrzeuge, sodass sich deutlich mehr Ladepunkte am bestehenden Anschluss betreiben lassen. Diese vermiedene Verstärkung übersteigt die EMS-Investition regelmäßig um ein Vielfaches, ein häufig unterschätzter Punkt.
  • Vermiedene Erlösausfälle: Neuanlagen erhalten seit dem Solarspitzengesetz in Viertelstunden mit negativem Börsenpreis keine Einspeisevergütung, 2025 gab es davon annähernd 575 Stunden. Wer in diesen Zeiten speichert oder verbraucht statt einzuspeisen, erleidet keinen Verlust. Bis zur Installation einer Steuerbox dürfen Neuanlagen zudem nur 60 Prozent ihrer Nennleistung einspeisen.
  • Wärmepumpenförderung der KfW: Sie verlangt eine bidirektionale digitale Schnittstelle und netzdienliche Steuerbarkeit, eher Voraussetzung als eigenständiger Nutzen. Bidirektional heißt, die Wärmepumpe empfängt Steuersignale nicht nur, sondern meldet auch Statusdaten zurück, eine rein relaisbasierte SG-Ready-Steuerung genügt dafür seit Kurzem nicht mehr.

Zusätzlich hat das Kabinett am 29. Juli 2026 den Entwurf zum EEG 2027 beschlossen, verbindliches Recht ist das noch nicht. Demnach entfällt die feste Einspeisevergütung für Neuanlagen und wird durch eine auf 36 Monate befristete Übergangszahlung ersetzt, deren Anspruchsgrenze jährlich sinkt: 2027 gilt sie noch für Anlagen bis 50 Kilowatt, 2028 nur noch bis 25 Kilowatt. Anlagen oberhalb dieser Grenze vermarkten ihren Strom von Beginn an direkt. Grundlage für beides, Übergangszahlung wie Direktvermarktung, ist ein einheitlich abgesenkter anzulegender Wert von 6,2 Cent pro Kilowattstunde. Zusätzlich dürfen Dachanlagen unter 100 Kilowatt künftig dauerhaft nur noch 50 statt 60 Prozent ihrer installierten Leistung einspeisen, unabhängig vom Messsystem.

Modellrechnung

Vereinfacht, um die Größenordnungen darzustellen.

KenngrößeAnnahme
Wohneinheiten40
Photovoltaik90 kWp, rund 85.000 kWh Jahresertrag
Wärmeerzeugungzentrale Wärmepumpe, rund 110.000 kWh Strombedarf im Jahr
Speicher und LadepunkteBatteriespeicher, vier Ladepunkte
Bezugspreis (Mischpreis)20 ct/kWh
Einspeisevergütung6,66 ct/kWh
Netzarbeitspreis8,5 ct/kWh
Investition Messung und Steuerung25.000 Euro
Laufende Kosten2.500 Euro im Jahr (10 Prozent der Investition)

Auf der Nutzenseite ergeben acht Prozentpunkte zusätzlicher Eigenverbrauch bei rund 85.000 Kilowattstunden Erzeugung etwa 6.800 Kilowattstunden, die statt der Einspeisung den Eigenbedarf decken. Bei einer Differenz von 13 Cent zwischen Bezugspreis und Einspeisevergütung sind das rund 900 Euro im Jahr. Eine um acht Prozent günstigere Beschaffung des Wärmepumpenstroms bringt bei einem Mischpreis von 20 Cent weitere rund 1.800 Euro. Deutlicher noch trennen sich die Wege bei den Netzentgelten.

PositionEMS und Modul-2-Abrechnung umgesetzt
Höherer Eigenverbrauch (plus 8 Prozentpunkte)900 €
Zeitvariable Beschaffung (minus 8 Prozent)1.800 €
Reduzierte Netzentgelte nach § 14a EnWG5.600 €
Summe Nutzen pro Jahr8.300 €
abzüglich laufender Kosten−2.500 €
Netto-Vorteil pro Jahr5.800 €
Statische Amortisation der Investitionrund 4,3 Jahre

In unserem Rechenbeispiel wird Modul 2 gewählt und ein separater Zähler gesetzt. Zwei Einschränkungen zeigen jedoch, dass Modul 2 nicht überall die bessere Wahl ist. Bei geringer Auslastung der steuerbaren Einrichtung kann Modul 1 (Pauschale) wirtschaftlicher sein, und die Netzentgelte unterscheiden sich in verschiedenen Netzgebieten. Zusätzlich betrachtet die Berechnung die vermiedene Netzanschlussverstärkung nicht, die die Wirtschaftlichkeit noch erheblich verbessern kann.

Was die Rechnung kippt

Die Rechnung geht jedoch nicht immer auf, was an mehreren Faktoren liegt: Der erste ist zu wenig steuerbare Last, denn Sektorenkopplung braucht etwas zu koppeln. Mit Wärmepumpe aber ohne E-Mobilität und Speicher wird der Hebel deutlich kleiner. Der Nutzen dynamischer Tarife hängt nicht am Preisniveau, sondern am Abstand zwischen teuren und günstigen Stunden. Wer die Wirtschaftlichkeit überwiegend darauf stützt, rechnet auf der volatilsten der fünf Ertragsquellen. Und die fehlende Messinfrastruktur ist nach wie vor herausfordernd.

Ende 2025 waren nur rund 5,5 Prozent aller Stromzähler in Deutschland intelligente Messsysteme, im Mehrfamilienhaus sogar noch weniger. Messkonzepte ohne iMSys sind möglich, aber aufwendiger, und sie schließen bestimmte Stromnutzungsmodelle aus. Die größte Herausforderung ist jedoch, dass die Investition der Eigentümer trägt, während ein erheblicher Teil des Nutzens in der Wohnung entsteht. Am einfachsten ist die Rechnung also dort, wo Aufwand und Nutzen ohnehin beim Eigentümer liegen: Allgemeinstrom, Aufzug, Beleuchtung, die zentrale Wärmepumpe und die Ladeinfrastruktur.

Was wir Wohnungsunternehmen empfehlen

  • Steuerbarkeit bei jeder Neuanlage vertraglich einfordern und die Schnittstelle im Leistungsverzeichnis benennen. Das reduziert zukünftig deutlich höhere Kosten, die bei einer Nachrüstung anfallen würden.
  • Mit Allgemeinstrom, zentraler Wärmeerzeugung und Ladeinfrastruktur beginnen.
  • Den Netzanschluss früh prüfen. Wenn eine Verstärkung vermeidbar ist, wird Sektorenkopplung wirtschaftlich.
  • Betriebskosten und Betriebsverantwortung von Beginn an einplanen. Sektorenkopplung ist kein Einmalkauf.

Bei Sektorenkopplung geht es weniger um Technik und viel mehr um eine Investition mit energiewirtschaftlichen, vertraglichen und regulatorischen Anteilen. Starten Sie Ihren Entscheidungsprozess also nicht bei einem Anbieter, sondern mit Ihrer Zielsetzung. Niedriger Preis, hoher Eigenverbrauch, geringe Emissionen und Netzdienlichkeit sind unterschiedliche Ziele, die nicht automatisch zusammenfallen.

Magdalena Strasburger


Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin der Strasburger ET GmbH und gestaltet zukunftsorientierte Lösungen für die Energie- und Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt auf nachhaltigen und intelligenten Gebäudekonzepten sowie strategischen Fragestellungen rund um Energie, Digitalisierung und innovative Geschäftsmodelle. Sie promovierte zum Beitrag dynamischer Stromtarife zu einer nachhaltigeren Stromnutzung. Ihre langjährige Erfahrung aus Wirtschaft und Forschung verbindet sie mit strategischem Denken und einem ganzheitlichen Blick auf die Branche.

Darüber hinaus ist sie als Referentin und Dozentin tätig, in akademischen Kontexten ebenso wie auf Fachveranstaltungen der Energie- und Immobilienwirtschaft.  www.strasburger-et.de

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