Johannes Krämer, Baudirektor beim Bistum Mainz, brachte eine Kernbotschaft mit zum Immobilientag: Die Kirche muss kleiner werden, will aber ihren gesellschaftlichen Auftrag nicht aufgeben. In einem spannenden Dialog mit Adalbert Schmidt von der Landeskirche Hannover zeigte er auf, wie aus der Not eine architektonische Tugend werden kann.
Warum das wichtig ist
Die Kirche steht vor einer Herausforderung, die viele Akteure der Wohnungswirtschaft in ähnlicher Form kennen: Der Bestand passt nicht mehr zum Bedarf. Während die Kirche mit schwindenden Mitgliederzahlen und riesigen, schwer zu beheizenden Sakralbauten kämpft, steht die Wohnungswirtschaft oft vor dem Problem, dass Gemeinschaftsflächen oder leerstehende Gewerbeeinheiten im Quartier nicht flexibel genug genutzt werden können. Der Vortrag von Johannes Krämer (Bistum Mainz) auf dem 15. Mainzer Immobilientag liefert hier einen brillanten, lösungsorientierten Ansatz.
Das Konzept der „Kirchenbox“ zeigt, wie man mit minimalem Aufwand, ohne Eingriffe in die Bausubstanz und zu überschaubaren Kosten neue, nutzbare Räume in bestehenden Hüllen schafft. Für Entscheider ist das ein wichtiges Signal: Bestandserhalt muss nicht immer Kernsanierung bedeuten. Kluge, modulare „Raum-im-Raum“-Lösungen können die Antwort auf Leerstand und starre Grundrisse sein.
Das Problem: Zu viel Raum für zu wenige Menschen
Die Kirche erlebt derzeit einen dramatischen Rückgang der Bindung – ein Trend, den Krämer als Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung sieht. Das Ergebnis: Die Gebäude sind zu groß, zu zahlreich und im Unterhalt zu teuer. Oft werden deshalb Pfarrheime und Nebengebäude aufgegeben.
Doch wohin mit den Gruppen und Gremien? Die Antwort liegt in der Umnutzung der großen Kirchenräume selbst, die künftig als „dritte“ oder gar „vierte Räume“ der Gesellschaft dienen sollen.
Die Lösung: Die Kirchenbox
In Kooperation mit der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPU) Kaiserslautern entwickelte das Bistum das Konzept der Kirchenbox. Dabei handelt es sich um ein modulares System, das in die riesigen Hallen der Kirchen gestellt wird.
Die technischen Eckdaten sind bestechend einfach:
- Modularität: Ein Raster von 1,25 m erlaubt flexible Größen bis zu einer Breite von 5 m; die Länge ist frei wählbar.
- Infrastruktur: Licht und EDV sind integriert, was heutige Nutzungsanforderungen an Coworking oder Besprechungsräume erfüllt.
- Verzicht auf Wasser: Um die Komplexität (und damit die Kosten sowie Genehmigungshürden beim Denkmalschutz) extrem niedrig zu halten, gibt es keinen Wasser- oder Abwasseranschluss.
- Qualität: Ein Gebrauchsmusterschutz soll sicherstellen, dass keine „billigen Plagiate“ die ästhetische und statische Qualität des Systems untergraben.
Wirtschaftlichkeit und Teamgeist
Ein Prototyp (Mockup) wurde bereits erfolgreich als Teambuilding-Maßnahme in einer Mainzer Kirche aufgebaut. Das Ergebnis überzeugt auch finanziell: Während feste Einbauten in denkmalgeschützte Gebäude oft Unsummen verschlingen, kostet eine Kirchenbox etwa so viel wie ein Mittelklassewagen.
Besonders interessant für die Wohnungswirtschaft: Die Box ist reversibel. Wenn ein Standort aufgegeben wird, kann man die Box einfach abbauen und an einem anderen Ort – etwa in einem neuen Quartierstreff – wiederverwenden. Das minimiert das Investitionsrisiko erheblich.
Die Chance: Gebäude teilen
Krämer plädierte leidenschaftlich dafür, Gebäude nicht mehr als exklusive Räume zu betrachten. Die Kirchenbox ermöglicht es, den sakralen Raum zu teilen: Vormittags nutzen vielleicht Vereine oder die Kommune die Box, abends die Kirchengemeinde. Diese Form der Multifunktionalität ist ein Vorbild für die moderne Quartiersentwicklung, bei der Flächen effizient und gemeinschaftlich genutzt werden müssen.
Fazit für Entscheider
Der Vortrag von Johannes Krämer macht Mut. Er zeigt, dass man mit Mut zur Reduzierung der Komplexität (kein Wasser!) und modularen Systemen auch schwierigste Bestände retten kann. Für die Wohnungswirtschaft bedeutet das: Bevor wir über teure Abrisse oder Kernsanierungen von untergenutzten Flächen nachdenken, sollten wir prüfen, ob „Box-Lösungen“ nicht schneller, günstiger und flexibler zum Ziel führen.
Kernaussagen zum Mitnehmen
- Druck zur Konzentration: Sinkende Mitgliederzahlen und wirtschaftliche Zwänge zwingen die Kirche zur Reduzierung ihres Gebäudebestands.
- Die „Kirchenbox“ als Lösung: Ein modularer Einbau für große Hallen, der Räume für Gruppen und Gremien schafft, wenn separate Gemeindehäuser aufgegeben werden.
- Radikale Reduzierung der Komplexität: Die Boxen verfügen über Strom und EDV, verzichten aber bewusst auf Wasseranschlüsse, um Kosten zu senken und den Denkmalschutz zu wahren.
- Flexibel und Reversibel: Die Konstruktion ist vollständig rückbaubar und kann bei einer Aufgabe des Standorts an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden.
- Kostenkontrolle: Die Anschaffungskosten liegen etwa im Bereich eines Mittelklassewagens – ein Bruchteil dessen, was feste Einbauten kosten würden.
- Öffnung ins Quartier: Die Räume sind nicht nur für kirchliche Zwecke gedacht, sondern können mit Vereinen, Kommunen oder privaten Initiativen geteilt werden.
Kristof Warda





