Staatsoptimierung statt Reformstau – Bürokratieabbau und schnellere Baugenehmigungen entscheiden jetzt über bezahlbares Wohnen  

Deutschland diskutiert seit Jahren über Bürokratieabbau, schnellere Genehmigungen und eine leistungsfähigere Verwaltung. Kaum ein wirtschaftspolitisches Thema wird so häufig angesprochen – und gleichzeitig so selten konsequent umgesetzt. Angesichts einer schwächelnden Konjunktur, geopolitischer Unsicherheiten und eines zunehmenden Investitionsstaus wird die Frage nach einem funktionierenden Staat jedoch immer drängender.

Besonders deutlich zeigt sich dieses Problem in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. Der Bedarf an Wohnraum ist hoch, gleichzeitig sinkt die Zahl der Baugenehmigungen deutlich. Projektentwickler, kommunale Wohnungsunternehmen und Genossenschaften berichten übereinstimmend von immer komplexeren Genehmigungsprozessen, langen Bearbeitungszeiten und einer wachsenden Zahl von Vorschriften. Viele Projekte scheitern nicht mehr an der Finanzierung – sondern an der Verwaltung.

Vor diesem Hintergrund fordert die Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA) einen grundlegenden Perspektivwechsel. Ihr Geschäftsführer Harald Müller spricht nicht nur von Bürokratieabbau, sondern von einer umfassenden „Staatsoptimierung“. Diese sei, so Müller, die „Mutter aller Lösungen“ für die künftige wirtschaftliche Stärke Deutschlands.

Ein leistungsfähiger Staat – aber zu langsam

Deutschland verfüge grundsätzlich über einen leistungsfähigen Staat. Doch gleichzeitig sei dieser in vielen Bereichen schwerfällig geworden. Über Jahrzehnte seien Gesetze, Zuständigkeiten und Verfahren immer weiter ausdifferenziert worden. Was ursprünglich als Absicherung gedacht war, führe heute häufig zu komplizierten und zeitaufwendigen Abläufen.

Die Folgen sind inzwischen messbar. Der Nationale Normenkontrollrat schätzt die jährlichen Bürokratiekosten auf rund 64 bis 65 Milliarden Euro. Das ifo Institut geht sogar davon aus, dass Bürokratie jährlich rund 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung kostet.

„Für Unternehmen ist das keine abstrakte Größe“, sagt Harald Müller. „Es bedeutet gebundene Arbeitszeit, verzögerte Investitionen und sinkende Effizienz.“ Gerade im Bau- und Immobiliensektor wird dieses Problem besonders sichtbar.

Baugenehmigungen als Bremsklotz für Investitionen

Während Politik und Gesellschaft den Bau von mehr Wohnungen fordern, dauert der Weg von der Planung bis zur Baugenehmigung vielerorts immer länger. Projektentwickler berichten von Genehmigungsverfahren, die sich über mehrere Jahre ziehen können.

Der Grund liegt selten in einem einzelnen Hindernis. Vielmehr entsteht die Verzögerung durch eine Vielzahl einzelner Schritte: umfangreiche Planungsunterlagen, komplexe Bauordnungen, Beteiligung zahlreicher Behörden, unterschiedliche Anforderungen von Ländern und Kommunen und zusätzliche Gutachten und Prüfverfahren.

Ein Bauantrag kann heute mehrere hundert Seiten umfassen. Hinzu kommen Stellungnahmen von Umwelt-, Verkehrs-, Denkmal- oder Brandschutzbehörden. Jede Änderung im Planungsprozess kann wiederum neue Prüfungen auslösen. Für Investoren und Wohnungsunternehmen entsteht dadurch ein hohes wirtschaftliches Risiko. Je länger ein Genehmigungsverfahren dauert, desto stärker steigen Baukosten, Finanzierungskosten und Unsicherheiten.

Die Konsequenz ist sichtbar: Viele Projekte werden verschoben oder ganz aufgegeben.

16 Bauordnungen – ein strukturelles Problem

Ein zentraler Grund für die Komplexität liegt nach Einschätzung der Bonner Wirtschafts-Akademie in der föderalen Struktur Deutschlands.

Zwar gibt es mit der Musterbauordnung eine gemeinsame Grundlage, doch letztlich hat jedes Bundesland eigene Bauordnungen und Detailregelungen. Für bundesweit tätige Projektentwickler bedeutet das einen erheblichen zusätzlichen Aufwand.

Harald Müller formuliert es deutlich: „Wir brauchen schlichtweg keine 16 unterschiedlichen Bauverordnungen.“

Die Unterschiede betreffen unter anderem: Abstandsflächen, Brandschutzanforderungen, Stellplatzregelungen, energetische Standards und Verfahrensregeln für Genehmigungen. Für Bauherren bedeutet das, dass ein Projekt, das in einem Bundesland problemlos genehmigt wird, in einem anderen Bundesland völlig neu geplant werden muss.

Eine stärkere Harmonisierung der Bauordnungen könnte Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigen und Planungssicherheit erhöhen.

Die Verwaltung arbeitet oft noch analog

Ein weiterer Grund für lange Genehmigungszeiten liegt in den Arbeitsprozessen vieler Bauverwaltungen. In zahlreichen Kommunen werden Bauanträge noch immer teilweise auf Papier eingereicht. Planungsunterlagen werden zwischen verschiedenen Fachämtern weitergeleitet, Stellungnahmen müssen einzeln eingeholt werden.

Das Ergebnis sind lange Bearbeitungszeiten und hohe Verwaltungsaufwände.

Ein moderner Staat müsste hier konsequent auf digitale Verfahren setzen. Nach dem Prinzip „digital by default“ könnten Bauanträge vollständig online eingereicht und automatisiert geprüft werden.

Digitale Plattformen könnten beispielsweise: Vollständigkeit von Unterlagen automatisch prüfen, Abstandsflächen oder Baugrenzen digital berechnen, Fachbehörden parallel einbinden und Genehmigungsstände transparent machen. Viele dieser technischen Möglichkeiten existieren bereits – werden aber bislang nicht flächendeckend eingesetzt.

Digitalisierung als Schlüssel zur Beschleunigung

Nach Einschätzung der Bonner Wirtschafts-Akademie ist die Digitalisierung der Verwaltung der wichtigste Hebel für eine funktionierende Staatsmodernisierung.

Die aktuelle Digitalstrategie des Bundes enthält durchaus vielversprechende Ansätze. Dazu gehört unter anderem der sogenannte Deutschland-Stack, eine gemeinsame IT-Basisplattform für staatliche Digitalprojekte.

Auch das Onlinezugangsgesetz verpflichtet Bund, Länder und Kommunen, Verwaltungsleistungen digital anzubieten. Doch die Umsetzung bleibt bislang lückenhaft.

Zwar sind inzwischen zahlreiche Verwaltungsleistungen digital verfügbar. Doch sie werden häufig nicht flächendeckend eingesetzt oder unterscheiden sich weiterhin zwischen Bundesländern und Kommunen.

Gerade im Bauwesen wäre eine einheitliche digitale Plattform für Genehmigungsverfahren ein entscheidender Fortschritt.

Staatsoptimierung heißt hier: einmal entwickeln, überall ausrollen“, sagt Müller.

Künstliche Intelligenz könnte Verfahren beschleunigen

Ein weiterer Ansatz zur Modernisierung der Verwaltung liegt im Einsatz Künstlicher Intelligenz.

KI-Systeme könnten künftig zahlreiche Routineaufgaben übernehmen, etwa: automatische Prüfung von Bauanträgen auf Vollständigkeit, Analyse von Bauplänen, Abgleich mit Bebauungsplänen, Vorbereitung von Genehmigungsbescheiden. Dadurch ließen sich Bearbeitungszeiten erheblich verkürzen.

Bereits heute enthalten rund 12 bis 15 Prozent der öffentlichen IT-Ausschreibungen in Deutschland KI-Anforderungen. Besonders auf Bundesebene wächst die Bedeutung solcher Technologien.

Für Harald Müller ist jedoch klar: KI darf Entscheidungen nicht ersetzen. „Sie unterstützt, aber sie ersetzt nicht die menschliche Verantwortung.“

Staatsoptimierung beginnt mit klaren Aufgaben

Neben Digitalisierung und Regulierung geht es bei der Staatsoptimierung auch um eine grundlegende Aufgabenanalyse. Bund, Länder und Kommunen hätten im Laufe der Zeit zahlreiche Aufgaben übernommen, deren Nutzen heute nicht mehr eindeutig sei. Förderprogramme, Berichtspflichten oder parallele Prüfstrukturen würden Ressourcen binden, ohne einen klaren Mehrwert zu schaffen.

Eine moderne Verwaltung müsse deshalb konsequent fragen: Welche Aufgaben sind wirklich notwendig? Wo können Verfahren vereinfacht werden? Welche Prozesse lassen sich zusammenlegen?

Ein schlankerer Staat bedeute dabei nicht weniger Gemeinwohl. Vielmehr könne sich der Staat stärker auf seine Kernaufgaben konzentrieren – etwa auf funktionierende Infrastruktur, effiziente Verwaltung und verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen.

Eine umfassende Staatsoptimierung erfordert jedoch politischen Mut.

Sie bedeutet, bestehende Strukturen infrage zu stellen, Zuständigkeiten neu zu ordnen und gewachsene Bürokratien zu verschlanken. Widerstände sind dabei nahezu unvermeidlich. Doch die Alternative wäre ein weiter wachsender Verwaltungsapparat, der Investitionen und Innovation zunehmend ausbremst.

Gerade für die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft steht viel auf dem Spiel. Wenn Baugenehmigungen weiterhin Jahre dauern und Bauvorschriften immer komplexer werden, wird es immer schwieriger, neuen Wohnraum zu schaffen.

„Staatsoptimierung ist keine technokratische Reform“, sagt Harald Müller. „Sie ist eine zentrale Zukunftsfrage für Deutschlands wirtschaftliche Stärke.“

Schnellere Genehmigungen als Schlüssel für mehr Wohnungsbau

Der dringend benötigte Bürokratieabbau ist weit mehr als ein verwaltungspolitisches Detailthema. Für Branchen wie die Bau- und Immobilienwirtschaft entscheidet er über Investitionen, Projekte und letztlich über die Frage, ob genügend Wohnraum entstehen kann.

Schnellere Genehmigungen, klarere Bauordnungen und digitale Verfahren könnten erhebliche Dynamik freisetzen. Die Voraussetzungen dafür sind bekannt. Was bislang fehlt, ist vor allem eines: der politische Wille zur konsequenten Umsetzung.

Die Staatsoptimierung, von der die Bonner Wirtschafts-Akademie spricht, könnte deshalb weit mehr sein als ein Verwaltungskonzept. Sie könnte zu einer der wichtigsten Reformaufgaben für den Wirtschaftsstandort Deutschland werden.

Gerd Warda    Quelle: Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA)

Kommentar

Lesen Sie die nächsten Artikel dieser Ausgabe

Lesen Sie Artikel zum selben Thema