KI hilft dem Energiemanagement im Haus. Die KI-Steuerung muss nicht programmiert werden, sie erlernt mittels Künstlicher Intelligenz. Um die Versorgungssicherheit des künftigen Energiesystems zu gewährleisten, braucht es nicht nur einen Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch ausgeklügelte Kontrollmechanismen, die Produktion, Einspeisung und Verbrauch effizient steuern.
Empa-Forschende haben deshalb, am Beispiel der Innovationsplattform NEST, einen vorausschauenden Kontrollalgorithmus entwickelt, der das Energiemanagement auf Ebene des Gebäudes optimiert – ohne dabei den Komfort der Nutzer:innen einzuschränken.
Dichtes Programm im Foyer des Pensionist:innenclubs „All in Neubau“ beim Tag der Offenen Tür
Das Areal des ehemaligen Sophienspitals in Wien wurde zu einem urbanen Mix aus Wohnen und Kultur mit unterschiedlichen sozialen Angeboten. Der neue, kleine Stadtteil kombiniert Sanierung und Neubau. MAIK NOVOTNY
Emsig gestickt wird in der Nähwerkstatt, die Vorbereitungen für die Modenschau am nächsten Tag laufen auf Hochtouren. Keine professionellen Supermodels werden dann auftreten, sondern selbstbewusste Senior:innen um die 80. Durch die große Fensterfront geht der Blick direkt auf den Gürtel und den Westbahnhof. Im Erdgeschoß wird niederschwellig und gut gelaunt zum Demenztraining eingeladen. Der Eindruck ist eindeutig: Die älteren Mitbürger: innen sind selbstbewusster Teil des Stadtgeschehens.
Der Pensionist:innenclub „All in Neubau“ ist Teil des bunten Mosaiks auf dem 1,3 Hektar großen Areal des ehemaligen Sophienspitals im 7. Wiener Gemeindebezirk. Dieses war 1881 eröffnet worden, 1945 übernahm es die Stadt Wien und wandelte es 1987 in ein Pflegezentrum um. Dieses wurde 2016 geschlossen, und die Stationen übersiedelten ins neue Pflegewohnhaus Rudolfsheim-Fünfhaus. Dort, wo früher Kranke und Ältere gepflegt wurden, sind nun 176 geförderte Wohnungen in einem Neubau, ein Gemeindebau in einem Altbau sowie soziale und kulturelle Einrichtungen entstanden. Der Bauträgerwettbewerb des wohnfonds_ wien wurde im September 2020 entschieden und das Ergebnis ging Juli 2021 in den Grundstücksbeirat.
Kompetentes Team
Gewonnen hatte das Team aus den Bauträgern Sozialbau AG und WBVGPA sowie den Architekt:innen P.Good und Martin Kohlbauer. Die Sozialbau errichtete 120 Wohnungen und übernahm die Sanierung des denkmalge schützten Kenyon-Pavillons von 1907 und des Karl-Ludwig-Pavillons. Die WBV-GPA errichtete 56 Wohnungen. Schlüsselübergabe hier war im November 2025, die 46 Gemeindewohnungen wurden Anfang 2026 übergeben.
Erstmals wurden hier im Rahmen der Wiener Wohnbauförderung Neubau und Bestand miteinander verknüpft, für Stadt, Bezirk und wohnfonds_wien war das Areal von Beginn an ein Best- Practice-Projekt mit entsprechendem planerischem Goodwill und medialer Aufmerksamkeit. Aus dem Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz ergab sich die Möglichkeit, ein Drittel der Fläche für Nicht-Wohnnutzungen zu errichten. Diese fanden zum großen Teil im Kenyon- Pavillon Platz, da eine Adaption der stattlich hohen Räume fürs Wohnen zu stark mit der denkmalgeschützten Substanz kollidiert wäre. Da die Sozialbau diesen Bauteil und seine Nutzungen übernahm, wurde ihr auch der größere Anteil an Wohnungen zugeteilt, um das gesetzmäßig erforderliche Verhältnis von Wohnen und Nichtwohnen zu erreichen. Fördertechnisch wurde die Sanierung des Bestands durch die Neubauförderung abgedeckt.
Präzisionsarbeit: Im Nähatelier von „All in Neubau“ laufen die Vorbereitungen für die Modenschau
Die Architekt:innen wiederum teilten sich den Neubau (Kohlbauer) und die Adaptierung des Altbaus (P.Good) auf, für die Neugestaltung des alten Parks wurden Auböck + Karasz beauftragt. Eine konsequente Entscheidung, denn Azita Goodarzi und Martin Praschl von P.Good haben bei einer Vielzahl von Projekten ausgewiesene Expertise bei der sorgfältigen Sanierung von Altbausubstanz gezeigt, und Martin Kohlbauer bekam durch den Planungsauftrag eine Art Entschädigung für den Verlust eines seiner Werke.
Mitten im Leben: Blick vom Pensionist:innenclub direkt auf den Westbahnhof
Denn dort, wo jetzt fünf dicht nebeneinanderstehende, einfach gestaltete Wohntürme, gekrönt mit „fliegenden“ Photovoltaik-Dächern mit Urban Gardening und Liegestühlen auf den Dachterrassen bis zu elf Geschoße in die Höhe ragen, stand zuvor der erst 1999 errichtete letzte Bauteil des Sophienspitals – ebenfalls von Architekt Martin Kohlbauer entworfen. Ein Bestandserhalt war aufgrund des speziellen Zuschnitts des Altbaus und des im Wettbewerb geforderten hohen Ausmaßes an Wohnfläche nicht realisierbar, im Sinne der Kreislaufwirtschaft bemühte man sich jedoch gemeinsam mit dem Baukarussell um eine Wiederverwertung von Bauteilen. Vorbildhafte Klimagerechtigkeit war im Bauträgerwettbewerb großgeschrieben, die Wärmeversorgung erfolgt durch Fernwärme und Geothermie und die Lücken zwischen den fünf Wohntürmen sollen Frischluft von Westen in den dicht bebauten Gründerzeitbezirk lassen.
Stepptanz und Apfelstrudel
Das gesamte erste Obergeschoß aller Türme füllt die Wiener Volkshochschule, in der beim Tag der Offenen Tür reichlich Andrang herrscht: Im Foyer, wo die roten Goodie-Bags ausgehändigt werden, in der Lehrküche, beim Stepptanz im Mehrzwecksaal, bei den Community Nurses des Fonds Soziales Wien (FSW) und überall dazwischen. Auch der Kindergarten im Karl-Ludwig- Pavillon ist schon in Betrieb, und der Durchgang zum Gürtel im Erdgeschoß wird künftig einen Rahmen für Events und Kunstprojekte abgeben.
Niederschwelliger Lern-Ort: Foyer der Volkshochschule
Auch nebenan, bei sophie7 im Kenyon- Pavillon, herrscht schon reges Leben. Die Gastronomie eröffnet zwar erst im März, doch für die Besucher:innen gibt es jetzt schon Apfelstrudel mit Vanillesauce, und der neue Veranstaltungssaal im Untergeschoß hat schon seine Premiere erlebt – die Präsentation eines Buchs über den 7. Gemeindebezirk. „Technisch hat alles funktioniert, und das Haus war mit wuselndem Leben erfüllt, das war großartig“, freut sich Roman Bolschetz, der gemeinsam mit Stephan Zuber den Betrieb und das Programm des sophie7 steuert. Auch Barbara Seifert, Bezirksrätin bei den Grünen, ist begeistert: „Ein Saal dieser Größe hat uns bisher im Bezirk gefehlt.“ Hier werden künftig Konzerte und Kabarettaufführungen stattfinden, auch für private Nutzungen ist der Saal mit seinen 400 Sitzplätzen buchbar.
Ein weiterer Saal wartet im Erdgeschoß des Pavillons auf die ersten Nutzer: innen, darüber sind neben einem von sophie7 betriebenen Co-Working- Space der Pen-Club und die Kiesler- Stiftung eingezogen. Unter dem Dach hat der Kulturverein Mezekere, der sich insbesondere der Kunst von Migrant: innen und der niederschwelligen Kulturvermittlung verschrieben hat, schon seine Türen zum Soft-Opening geöffnet und zeigt die farbenfrohen textilen Rauminstallationen der Künstlerinnen Guadalupe Aldrete und Sophie Douala. Die offizielle Eröffnung wird im Mai erfolgen. „Wir sind sehr glücklich, hier angekommen zu sein. Es herrscht richtige Aufbruchstimmung im ganzen Areal“, freut sich Mbatijua Hambira, Geschäftsführer von Mezekere. „Wir alle strecken schon die Fühler zueinander aus.“ Auch er werde nachher gleich bei den Pensionist: innen und der Volkshochschule vorbeischauen.
Kultur und Leistbarkeit
Im Karl-Ludwig-Pavillon wird bereits seit Herbst gewohnt, nebenan im Gemeindebau wurde eine brandneue Turnhalle ins Souterrain eingefügt, die den Pensionist:innen und Vereinen im Bezirk zur Verfügung steht. Susanne Szabo, Bereichsleiterin des Pensionist:innenclubs für den 7. Bezirk, testet schon den Bodenbelag (natürlich nicht mit Straßenschuhen), daneben steht Kursleiter Tobias Ludescher, schon im Sport-Dress, und freut sich bereits auf die ersten Kurse.
Bereits eingezogen ist der Art Space Mezekere mit seiner ersten AusstellungZufrieden mit der Nachbarschaft: Mezereke-Geschäftsführer Mbatijua HambiraSport und Spiel: Die neue Turnhalle im Untergeschoß des Gemeindebaus
Auch die Bauträger selbst sind vor Ort und inspizieren das neue Stück Stadt. „sophie7 zeigt, wie wir gemeinnützigen Bauvereinigungen nachhaltigen Wohnraum für die Zukunft schaffen: sozial, kostengünstig und innovativ“, so Michael Gehbauer, Geschäftsführer der WBV-GPA. „Die Verbindung aus historischem Bestand, ökologischer Innovation und kultureller Vielfalt macht dieses Quartier zu einem wichtigen Beitrag für eine lebenswerte Stadt der Zukunft.“
„sophie7 zeigt, wie wir gemeinnützigen Bauvereinigungen nachhaltigen Wohnraum für die Zukunft schaffen: sozial, kostengünstig und innovativ.“
Michael Gehbauer, WBV-GPA
Hannes Stangl, Vorstandsvorsitzender- Stellvertreter der Sozialbau, zeigt sich erfreut über den Kultur-Mix von sophie7 im Kenyon-Pavillon. „Hier wollten wir zeigen, dass wir als Bauträger auch eine kulturelle Verantwortung haben und das innovativ umsetzen können. Oft scheitern solche guten Ideen nach dem Bauträgerwettbewerb daran, dass man die passenden Nutzer: innen nicht findet. Daher haben wir hier von Anfang an die richtigen Leute gesucht und gefunden.“
Gute Zusammenarbeit: Michael Gehbauer, WBV-GPA, und Hannes Stangl, SozialbauKlare Kontraste: Neubau und sanierter AltbauMitten in der Stadt: Blick auf den Wohnbau vom abendlichen Gürtel Fotos: Florian Albert
Glücklich am Gürtel
Eine weitere Aufgabe, die die Bauträger zu lösen hatten, war die im Wettbewerb vom wohnfonds_wien geforderte Leistbarkeit: Ausschließlich geförderte Wohnungen mit äußerst geringem Eigenmittelanteil waren in der Ausschreibung verlangt. „Das war eine Herausforderung“, sagt Hannes Stangl. „Noch dazu, weil es genau in die Zeit der rapide steigenden Baukosten fiel. Wir hatten das Glück, dass damals die Wiener Wohnbauförderung erhöht wurde. Wir konnten als eines der ersten Projekte damals davon profitieren, und so haben wir die gewünschte Leistbarkeit umsetzen können.“
Kein Zweifel: Die zentrale Lage im begehrten 7. Bezirk und direkt am Westbahnhof ist sowohl als Wohnort als auch für die kulturellen und sozialen Nutzungen ein idealer Standort. Nicht wenige Wiener:innen fragten sich während der Bauphase jedoch, ob das Wohnen am Gürtel wirklich so erstrebenswert sei. Nein, der Lärm sei kein Problem, sagt die junge Bewohnerin aus dem 8. Stock. Sie wohne hier sehr gerne. Natürlich werde nachts hier schon oft gerast, Blaulicht und Sirenen gebe es auch oft, doch dank schallisolierender Fenster habe man hier in der Wohnung seine Ruhe. Und schließlich ist man ja auch mitten in der Stadt. Mit allem, was dazugehört.
Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V., hat in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 20. März 2026 in einer Kolumne eine radikale Wende in der Wohnungspolitik gefordert.
In einem offenen Brief antwortet Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW), auf die Forderungen.
Mit dem Bau der „Grünen Saite“ schlägt die Seestadt Aspern einen neuen Weg ein: Der große Park wird bereits errichtet, bevor die Wohnprojekte gebaut werden. Fotos: Luiza Puiu, Oreste Schaller
Das 83. Symposium zur Zukunft des Wohnens, in Zusammenarbeit mit Der Standard, führte in die Seestadt Aspern. Urbane Lebensräume befinden sich im Wandel und erfordern ein grundlegendes Umdenken in Planung und Entwicklung: Bauen, ohne Freiräume von Anbeginn gleich mitzudenken, ist Vergangenheit – doch nun müssen die Freiräume neu gedacht werden. GISELA GARY
Klimaresilienz, Alltagstauglichkeit und soziale Teilhabe sind die Stichworte, die beim 83. Symposium im Speiseamt von Wienwork am häufigsten fielen. Wienwork bildet hier sozial benachteiligte Menschen u. a. in der Gastronomie aus. Als Vorprogramm gab es eine Führung durch Sebastian Zenz zum Bauplatz der „Grünen Saite“. Die Grüne Saite entsteht im Norden von aspern Seestadt als partizipatives Bindeglied zwischen mehreren Naturräumen mit vielen Funktionen und für alle Generationen. Sie verbindet grüne Infrastruktur und soziale Teilhabe zu einem integrierten Konzept, das Lebensqualität, Gesundheit und Wohlbefinden der Bewohner:innen in den Mittelpunkt stellt.
Sabine Müller, Vorständin Wien 3420 AG
Durch eine enge Verzahnung von Park, gemeinschaftlichen Gärten, Fahrrad- und Fußwegen sowie klimafreundlichen Mobilitätsangeboten soll so eine lebendige, resiliente Nachbarschaft entstehen. Die Grüne Saite gilt als Meilenstein zukunftsorientierter Stadtentwicklung, der ökologische Ziele, soziale Gestaltungskraft und wirtschaftliche Dynamik harmonisch zusammenführt.
Öffentliche Freiräume sollen als lebendige Begegnungsorte soziale Interaktion und Identität fördern. Sabine Müller, Vorständin der Wien 3420 AG, betonte, dass Stadt zwischen den Gebäuden stattfindet: „Der Raum wirkt immer intuitiv auf den Menschen. Der Freiraum muss als einladendes Wohnzimmer verstanden werden, aber wir legen in der Seestadt auch Wert darauf, dass wir Flächen leer lassen und beobachten, wie diese von den Menschen verwendet werden.“
Carina Wenda, Klimakoordinatorin St. Pölten, setzt auf Partizipation zur Umsetzung von erfolgreich genutzten Freiräumen.
Ein gutes Stichwort für Carina Wenda, Leiterin für nachhaltige Planungsprozesse der Klimakoordinationsstelle der Stadt St. Pölten, die mit ihrer Keynote Best Practices aus der niederösterreichischen Hauptstadt mitbrachte – wie „Sturm 19 Park“ oder den Promenadenring: „Wir brauchen eine neue Balance im urbanen Gefüge – denn mit begrenztem Wohnraum steigt die Bedeutung des (halb-)öffentlichen Freiraums. Die Partizipation spielt dabei eine entscheidende Rolle. Der Freiraum hat letztlich auch die Verantwortung für die Lebensqualität.“
Beide Projekte befinden sich in sehr dicht besiedelten Stadtteilen von St. Pölten, und trugen trotz einiger Herausforderungen aufgrund des Widerstands der Anrainer:innen zu einer wesentlich verbesserten Aufenthaltsqualität bei, zu effektiven Klimawandel-Anpassungsmaßnahmen als auch zur Verkehrsberuhigung. Der Knackpunkt war, der Bevölkerung eine gemeinwohlorientierte Stadtplanung zu erklären.
Öffentlicher Raum für alle Der politischen Debatte stellten sich Georg Niedermühlbichler, Abgeordneter zum Wiener Landtag und Gemeinderat, SPÖ, und Peter Kraus, Parteivorsitzender und Sprecher für Klima und Baukultur, die Grünen Wien. „Wohnen passiert nicht nur in den eigenen vier Wänden – das Rote Wien hat bereits stark auf die Freiraumgestaltung gesetzt. Alle Mieter:innen profitieren, dennoch brauchen wir Förderungen für den stärkeren Ausbau von Grünräumen. Wir müssen beides ermöglichen: Freiräume und leistbares Wohnen“, so Niedermühlbichler. Peter Kraus unterscheidet zwischen Bestandsstadt und Neubaugebieten: „Da haben wir völlig unterschiedliche Situationen. Ich sehe jedoch auch einen großen Hebel beim ruhenden Verkehr – dafür geben wir viel zu viel Geld aus. Dass Umgestaltungen inklusive dem Wegnehmen von Parkplätzen funktioniert, wie z. B. die Zollergasse oder die Bernhardgasse zeigt, dort haben wir gemeinsam mit den Anrainer:innen das klimafitte Konzept geplant“, berichtete Kraus. Fazit: Die Menschen wollen mehr Freiflächen und wir müssen diese ermöglichen – aber wir brauchen auch unbedingt eine Neuausrichtung des Mobilitätsverhaltens.
Neuinterpretation notwendig
In der Diskussion zeigte sich Susanne Staller, Landschaftsplanerin tilia, von St. Pölten beeindruckt und zugleich überzeugt, dass eine Neuinterpretation von Freiräumen in der Stadt notwendig ist. Landschaftsplanerin Carlo Lo, die auch im Beirat der Seestadt ist, sprach vom laufenden Lernen: „Noch vor wenigen Jahren verhinderten z. B. diverse Feuerwehrzugangs-Vorschriften Bäume mitten im Straßenraum – heute ist das kein Problem mehr, wir lernen ständig und mit jedem Projekt weiter.“
Robert Grüneis, Vorstand der Wien 3420 AG, bestätigte die Aussage: „G’scheiter werden ist nicht verboten. Aber wirklich herausfordernd ist die Partizipation. Und die Akzeptanz der Bevölkerung, dass der öffentliche Raum etwas kostet und keine Selbstverständlichkeit ist.“ Kerstin Robausch-Löffelmann, Vorständin der BWS Gemeinnützige allgemeine Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft, ergänzte: „Freiräume sind soziale Räume, aber die Kultur, das Bewusstsein dafür hat sich verändert. Wir wollen als Bauträger natürlich, dass die Freiräume ebenso lange lebenswert erhalten bleiben wie unsere Wohnbauten – dazu braucht es aber einen intensiven Begleitungsprozess.“
Simon Tschannett, Geschäftsführer Weatherpark GmbH, brachte den Klimawandel ein, der immer stärker in den Fokus rückt: „2024 hatten wir 54 Tropennächte, Gründerzeitstädte wie Wien wurden in einer Zeit gebaut, wo es noch keine Hitzewellen gab. Deshalb müssen wir Anpassungen vornehmen – vor allem in den öffentlichen Bereichen. Dafür brauchen wir aber Stadtklimatolog:innen und ein Budget.“ Carla Lo sprach von Alltagsorten – und dass nicht jeder Zentimeter im öffentlichen Raum gestaltet werden muss. Ein Umdenken macht sich in der Seestadt bereits bemerkbar: Die Grünraumgestaltung der Grünen Saite startet bereits vor der Errichtung der Wohnbauten.
Fazit der Diskussion: G’scheiter werden ist erlaubt – auch Bauträger lernen laufend dazu.Fotos: Oreste Schaller
Tischfrage: Womit können alltagstaugliche, klimaresiliente und sozial gerechte Freiräume am besten gewährleistet werden?
„Freiräume müssen strukturiert errichtet werden – und sie müssen leistbar sein. Immerhin zahlen wir diese mit unseren Steuern. Es müssen Bereiche sein, die für alle sozialen Gruppen verwendbar sind.“
Doris Molnar, Vorstandsdirektorin Gedesag
„Wir brauchen einen gesunden Mix – und müssen die Potenziale erkennen. Gemeinsam muss dann die Nutzung der Flächen ausverhandelt werden, gleichzeitig wollen wir den Bestand bewahren wie auch die Stadtbäume.
Christina Stockinger, Stadtentwicklung und Stadtplanung, MA 18 Wien
„Wir wollen einen Dialog des Umschichtens, und dabei viel radikaler als früher sein. Die monetären Rahmenbedingungen müssen passen – und angepasst werden. Und wir plädieren für mehr Mut zur Korrektur – und zum Handeln anstatt zum Reden.“
Sne Veselinović, Architektin
„Mut und Courage für Experimente ist unsere Antwort – auch in der Bestandsstadt. Auch wenn einmal etwas scheitert, dranbleiben. Aber wir müssen auch Verantwortung an die Bewohner:innen abgeben.“
Erik Meinharter, plansinn
„Welcher Abstand zwischen Freiraum und Verkehrsweg gilt – hier müssen die Vorgaben weiter heruntergebrochen werden. Auch wir sehen zu wenig Mut für neue Wege – ohne dabei das große Ganze zu verlieren. Bezüglich Erhaltung und Pflege können auch Private herangezogen werden.“
Olivia Kantner, Verkehrsplanerin komobile
„Indem wir zuerst klären, für wen wir eigentlich planen – und dabei langfristiger denken, mit einem finanziellen Puffer für Unvorhergesehenes. Für die Pflege und Auseinandersetzung mit Grünräumen braucht es einen Kümmerer, der auch einer der Bewohner sein kann.“
Olivia Kantner, Verkehrsplanerin komobile
„Grünraum muss den Bewohner:innen zur Verfügung gestellt werden – aber er muss wirklich absolut alltagstauglich sein. Um die Bevölkerung stärker einzubeziehen, haben sich z. B. Baumpartnerschaften als sehr positiv bewährt.“
Andrea Eggenbauer, Konsulentin für humane Nachhaltigkeit und Nutzer:innenverhalten in Wohnbau und Quartiersentwicklung, Architektin und Stadtplanerin
Die gebürtige Kärntnerin und Juristin Elke Hanel- Torsch ist seit 2006 bei der Mietervereinigung tätig. Ab 2016 war sie Vorsitzende der Landesorganisation Wien. Bei der Nationalratswahl 2024 zog sie über die Landesliste der SPÖ Wien in den Nationalrat ein.
Seit März 2026 ist Elke Hanel-Torsch Stadträtin für Wohnen, Wohnbau, Stadterneuerung und Frauen. Foto: Foto MVOE
Das neue Mietwertsicherungsgesetz, MieWeGe, soll die Wohnkosten für Mieter:innen senken. ELKE HANEL-TORSCH
Seit 1. Jänner 2026 gilt das neue Mietenpaket der Bundesregierung. Neu geregelt wird damit die sogenannte „Wertsicherung“ bei Mietverträgen, weiters wird die Mindestvertragsdauer für befristete Mietverhältnisse erhöht, eine Regelung für Rückforderungsansprüche aus unwirksamen Wertsicherungsvereinbarungen geschaffen und der Vertretungskostenersatz im Außerstreitverfahren erhöht.
Warum war das Mietenpaket und im Speziellen der Eingriff in die Vereinbarungen zur „Wertsicherung“ in Mietverträgen nötig? Weil in den letzten Jahren die Wohnkosten für Mieter:innen deutlich stärker als deren Einkommen gestiegen sind.
Daten von Eurostat zufolge stiegen die Mieten von 2015 bis 2025 in Österreich um mehr als 47 Prozent. Zum Vergleich: Im Euroraum sind die Mieten im selben Zeitraum um rund 19 Prozent gestiegen, in Deutschland um 18 Prozent, in der Schweiz um 14 Prozent.
Gleichzeitig sind auch die Verbraucherpreise in Österreich stärker gestiegen als im Euroraum: Hierzulande legten die Preise um 39 Prozent zu, im Euroraum dagegen nur um 29 Prozent, in Deutschland um 32 Prozent und in der Schweiz um sieben Prozent.
Weil steigende Mieten als Teil des Warenkorbs die Verbraucherpreise steigen lassen – und umgekehrt wiederum steigende Verbraucherpreise die Mieten in die Höhe treiben, war es höchst an der Zeit und ein von vielen Ökonomen geforderter Schritt, diese Miet-Preis-Spirale zu durchbrechen und die Mieten von der Inflation zu entkoppeln.
Mietpreisbremse im Detail
Frühere Reformen erfassten nur den regulierten Sektor – einen kleinen Teil des Mietmarkts. Das MieWeG geht weiter: Erstmals bremst es auch Mieten im unregulierten Bereich, wo die Preise deutlich höher liegen. Angesichts der Diskussionen um die Rechtmäßigkeit von „Wertsicherungsklauseln“ (Entscheidungen des VfGH und des OGH im Jahr 2025) ging es darum, die verschiedenen Systeme der Vereinbarungen in Mietverträgen (Schwellenwerte, Erhöhungen zu einem bestimmten Termin etc.) möglichst zu vereinheitlichen. Das MieWeG betrifft sowohl neue als auch bereits bestehende Mietverträge und schränkt Mieterhöhungen zweifach ein: zeitlich und betraglich.
Zeitlich: Mieterhöhungen aufgrund der Inflation dürfen grundsätzlich nur noch einmal im Jahr, zum 1. April bzw. 1. Mai, erfolgen. Sieht der Mietvertrag einen anderen Termin vor (etwa den 1. Jänner), muss die Erhöhung bis April warten.
Betraglich: Wenn die Inflation zwischen zwei Jahren mehr als drei Prozent beträgt, darf der Teil, der über drei Prozent hinausgeht, nur zur Hälfte an Mieterinnen und Mieter von Wohnungen weitergegeben werden. Im geregelten Bereich (Richtwert-, Kategorie-, Gemeinde- Wohnungen) sind Mieterhöhungen aufgrund der Vorjahresinflation heuer auf ein Prozent und 2027 auf zwei Prozent begrenzt. 2028 werden beide Systeme gleichgeschaltet und es gilt: Alles, was über die Drei- Prozent-Marke hinausgeht, darf nur noch zur Hälfte auf die Miete aufgeschlagen werden.
Die Mietervereinigung hat errechnet, dass sich eine Familie mit einer 700-Euro-Altbauwohnung im ersten Jahr 264 Euro spart, im zweiten 459 Euro. Ab 2027 beträgt die dauerhafte Ersparnis über 500 Euro – Jahr für Jahr.
Zusätzlich dämpft die verlängerte Mindestvertragsdauer von fünf statt drei Jahren (außer bei kleinen Privatvermietern) die Mieten. Erfahrungsgemäß steigen Mieten bei Neuvermietungen erheblich – längere Laufzeiten bremsen diesen Effekt.
Fazit: Das MieWeG markiert einen wichtigen Durchbruch. Doch die Arbeit geht weiter: Österreich braucht ein einheitliches Mietrecht für alle und die Wiedereinführung der Zweckwidmung von Wohnbauförderungsmitteln.
Gerald Kössl, Wohnwirtschaftliches Referat, GBV, Özgür Öner, Leiter Europabüro, GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, Michael Gehbauer, Obmann, GBV, Gabu Heindl, Architektin und Stadtplanerin, Andrea Washietl, Obfrau, VWBF, Elke Hanel-Torsch, Nationalratsabgeordnete und Wohnbausprecherin der SPÖ (seit März 2026 Stadträtin für Wohnen, Wohnbau, Stadterneuerung und Frauen in Wien), und Michael Oberlechner, Nationalratsabgeordneter und Sprecher für Bauen und Wohnen, FPÖ
Fotos: Florian Albert/VWBF
Leistbares Wohnen zählt zu den drängendsten Herausforderungen. Beim VWBF-Symposium 2025 in Linz wurden Lösungsansätze für mehr kostengünstigen Wohnraum mit Politik und Stakeholder:innen der Branche diskutiert sowie Knackpunkte analysiert. GISELA GARY
Steigende Mieten im privaten Sektor, wachsende Einkommensunterschiede und knappe Haushaltsbudgets verschärfen den Druck auf den Wohnungsmarkt. Die Politik reagierte zuletzt mit mehreren Mietendeckeln – Maßnahmen, die eher Symptome als Ursachen bekämpfen. Das Symposium des Vereins für Wohnbauförderung, VWBF, im Ars Electronica Center Linz, besetzt mit hochkarätigen Expert:innen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und gemeinnützigem Wohnbau, widmete sich den Hintergründen dieser Entwicklung und diskutierte Strategien für eine wirksame Kostendämpfung.
Klaus Seltenheim, Nationalratsabgeordneter und SPÖ-Bundesgeschäftsführer
Gabu Heindl, Architektin und Stadtplanerin
Klaus Seltenheim, Nationalratsabgeordneter und SPÖ-Bundesgeschäftsführer, eröffnete das Symposium mit einem Impulsreferat, in dem er die Kernpunkte der aktuellen sozialdemokratischen Wohnungspolitik skizzierte. „Leistbarkeit ist keine Einbahnstraße“, erklärte VWBF-Obfrau Andrea Washietl. „Wir wissen: Der geförderte, gemeinnützige Wohnbau steht generell vor der Frage, was darf oder muss er sich alles (noch) leisten, um die an ihn gestellten Aufgaben erfüllen zu können.“ Als zentrale Kostentreiber führte Washietl die in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Baupreise, Finanzierungskosten und insbesondere die Grundstückspreise an. Einigkeit herrschte unter allen Teilnehmer:innen: Leistbares Wohnen gelingt nur durch ein Bündel an Maßnahmen.
Leistbarkeit langfristig sichern
Über den Verein für Wohnbauförderung, VWBF Der VWBF setzt sich österreichweit für das Recht auf leistbaren, qualitätvollen und sicheren Wohnraum ein. Er vernetzt Akteur:innen aus Politik, Verwaltung, gemeinnützigem und kommunalem Wohnbau, Sozialpartnerschaft, Wissenschaft sowie Zivilgesellschaft und arbeitet an Rahmenbedingungen, die leistbares Wohnen langfristig absichern.
Washietl betonte: „Damit wir uns den leistbaren Wohnbau auch weiterhin in der bewährten Form leisten können, brauchen wir dringend Grundstücke zu erschwinglichen Konditionen, eine gesicherte Finanzierungsbasis und vor allem ein verlässliches Regelwerk, das es uns Gemeinnützigen erlaubt, unseren Auftrag langfristig zu erfüllen.“
Als überaus positiv bezeichnete Michael Gehbauer, Obmann des Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen, GBV, dass die Bundesregierung einige Lösungsvorschläge bereits in ihr Arbeitsprogramm aufgenommen hat. „Sehr erfreulich ist auch die Ausnahme des Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes (WGG) vom Mietrechtlichen Inflationslinderungsgesetz (MILG V)“, so Gehbauer.
Christian Zenz, Abteilungsleiter für Wohnungs- und Siedlungspolitik im Wirtschaftsministerium
In den Fachvorträgen der Expert: innen wurde der hohe Stellenwert des gemeinnützigen Sektors für die leistbare Wohnraumversorgung hervorgehoben. Gerald Kössl vom Wirtschaftlichen Referat des GBV-Verbands erläuterte: „Der gemeinnützige Wohnbau ist heute fast ausschließlich für den leistbaren Neubau verantwortlich. Der ausfinanzierte Wohnungsbestand mit seinen konkurrenzlos günstigen Grundmieten wirkt wie eine institutionalisierte Mietpreisbremse.“
Gemeinnützige versorgen überdurchschnittlich viele Haushalte mit niedrigen Einkommen mit leistbarem Wohnraum – ein wesentlicher Beitrag zur sozialen Stabilität.
Christian Zenz, Abteilungsleiter für Wohnungs- und Siedlungspolitik im Wirtschaftsministerium, ging in seinem Referat auf die wohnwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Grundprinzipien der Wohnungsgemeinnützigkeit vor dem Hintergrund geplanter bzw. diskutierter Reformvorschläge ein.
„Kostentreiber sind die Baupreise, Finanzierungskosten und insbesondere die Grundstückspreise.“ Andrea Washietl, VWBF-Obfrau
Parteiübergreifendes Bekenntnis
Auch die bei der Podiumsdiskussion anwesenden Vertreter:innen der Parlamentsparteien unterstrichen die hohe Bedeutung des gemeinnützigen Sektors für die Stabilität des Wohnungsmarkts. „Oberstes Ziel muss die Sicherstellung der Leistbarkeit des Wohnens sein, deshalb müssen wir auch den gemeinnützigen Wohnbau weiter stärken“, erklärte Elke Hanel-Torsch, Nationalratsabgeordnete und Wohnbausprecherin der SPÖ. Michael Oberlechner, FPÖ-Nationalratsabgeordneter und Wohnbausprecher, sprach sich in seiner Wortmeldung für die Zweckbindung der Wohnbauförderung und neue Finanzierungsinstrumente aus. Hanel-Torsch hob die Zurverfügungstellung von Grundstücken der öffentlichen Hand für den geförderten Wohnbau hervor.
Baulandmobilisierende Maßnahmen bewertete auch Gabu Heindl, Architektin und Stadtplanerin, als zentralen Schlüssel für eine sozial nachhaltige Wohnungspolitik. Sie sprach sich vehement für eine gemeinwohlorientierte Bodenpolitik aus, die den marktwirtschaftlichen Kräften entzogen ist. Dass das Thema über Österreich hinausreicht, betonte Özgür Öner, Vertreter des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen in Brüssel. Zur Bekämpfung der Wohnungskrise arbeitet aktuell der zuständige EU-Kommissar Tan Jörgensen an einem „Europäischen Plan für bezahlbaren Wohnraum“, im EU-Parlament hat kürzlich ein Sonderausschuss zur Wohnungskrise einen Maßnahmenbericht erstellt.
Theresa Fink vor einem digitalen Stadtmodell im City Intelligence Lab. Die ausgebildete Architektin ist Business Managerin im Bereich Digital Resilient Cities and Regions im Center for Energy am AIT Austrian Institute of Technology in Wien.
Foto: Christian Husar
Theresa Fink ist eine Pionierin der digitalen Stadtplanung. Am AIT Austrian Institute of Technology forscht sie zu nachhaltiger Stadtentwicklung und unterstützt Städte und Gemeinden, Planer:innen und Bauträger dabei, Quartiere resilient zu machen, wie sie im Interview erläutert. FRANZISKA LEEB
Im 4. Stock des Demonstrationsgebäudes Energybase werden im City Intelligence Lab des AIT Städte der Zukunft geplant. Als das Vorzeige-Bürogebäude 2008 auf dem Gelände des Technologieparks Techbase Vienna fertiggestellt wurde, galt es mit seinem ganzheitlich auf Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit setzenden Konzept als eines der ambitioniertesten Bürohäuser Europas. Theresa Fink war damals noch Schülerin.
Zehn Jahre später verfasste sie zum Abschluss ihres Architekturstudiums an der TU Graz im Zuge einer Anstellung am AIT ihre Masterarbeit über Stadtplanung mittels Simulationsmodellen. Den digitalen, KI-gestützten Planungsmethoden blieb sie ebenso treu wie dem AIT. Nach den Befähigungsprüfungen zur Immobilientreuhänderin ist ihr auch die Sprache der Bauträger vertraut.
Was geschieht im City Intelligence Lab?
Als Stadtplanungslabor für nachhaltige Stadtentwicklung unterstützt es in frühen Planungsphasen faktenbasierte Entscheidungsfindung und eine ganzheitliche Bewertung und Analyse. Im Prinzip fungieren wir als Schnittstelle aus der Planung in die Entscheidungsfindung, wo komplexe Themen gemeinsam betrachtet werden können. Wird zum Beispiel ein Stadtbezirk neu entwickelt oder transformiert, ist man mit einer komplexen Themenwelt konfrontiert. Welche Dichte ist verträglich, welche Nutzungen?
Es spielen Fragen der Mobilität, gesellschaftliche Fragen und vieles mehr hinein. Es gibt viele Simulationen und Analysen und damit viele Möglichkeiten, die im Raum stehen. Um das zu bewerten, Wirkungen sichtbar zu machen und Effekte zur Diskussion zu stellen, unterstützen wir Politik, Projektbeteiligte, Planungsbüros sowie Bürger:innen mit gut aufbereiteten Unterlagen, um Stadtentwicklungen greifbar zu machen.
Wie haben sich in den vergangenen Jahren die Prozesse geändert?
Klimawandelanpassung, Klimaneutralität, Aufenthaltsqualität, 15-Minuten- Stadt, gemischte statt monofunktionale Stadt: Es gibt viele Anforderungen, und um all dieser Komplexität gerecht zu werden, braucht man digitale Methoden und Tools. Man kann heute auf sehr viele frei verfügbare Daten zugreifen. Digitale Werkzeuge und Algorithmen machen es möglich, zahlreiche Themen mitzudenken und die Entscheidungen dann faktenbasiert aufzubereiten. Früher waren Planungen sehr linear. Inzwischen sind es viele unterschiedliche Stakeholder:innen, die schon in den frühen Planungsphasen mitspielen – das ist der große Unterschied.
Aber wie kommt es dann von diesen Zahlen zu einem Entwurf, also dem, was Stadt in ästhetisch-kultureller Hinsicht ausmacht?
Wir können die Rahmenbedingungen anhand von Daten und Fakten aufbereiten sowie mit Machbarkeitsstudien und Planungsvarianten unterstützen. Aber die ästhetische und gesellschaftliche, kulturelle Komponente kommt von einer planenden Person, die diese Tools verwendet. Viele von uns haben selbst Architektur oder Raumplanung studiert, wir möchten keine Planer:innen mit diesen Tools ersetzen. Es geht einfach darum, dass man diese Datenmengen nicht auf analoge Art verarbeiten kann.
Was geht mit Künstlicher Intelligenz besser als ohne?
Manche Prozesse besser, aber viele auf jeden Fall schneller. Bei uns im Haus wurde zum Beispiel ein Algorithmus entwickelt, mit dem sich ein Simulationsprozess zur Vorhersage von Windkomfort und Sonnenstunden von zuvor einigen Stunden bis Tagen auf einige Sekunden reduzieren ließ. In frühen Planungsphasen, wo man die Kubatur weiß, aber noch nicht, in welche Richtung man sich im Detail entscheiden wird, ist es ein Mehrwert, wenn man solche Simulationen in Sekundenschnelle durchführen kann.
Das heißt, so bekommt man schnell eine Empfehlung, an welcher Stelle der Hauseingang am wenigsten dem Wind ausgesetzt ist?
Genau. Wohin soll man den Gastgarten setzen, wo soll man Verschattungselemente platzieren? Sollte das Gebäude noch anders gedreht werden oder abgerundete Ecken bekommen, welche Höhe ist vertretbar? Vorhersagemodelle sind ein Anwendungsgebiet. Ein anderes ist die Anomalie-Erkennung, die im Facility Management zur Optimierung des Gebäudebetriebs dient. Es gibt viele unterschiedliche Einsatzgebiete. Wir können z. B. Papierausschnitte auf einem physischen Modell oder auf dem Tisch anordnen, abfotografieren und mittels Objekterkennung in ein digitales Modell übersetzen. Bereits in einem Designworkshop, indem man manuell arbeitet, kann man die Erkenntnisse aus der digitalen Wirkungsanalyse einbinden und verschneiden. Gesammeltes Feedback von Bürger:innen kann mit Language-Learning-Modellen von qualitativen Daten in quantitative Bewertungen übersetzt werden.
Wie weit ist all das bereits in die Planungspraxis durchgedrungen?
Simulationen sind in gewissen Bereichen bereits etabliert. Für Tools, wo es eher Richtung Workflows geht, braucht es auch strukturelle und institutionelle Änderungen, die breitenwirksam sind. Die Stadt Wien hat zum Beispiel bereits sehr umfassende Datengrundlagen und da gibt es auch eine Innovationsabteilung, die sich damit beschäftigt. Vielen andere Städten mangelt es jedoch an Datengrundlagen und Personalressourcen. Aber es gibt flächendeckend Bedarf, sich digital gut aufzustellen. Über das Pionierstadtnetzwerk arbeiten wir auch mit vielen kleineren Städten zusammen. So werden gezielt Kapazitäten und Kompetenzen aufgebaut. Für Österreich sind viele Daten frei verfügbar. Darauf lassen sich valide Auswertungen aufsetzen, die Städte und Regionen dabei unterstützen, Schritte Richtung Klima-Resilienz zu setzen.
Gibt es in Österreich noch andere In- stitute, die Gleiches anbieten wie Sie?
Verschiedene Themen werden auch von Universitäten oder anderen Anbieter: innen abgedeckt. Der gesamtheitliche, domänenübergreifende Ansatz ist aber unser Alleinstellungsmerkmal.
Gibt es bei der Digitalisierung der Stadtplanung in Österreich Aufholbedarf gegenüber anderen Ländern?
Grundsätzlich ist Österreich im Sinne der Datenqualität und des -zugangs sehr gut unterwegs, wie uns im Rahmen von europäischen Projekten bestätigt wird. Das trifft auch auf die Planungs- und Immobilienbranche zu. Es ist ein Prozess, wo noch Kompetenzen aufgebaut werden. Natürlich gibt es Beispiele wie Singapur, wo die Digitalisierung anders gelebt wird.
Sind Ängste vor Datenmissbrauch gerechtfertigt?
Für uns sind Daten die Grundlage, um gute Entscheidungen treffen zu können. Auch wenn wir sie aus Umfragen oder Beteiligungsprozesse bekommen, wird immer darauf geachtet, dass sie nicht auf einzelne Personen rückführbar sind. Städte stellen die räumlichen Daten frei zur Verfügung, die man sieht, wenn man an den jeweiligen Ort geht. Das könnte man auch selbst erkunden. Digital geht es schneller.
Tragen KI-Anwendungen zu stärker menschenzentrierten Städten und Quartieren bei?
Beim Hybrid Planner des AIT, der KI in der Bilderkennung einsetzt, geht es darum, analoge Module zu digitalisieren, um unterschiedliche Zielgruppen einzubinden. Wenn Bürger:innen einen Baum, eine Bank oder andere Wünsche platzieren können, verringert man mit digitalen Mitteln Barrieren.
Kann man schon umgesetzte Resultate besichtigen?
Stadtentwicklungsprojekte haben lange Zeithorizonte. Es dauert viele Jahre, bis man durchspazieren und die realen Ergebnisse messen kann. In Lustenau haben wir im Rahmen eines Forschungsprojekts der BOKU unterschiedliche Planungsvarianten im Zuge der integrativen Entwicklung des Ortsteils Rotkreuz evaluiert. In Wien begleiteten wir die Planungsprozesse für den Stadtteil Kempelenpark mit Simulationen. Wir sind kein Planungsbüro, sondern wir unterstützen die Planung mit unseren Tools.
Es kommt also immer darauf an, was die Planungsbüros aus Ihren Auswertungen machen?
Genau. Für die Stadt Wien evaluierten wir Bebauungsplanungen danach, welche Aufzonung oder Umstrukturierung welche Effekte hätte. Welche Maßnahme umgesetzt wird, obliegt nicht uns. Im Rahmen des EU-Projekts Clarity wurde für Linz untersucht, wie sich der Klimawandel und seine Begleiterscheinungen wie Extremwetterereignisse oder Hitze auswirken. Rasch zur Anwendung gekommen sind die Forschungsresultate zum Beispiel am Hauptplatz, wo Bäume in Tröge gepflanzt wurden, um für Beschattung und besseren thermischen Komfort zu sorgen.
Machen es diese Simulationen leichter, politisch etwas durchzusetzen?
Auf jeden Fall. Wenn man wie beim Projekt Lila4Green mit Augmented Reality zeigen kann, wie sich mittels Bäumen und Parklets der öffentliche Raum verändert, ist es einfacher, Politik und Bevölkerung abzuholen. Wichtig in der Stadtentwicklung sind die interdisziplinäre Zusammenarbeit und der ganzheitliche Ansatz. Es wird greifbarer, wenn man Effekte darstellen, Wechselwirkungen offenlegen und langfristige Szenarien entwickeln kann. Gerade in der Stadtplanung geht es nicht um die Veränderung von heute auf morgen, sondern um ein komplexes System zukünftiger Rahmenbedingungen für soziodemografische und klimatische Veränderungen. Da ist die Co-Kreation mit den unterschiedlichen Stakeholder:innen sehr wichtig.
Was ist Ihr Traumprojekt?
Die Transformation einer ganzen Stadt mit einem nachhaltigen Masterplan zu begleiten.
Für den Wohnbau DreiGang in Golling verwendete Salzburg Wohnbau die Baumaterialien des Bestandes, ein ehemaliges Seniorenheim, wieder. Ein 3D-Modell erfasste vorab die Mengen, die für das Recycling geeignet sind. Foto: Paul Ott
Das Salzburger Forschungsprojekt Cico zeigt vor, wie man aus alten Häusern neue baut. Und wie digitale Technologien die Kreislaufwirtschaft im Bausektor vorantreiben. Daraus entstand ein Vorzeigeprojekt, das vor allem für Gemeinnützige eine gute Orientierung für den Umgang mit dem Bestand gibt. IVONA JELČIĆ
Das zweite Leben des alten Seniorenwohnheims in Golling bei Salzburg begann mit der Geburt eines digitalen Zwillings. Der Altbestand wurde mittels Drohnen- und Fotoaufnahmen genauestens erfasst und in einem digitalen 3D-Modell abgebildet. So habe man exakt ermitteln können, „welches Material für die Wiederverwertung geeignet ist und in welchen Mengen“, sagt Salzburg-Wohnbau-Geschäftsführer Thomas Maierhofer.
„Wir können die Anzahl der Fenster ablesen oder auch die Stückzahl der Dachziegel errechnen und erkennen, welches Material selektiert beziehungsweise in die Hauptbestandteile für die Wiederverwertung fragmentiert werden muss.“ Ein entscheidender Schritt für die Planung des Rück-, aber auch des Neubaus. Im Fall des Gollinger Seniorenheims fielen am Ende 4.300 Tonnen Recyclingmaterial an, mehr als ein Drittel davon sind bei der Errichtung der neuen Wohnanlage „DreiGang“ mit 36 Wohnungen am selben Standort wiederverwendet worden.
Thomas Maierhofer von der Salzburg Wohnbau ist vom gezielten Einsatz von digitalen Tools überzeugt. Fotos: Paul Ott, Leopold, SWB, bvfs
Es handelt sich dabei um eines von mehreren Bauprojekten, die die gemeinnützige Wohnbaugesellschaft Salzburg Wohnbau im Rahmen des Forschungsprojekts „Circular Concrete“, kurz Cico, realisiert hat. Forschung und Praxis gingen dabei Hand in Hand. Mit der Bautechnischen Versuchs- und Forschungsanstalt Salzburg (bvfs), der Universität Salzburg, der Fachhochschule Salzburg, dem Halleiner Beton-Hersteller Deisl und der Baufirma Steiner aus Radstadt war eine ganze Reihe von Partnern mit an Bord.
Ziel war es, „Beton aus Rückbaumaterialien wiederverwertbar zu machen und damit eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Bausektor zu ermöglichen“, so Maierhofer. Dieser Sektor ist bekanntlich enorm ressourcenintensiv, die Recyclingquote aber nach wie vor gering. Und was die Wiederverwertung von Betonabbruch betrifft, so erfolgt diese primär in minderwertigeren Anwendungsbereichen, zum Beispiel als Schüttmaterial im Straßenbau.
Die Devise bei „Circular Concrete“ lautete dagegen: Upcycling statt Downcycling. Aus dem Rückbau von Gebäuden gewonnenes Material soll für die Herstellung von Beton mit möglichst hoher Qualität verwendet werden und dieser dann wieder im Hochbau zum Einsatz kommen. Sprich: Aus einer Betonwand wird am Ende bestenfalls wieder eine Betonwand, aus einem alten Haus – oder zumindest aus Teilen daraus – wird ein neues gebaut. „Wir haben im Cico-Projekt gezeigt, dass das funktioniert und das Material gleichwertig eingesetzt werden kann“, erklärt Michael Kirchweger, Leiter der Abteilung Baustoffe & Baukonstruktionen an der Bautechnischen Versuchs- und Forschungsanstalt Salzburg.
Michael Kirchweger, Leiter der Abteilung Baustoffe & Baukonstruktionen an der Bautechnischen Versuchs- und Forschungsanstalt Salzburg
Ökologisch und wirtschaftlich
Laut Maierhofer haben die Ergebnisse aus dem Projekt Cico bestätigt, „dass sich zirkuläre Prozesse auch im industriellen Maßstab ökologisch und wirtschaftlich umsetzen lassen“. Wo Altbestand nicht saniert oder umgenutzt werden kann, dient er künftig also womöglich als wertvolle Rohstoffquelle. Um diese effizient zu nutzen, braucht es entsprechendes Know-how und integrale Planung. Digitale Technologien spielen dabei eine Schlüsselrolle – Stichwort digitaler Zwilling: Beim sogenannten „Scan to BIM“-Verfahren werden 3D-Scans verwendet, um ein bestehendes Objekt zu dokumentieren und in ein Gebäudedatenmodell (Building Information Modelling) zu verwandeln.
Über den „digital twin“ können auch Materialwege simuliert und Stör- und Schadstoffe sichtbar gemacht werden. Zudem enthalten digitale Materialpässe detaillierte Informationen über die im Gebäude verbauten Produkte, Komponenten und Materialien. Diese Technologien ermöglichen einen höheren Grad an Rückgewinnung von Sekundärrohstoffen, betont Maierhofer, „eine zentrale Anforderung für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen“.
Welche Rolle Digitalisierung auf dem Weg zum ressourcenschonend(er)en Bauen spielt, zeigt sich auch an einem anderen Projekt des Unternehmens: „Reduce25“ verfolgt das Ziel, den Materialverbrauch im Hochbau um 25 Prozent zu reduzieren. Herzstück des entsprechenden Wohnbauprojekts in Hallein ist eine 3D-gedruckte Betondecke, bei der durch Einsatz von 3DAussparungskörpern rund 34 Prozent weniger Beton und 26 Prozent weniger Bewehrungsstahl benötigt werden.
Salzburg Wohnbau Projekt Golling, Foto: Neumayr/Leo 23.09.2021
CO² dauerhaft binden
Zu den im Rahmen von Cico realisierten Bauvorhaben zählen auch die Volksschulen in Salzburg-Anif und in Siezenheim sowie ein Wohnbau in Schwarzach im Pongau. Insgesamt kamen dabei mehr als 3.500 Tonnen Recyclingbeton zum Einsatz. Die Aufbereitungstechnologien wurden dabei stetig weiterentwickelt, in Golling hat man dann erstmals auch CO₂-angereicherten Recyclingbeton eingesetzt – ein Ergebnis aus dem Cico-Folgeprojekt CO₂-max. Zusammen mit dem Schweizer Startup Neustark, einem Spin-off der ETH Zürich, wurde dabei erstmals in Österreich eine neuartige Technologie erprobt, um Kohlendioxid in rezyklierten Gesteinskörnungen zu binden.
Beton, wegen der hohen CO₂- Emissionen bei der Herstellung klimatechnisch schlecht beleumundet, hat nämlich auch die Fähigkeit, Kohlendioxid zu speichern. Was auf natürliche Weise extrem langsam geschieht, durch spezielle Verfahren aber beschleunigt werden kann. „Wenn ich Betonabbruch zerkleinere, maximiere ich die Oberfläche und damit auch die Fähigkeit, CO₂ aufzunehmen“, weiß bvfs-Experte Kirchweger. Aus dem mit CO₂ angereicherten Betongranulat wird schließlich Recycling-Beton hergestellt. Beim Salzburger CO₂-max-Feldversuch wurden 898 Tonnen Material behandelt und 8.534 kg CO₂ dauerhaft gebunden. Ähnliche Pilotprojekte hat es zuvor nur in der Schweiz und in Deutschland gegeben.
Herwig Pernsteiner ist Geschäftsführer, Immobilientreuhänder und Vorstandsvorsitzender der ISG Innviertler Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft reg. Gen.m.b.H. in Ried im Innkreis.
Als ich vor mehr als zwei Jahrzehnten in die gemeinnützige Wohnungswirtschaft gekommen bin, ist mir aufgefallen, dass Kolleg:innen ihre inhaltlichen Aussagen oft mit historischen Bezügen eröffnet haben. Heute weiß ich, dass dies mehrere „Berechtigungen“ hatte. Es steht außer Streit, dass die elektronische Textverarbeitung leichter von der Hand geht als mit der Schreibmaschine. Die Digitalisierung unterstützt, quantitativ schneller Seiten herunterzutippen. Die inhaltliche Qualität des Geschriebenen ist davon unabhängig. Wird Effizienz in Quantitäten gemessen, so wird durch die Digitalisierung (und die Künstliche Intelligenz ist die aktuelle Stufe in der Digitalisierung) ganz zweifelsfrei eine Effizienzsteigerung stattgefunden haben, respektive stattfinden.
Wenn ich beim plakativen Beispiel der Textverarbeitung bleiben darf, dann fällt aber heute auf, dass – z. B. bei unserer genossenschaftlich organisierten gemeinnützigen Bauvereinigung – Schreiben zur Aufkündigung des Mietvertrags noch immer zuhauf per Hand verfasst werden. Es steht – gerade in Haushalten mit älteren Bewohner:innen – nicht immer ein Computer mit Drucker zur Verfügung. Und seien wir uns ehrlich, viel erforderlicher Schriftverkehr wird heute im Büro, in der Arbeit erledigt. Die Digitalisierung steigert dort die Effizienz, wo diese, als Instrument vorhanden, eingesetzt werden kann und in der Anwendung vertraut ist. Sohin denke ich, dass die Digitalisierung nicht unbedingt dazu beiträgt, die sozialen Disparitäten zu verkleinern. Ganz im Gegenteil, die neueste Generation von digitalen Werkzeugen ist für viele Menschen nicht verfügbar, nicht leistbar und nicht bedienbar.
Digitalisierung ist heute nicht mehr niederschwellig. Weder im Preis noch in den technischen Anforderungen. Effizienz wird durch Digitalisierung wohl gesteigert, soziale Verwerfungen können damit aber nicht geglättet werden.
Fotos: ISG, Luiza Puiu
Sabine Müller ist Vorständin der Wien 3420 AG, zuvor war sie Chief Innovation und Marketing Officer der value one holding GmbH. Sie ist Vorstandsmitglied der Vöpe, bei der ÖGNI und im Circular Economy Forum Austria.
Als Entwickler eines Stadtteils, der als das Urban Lab der Smart City Wien angetreten ist, beschäftigen wir uns mit digitalen Lösungen auf vielen Ebenen. Einerseits, um eigene Effizienzpotenziale zu heben, andererseits, um Mehrwerte für unsere Kund:innen sowie für die Bewohner:innen und Beschäftigten zu generieren. Dabei verfolgen wir ökonomische, ökologische und soziale Ziele. Digitalisierung verstehen wir nicht als rein technische Innovation, sondern als Instrument und Werkzeug für Nachhaltigkeit, Leistbarkeit, Chancengerechtigkeit und Stärkung der lokalen Ökonomie.
Auf Immobilienseite sollen effizientere digitale Prozesse – neben Ressourcenschonung und Qualitätsverbesserungen – vor allem niedrigere Kosten und damit mehr Leistbarkeit bringen. Breite Teilhabe an einem qualitativ hochwertigen Wohnungsmarkt reduziert soziale Spannungen. Digitalisierung wird dort zum sozialen Hebel, wo sie nicht nur Gebäude intelligenter, sondern Nutzungen zugänglicher macht. Es geht weniger um Smart Buildings als um Smart Access. Die größte soziale Innovation der Digitalisierung ist nicht die Technologie selbst, sondern der Zugang durch sie. Richtig eingesetzt, ermöglichen digitale Prozesse neue Formen der Partizipation – von Beteiligungsformaten bei der Gestaltung öffentlicher Räume bis zur Organisation von Sharing-Modellen.
Die Herausforderung besteht in niederschwelligen und inklusiv ausgestalteten Tools. Gleichzeitig sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie der hohe finanzielle und organisatorische Aufwand für Entwicklung und Implementierung nicht zu unterschätzen.
Vor allem aber sollte man nicht erwarten, dass Digitalisierung den persönlichen Kontakt ersetzt. Im Gegenteil: Ihr größter Mehrwert liegt darin, diesen zu ergänzen und zu erleichtern. Der Maßstab für Stadtentwicklung bleibt der Mensch.
Quartier Berresgasse 7, Wien-Donaustadt: Die Wohnhausanlage von Wien-Süd ist Teil eines großmaßstäblichen Stadtentwicklungsgebiets mit quartiersübergreifend gedachten Gemeinschaftsräumen. Visualisierung: Schreinerkastler/Wien-Süd
Wien-Süd vernetzt die Bewohner:innen mit quartiersübergreifenden Gemeinschaftsräume, dem „Digitalen Hausmeister“-Service, Sicherheit und Gemeinschaft.
Digitale Tools sind im Wohnbau längst mehr als ein Nice-to-have – sie entscheiden darüber, wie komfortabel, sicher und inklusiv der Alltag für Mieterinnen und Mieter ist. Die gemeinnützige Genossenschaft Wien- Süd nützt Digitalisierung dabei gezielt als Werkzeug, um eines ihrer zentralen Anliegen zu stärken: gemeinschaftlich nutzbare Räume, die über das einzelne Haus hinauswirken und Nachbarschaft im Quartier ermöglichen.
Seit mehr als einem Jahrzehnt denkt Wien-Süd Gemeinschaft nicht nur haus-, sondern quartiersübergreifend – vom partizipativen „Wiesen Dialog“ im Stadtteil In der Wiesen Süd über die Biotope City Wienerberg bis zur Wohnhausanlage Berresgasse 7 in Wien-Donaustadt. Dort stehen heute neun übergeordnete Quartiersräume zur Verfügung, die allen Bewohnerinnen und Bewohnern des Quartiers offenstehen. Ihre Funktionen reichen von Bibliothek, Gemeinschaftsküche und Begegnungsräumen über Musikund Proberäume bis hin zu Co-Working- Angeboten – bewusst so vielfältig angelegt, dass unterschiedliche Altersgruppen, Lebensmodelle und Interessen zusammenfinden können.
Damit diese Räume im Alltag tatsächlich genutzt werden, setzt Wien- Süd auf ein zentrales digitales Reservierungs- und Informationssystem. Was früher an der Tür der Hausverwaltung organisiert wurde, ist heute transparent, niederschwellig und rund um die Uhr zugänglich.
Auslastung und Bedarf
Der „Digitale Hausmeister“ bündelt Informationen, Buchungen und Kommunikation – abrufbar über Touchscreens in den Eingangsbereichen ebenso wie über PC oder Smartphone. Ein elektronisches Zutrittssystem stellt sicher, dass gemeinschaftlich genutzte Räume ausschließlich berechtigten Nutzer:innen offenstehen, während die Verwaltung wertvolle Erkenntnisse über Auslastung und Bedarf gewinnt.
Digitalisierung ist dabei kein Ersatz für analoge Begegnung, sondern ihre Voraussetzung. Je einfacher Räume auffindbar, buchbar und zugänglich sind, desto intensiver werden sie genutzt – und desto stärker entwickelt sich das Wohnhaus zum lebendigen Quartier. Gerade in gemischt strukturierten Immobilien mit Miet-, Smart- und Eigentumswohnungen leisten quartiersübergreifende Gemeinschaftsräume einen wichtigen Beitrag zur sozialen Durchmischung und zum Miteinander über Haus- und Bauträgergrenzen hinweg.
Mehr als nur Wohnen
So wird Digitalisierung zum verbindenden Element zwischen leistbarem Wohnraum und zeitgemäßen Serviceerwartungen – ohne den sozialen Auftrag aus den Augen zu verlieren. Oder wie es Christof Anderle, Obmannstellvertreter von Wien-Süd, formuliert: „Wohnen bedeutet nicht nur die Bereitstellung von vier Wänden. Es geht darum, dass Mieterinnen und Mieter sich wohlfühlen und echte Nachbarschaft entstehen kann. Quartiersübergreifende Gemeinschaftsräume und digitale Services wie der ‚Digitale Hausmeister‘ sind dafür Werkzeuge – sie geben dem Zusammenleben Struktur und schaffen Freiraum für das Wesentliche: gutes Wohnen und gelebte Nachbarschaft.“