Deutschland schrumpft: Migration der Schlüssel für Fachkräfte – und für bezahlbares Wohnen

Deutschland steht vor einer demografischen Realität, die für Wirtschaft und Arbeitsmarkt zunehmend zum zentralen Standortfaktor wird. Die Bevölkerung schrumpft – und mit ihr langfristig das Arbeitskräftepotenzial. Gleichzeitig stehen besonders Bau- und Wohnungswirtschaft vor gewaltigen Aufgaben: Millionen Wohnungen müssen modernisiert, energetisch saniert und teilweise neu gebaut werden. Ohne ausreichend Fachkräfte droht dieser Umbau jedoch ins Stocken zu geraten.

Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, wie deutlich sich die Entwicklung bereits abzeichnet. Zum Jahresende 2025 lebten rund 83,5 Millionen Menschen in Deutschland – etwa 100.000 weniger als im Jahr zuvor. Der Grund liegt im anhaltend hohen Geburtendefizit. Während 2025 voraussichtlich nur 640.000 bis 660.000 Kinder geboren wurden, starben rund eine Million Menschen. Damit übersteigt die Zahl der Sterbefälle die der Geburten um 340.000 bis 360.000 Personen – bereits im vierten Jahr in Folge.

Gesamtbevölkerung schrumpft, aber auch die Menschen im Erwerbsalter

In den vergangenen Jahren konnte dieses Defizit durch Zuwanderung ausgeglichen werden. Doch auch hier zeigt sich eine Veränderung. Die Nettozuwanderung sank 2025 deutlich und liegt mit etwa 220.000 bis 260.000 Menschen rund 40 Prozent unter dem Niveau von 2024. Damit konnte Migration das Geburtendefizit erstmals seit 2020 nicht mehr kompensieren. Die Bevölkerungszahl ging leicht zurück.

Für den Arbeitsmarkt ist diese Entwicklung besonders relevant. Nicht die Gesamtbevölkerung entscheidet über wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sondern die Zahl der Menschen im Erwerbsalter. Genau diese Gruppe wird in den kommenden Jahren kleiner. Gleichzeitig gehen geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand.

Herausforderung Fachkräftemangel

Besonders deutlich wird die Herausforderung in der Bau- und Wohnungswirtschaft. Kaum eine Branche spürt den Fachkräftemangel so stark. Er reicht vom Handwerk über Bauunternehmen bis hin zu Planungsbüros und Genehmigungsbehörden. Selbst dort, wo Investitionen möglich wären, verzögern sich Projekte häufig, weil Personal in den Verwaltungen fehlt. Fachkräftemangel wirkt damit längst als strukturelle Wachstumsbremse.

Das trifft ausgerechnet einen Sektor, der in den kommenden Jahrzehnten enorme Leistungen erbringen muss. Der deutsche Wohnungsbestand steht vor einer umfassenden Transformation. Millionen Wohnungen müssen energetisch saniert werden, wenn die Klimaziele erreicht werden sollen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an altersgerechten Wohnungen, während in vielen Regionen weiterhin neuer Wohnraum benötigt wird.

All diese Aufgaben sind arbeitsintensiv. Sie erfordern Fachkräfte im Bau, im Ausbau, in der Gebäudetechnik, in der Planung und in der Verwaltung. Ohne ausreichend Personal werden Modernisierung, Klimaschutz und Wohnungsbau kaum im notwendigen Tempo vorankommen.

Schon heute zeigt sich, welche Rolle Migration für den Arbeitsmarkt spielt. Zwischen 2021 und 2024 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ausschließlich durch ausländische Arbeitnehmer gestiegen – um rund 711.000 Personen. Ohne diese Zuwanderung wäre die Beschäftigung in Deutschland bereits rückläufig.

Migration ist wichtiger Faktor für wirtschaftliche Stabilität

Migration wird damit zu einem entscheidenden Faktor für wirtschaftliche Stabilität. Besonders wichtig ist dabei die Zuwanderung junger Menschen, die hier eine Ausbildung absolvieren oder eine berufliche Perspektive aufbauen. Gerade im Bau- und Handwerksbereich könnten sie eine wichtige Rolle spielen. Viele Betriebe suchen seit Jahren dringend Nachwuchs.

Die politische Debatte konzentriert sich häufig auf Begrenzung und Steuerung von Migration. Aus wirtschaftlicher Perspektive stellt sich die Lage jedoch differenzierter dar. In einer alternden Gesellschaft kann Zuwanderung auch ein Motor für Wachstum und Innovation sein. Besonders dann, wenn sie gezielt auf Ausbildung, Qualifikation und Integration ausgerichtet ist.

Für die Wohnungswirtschaft entsteht daraus eine doppelte Aufgabe

Einerseits benötigt sie selbst Fachkräfte, um Bauen und modernisieren zu können. Andererseits muss sie gleichzeitig den Wohnraum bereitstellen, den eine wachsende oder stabilisierte Bevölkerung benötigt. Migration, Arbeitsmarkt und Wohnungsbau sind daher eng miteinander verbunden.

Bezahlbarer Wohnraum wird zunehmend zu einem entscheidenden Standortfaktor. Internationale Fachkräfte entscheiden sich nicht nur wegen der Arbeitsmöglichkeiten für ein Land, sondern auch wegen der Lebensbedingungen. Dazu gehört vor allem der Zugang zu Wohnraum.

Gerade deshalb wird deutlich, wie eng Fachkräftepolitik und Wohnungsbau miteinander verknüpft sind. Ohne Fachkräfte kein Wohnungsbau – und ohne Wohnraum keine Fachkräfte.

Die demografische Entwicklung macht deshalb eines deutlich: Migration ist längst nicht mehr nur ein gesellschaftliches Thema. Sie wird zunehmend zu einer wirtschaftlichen Zukunftsfrage. Für die Bau- und Wohnungswirtschaft könnte sie sogar zu einem entscheidenden Baustein werden, um die Ziele beim Wohnungsbau, bei der Modernisierung des Bestands und beim bezahlbaren Wohnen überhaupt erreichen zu können.

Gerd Warda

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