Schadenprävention bei Leitungswasserschäden ist keine Option mehr, sondern Pflicht

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

1,1 Millionen Leitungswasserschäden pro Jahr, rund 5,55 Milliarden Euro Regulierungssumme in 2025, statistisch alle 30 Sekunden ein Rohrbruch – diese Zahlen markieren längst keine Randnotiz mehr in der Schadenstatistik der Versicherer. Sie sind Ausdruck eines strukturellen Defizits im Umgang mit wasserführenden Systemen in Gebäuden. Wer das Thema weiterhin als versicherungstechnische Größe behandelt, verkennt seine strategische Dimension für die Wohnungswirtschaft.

Denn die Dynamik ist eindeutig: Selbst bei gleichbleibender Schadenzahl ist 2026 mit weiter steigenden Kosten zu rechnen. Materialpreise und Löhne ziehen an, die Baukosten insgesamt bleiben hoch. Damit wird jeder einzelne Schaden teurer. Die Kostenspirale dreht sich – unabhängig davon, ob die Branche sie aktiv bremst oder nicht.

Die unbequeme Wahrheit: Fehler in der Ausführung dominieren

Die Ursachenanalyse des Instituts für Schadenverhütung und Schadenforschung (IFS e.V.) ist klar und zugleich ernüchternd. Mit rund 38 bis 40 Prozent stehen Installations- und Montagefehler an der Spitze der Schadenstatistik. Unsachgemäß verarbeitete Verbindungen, fehlerhafte Dichtungen, nicht korrekt verlegte Leitungen – es sind keine exotischen Materialversagen, sondern handwerkliche und organisatorische Defizite.

Weitere 25 Prozent entfallen auf Betriebsbedingungen, darunter Frostschäden, die allein etwa zehn Prozent der untersuchten Fälle ausmachen. Materialfehler schlagen mit rund 13 Prozent zu Buche, Planungsfehler mit etwa zwei Prozent. In rund 22 Prozent der Fälle wirken mehrere Ursachen zusammen oder lassen sich nicht eindeutig zuordnen.

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Die Gewichtung ist eindeutig: Der überwiegende Teil der Schäden ist nicht schicksalhaft, sondern vermeidbar. Das ist die eigentliche Brisanz.

Denn wenn fast 40 Prozent der Schäden auf Installations- und Montagefehler zurückzuführen sind, dann reden wir nicht über unkontrollierbare Risiken, sondern über Qualitätsdefizite in Planung, Ausführung und Kontrolle. Anders formuliert: Die größte Einsparreserve liegt nicht in neuen Versicherungstarifen oder Selbstbehalten, sondern in der Bau- und Betriebspraxis selbst. Zum Artikel.

Risikophase Renovierung: Wenn Routine zur Schwachstelle wird

Besonders aufschlussreich sind Schadensfälle in Renovierungs- und Umzugsphasen. Der vom IfS geschilderte Fall einer langen ungenutzten Einliegerwohnung, in der eine Spülmaschine nicht am vorhandenen Gerätezusatzventil, sondern an einem neu montierten Ventil angeschlossen wurde – mit der Folge einer Leckage –, mag banal wirken. Tatsächlich steht er exemplarisch für ein systemisches Problem.

Gerade vermeintlich einfache Eingriffe in bestehende Installationen bergen hohe Risiken. Bestehende Strukturen werden verändert, ohne dass ihr Zustand umfassend bewertet wird. Schnittstellen zwischen Alt und Neu sind anfällig. Zum Artikel.

Hier zeigt sich eine gefährliche Routine: Wasserführende Installationen gelten als beherrscht, als Standard. Doch Standardisierung ersetzt keine Sorgfalt. Jede zusätzliche Verbindung, jedes Ventil, jede Modifikation erhöht die Komplexität – und damit das potenzielle Schadenrisiko.

Trinkwasserhygiene und Schadenprävention gehören zusammen

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Initiative „Fit für Trinkwasser“ eine Bedeutung, die über das Thema Hygiene hinausgeht. Wenn BTGA, figawa, ZVSHK und DVGW ihre Kräfte bündeln, um Qualifizierung und Weiterbildung systematisch auszubauen, dann ist das mehr als ein symbolischer Schulterschluss.

Clemens Schickel, Geschäftsführer Technik beim BTGA, bringt es auf den Punkt: Die hygienisch einwandfreie Bereitstellung von Trinkwasser ist eine Aufgabe aller beteiligten Akteure entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Daniel Föst, Hauptgeschäftsführer des ZVSHK, ergänzt: Sauberes Trinkwasser ist kein Selbstläufer, sondern Ergebnis qualifizierter Fachbetriebe, klarer Regeln und kontinuierlicher Weiterbildung.

Diese Aussagen lassen sich direkt auf das Schadenproblem übertragen. Hygienische Sicherheit und technische Dichtheit sind keine getrennten Disziplinen. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Wer normkonform plant, korrekt dimensioniert, fachgerecht installiert und sauber dokumentiert, reduziert nicht nur mikrobiologische Risiken, sondern auch Leckagen, Folgeschäden und Haftungsfragen.

Schadenprävention wird damit zum integralen Bestandteil professioneller Technischer Gebäudeausstattung (TGA) – und nicht zu einer nachgelagerten Reaktion auf bereits eingetretene Schäden. Zum Artikel.

Qualität ist kein Kostenfaktor, sondern ein Geschäftsmodell

Für Wohnungsunternehmen ist diese Erkenntnis von existenzieller Tragweite. Jeder Leitungswasserschaden bedeutet mehr als eine Reparaturrechnung. Er führt zu Mietausfällen, organisatorischem Aufwand, Reputationsschäden und steigenden Versicherungsprämien. In einem Markt, der ohnehin unter Druck steht – energetische Sanierung, Dekarbonisierung, regulatorische Anforderungen –, wollen wir mit der Initiative Schadenprävention unseren Beitrag leisten, zusätzliche Belastungen zu vermeiden.

Dies und mehr erwartet Sie in der Ausgabe 33 von FORUM LEITUNSGWASSER.

Ich wünsche Ihnen eine hilfreiche Lektüre!

Ihr

Hartmut Rösler

Forum Leitungswasser erscheint in Kooperation mit der Initiative Schadenprävention und  der AVW Gruppe

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