Isabella Stickler ist Obfrau und Vorstandsvorsitzende der Alpenland, sie hat Rechtswissenschaften studiert und ist auch die Obfrau der Arge Eigenheim.
Die Einführung des Mietpreisdeckels ist eine pauschale Gießkannenförderung und verfehlt das eigentliche Ziel, mehr leistbaren Wohnraum zu schaffen. Die Politik hat sich zu einem vermeintlichen Quick-Win hinreißen lassen, der zu einer weiteren Instabilität führen wird. Diese Maßnahme ist weder treffsicher noch differenziert genug. Eine der größten Problemstellungen sind die Mindereinnahmen im gemeinnützigen Wohnbau. Durch die Deckelung der WGG-Mieten kommt es zu massiven Einschränkungen von Erhaltungs- und Verbesserungsmaßnahmen. Die Mindereinnahmen durch die bereits umgesetzte und noch geplante Mietpreisbremse werden sich auf fast 190 Millionen Euro summieren, was zu einem Investitionsstopp oder zumindest einem Investitionsrückstau führen wird.
Doch wer profitiert tatsächlich von der Mietpreisbremse? Mieter:innen in bereits stark regulierten Mietbereichen, die keinen echten Bedarf an zusätzlichem Schutz haben. Für den WGG-Bereich werden die günstigsten Wohnungen, also die sogenannten Grundmieten, noch einmal vergünstigt. Die Grundmieten, die jetzt gedeckelt werden, liegen in unserem Bereich bei 2,05 €/m2. Eine Indexierung mit einem dreiprozentigen Index wäre jetzt bei 2,11 Euro. Das ist für den Einzelnen sicherlich eine verträgliche Steigerung. Im Gegensatz dazu trifft die Maßnahme besonders die „Immobilienerhalter“, also die Investor:innen, die Vermieter :innen und Eigentümer: innen und in weiterer Folge alle unsere ausführenden Professionist:innen. Volkswirtschaftlich gesehen ein Fehler.
Die wahre Herausforderung im Sinne der hohen Kunst der Politik liegt darin, den komplexen österreichischen Wohnungsmarkt differenziert zu betrachten. Die Gemeinnützigkeit im Wohnbau hat sich als Modell bewährt, das leistbares Wohnen über viele Jahrzehnte ermöglicht.
Ich erwarte mir, dass die Politik ehrlich und differenziert das Thema Wohnen, Wohnstandort und Wirtschaftsstandort betrachtet. Statt sich mit kurzfristigen, populistischen Maßnahmen einen politischen Vorteil zu verschaffen, sollte die Regierung konkrete Lösungen entwickeln, die den gesamten Markt stabilisieren und für alle Beteiligten – Mieter: innen, Vermieter:innen und Investor:innen – langfristig tragbar sind. Nur so kann das Ziel des leistbaren Wohnens in Österreich wirklich erreicht werden.
Markus Fichta ist stellvertretender Generaldirektor des ÖSW-Konzern. Er verantwortet die Bereiche Vertrieb, Immobilienverwaltung, Facility Management sowie Projektentwicklung, zentrale Aufgaben der Kundenbetreuung und der strategischen Weiterentwicklung des Objektbestands.
Leistbares Wohnen ist ein zentrales gesellschaftliches Thema – und die aktuelle Diskussion um einen möglichen Mietpreisdeckel bewegt viele zurecht. Denn Wohnen ist mehr als nur ein Grundbedürfnis. Es ist ein sozialer Anker, ein Rückzugsort und Ausdruck individueller Lebensrealität.
Ein Mietpreisdeckel mag kurzfristig Entlastung für viele Mieter:innen bringen – langfristig wirft er jedoch Fragen hinsichtlich seiner Auswirkungen auf die Schaffung von leistbarem Wohnraum auf. Denn betroffen ist vor allem jenes Angebot, das heute schon zu den günstigsten in Österreich zählt: gemeinnütziger Wohnbau. Die aus einem Mietpreisdeckel entstehenden Einnahmenverluste führen dazu, dass weniger Budget für gemeinnützige Neubauten zur Verfügung steht. Gleichzeitig geraten wichtige Investitionen in die Sanierung und Dekarbonisierung des Bestands ins Stocken. Gerade bei ausfinanzierten Häusern, bei denen der Sanierungsbedarf am größten ist, werden notwendige Maßnahmen nicht mehr umsetzbar sein. Auch bei den vorübergehend gedeckelten Kostenmieten gilt: Die Erhöhungen werden lediglich aufgeschoben – für die Mieter:innen bedeutet das auf lange Sicht höhere Belastungen. Vorausschauend ist das nicht.
Um auch in Zukunft leistbaren Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten zu schaffen, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichend finanzielle Mittel – nicht nur für neuen Wohnraum, sondern auch für die nachhaltige Erhaltung und Weiterentwicklung unseres Bestands.
Leistbares Wohnen wird vor allem durch die kontinuierliche Stärkung des gemeinnützigen Wohnbaus und die Schaffung von genügend Angebot am Wohnungsmarkt erreicht. Wir nehmen diese Verantwortung ernst und gestalten mit zukunftsweisenden Projekten aktiv den Wandel mit. Unser Ziel ist es, Wohn- und Lebensräume zu schaffen, die sich an den Bedürfnissen einer sich wandelnden Gesellschaft orientieren und auch den Erwartungen kommender Generationen gerecht werden. Leistbares, nachhaltiges Wohnen soll keine Momentaufnahme sein, sondern ein langfristiges Versprechen.
Die Architekturbiennale 2025 stellt unter dem Thema „Agency for better living“ den sozialen Wohnbau ins Zentrum. Fotos: Hertha Hurnaus
Am 10. Mai wurde die Architekturbiennale 2025 in Venedig eröffnet. Im Österreich-Pavillon beschäftigt sich die Ausstellung „Agency for better living“ mit der Frage nach besserem Wohnen und Leben. — GISELA GARY
Auf der Architekturbiennale 2025, der weltweit bedeutendsten Ausstellung für Architektur, eröffneten die Kurator: innen Sabine Pollak, Michael Obrist und Lorenzo Romito die „Agency for better living“. Ihr Projektvorschlag für den österreichischen Pavillon wurde im Herbst 2024 mittels einer Ausschreibung des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport durch eine Fachjury ermittelt. Ausgehend von den Städten Wien und Rom stellen die Kurator:innen das Modell des sozialen Wohnbaus in Wien den Praktiken der Selbstorganisation der Zivilgesellschaft in Rom gegenüber.
„Es geht in unserem Biennale- Beitrag insgesamt um die Frage, wie ein zukünftiges besseres Leben aussehen könnte. Es geht um das Lernen von bewährten Systemen wie dem sozialen Wiener Wohnungsbau, aber auch von selbstorganisierten Projekten der Zivilgesellschaft, wie zum Beispiel in Rom. Die Gegenüberstellung kann unserer Meinung nachhelfen, neue Antworten zu finden auf die Frage nach besserem Wohnen“, so die Kurator:innen.
Leistbarkeit, Quartiersentwicklung und Klimaanpassung
Die Frage nach immer neuen Antworten und Lösungen für die Anforderungen an gutes Wohnen steht für die Stadt Wien seit mehr als 100 Jahren zentral im Interesse. Die Geschichte der 1920erund 1930er-Jahre des Roten Wien gilt als trefflicher Ausgangspunkt, wenn es um heutige und zukünftige Wohnbauentwicklungen geht. Etwa das Bestreben nach Leistbarkeit des Wohnens kann auf die reinen Mietkosten pro Quadratmeter, aber auch auf das Verhältnis zwischen Wohnungsgröße und Gemeinschaftsräume bezogen werden. In Wien sind vor allem die neuen Stadtquartiere, die in jüngerer Vergangenheit entstanden sind oder sich gerade in Bau befinden, als gesamthafte Entwicklungsprojekte für andere Kommunen vorbildhaft. Sie haben unterschiedliche Schwerpunkte und bilden jeweils unterschiedliche Formen von Urbanität, Ökologie oder Gemeinschaft aus.
Die Architekturbiennale in Venedig die alle zwei Jahre abwechselnd mit der Kunstbiennale stattfindet, ist noch bis 23. November 2025 geöffnet. Rahmenprogramm: Das Lernen aus Wien und Rom wird im Hof des Pavillons behandelt, wo eine Plattform zum Diskutieren und gegenseitigen Austausch einlädt, der „Space of negotiation“. labiennale2025.at/de/programm
In der Ausstellung im österreichischen Pavillon wird das System Wien anhand von neun Stationen aufgearbeitet: Fotografien zeigen Stadt- und Gemeinschaftsräume in ihrem alltäglichen Gebrauch, begleitet von Filmausschnitten aus verschiedenen Jahrzehnten. Aktuelle Entwicklungen werden über neue Quartiere vermittelt, etwa das Sonnwendviertel, das Nordbahnhofareal und die Freie Mitte sowie die Per-Albin-Hansson-Siedlung als ein Beispiel für den Umgang mit dem Bestand. Dazu kommen Themen aus der Geschichte der Stadt, die das außergewöhnliche Wohnen stark beeinflusst haben, beispielsweise das seit 1998 etablierte umfassende Gender Planning oder einzelne Pionierprojekte wie etwa die Sargfabrik.
Im Teil über Rom zeigen sieben zeitgenössische Beispiele unterschiedliche Formen der Selbstorganisation und des zivilgesellschaftlichen Widerstands, die verschiedene Formen des innovativen Zusammenlebens hervorgebracht haben. Der Lago Bullicante ist ein Beispiel für die Ko-Evolution einer Nachbarschaftsgemeinschaft und eines spontanen Renaturierungsprozesses einer ehemaligen Viskosefabrik. An anderen besetzten Orten, wie z. B. einem ehemaligen Bürogebäude oder einem früheren Hotel, haben sich komplexe soziale und räumliche Strukturen herausgebildet.
Neuperlach ist Münchens größte „Entlastungsstadt“ mit der auf die Wohnungsnot der Nachkriegszeit reagiert wurde. Heute geht es darum, sie „zukunftsfit“ zu machen. Fotos: Patrik Thomas
In München-Neuperlach lässt sich begutachten, wie ein Stadtteil aus der Nachkriegszeit modernisiert und Teil des „Green New Deal“ der EU werden kann. — FRANZISKA LEEB
Es sei wichtig, Dinge auf einer emotionalen Ebene zu verstehen, betont die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk anlässlich der Eröffnung der Ausstellung, die im Frühjahr zum Abschluss des Projekts „Creating NEBourhoods Together“ in der Architekturgalerie München gezeigt wurde. Es handelt sich dabei um eines der sechs Leuchtturmprojekte, die ausgewählt wurden, um Ursula von der Leyens Initiative eines Neuen Europäischen Bauhauses, kurz NEB, umzusetzen.
Nach den Prinzipien schön, nachhaltig und gemeinsam sollen sie den umwelt- und wirtschaftszentrierten European Green Deal um eine kulturelle Dimension erweitern und ihn zwecks Inspiration weiterer Aktivitäten unter die Menschen bringen. „Wenn Funktionalität und Faktenwissen genügen würden, wären wir schon sehr viel weiter. Man braucht einen direkten Zugang zu den Menschen, mit denen wir die Stadt von der Mobilitätswende bis zur Klimawende gut aufsetzen wollen“, so die Stadtbaurätin.
Eines der Projekte: Nisthocker, vom Studio Animal-Aided Design gemeinsam mit Studierenden vom Forschungsbereich Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung der TU Wien. Die modulare Holzstruktur bietet Raum für Menschen, Tiere und Pflanzen, ist zerlegbar und kann bei Bedarf den Ort wechseln.
Eingebettet in Planungsstrategien
Neuperlach, ab den späten 1960er-Jahren als Trabantenstadt im Münchner Südosten aus dem Boden gestampft, hat rund 42.000 Einwohner:innen. Nicht von ungefähr wurde dieser Stadtteil ausgewählt, um ihn in cokreativen Prozessen zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Die Transformation von Neuperlach steht schon seit Längerem auf der Agenda, wie die gebürtige Wienerin Sylvia Pintarits, Europabeauftragte in der Münchner Stadtplanung sowie Koordinatorin und Seele des Demonstrationsprojekts, erklärt. Das NEBourhoods-Pro- jekt konnte daher in bereits bestehende Konzepte eingebettet werden und knüpft an Stärken von Neuperlach an – eine starke Bindung der Bevölkerung an den Stadtteil und aktive Vereine.
Creating NEBourhoods Together Als eines der Leuchtturmprojekte für das Neue Europäische Bauhaus (NEB) der Europäischen Union hat Creating NEBourhoods Together in München- Neuperlach gemeinsam mit der Bevölkerung, Initiativen, Verwaltung, wissenschaftlichen Institutionen und Unternehmen sowie Start-ups in co-kreativen Prozessen Prototypen und Lösungen erarbeitet. Koordiniert wurde das Projekt vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München, die das Projekt mit mehr als einem Dutzend weiterer Projektpartner ins Leben gerufen und umgesetzt hat. Die auf der Projektwebsite zugängliche Open-Access- Publikation „NEBourhoods for Tomorrow“ dokumentiert die entwickelten Methoden, Strategien und Prozesse und dient als Inspiration und Leitfaden für andere, die ähnliche Wege beschreiten möchten. Orientiert an den in transdisziplinären Arbeitsprozessen des NEB involvierten Gruppen bietet die Publikation verschiedene Lese- und Informationsebenen: Thematische Einordnungen, eine detaillierte Vorstellung der Prototypen sowie jeder Aktion zugeordnete Steckbriefe. Letztere beschreiben relevante Schritte zur Replikation, zu involvierende Stakeholder:innen sowie Potenziale und Herausforderungen der Maßnahmen. QRCodes, die zu weiterführenden Dokumenten und Informationen führen, sowie Kontaktdaten der für die jeweilige Aktion Verantwortlichen ergänzen das (vorläufig nur in englischer Sprache vorliegende) nützliche Handbuch. www.nebourhoods.de
Im Zusammenwirken motivierter und engagierter Menschen aus der Stadtverwaltung, der Wissenschaft, der Kunst und Kultur, der Wirtschaft und nicht zuletzt aus der Neuperlacher Bevölkerung entstanden in Reallaboren Prototypen für ein klimaneutrales Quartier mit starken Nachbarschaften. Dabei ging es von der räumlichen Erweiterung sanierungsbedürftiger Wohnbauten über nachhaltige Ernährung, innovative Mobilität, die Erhöhung der Biodiversität, Maßnahmen gegen Überhitzung, die Schaffung von Orten für Jugendkultur, die Transformation monofunktionaler Bürogebäude und der umgebenden Außenräume bis hin zur Gründung einer Energiegemeinschaft.
Prototypen für die Zukunft
Über Neuperlach verteilt entstanden zahlreiche Projekte. Zum Beispiel der Nisthocker, den das Studio Animal- Aided Design gemeinsam mit Studierenden vom Forschungsbereich Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung der TU Wien unter der Leitung von Thomas E. Hauck und Susann Ahn entwickelt hat. Die modulare Holzstruktur bietet Raum für Menschen, Tiere und Pflanzen, ist zerlegbar und kann bei Bedarf den Ort wechseln.
An einer Außenwand der Kinderund Jugendfreizeitstätte Südpolstation wird eine am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie an der TU München entwickelte Fassade getestet, die Nistmöglichkeiten für Vögel anbietet. Weiters entstanden leicht im Selbstbau zu errichtende Hochbeete, ein Schattendach, das zudem Energie produziert und vieles mehr.
Dabei gehe es nicht wie in früheren Zeiten darum, „zu sagen, hier ist ein defizitärer Stadtteil, reparieren wir drei Sachen und dann ist es wieder gut“, betont Stadtbaurätin Merk. Vielmehr gehe es um eine andere Haltung zur Stadt. „Der Gedanke, dass Gestaltung und ein gutes Miteinander Treiber für Änderung sein können, das war die Hypothese, und es hat geklappt.“
Das Beste daran: Die Ergebnisse samt Handlungsempfehlungen und Bauanleitungen sind auf der Projektwebsite dokumentiert und können so auch andernorts Eingang finden oder übernommen werden.
Quartier „Am Hirschfeld“ vom ÖSW: 110 geförderte Mietwohnungen profitieren von der massiven Bauweise. Die Speichermasse von Beton wird über Erdwärme zum Heizen und Kühlen genützt. Fotos: ÖSW, Lukas Lorenz
Eine Studie des Economica Instituts für Wirtschaftsforschung bestätigt der Stein- und keramischen Industrie ihren bedeutenden Stellenwert im Kampf gegen den Klimawandel. Darüber hinaus tragen die Mitgliedsbetriebe für mineralische Baustoffe mit insgesamt 4.546,3 Millionen Euro maßgeblich zur österreichischen Wertschöpfung bei.
Quelle: jeweilige Nachhaltigkeitsberichterstattung der Mitgliedsbetriebe des Fachverbands Steine-Keramik ab 100 Mitarbeitenden.
Neben den Beiträgen zur Wertschöpfung sichert die Stein- und keramische Industrie Beschäftigung im Ausmaß von über 355.000 Beschäftigungsverhältnissen, was vergleichbar mit einer österreichischen Großstadt ist. Zudem flossen 2023 knapp zwei Milliarden Euro an Steuern und Abgaben an den Fiskus. Andreas Pfeiler, Geschäftsführer Stein- und keramische Industrie, unterstreicht darüber hinaus die Rolle als regionale Arbeitgeberin und deren hohe gesellschaftliche Relevanz. „Die größte Herausforderung ist für uns jedoch der Kampf gegen den Klimawandel. Wir zählen rohstoffbedingt zu jenen Sektoren mit einem hohen absoluten und relativen Ausstoß an Treibhausgasen. Um die österreichischen und europäischen Emissionsziele zu erreichen, braucht es noch deutlichere Anstrengungen“, so Pfeiler. Klares Fazit der Studie bestätigt einem Großteil der Unternehmen der Stein- und kera- mischen Industrie ein großes Problembewusstsein. Viele Maßnahmen zur Reduktion des eigenen CO₂-Fußabdrucks wurden bereits umgesetzt, wie ein höheres Maß an Elektrifizierung, die Verwendung von grünem Strom oder von Abwärme.
„Die Stein- und keramische Industrie ist inhärenter Teil der Lösung.“ – Andreas Pfeiler
Damit der Branche aber tatsächlich eine signifikante Reduktion des CO₂-Abdrucks gelingt, braucht es Innovationen im Produktionsprozess. Aber auch hier sieht die Studie die Unternehmen der Stein- und keramischen Industrie durchaus auf dem richtigen Weg. „Es werden immer mehr Schritte gesetzt und innovative Anlagen und Produkte entwickelt und umgesetzt“, heißt es in der Studie. Dies umfasse beispielsweise CO₂-reduzierten Zement und Beton sowie Ziegel. Darüber hinaus wird intensiv an einer rechtlich kompatiblen Lösung zur Kohlenstoff-Abscheidung und -Speicherung gearbeitet.
Interessant ist auch, dass die Steinund keramische Industrie zwar einen zu berücksichtigenden Anteil am CO₂- Ausstoß unserer Wirtschaft hat, ihre Produkte aber ein wesentliches Werkzeug im Kampf gegen den Klimawandel sind. „Die Stein- und keramische Industrie ist inhärenter Teil der Lösung, sowohl hinsichtlich der Abmilderung des Klimawandels als auch bezüglich der Anpassungsmaßnahmen“, heißt es in der Studie. Produkte der Stein- und keramischen Industrie würden „wortwörtlich das Fundament vieler Maßnahmen, die den Klimawandel eindämmen sollen, bilden“.
Quelle: Economica
Das gelte beispielsweise für die Transformation des Energiesektors wie den Bau von Windkraftanlagen oder Staumauern und die Verkehrswende durch den Ausbau der Schieneninfrastruktur. Auch im Gebäudesektor kann die Stein- und keramische Industrie durch innovative und emissionenreduzierende Produkte einen wichtigen Beitrag leisten. Hinzu kommen Anpassungsmaßnahmen, wie etwa Schutzvorrichtungen vor Extremwettersituationen, die überwiegend aus Produkten der Stein- und keramischen Industrie bestehen.
„Dem Klimawandel kann folglich nur mit der Stein- und keramischen Industrie entgegengewirkt (bekämpfen find ich bisschen hart, ist aber nur mein feeling) werden“, schlussfolgern die Autor:innen der Economica-Studie. Zudem verweist die Studie auf die Regionalität der Branche. Die heimische Produktion ermöglicht den Erhalt von Wertschöpfung, Arbeitsplätzen und Einnahmen für den Fiskus, bei gleichzeitig kurzen Transportwegen. Der durchschnittliche Transportradius über alle Produkte hinweg beträgt nur rund 65 Kilometer, der durchschnittliche Transportradius der Rohstoffe sogar nur 50 Kilometer.
Grüne Transformation: Best Practices der Stein- und keramischen Industrie - Entwicklung CO²-reduzierter Beton: Im Jahr 2022 wurden in Österreich 31.049.802,3 Tonnen Frischbeton produziert. CO₂-reduzierter Beton hat verglichen mit herkömmlichem Beton einen um 15 % geringeren CO₂-Ausstoß. Das Einsparungspotenzial ist somit deutlich. - Green-Tech Zement: Eine veränderte Zusammensetzung von Beton und der Einsatz von erneuerbaren Energien ermöglicht die Herstellung von CO₂- reduziertem Zement. - Ziegelproduktion im Elektroofen: Die Herstellung von Ziegeln im Elektroofen in Kombination mit neuen Tonmischungen und Begleitmaßnahmen führt zu einer 90 %-Reduktion der CO₂-Emissionen. - CCU & CCS: Carbon Capture Utilisation and Storage bei der Herstellung von Zement. Mit der ersten CO₂- Rückgewinnungsanlage Österreichs im großtechnischen Maßstab sollen ab Ende 2026 bis zu 30.000 Tonnen jährlich zurückgewonnen werden. Damit können jährlich 50.000 Tonnen CO₂-freier Zement produziert werden.
Ökologische Verantwortung
Kreislaufwirtschaft ist für die Steinund keramischen Industrie längst selbstverständlich. „Für eine Vielzahl unserer Unternehmen sind die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft bereits seit Langem Teil des unternehmerischen Handelns, sei dies aus ökologischer Verantwortung heraus, als auch aus ökonomischen Überlegungen“, so Pfeiler. Mineralische Baustoffe können zu nahezu 100 Prozent wiederverwertet werden. Bis dato nicht so einfach recyclebare Materialien werden ebenso in den Kreislauf zurückgeführt wie z. B. Gipskartonplatten.
„Die Ergebnisse der Studie sind insgesamt erfreulich – dennoch, wir stehen vor der notwendigen ,grünen‘ Transformation, um die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen – insbesondere jene der Klimakrise – zu meistern. Dazu benötigen wir politische Weichenstellungen, die dem Klima und dem Wirtschaftsstandort zugutekommen müssen. Es braucht stabile Rahmenbedingungen und realistische Ziele, nur dann ist Planungssicherheit gegeben und ein Transformationsprozess umsetzbar. Ständig wechselnde Zielvorgaben und Lenkungsinstrumente in Richtungen, die kein Wirtschaften ermöglichen, schaden nur dem Standort. Denn ohne mineralische Baustoffe gibt es keine Klimawende – vom Ausbau der Schieneninfrastruktur und der erneuerbaren Energie, dem Hochwasserschutz, Staumauern oder Windrädern wie auch leistbarem Wohnraum“, so Pfeiler.
Stadträume werden in der Seestadt von Jung und Alt genützt. Fotos: Daniel Hawelka, Luiza Puiu
Öffentliche Räume sind in der Seestadt immer wieder Gegenstand gemeinschaftlicher Planungsprozesse. Das Gemeinsame steht im Vordergrund, oft aber auch einfach die Freude, im Freien zu sein – und auch noch garteln zu können. Die Bewohner:innen wurden mehrfach in die Planung eingebunden. Das Ziel: hohe Aufenthaltsqualität und Identifikation mit ihrem neuen Zuhause.
Die Vorbereitungen für die nächsten Bauvorhaben im Norden der Seestadt laufen auf Hochtouren. Denn dort werden in den nächsten Jahren – neben weiteren Wohnungen und Betrieben, sozialer Infrastruktur und Nahversorgung – auch neue öffentliche Freiräume entstehen: Die sogenannte „Grüne Saite“, die durch abwechslungsreiche und wohnungsnahe Grünräume geprägt ist, sowie die „Rote Saite Nord“, die kommerzielle, kulturelle und kreativ-öffentliche Nutzungen miteinander verbindet. Diese öffentlichen Freiräume werden Platz für vielfältige Bedürfnisse bieten – die Nutzer: innen waren und sind eingeladen, sie zu beleben und mitzugestalten.
In Vorbereitung auf die beiden Teilräume im Norden der Seestadt haben mehrteilige Beteiligungsprozesse stattgefunden, die im Auftrag der Wien 3420 von der Arbeitsgemeinschaft PlanSinn und Caritas Stadtteilarbeit, durchgeführt wurden. Dabei wurde das Wissen von Menschen, die die Seestadt bereits gut kennen, einbezogen.
Bei den „CoCreation Days“ diskutierten Stakeholder:innen in vertiefenden Fokus-Sessions Aspekte, die bei der zukünftigen Gestaltung und Nutzung der öffentlichen Räume der Grünen und Roten Saite besondere Berücksichtigung finden sollten, und skizzierten den Prozess der Ko-Kreation im weiteren Verlauf der Planung und Umsetzung.
Eine Online-Umfrage ermöglichte es einer breiten Öffentlichkeit und ihrem Umfeld, Vorstellungen und Bedürfnisse in puncto Freiräume in der Seestadt zu äußern und gewünschte Qualitäten und Nutzungsmöglichkeiten zu benennen.
Die gemeinsame Nutzung und Bewirtschaftung von Grünräumen steht in der Seestadt hoch im Kurs. 8.900 m2 Urban-Gardening-Fläche stehen zur Verfügung.
Die Ergebnisse der CoCreation Days und der Umfrage flossen in die Wettbewerbsausschreibungen für die Planung der Grünen und Roten Saite ein, die Ergebnisdokumentationen wurden beigefügt und dienten den am Wettbewerb teilnehmenden Planer:innen als Grundlage.
Um auch den weiteren Planungsund Umsetzungsprozess zu begleiten, wurde zudem ein „Sounding Board“ aufgebaut, das sich aus insgesamt acht Bewohner:innen und lokalen Akteur:innen zusammensetzt. Diese kennen den Alltag in der Seestadt und vertreten unterschiedliche Nutzer:innengruppen und deren Ansprüche. Sie hatten eine beratende Funktion im Rahmen des Wettbewerbs und stehen den Planer:innen auch im weiteren Verlauf der Planung und Umsetzung mit ihrer Expertise zur Verfügung. Das führt auch zu positiven Rückkoppelungen in ihrem eigenen Umfeld.
Partitur des öffentlichen Raums Städtisches Leben ist von der Qualität seiner öffentlichen Stadträume abhängig. Gleich den Saiten eines Musikinstruments sind die öffentlichen Stadträume die Impulsgeber einer Stadt, die deren Leben in Schwingung bringen. aspern Seestadts öffentliche Stadträume sind nach den Saiten eines Musikinstruments benannt. Jede Saite schlägt einen neuen Ton an und differenziert sich so in Gestalt, Nutzung und Bestimmung. Das gekonnte Zusammenspiel der Saiten erzeugt den Wohlklang der Stadt, der sich an der Lebensqualität ihrer Bewohner:innen und Besucher: innen misst. Die zentralen öffentliche Stadträume der Seestadt werden von vier Saiten gebildet: Dem Ring der Sonnenallee (Gelbe Saite), der Roten Saite, der Grünen Saite und der Blauen Saite. Die Schwerpunkte der Saiten liegen jeweils auf infrastrukturelle Vernetzung, Handel und Kultur, Freizeit und Naherholung sowie Erholung am Wasser. So beschreibt die Partitur des Öffentlichen Raums die Grundidee für dessen Gestaltung.
Kulturelle Vielfalt
Der co-kreative Abschnitt der Roten Saite im nördlichen Teil der Seestadt wird sich vom Bahnhof Aspern Nord bis zum Zaha-Hadid-Platz am See erstrecken. Er wird die Seestadt mit vielfältigen Angeboten für alle Altersgruppen bereichern. Hier soll es ein breites Angebot an Geschäften, Lokalen und kulturellen Nutzungen geben, das sich gegenseitig co-kreativ befruchtet. Neben kommerziellen Nutzungen sind auch nicht-kommerzielle Angebote wie z. B. Gemeinschaftsräume, öffentliche Einrichtungen oder Flächen für kulturelle Veranstaltungen und konsumfreien Aufenthalt geplant. Mit der Roten Saite Nord soll ein Zentrum entstehen, das auch für die alten und neuen Stadtteile in der Umgebung eine wichtige Versorgungsfunktion erfüllt, weshalb auch Anrainer:innen eingeladen sind, sich aktiv in die Gestaltung einzubringen. Neue, urbane Orte der Kommunikation werden im öffentlichen Raum entstehen, an denen sich Nachbar:innen – in der einen oder anderen Form – begegnen.
Die Grüne Saite, eine Spielstraße für Jung und Alt, wird ein lebendiger, verkehrsberuhigter Treffpunkt mit attraktiven Nutzungsangeboten für alle Alters- und Interessensgruppen. Entlang der Grünen Saite wird es vor allem Wohnbauten, aber auch viele Nicht- Wohnnutzungen im Erdgeschoß – wie Kindergärten, Kleinbüros etc. – geben. Möglichkeiten zur Mitgestaltung im öffentlichen Raum werden auch hier eine große Rolle spielen. Wichtig: auch Insekten, Vögel etc. werden hier ihre Lebensräume finden. Entlang der Grünen Seite wird es zwei kleine Pocket Parks als grüne Grätzl-Zentren geben.
Ort des Miteinanders
Die Seestadt versteht sich als Ort des Miteinanders und der Partizipation und wird – wie auch Umfragen bestätigen – von Bewohner:innen als solcher wahrgenommen. Von Anfang an spielten Beteiligungsprozesse eine wesentliche Rolle in der Entwicklung des Stadtteils. Schon in der Masterplanung wurden Anrainer:innen miteinbezogen. Auch das Naherholungsgebiet asperner Terrassen wurde bereits miteinander entwickelt.
Bewohner:innen sind immer wieder eingeladen, ihre Wünsche für die Gestaltung von öffentlichem Raum einzubringen – wie beispielsweise beim Elinor-Ostrom-Park oder eben der Grünen Saite und Roten Saite Nord.
Auch bei Bauprojekten in der Seestadt spielt Partizipation eine große Rolle: Bei den bisher insgesamt zehn Baugruppen steht das Gemeinsame im Mittelpunkt. Hier können aktiv Ideen eingebracht werden, denn die Bewohne: innen planen, gestalten und organisieren sich als Hausgemeinschaft selbst und können schon vor dem Einzug aktiv mitgestalten.
Ganz entscheidend für die laufende Förderung der Partizipation von Bewohner:innen ist das vor Ort tätige Stadtteilmanagement. Es informiert über Entwicklungen im Stadtteil und unterstützt alle, die sich aktiv in die Gestaltung der Seestadt einbringen wollen. Ob gemeinsames Garteln, Musizieren oder Gestalten – zahlreiche Initiativen von und für Seestädter: innen sind so bereits entstanden. Mit dem Nachbarschaftsbudget werden jedes Jahr Ideen, die die Nachbarschaft und das Miteinander in der Seestadt fördern, unterstützt.
Altes Gemäuer, neue leistbare Wohnungen, fossilfreie Energie und möglichst viel Grün: Das Wiener Quartier Sophie 7 bringt neue Quartiersqualitäten in die Bestandsstadt. Fotos: SchreinerKastler, Sozialbau AG_Vogus
„Geht nicht, gibt es nicht“, lautet im Sozialbau-Verbund die Devise, wenn es um die thermisch-energetische Sanierung des Wohnungsbestands und klimasensiblen Neubau geht. Was ist technisch sinnvoll? Was ist rechtlich zu beachten? Wie ist das alles zu finanzieren? Während andere noch zaudern, wird bei der Sozialbau AG angepackt – im Bestand, im Neubau und im Grätzl.
In 25 Jahren will die EU klimaneutral sein, in 15 Jahren Österreich. Die Sozialbau AG hat sich 2030 zum Ziel gesetzt. Das bleiben gerade noch fünf Jahre, so viel wie die Legislaturperiode der Bundesregierung. Ist das zu schaffen? „Jein“, sagt Ernst Bach. Er ist seit 33 Jahren in der Sozialbau tätig, seit Mai 2023 Vorstandsvorsitzender der Sozialbau AG. Damals hatten sich infolge der Corona-Pandemie die Energiepreise vervielfacht und der Angriff Russlands auf die Ukraine hatte das Risiko, das mit der Abhängigkeit von russischem Gas einhergeht, deutlich werden lassen. Unabhängig von bereits festgeschriebenen europäischen, nationalen und regionalen Dekarbonisierungszielen war plötzlich die Notwendigkeit für „Raus aus Gas“ breit im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Aber wie man da rasch rauskommt, dafür hatten nur wenige einen Plan.
Ernst Bach, mit seinem Team immerhin für fast 55.000 verwaltete Wohnungen verantwortlich, hatte einen: „Die Erkenntnis für uns: Wir müssen sofort handeln. Das sind wir unseren Bewohnerinnen und Bewohnern schuldig.“ Im Zuge der Dekarbonisierungsstrategie wurde eine Vielzahl an Pilotprojekten zur energetischen Bestandsmodernisierung gestartet, um die nachhaltige Energieversorgung voranzutreiben. Bereits einige Jahre zuvor wurde eine mit der Zentralisierung der Einzelgasthermen durch eine Energiezentrale am Dachboden ein wesentlicher Grundstein für das „Raus aus Gas“ gelegt. „Bis 2030 werden wir technisch in der Lage sein, jedes Haus sofort auf nachhaltige Energieversorgung umstellen zu können, wenn die Bewohner:innen das möchten.“ Im „Jein“ klingt also Zweckpessimismus mit. Denn sieht man sich die bereits umgesetzten Projekte an, drängt sich kein Grund auf, warum die Menschen etwas dagegen haben sollten. Schauen wir uns also an, was alles geht, wenn man will.
Dekarbonisieren macht schöner
Vorzeigebeispiel Nummer eins finden wir in der Barawitzkagasse, die liegt zwar im feinen Wiener Bezirk Döbling, ist aber eine verkehrsbelastete Durch zugsstraße mit wenig Aufenthaltsqualität. Vom Aschenputtel zur Energieprinzessin der Gasse mausert sich dort gerade das 1966 fertiggestellte Wohnhaus von Harry Glück. Deren Heizsystem wird von dezentralen Einzelgasthermen auf ein Wärmepumpensystem – ein Mix aus Luft-Wärmepumpe am Dach und Sole-Wärmepumpe im Keller – umgestellt. Dazu wurden die Heizungsleitungen entlang der Fassade verlegt, und nun wird eine Wärmedämmung angebracht.
Über fünf bis zu 85 Meter tief in den Innenhof gebohrte Tiefensonden lässt sich in der kalten Jahreszeit Heizwärme entnehmen. Im Sommer wiederum wird die Wärme aus den Wohnungen in den Erdsonden gespeichert und somit eine Abkühlung der Wohnungen um etwa zwei Grad Celsius erreicht werden. In den Wohnungen haben die Bewohner:innen die Möglichkeit, ihre alten Heizkörper gegen Gebläsekonvektoren zu tauschen.
Die Warmwasserbereitung erfolgt über neue 80-Liter-Elektro-Boiler. Die Energie für den Betrieb von Wärmepumpen und Boilern liefert eine Photovoltaikanlage am Dach, etwaige Überschüsse werden den Mieter:innen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Zusätzliche Effekte bringt die Fassadenbegrünung die nicht nur dem Mikroklima von Haus und Gasse zum Vorteil gereichen wird, sondern auch der Optik.
Besser mehr
Ein Haus umzustellen, ist gut, noch besser ist es, wenn mehrere profitieren – so wie in der Simon-Denk-Gasse beim Franz-Josefs-Bahnhof in Wien- Alsergrund. Das dort von der Sozialbau initiierte, wissenschaftlich begleitete und von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) geförderte Nahwärmeprojekt umfasst fünf Liegenschaften mit insgesamt 100 Wohnungen, womit es der derzeit größte geplante Nahwärmeverbund im Bestand ist. Als Wärmequelle wird das vor Ort vorhandene geothermische Potenzial genutzt und der Wärme- und Kühlbedarf durch Grundwasser-Wärmepumpen gewährleistet.
Wenn auf dem eigenen Grundstück Tiefenbohrungen nicht möglich sind, ist – wie in der Simon-Denk-Gasse in Wien-Alsergrund – eine Kooperation über mehrere Liegenschaften hinweg eine gute Lösung.
Um einen optimalen Wirkungsgrad von Grundwasser-Wärmepumpen zu gewährleisten, ist ein Mindestabstand der dafür erforderlichen Brunnen von 15 Metern einzuhalten. Im dicht bebauten Grätzl waren daher Bohrungen auf Nachbarliegenschaften erforderlich – ein Grund, im Quartier zu denken und sich mit den anderen Eigentümer:innen im wahrsten Sinn des Wortes zu vernetzen. Optimale Ergebnisse für alle erreichen kann man – wie das Pilotprojekt zeigt – trotz ungleicher Gebäudestrukturen, Sanierungsstadien und verschiedener wohnrechtlicher Regime. Und wenn schon gebohrt und gegraben wird, dann gleich richtig: Im Zuge der Errichtung des Nahwärmenetzes wurde auch gleich die Neugestaltung der Gasse angegangen. Entsiegelte Flächen, neue Bäume. Sitzgelegenheiten, ein Trinkbrunnen und mehr Komfort für Fußgänger:innen kommen allen Anrainer:innen zugute und machen die Klimawende sichtbar.
Sozialbau AG in Zahlen - 54.937 verwaltete Wohnungen - 120.000 Bewohnerinnen und Bewohner - 6 % Anteil am Wiener Wohnungsbestand - 581 Wohnungen in Bau - 2.400 PV-Anlagen - 37.125 t jährliche CO₂- Einsparung durch thermische Sanierung
Diese Pilotprojekte stehen beispielgebend für die Sozialbau-Strategie zur Dekarbonisierung des Wohnungsbestands. Je nach örtlicher Situation und Beschaffenheit der Wohnhausanlage steht ein „Werkzeugkoffer“ parat, dessen Inhalt aus Wärmepumpen, Erdsonden, Photovoltaik und Grünfassaden für die jeweils passende Lösung eingesetzt wird – gern auch gemeinsam mit anderen und so individuell wie möglich.
Neue Inhalte
Ein besonderes Zuhause-Gefühl verspricht das Quartier Sophie 7 gegenüber vom Wiener Westbahnhof. Im Herbst 2023 war Baubeginn für das in das bestehende Stadtgefüge eingewobene Wohnquartier auf dem Areal des ehemaligen Sophienspitals, das von der Sozialbau AG gemeinsam mit der WBV-GPA entwickelt und bis Ende des Jahres fertiggestellt sein wird. Hier erhält historischer, teils denkmalgeschützter Altbestand neue Inhalte und im Bezirk dringend benötigte leistbare Wohnungen. Dass hier die Energieversorgung von vornherein nachhaltig ist, versteht sich von selbst. Photovoltaik versorgt die Gemeinschaftsräume, Allgemeinflächen und die gesamte Haustechnik mit Strom.
Die Wärmeversorgung erfolgt durch Fernwärme und Geothermie. Mit Volkshochschule, Kindergarten, einem Treffpunkt für Pensionist:innen, Co- Working-Spaces, Pop-up-Stores, einem Veranstaltungssaal und einem Gastrobetrieb wird die Basis für soziale Nachhaltigkeit gelegt. Der öffentlich zugängliche Park wird ein wichtiger Naherholungsraum für den ganzen Stadtteil sein. Gegen sommerliche Überhitzung und für ein gutes Mikroklima sorgen begrünte Fassaden und Balkonlauben sowie Versickerungs- und Verdunstungsflächen auf den Dächern. Den Zweckpessimismus kann man getrost in Optimismus wandeln: Ja, wir schaffen das.
Adolf Melcher, Sprecher der Geschäftsführung Kelag Energie & Wärme, Helmut Kusternig, Vorstandsvorsitzender meine heimat und Christoph Herzeg, Geschäftsführung Kelag Energie & Wärme – arbeiten gemeinsam an der Wärmewende.
Foto: Kelag Energie & Wärme GmbH, Grafik: Statistik Austria/Global 2000
Die Kelag Energie & Wärme ist einer der größten Anbieter von Fernwärme in Österreich und Marktführer bei der Wärmeerzeugung aus Biomasse und dem Einsatz industrieller Abwärme. Geschäftsführer Adolf Melcher ist davon überzeugt, dass die grüne Transformation gelingen kann, wie er im Interview erläutert – aber Österreich braucht intelligente, nachhaltige Lösungen.
Wie viele Wohnungen versorgen Sie aktuell mit grüner Fernwärme?
Rund 80.000 Wohnungen – und es werden laufend mehr. Die Wärmewende ist ein zentraler Bestandteil der Energiewende. Ein wichtiges Instrument ist dabei die kommunale Wärmeplanung für die Raumwärme. Sie bietet Kommunen die Möglichkeit, eine nachhaltige Wärmeversorgung auf lokaler Ebene strategisch zu gestalten. Mit einer gezielten Planung wird nicht nur die Umsetzung langfristiger Klimaziele unterstützt, sondern auch aktiv die Nutzung von erneuerbaren Energien wie z. B. Biomasse und Abwärme gefördert. Wir haben eine kommunale Wärmeplanung für die Bereiche der 80 Fernwärmenetze erarbeitet. Über eine Online-Kundenplattform kann eingesehen werden, wo Fernwärmeleitungen verlegt sind und wie sie mittel- und langfristig ausgebaut und erweitert werden sollen. Damit können Bauträger und Immobilienbesitzer:innen aktuell oder in naher Zukunft Entscheidungen über die zukünftige Heizlösung ihrer Immobilien treffen.
Wie sieht es mit der Entwicklung von Fern- und Nahkältelösungen aus?
Natürlich, die Sommer werden heißer. Aber die Kälte spielt im sozialen Wohnbau keine Rolle, sondern eher im hochpreisigen Wohnbau. Noch ist die Kälte ein Thema für die Industrie. In Linz gibt es erste Projekte mit Fernkälte. Das große Potenzial sehe ich für uns jedoch nicht, es wird sich auf ein oder zwei große Projekte beschränken. Für die Fernkälte bräuchten wir große Verbraucher so wie ein Krankenhaus.
Die Zukunft gehört dem grünen Strom – wie wollen Sie hier Ihre Kapazitäten erweitern?
Strom wird immer wichtiger werden, wir investieren in Photovoltaik, Wind und Wasserkraft. Da stoßen wir an natürliche Grenzen, auf Widerstand in der Bevölkerung oder auch Regulatorien. Das Thema Dekarbonisierung ist auch für die Industrie entscheidend und dazu benötigen wir erneuerbare Energien. Die Welt wird noch viel elektrischer werden. Für diese Transformation müssen aber auch die Verfahren beschleunigt werden. Wir wollen ein krisensicherer Wirtschaftsstandort sein und das wird nur mit grünem Strom gelingen.
Wie hoch ist der Anteil an erneuerbaren Energien bei der Kelag Energie & Wärme?
Aktuell haben wir 67 Prozent erneuerbare Energie, bei Fernwärmenetzen über 90 Prozent. Wir haben für all unsere Fernwärmenetze einen klaren Plan, wie wir bis 2035 fossilfrei werden wollen. In Bad Gastein erarbeiten wir mit der JKU und der Gemeinde die richtige Ökologisierungslösung und nutzen dabei das Thermalwasser. In Pinkafeld stellen wir ebenso von Gas auf Biomasse um, mit Hilfe eines großen Industriebetriebs und der Stadt. In Spittal an der Drau werden wir die Molkerei ökologisieren. In Villach haben wir vor wenigen Wochen einen Biomassekessel in Betrieb genommen.
Welche Anreize erwarten Sie von der Politik, damit der Ausstieg aus fossiler Energie und die grüne Transformation gelingt?
Wir brauchen ein politisches Bekenntnis und eine Kompetenz, um Entscheidungen zu treffen, für langfristige Lösungen – damit wir nicht laufend am System scheitern. Da würde ich mir ein Ministerium oder ein Institut für Klimawende wünschen. Die Dekarbonisierung ist natürlich vor allem für die energieintensive Industrie eine Riesenherausforderung. Die Budgets müssen kontinuierlich geplant und auf die einzelnen Gewerke abgestimmt werden – wir brauchen Berechenbarkeit, auch für unsere Kund:innen. Klimaschutzmaßnahmen müssen sich auszahlen. Nur verlässliche Rahmenbedingungen ermöglichen Investitionen.
Wie werden Sie Ihre Vorreiterrolle in puncto Nutzung von Abwärme aus der Industrie weiter ausbauen?
Da sind wir laufend dabei. Wir versorgen bereits mit der Abwärme der Voest Wohnungen der WAG und der Giwog, das funktioniert hervorragend. Wir nützen eine Kläranlage in Spittal, aus dem Klärgas machen wir Strom und Wärme und versorgen damit zehn Prozent der Wohnungen. In der Industrie gibt es bezüglich Abwärme ein großes Potenzial auf einem Temperaturniveau bis zu 40 Grad. Mit der Wärmepumpe können wir die Temperatur erhöhen und Wohnungen beheizen. Für viele Themen könnten wir Anleihe aus der Vergangenheit nehmen. Bezüglich Stromversorgung: Der Wasserbau wurde bevorzugt, das sind intelligente und nachhaltige Lösungen. Heute brauchen diese Projekte zu lange.
Wie nahe sind Sie Ihrem Ziel, bis 2035 die Fernwärmenetze weitgehend frei von fossiler Energie zu haben?
Sehr nahe, 2035 werden wir 95 Prozent erreicht haben, die letzten fünf Prozent werden allerdings die schwierigsten werden.
Die Kelag Energie & Wärme GmbH ist ein Tochterunternehmen der Kelag-Kärntner Elektrizitäts- Aktiengesellschaft. Das Unternehmen mit Sitz in Villach ist der größte österreichweit tätige Anbieter von Fernwärme auf der Basis von industrieller Abwärme und Biomasse. Aktuell werden 85 Fernwärmenetze und rund 900 Heizzentralen mit einem Wärmeabsatz von rund zwei Terawattstunden betrieben. www.kew.at
Eine der größten solarthermischen Anlagen Österreichs in Friesach wie auch das Fernwärmenetz Niklasdorf zeigen, dass es möglich ist, aus fossiler Energie auszusteigen und erneuerbare Energie zu nutzen – gibt es weitere Pläne?
In Niklasdorf nützen wir die Abwärme einer Müllverwertungsanlage zum Heizen von Wohnungen. Und ja, wir haben eine Vielzahl an Projekten, die es kleineren Städten ermöglichen, aus der fossilen Energie auszusteigen. Bei größeren Städten wie Wien wird es kniffliger.
Die Bestandssanierung als auch der Ausstieg aus fossiler Energieversorgung ist für Österreichs gemeinnützige Bauträger eine der größten Herausforderungen, welchen Rat haben Sie für die GBV?
Wir müssen den Bedarf senken – eine entscheidende Rolle im sozialen Wohnbau. Mieter:innenstrommodelle sind z. B. sehr gute Modelle, da gibt es großes Potenzial. Wir haben Projekte mit der „meine Heimat“ Villach, Vorstandsvorsitzender Helmut Kusternik ist diesbezüglich sehr engagiert. Die Wärmeversorgung spielt eine große Rolle in der Energiewende, ohne Ökologisierung der Wärme wird es keine Energiewende geben. Mit der Wärme muss man viel stärker ins Gebäude eingreifen. Die Tiefengeothermie ist ein Weg, den Wien jetzt versucht. Die GBV müssen auf intelligente und nachhaltige Lösungen setzen und sich von Kurzfristmaßnahmen verabschieden.
Baustein eines gesamthaft betrachteten Quartiers: Die Wohnanlage der Wien-Süd auf dem Baufeld K.1 im Gebiet „Oberes Hausfeld“ in Wien. Foto: Wien-Süd
Nicht nur die Leistbarkeit zählt, auch das gute Miteinander. Das Stärken des Quartiersgedanken und eine gesamtheitliche Sicht der Dinge sind dafür wichtige Grundpfeiler.
Wurde Harry Glück, dem schon in den 1970er-Jahren viel an Freizeitangeboten und Gemeinschaftseinrichtungen – am berühmtesten seine Dachschwimmbäder – gelegen war, zunächst von Teilen der Kolleg:innenschaft noch belächelt, so ist sein Konzept, dass der Mensch mehr braucht als vier Wände und ein Dach über dem Kopf, heute komplett rehabilitiert. Er nannte als wesentliche Bedürfnisse des Menschen unter anderem jene nach Naturkontakt, Geselligkeit, freier Aussicht, nach Wassernähe und Möglichkeiten zu physischer wie kreativer Betätigung.
Die von ihm und der Stadtplanerin Helga Fassbinder initiierte Biotope City am Wienerberg, die 2020, vier Jahre nach seinem Tod bezogen wurde, setzt diese Intentionen auf zeitgemäße Weise im ganzen Quartier um. Mannigfaltige Gemeinschaftsbereiche, etwa die Dachterrasse mit Pool, Hochbeete und Aussicht über die ganze Stadt auf dem Gebäude der Wien-Süd tragen zur Gemeinschaftsbildung bei. Wesentlichen Anteil am Gelingen dieser „nachhaltigen Stadt“ hat das Quartiersmanagement durch die Caritas Stadtteilarbeit, welche die Aneignung und Nutzung dieser Angebote durch die Bewohner: innen begleitet hat.
Auch beim etwa 26 Hektar großen Areal „Oberes Hausfeld“ im 22. Wiener Gemeindebezirk steht dieser umfassende Blick auf die Quartiersqualität im Fokus. 2020 wurde ein Quartiersbeirat eingerichtet, um Sorge zu tragen, dass die vereinbarten Qualitäten nicht im Zuge der Umsetzung verloren gehen.
Umfassende Betrachtung
Das erarbeitete Regelwerk reicht von einem abgestimmten Farb- und Materialkonzept, das dem Quartier ein harmonisches Gesicht und gezielte Akzentuierungen verleiht, über ein abgestimmtes Freiraumkonzept und ein Mobilitätskonzept, das unter anderem den ruhenden Individualverkehr in Sammelgaragen an den Rändern bündelt, bis hin zur Optimierung umweltplanerischer Aspekte. Wie die Biotope City wurde auch dieses Areal umfassend unter dem Aspekt der Klimawandelanpassung betrachtet und von der städtebaulichen Ebene bis hin zum einzelnen Gebäude von mikroklimatischen Simulationen begleitet, um frühzeitig vorzubeugen, dass später Hitzeinsel oder Windschneisen entstehen.
Die Wien-Süd errichtet in der ersten Bauetappe dieses in drei Abschnitten bis 2030 entstehenden Vorzeige- Quartiers zwei Wohnhausanlagen. Auf Baufeld A werden 305 Wohnungen, davon 75 Prozent geförderte Mietwohnungen entstehen (Architektur HD Architekten, Landschaft: Karin Standler). Auf dem Baufeld K.1 entstehen 120 geförderte Mietwohnungen (Architektur: Atelier 4 architects, Landschaft: Atelier Kandl). Für die Bildung einer guten Hausgemeinschaft soll das Angebot für Urban Gardening ebenso sorgen wie jeweils ein Schwimmbad auf dem Dach. „Mit dem Augenmerk auf alle vier Säulen der Nachhaltigkeit wird bei der Errichtung dieses Wohnquartiers umfassend umgesetzt, was sozialer, leistbarer, gemeinnütziger Wohnbau leisten kann, um eine erstklassige Wohnqualität zu schaffen, die weit über jene privater Investor:innenprojekte hinausgeht“, ist Andreas Weikhart, Vorstandsvorsitzender der Wien-Süd, überzeugt.
Das Architekturbüro Sauerbruch Hutton aus Berlin erhält zum zweiten Mal den mit 30.000 Euro dotierten Deutschen Architekturpreis. Es realisierte zusammen mit der Innovatio Projektentwicklung aus Heidelberg und Profund aus Gera das „Franklin Village“ in Mannheim.
Der Staatspreis wird alle zwei Jahre für herausragende baukulturelle Leistungen durch das Bundesbauministerium und die Bundesarchitektenkammer vergeben und ist die bedeutendste Auszeichnung für Architektinnen und Architekten in Deutschland. Das Verfahren führt das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) durch. Die Bekanntgabe der Preisträgerinnen und Preisträger und die feierliche Preisverleihung fand am 18. September 2025 in Berlin statt.
Ein Zuhause ist, wo wir uns wohlfühlen
Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB), Verena Hubertz hebt die Vorbildfunktion des Projektes hervor: „Ein Zuhause ist, wo wir uns wohlfühlen. Dieses Gefühl endet nicht an der Wohnungstür, sondern bezieht das ganze Quartier mit ein. Im ‚Frankling Village‘ wird dieser Gedanke gelebt.
Das Ensemble ist fast komplett in Holzbauweise errichtet, leistet seinen Anteil bei der Minimierung von CO2-Emmissionen und ist nachhaltig. Gutes Wohngefühl der Bewohnerinnen und Bewohner ist quasi mit verbaut. Als Preisträger strahlt das Projekt nach außen und zeigt, wie unsere Architektur der Zukunft aussehen kann: Inklusiv, bezahlbar und ökologisch.“
Bezahlbares Bauen und Baukultur muss kein Widerspruch sein
Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer (BAK): „Jede Bauaufgabe gestaltet Zukunft. Angesichts der Wohnungsbaukrise brauchen wir Lösungen, die nicht nur schnell und günstig, sondern auch ökologisch verantwortlich, sozial verträglich und architektonisch hochwertig sind. Die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger des Deutschen Architekturpreises zeigen eindrucksvoll, dass bezahlbares Bauen und Baukultur kein Widerspruch sein müssen – sondern durch intelligente Konzepte und mutige Planung Hand in Hand gehen können.“
Mit dem Projekt Franklin Village ist es Sauerbruch Hutton gelungen, ein herausragendes architektonisches wie soziales Leuchtturmprojekt im urbanen Raum zu realisieren. Die Wohnbebauung ist das Herzstück eines neuen Quartiers, das beispielhaft für gelungene Nachverdichtung, durchmischtes Wohnen und exzellente Gestaltung steht.
In einem ehemaligen Militärareal ist ein lebendiges Mehrgenerationenquartier entstanden, das Vielfalt nicht nur verspricht, sondern lebt. Fünf Neubauten und ein sensibel erweitertes Bestandsgebäude fügen sich zu einem Ensemble, das unterschiedlichste Lebensformen integriert: vom Single-Apartment über klassische Familienwohnungen bis zu Clusterwohnungen mit gemeinschaftlicher Nutzung.
Um einen geschützten, mit Bäumen begrünten Innenhof gruppiert, ermöglichen stützenfrei vorgelagerte Laubengänge spontane Begegnungen und fördern nachbarschaftlichen Austausch. Die farbigen Trennwände und Deckenunterseiten der Laubengänge stehen im Kontrast zur grau lasierten Holzfassade und geben dem Hof eine unverwechselbare und heitere Atmosphäre. Mit den großzügigen Freitreppen in den Innenhof entsteht ein Wegekontinuum, das den perfekten räumlichen Rahmen für gelebte Gemeinschaft bildet. Architektonisch überzeugt Franklin
illage durch eine klare, unaufgeregte Sprache und kompromisslose Qualität im Holzbau. Die räumlichen Lösungen zeigen eindrucksvoll, wie Nachhaltigkeit und Gestaltung Hand in Hand gehen können.
Das Ensemble wird nicht nur von seiner Bewohnerschaft genutzt, sondern lädt auch Passanten mit Plätzen unterschiedlicher Qualität zum Verweilen ein. Franklin Village ist mehr als ein Wohnbauprojekt – es ist ein Statement für eine zukunftsfähige Stadtgesellschaft: vielfältig, nachhaltig, schön.
Neben dem Deutschen Architekturpreis vergab die Jury zehn Auszeichnungen mit jeweils 3.000 Euro Preisgeld.
Die große Bandbreite der 192 zugelassenen Einreichungen von 176 Büros und Arbeitsgemeinschaften hat die Jury beeindruckt.
Der Deutsche Architekturpreis reicht bis in das Jahr 1977 zurück und wird seit 2011 vom BMWSB und der BAK gemeinsam ausgelobt und als Staatspreis für Architektur verliehen. Seitdem ist das BBR verantwortlich für das Verfahren und koordiniert den Wettbewerb.
Mit dem Deutschen Architekturpreis werden für die Entwicklung des Bauens beispielhafte Bauwerke ausgezeichnet, die eine herausragende architektonische und baukulturelle Qualität aufweisen und im Neubau oder bei der Sanierung und Modernisierung historischer Bausubstanz von einem vorbildlichen Umgang mit Konstruktion und Material zeugen. Sie sind dem nachhaltigen Bauen in ökologischer, ökonomischer und soziokultureller Hinsicht verpflichtet und tragen positiv zur Gestaltung des öffentlichen Raumes bei.
Von den ausgezeichneten Bauwerken sollen zum einen Anregungen für zukünftige Planungen ausgehen, zum anderen sollen sie die Bedeutung der Baukultur und des nachhaltigen Bauens der Öffentlichkeit näherbringen.
Der Jury des Architekturpreises gehörten an:
Andrea Gebhard, Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin, Präsidentin der BAK // Dirk Scheinemann, Abteilungsleiter Baupolitik, Bauwirtschaft, Bundesbau, BMWSB // Prof. Stephan Birk, Architekt, Stuttgart / München // Gustav Düsing, Architekt, Berlin // Prof. Donatella Fioretti, Architektin, Berlin / Düsseldorf // Martin Haas, Architekt, Stuttgart // Prof. Michelle Howard, Architektin, Berlin / Wien
Stellvertretende Preisrichterinnen:
Petra Wesseler, Präsidentin des BBR // Andrijana Ivanda, Architektin, Berlin
Ergebnisse der Jurysitzungen vom 6. Mai und 19. Juni 2025:
Deutscher Architekturpreis 2025 (30.000 Euro):
Projekt: Franklin Village, Mannheim // Verfasser: Sauerbruch Hutton, Berlin // Bauherr: Innovatio Projektentwicklung GmbH, Heidelberg / Profund GmbH, Gera
Mit dem Projekt Franklin Village ist es Sauerbruch Hutton gelungen, ein herausragendes architektonisches wie soziales Leuchtturmprojekt im urbanen Raum zu realisieren. Die Wohnbebauung ist das Herzstück eines neuen Quartiers, das beispielhaft für gelungene Nachverdichtung, durchmischtes Wohnen und exzellente Gestaltung steht.
In einem ehemaligen Militärareal ist ein lebendiges Mehrgenerationenquartier entstanden, das Vielfalt nicht nur verspricht, sondern lebt. Fünf Neubauten und ein sensibel erweitertes Bestandsgebäude fügen sich zu einem Ensemble, das unterschiedlichste Lebensformen integriert: vom Single-Apartment über klassische Familienwohnungen bis zu Clusterwohnungen mit gemeinschaftlicher Nutzung. Um einen geschützten, mit Bäumen begrünten Innenhof gruppiert, ermöglichen stützenfrei vorgelagerte Laubengänge spontane Begegnungen und fördern nachbarschaftlichen Austausch. Foto: Jan Bitter
Mit großer Selbstverständlichkeit fügt sich das Gartenhaus in die kleinteilige, gewachsene Struktur des rückwärtigen Grundstücks in München-Pasing ein. Die Setzung des Baukörpers hinter dem Bestandsgebäude ist sowohl räumlich als auch atmosphärisch überzeugend: Der Zwischenraum zwischen Alt- und Neubau ist gut proportioniert, während sich der Gartenbereich hinter dem Gebäude zum angrenzenden Kanal hin öffnet. Die Möglichkeiten des geltenden Baurechts wurden dabei klug ausgeschöpft. Das Projekt steht exemplarisch für die Haltung des „Einfach Bauens“. Es verzichtet bewusst auf komplexe Technik und setzt stattdessen auf passive Prinzipien, robuste Materialien, einfache Aufbauten der Bauteile und eine klare, nachvollziehbare Konstruktion. Entstanden ist ein zurückhaltender, zugleich präzise formulierter Bau, der durch seine handwerkliche Qualität und sorgfältige Materialwahl besticht. Decken und Wände sind in Holz ausgeführt; ergänzt wird die Konstruktion durch Lehm, der als Steinlage zwischen den Balken und als Putz an den Innenwänden Verwendung findet.
Hervorzuheben ist die konsequente Vermeidung mineralischer Baustoffe, es ist ein Haus ohne Zement: Auch die Bodenplatte wurde in Holz ausgeführt, möglich durch die Ausbildung eines Kriechkellers für die Belüftung und den Einsatz von Schraubfundamenten.
Das Gebäude überzeugt durch seine funktionale Organisation. Im Erdgeschoss liegen Eingangsbereich, Büro und Besprechungsraum; im Obergeschoss schließen sich die Arbeitsräume an. Das Dachgeschoss nimmt gemeinschaftlich genutzte Bereiche wie Küche, Stube und eine kleine Wohnung auf – jeweils geprägt von klar gegliederten Raumfolgen. Das Gartenhaus ist ein gelungenes Beispiel für eine ökologisch reflektierte Baupraxis im kleinen Maßstab – leise, präzise und von hoher Gebrauchstauglichkeit im Alltag.“ Fotos: Sebastian Schels
Projekt: Stiftungsensemble: Spore Initiative und Publix, Berlin // Verfasser: AFF Architekten, Berlin // Bauherr: Schöpflin Stiftung, Lörrach
Im nördlichen Neukölln, nahe dem Tempelhofer Feld, ergänzen zwei Neubauten von AFF Architekten die Blockrandbebauung und rahmen den Zugang zum denkmalgeschützten Friedhof Jerusalem. Die Spore Initiative und das Haus für gemeinnützigen Journalismus bilden ein Ensemble für Kultur, Bildung und sozialen Austausch. Foto: Tjark Spille
Das Projekt befindet sich in einem von großformatigen Plattenbauten geprägten Bezirk und stellt die Umnutzung einer ehemaligen Industrieanlage dar, die einst der Produktion dieser Platten diente. Das Gebäude gliedert sich in zwei Teile: einen gefassten Hof und einen L-förmigen Baukörper. Foto: Johann Husser
Projekt: Mehrzweckhalle Ingerkingen // Verfasser: Atelier Kaiser Shen, Stuttgart // Bauherr: Gemeinde Schemmerhofen
Mit der Mehrzweckhalle in Ingerkingen gelingt es dem Atelier Kaiser Shen, dem Konzept des Weiterbauens ein überzeugendes Gesicht zu geben. Die Überformung des Bestands wird mit spielerischer Leichtigkeit in eine neue Ästhetik überführt. Aus dem Dialog zwischen Alt und Neu entsteht eine schöne, spannungsreiche Silhouette. Dabei wird die Plastizität architektonisch geschickt aus dem Kontrast zwischen dem massiven Bestandsbau und der ergänzenden Holzkonstruktion herausgearbeitet. Foto: Brigida González
Wohneinheiten ohne zusätzliche Bodenversiegelung. Vier neue Geschosse in Brettsperrholzbauweise wurden unabhängig vom Bestand auf ein eigenständiges Tragwerk aus Stahlstützen und Fachwerkträgern gesetzt, gegründet auf Bohrpfählen. Zwei Sichtbetontürme übernehmen Erschließung und Aussteifung. Die grüne Trapezblechfassade fügt sich zurückhaltend in die grüne Umgebung ein und setzt gleichzeitig einen klaren architektonischen Kontrapunkt zum Sichtbeton des Bestands. Foto: Kim Frohmann
Projekt: Das robuste Haus – Mehrgenerationenhaus Görzer Straße 128, München // Verfasser: etal. ArchitektInnen PartGmbB Bengtsson Masla Syren, München // Bauherr: Görzer128, München
In einem unscheinbaren Stadtteil Münchens steht ein Gebäude, das auf beeindruckende Weise neue Maßstäbe im gemeinschaftlichen Wohnen setzt: Das Robuste Haus. Hinter seiner unkonventionellen Fassade verbirgt sich ein zukunftsweisendes Wohnkonzept, das überrascht – durch Materialität, Gestaltung und vor allem durch das gelebte Miteinander seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Mit seiner offenen Architektur schafft das Haus einen neuen Treffpunkt im Quartier. Ein gemeinschaftlicher Essraum mit wild zusammengewürfeltem Mobiliar steht exemplarisch für die Haltung der Baugruppe: Offenheit, Vielfalt und soziale Teilhabe. Die Fassade aus heimischer Fichte, kombiniert mit Trapezblechen, Rollläden aus Holz und prägnanten Fensterdetails, übersetzt einfache, robuste Materialien in eine eigene architektonische Sprache – unprätentiös und charakterstark. Foto: Federico Farinatti
Das neue Eingangsgebäude des LWL-Freilichtmuseums Hagen überzeugt durch eine gelungene Verbindung von Funktionalität, Ästhetik und Nachhaltigkeit. Mit den weit überhängenden Dächern und filigranen Metallgittern fügt sich das Bauwerk harmonisch in die natürliche Umgebung ein und bietet praktischen Schutz vor Sonne, Regen und Hochwasser. Die Verwendung von CO2-sparendem Holzbau, trennbaren Bauteilen und regenerativer Energie wie Tiefengeothermie und einer PV-Anlage unterstreicht den bewussten Umgang mit Ressourcen. Besonders bemerkenswert ist die durchdachte Integration des Mikroklimas, mit Dachüberständen und durchlässigen Fassaden, die flexibel auf Sonnenverlauf und Jahreszeiten reagieren. Foto: Caspar Sessler
Projekt: Wintergartenhaus // Verfasser: Supertype Group, Berlin // Bauherr: Alexandra Flother, Berlin
Die leichte, offene Struktur des Anbaus überzeugt durch eine einfache Konstruktion, fließende Raumabfolgen und die gezielte Überlagerung von Architektur und Vegetation. Als Erweiterung des Wohnraums im Erdgeschoss konzipiert, entfaltet sich ein vertikal durchgängiges Raumgefüge, das über filigrane Stahltreppen verbunden ist. Die transluzente Polycarbonatfassade lässt sich fast vollständig öffnen, wodurch die Grenze zwischen Innen- und Außenraum aufgehoben wird.
Innerhalb dieser vertikalen Organisation entstehen zwei Klimazonen: ein beheizbarer, thermisch abschließbarer Bereich im Erdgeschoss sowie ein kompaktes Schlafzimmer mit Bad unter dem Dach. Diese zurückgezogenen, privateren Räume mit höherem Materialeinsatz sind bewusst klein gehalten. Foto: Marina Hoppmann
Die Innovationsfabrik 2.0 Heilbronn ist ein beeindruckendes Beispiel moderner Architektur und nachhaltigen Bauens. Das Gebäude steht im Zukunftspark Wohlgelegen, einem Quartier, das sich durch urbane Entwicklung und den Bezug zur Natur auszeichnet. Mit seiner markanten Holz-Hybridbauweise und der Fachwerkkonstruktion, die offene und flexible Grundrisse ermöglicht, schafft die Innovationsfabrik Raum für kreatives Arbeiten. Die Doppelfassade mit Prallscheiben schützt die Holzkonstruktion und bietet gleichzeitig eine moderne Ästhetik. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Holz-Beton-Verbunddecke, die nicht nur funktional ist, sondern auch eine hervorragende Akustik gewährleistet. Foto: Brigida González
Die Wärmewende ist in aller Munde – doch wer gestaltet sie wirklich? Die Vonovia SE geht gemeinsam mit der EnerCube GmbH und der DFA Demonstrationsfabrik Aachen einen bemerkenswert konsequenten Schritt: Mit dem Wärmepumpen-Cube entsteht ein seriengefertigtes, dezentrales Heizsystem für den Geschosswohnungsbau. Bis 2029 sollen 1.000 dieser innovativen Cubes gebaut und mehr als 20.000 Wohnungen mit Wärme versorgen. Fossile Energieträger? Nein, danke!. Das System funktioniert unabhängig von Heizkellern und punktet mit schneller Installation, geringer Lärmbelastung und langfristiger Wartungsfreundlichkeit.
Wärmewende gestalten – das ist hier kein Schlagwort, sondern gelebte Strategie. Rolf Buch, CEO von Vonovia, bringt es auf den Punkt: „Die Wärmewende wird ohne Innovation nicht gelingen.“ Dass solche Lösungen mit hoher Vorfertigung auch dem Fachkräftemangel begegnen, ist mehr als ein willkommener Nebeneffekt – es ist ein notwendiger Innovationsschub für eine Branche unter Druck. Mehr in dieser Ausgabe.
Kleinteilig denken – groß sparen
Nicht nur in der Heizung, auch in der Warmwasserbereitung zeigt sich: dezentrale, flexible Lösungen bieten enorme Potenziale. Elektronische Durchlauferhitzer entlasten Neubauten und Sanierungen von langen Leitungsnetzen, teuren Speichern und Energieverlusten. Wer Wasser lokal erhitzt, spart bares Geld – und Ressourcen.
Lea Sophie Welzel von Wärme+ bringt es auf den Punkt: „Nur für warmes Wasser konstant 60 °C zur Verfügung zu stellen und in großen Mengen zu speichern, ist Energieverschwendung.“ Die Abkopplung von Warmwasser und Heizung ist mehr als nur effizient – sie ist zeitgemäß. Und sie zeigt: Die Wärmewende beginnt nicht nur im Keller, sondern auch in Küche und Bad. Details in dieser Ausgabe.
Bauwende zeigt der Architekturpreis 2025: Baukultur ohne Schnörkel
Der Deutsche Architekturpreis 2025 rückt ein Thema in den Fokus, das viel zu lange als Gegensatz galt: Bezahlbares Bauen und Baukultur. Doch warum eigentlich? Das prämierte Projekt Franklin Village in Mannheim – ein fast vollständig in Holzbauweise realisiertes Quartier – zeigt, dass nachhaltiges, sozial durchdachtes und gestalterisch anspruchsvolles Bauen kein Luxus sein muss. Die Bundesministerin Verena Hubertz bringt es auf den Punkt: „Ein Zuhause ist, wo wir uns wohlfühlen. Dieses Gefühl endet nicht an der Wohnungstür.“
Gutes Bauen denkt das Quartier mit. Es denkt an CO₂, an Nachbarschaft, an Inklusion – und an künftige Generationen. Wenn Architektur ökologisch, bezahlbar und alltagstauglich ist, hat sie das Prädikat „vorbildlich“ verdient.
Leise, lokal, langlebig: Einfach Bauen als Haltung
Ein weiteres ausgezeichnetes Projekt zeigt, dass Baukultur auch im Kleinen ganz groß sein kann: Das Gartenhaus – Haus ohne Zement von Florian Nagler Architekten verzichtet auf komplexe Technik, mineralische Baustoffe und energieintensive Prozesse. Stattdessen: Holz, Lehm, Schraubfundamente, passive Prinzipien. Reduktion wird hier nicht als Verzicht verstanden, sondern als Präzision.
Diese Haltung des „Einfach Bauens“ ist mehr als ein Trend. Sie ist eine Antwort auf überkomplexe Normen, auf Ressourcenknappheit und auf die Suche nach Alltagstauglichkeit. Gerade im Kleinmaßstab zeigt sich, wie gute Architektur im besten Sinne unaufgeregt sein kann – ökologisch, robust und menschenfreundlich. Alle Preisträger in unserer Titelgeschichte.
Der Wandel hat begonnen – aber er muss weiter Fahrt aufnehmen
Ob Wärmepumpen-Cube, dezentrale Warmwasserbereitung oder zementfreies Gartenhaus: Alle Beispiele in dieser Ausgabe zeigen, dass technischer Fortschritt, Baukultur und Wirtschaftlichkeit keine Gegensätze mehr sind. Sie ergänzen sich – wenn man sie denn zusammendenkt.
Was wir brauchen, ist der Mut zur Umsetzung. Die Technologien sind da, die Beispiele inspirierend, der Druck zur Veränderung hoch. Jetzt ist der Moment, die Wärmewende nicht nur politisch zu fordern, sondern gestalterisch zu verwirklichen. Und genau hier liegt die Chance für die Wohnungswirtschaft – als technischer, sozialer und kultureller Motor des nachhaltigen Bauens.
Wundern Sie sich nicht: Aber die Bauwende lässt sich nur bezahlbar umsetzen, wenn Energie und Architektur gemeinsam gedacht wird. Wohnungswirtschaft energie. und Wohnungswirtschaft architektur., in einer gemeinsamen Ausgabe mit vielen neuen Blickwinkeln.