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Herausforderungen und Chancen

Rainer Wallner, Obmann-Stellvertreter, Oberwarter gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft; Dekarbonisierungs-Beauftragter GBV. Foto: Andreas Bruckner
Rainer Wallner, Obmann-Stellvertreter, Oberwarter gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft; Dekarbonisierungs-Beauftragter GBV. Foto: Andreas Bruckner

Der Verband der gemeinnützigen Bauträger, GBV, steht hinter den Bemühungen, die Dekarbonisierung bis Ende 2040 zu realisieren. Dazu wurde der Dekarbonisierungs-Ausschuss ins Leben gerufen.

Die EU-Gebäuderichtlinie EPBD ist von den Mitgliedsstaaten bis spätestens Mai 2026 in nationales Recht umzuwandeln, wobei bis 2040 der Ausstieg aus mit fossilen Brennstoffen betriebenen Heizkesseln erfolgen soll. Daraus ergeben sich für uns Herausforderungen und Chancen. Der Zeitdruck sowie das Volumen des umzurüstenden Wohnungsbestands ist die eine Seite. Allein bei der OSG umfasst der Bestand rund 14.000 Wohnungen, welche nachhaltig und kostengünstig auf erneuerbare Energieformen umzustellen sind. Die Bauträger werden ihre Organisationsdiagramme überdenken und adaptieren müssen.

Der Einsatz von spezifischen Softwarelösungen in Verbindung mit KI wird erforderlich werden, um eine nachhaltige und kostengünstige Umrüstungslösung für die unterschiedlichen Gebäudetypen zu finden. Über all diesen Herausforderungen steht der monetäre Aspekt. Die Bewohner:innen der Bestandswohnungen als auch wir Bauträger müssen kalkulieren können, welche Fördermittel zur Verfügung stehen, da eine langfristig angelegte Kalkulation notwendig ist, wir mit gesicherten Werten in die Wohnungs- und Eigentümer: innenversammlungen gehen müssen, um den Bewohner:innen ein nachhaltiges leistbares Umrüstungskonzept anbieten zu können. Das Thema des nachhaltigen leistbaren Wohnens wird einer neuen Definition bedürfen und es wird von allen Seiten eine dezidierte Erklärung und Zusicherung von Fördermitteln geben müssen.

Eine der Chancen wird sein, dass durch die Datenerfassung ein tatsächlicher österreichweiter Gebäudebestand erhoben wird und sich daraus ableitend eventuell neue Zieldefinitionen für einen klimaneutralen Gebäudetyp ergeben könnten.

Eine weitere Chance könnte sein, dass es durch die Umrüstung zu einem Umdenken in der Gesellschaft kommt, da große Gebäudebestandsverwalter: innen vorzeigen können, dass es Zeit ist, auch klimatechnisch an unsere Nachfolgegeneration zu denken.

Prozessbegleiter:innen

Durch die Umrüstung von Heizungsanlagen von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energieformen können die Arbeitsplätze in der Branche vor allem im Bereich des klassischen Neubaus erhalten werden, da die Projekte durch Projektleiter begleitet werden müssen und zusätzlich eventuell noch Moderator: innen, Mediator:innen, Sozialarbeiter: innen usw. den Prozess begleiten werden müssen. Durch die beginnende Umsetzung kann es zu einer positiven Dynamik kommen, da bisher nicht mögliche Energielösungen einen monetären Mehrwert für die Bewohner:innen bringen. Das Thema des Energiehaushalts eines Gebäudes in Verbindung mit lokalen, regionalen und überregionalen Energiegemeinschaften kann einen Booster darstellen, weil das Thema für die Bewohner:innen greifbar wird.

Das hier Angeführte bezieht sich jedoch ausschließlich auf die Umrüs- Foto: Andreas Bruckner tung von Wohngebäuden, welche mit Heizungsanlagen mit fossilen Brennstoffen ausgestattet sind. Weitaus spannender und kostenintensiver sowie technisch und administrativ herausfordernder dürfte es dann werden, wenn das Gebäude gleichzeitig einer umfassenden Sanierung zugeführt wird. Ohne Berücksichtigung der eventuell ab 2027 geltenden OIBRichtlinie 7, „Nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen“, sprechen wir in unserem Unternehmen von Investitionskosten in der Höhe von rund 600 Millionen Euro, welche wir benötigen, um unsere gesamten Bestandsgebäude auf erneuerbare Energieformen umzustellen bzw. parallel dazu oder zeitverzögert eine umfassende Sanierung vorzunehmen.

Die Zielvorgabe der EU-Gebäuderichtlinie EPBD lautet, dass bis 2050 der Gebäudebestand in Nullemissionsgebäude transformiert werden soll. Parallel dazu soll auch der zukünftige Neubau diesem Gebäudetypus entsprechen.

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Gemeinsam schaffen

Das gemeinsame Gartln bringt Menschen unterschiedlicher Alters- und Kulturgruppen zusammen. Fotos: realitylab
Das gemeinsame Gartln bringt Menschen unterschiedlicher Alters- und Kulturgruppen zusammen. Fotos: realitylab

Warum die Gestaltung und Nutzung gemeinschaftlicher Räume entscheidend für lebendige Nachbarschaften ist, hängt von einer Vielzahl an Umständen ab. Der Mensch steht im Zentrum, der Austausch und das kontinuierliche Angebot an eine aktive Teilhabe zählen zu den erforschten Erfolgsfaktoren.
— SOPHIE ANGERHÖFER, realitylab GmbH

Im geförderten Wiener Wohnbau werden Gemeinschaftsräume von Anfang an mitgedacht. Ob als multifunktionaler Raum im Erdgeschoß, Dachterrassen, Gemeinschaftsküchen oder Urban- Gardening-Flächen: Sie sollen Begegnung ermöglichen, Nachbarschaften fördern und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit schaffen. Doch während manche Gemeinschaftsräume und -flächen mit Leben erfüllt werden, verwaisen andere nach wenigen Monaten. Woran liegt das? Wie können diese Räume lebendig werden? Welche Konzepte braucht es dafür?

Diesen Fragen ging das Modul 107 der Freitag-Akademie für Führungskräfte der gemeinnützigen Bauträger mit dem Titel „Gemeinschaftsräume: Belebt oder verwaist?“ nach. Der Vortrag von Petra Hendrich von realitylab GmbH bietet nicht nur Einblicke in die Potenziale solcher Räume, sondern auch konkrete Hinweise, wie diese erfolgreich geplant, verwaltet und genutzt werden können.

Funktionierende Räume brauchen …
… eine gute Planung, die lernt: Räume müssen flexibel sein und sich den Bedürfnissen anpassen können. … Raum für Mitbestimmung: Bewohner:innen tragen mehr Verantwortung, wenn sie in die Organisation und Pflege von Gemeinschaftsräumen und -flächen eingebunden werden. … Organisation und Verwaltung: Eine klare Struktur hilft bei der langfristigen Nutzung. Das Buchungssystem muss auf die Nutzungsmöglichkeiten angepasst sein (Nutzungsregeln und Zugänglichkeit). Klare Rollen helfen bei der Instandhaltung der Räume, z. B. durch transparente Kommunikation der Aufgaben der Hausverwaltung sowie Ansprechpersonen. Dabei soll die Hilfe zur Selbsthilfe gefördert werden. Einfache Zeichen, wie ein verfügbarer Besen, drücken aus: Alle tragen dazu bei, dass der Raum ordentlich bleibt. … Gemeinschaftsbildung: Nur wo soziale Bindung entsteht, lebt auch der Raum. Das erfordert ein Kennenlernen der Räume und Bewohner:innen. Durch eine Begleitung der Nachbarschaft kann die Selbstorganisation von Anfang an aufgebaut und weiterentwickelt werden. … partizipative Planung: Verwaltung und Organisation muss schon in der Planung mitgedacht werden. Eine Gemeinschaft muss wachsen – das braucht Zeit, Ressourcen und Moderation. Digitale Werkzeuge können das Angebot sinnvoll ergänzen.

Funktionen hinterfragen

Als Erstes gilt es zu hinterfragen, ob ein Raum tatsächlich ein Raum der Gemeinschaft sein soll oder vielmehr wohnungserweiternde Funktionen hat, wie ein Ort für die private Feier, als Homeoffice und Lernraum oder als Gästezimmer. Das hängt auch mit den Möglichkeiten der Hausverwaltung zusammen, diese Funktionen in ihrer Arbeit zu unterstützen und zu regeln.

Soll ein Raum tatsächlich zum Gemeinschaftsraum werden, dann ist er mehr als nur ein physischer Ort. Er ist eine Einladung zur Teilhabe, ein Möglichkeitsraum für Talente, Austausch und Zusammenarbeit. Damit wird er zu einem Ort, der entweder das soziale Gefüge stärkt oder – bei schlechter Umsetzung – zur Konfliktzone oder zum Geisterort verkommt.

Gelebte Nachbarschaft

Da im geförderten Wohnbau die Menschen mehr oder weniger zufällig nebeneinander wohnen und eine Nachbarschaft bilden, bietet es sich an, genau über die gemeinsamen Räume das soziale Netzwerk aufzubauen. Die Einbindung der Nachbarschaft in die Planung, die Organisation oder die Verwaltung unterstützt diese Prozesse. Mitgestaltung schafft Identifikation und reduziert Konfliktpotenzial.

Neben Räumen können auch Freiflächen wie Gemeinschaftshochbeete einen vielversprechender Möglichkeitsraum in Nachbarschaften darstellen. Gemeinschaftlich genutzte Gärten können als physische und symbolische Verankerung gemeinsamer Werte wirken – vom ökologischen Bewusstsein bis zur sozialen Inklusion. Gleichzeitig stellen sie hohe Anforderungen an Organisation, Engagement und Pflege. Alle tragen Verantwortung und lernen von- und miteinander.

Ein belebter Gemeinschaftsraum nützt dem sozialen Gefüge und dem Zusammenhalt in einem Wohnbau.

Pflegen und nutzen

Unter „Gemeinschaffen“ versteht realitylab, dass gemeinschaftliches Handeln Räume schafft. Dabei orientiert sich realitylab an der Commons-Theorie von Elinor Ostrom. Sie zeigt mit ihrer preisgekrönten Arbeit, dass zum nachhaltigen Funktionieren einer Ressource (z. B. Gemeinschaftsräume und -flächen) eine klare Gemeinschaft (z. B eine Hausgemeinschaft) nötig ist, die diese pflegt, nutzt und dafür bestimme, und selbstgesetzte Regeln und Organisationsformen entwickelt.

Gerade beim Beispiel der Urban- Gardening-Flächen zeigt sich, dass diese besonders gut funktionieren. Bei diesen Flächen ist meist klar: Jene, die mitmachen, kümmern sich um die Flächen. Sie bestimmen, wie diese genutzt werden. Die von Gesetzes wegen immer für alle zugänglich zu haltenden Gemeinschaftsflächen sind öfter konfliktreich oder von rücksichtsloser, im schlimmsten Fall zerstörerischer Nutzung betroffen. Es gibt keine oder kaum Möglichkeiten, verbindliche Regeln und Sanktionen zu setzen und so den Kreis der Nutzer:innen auf jene einzuschränken, die sich dem Erhalt der Ressource Gemeinschaftsraum verpflichtet fühlen.

Analog und digital

Digitale Räume spielen zunehmend eine Rolle. Plattformen zur Raumreservierung, Foren für Nachbarschaftsprojekte, wie beunity, oder WhatsApp- Gruppen ergänzen die physischen Treffpunkte und ermöglichen niederschwellige Kommunikation und Organisation. Auch hier gilt – digitale Räume brauchen Nutzungsregeln, die von allen Beteiligten getragen und (weiter) entwickelt werden. Fazit : „Es kann gelingen …“ – Gemeinschaft ist machbar, wenn man sie gestaltet.

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Grüner Ziegel: Eine Wette mit der Zukunft

Johann Marchner ist vom Aufschwung ab 2026 überzeugt. Fotos: Bianca Gadnik, Wienerberger
Green Brick aus Uttendorf in Oberösterreich: Das Werk wurde auf einen Elektroofen und Photovoltaik umgerüstet – das Ergebnis: 30 Prozent weniger Energieverbrauch, 90 Prozent weniger CO₂ im Produktionsprozess. Fotos: Bianca Gadnik, Wienerberger

Vor Kurzem hat Wienerberger seine erste E-Ziegelbrennerei in Betrieb genommen. Der grün gebrannte Porotherm aus Oberösterreich spart 30 Prozent Energie und verursacht 90 Prozent weniger CO². Anlass genug für einen Besuch bei Johann Marchner, Country Managing Director der Wienerberger Österreich GmbH
— WOJCIECH CZAJA

Es gibt kaum eine Materialbranche, in der er nicht schon tätig war: Zement, Beton, Holzbau, Fassadenplatten und Kunststoffverarbeitung. „Und jetzt bin ich wieder in der Grobkeramik gelandet“, sagt Johann Marchner, seit 2020 Country Managing Director der Wienerberger Österreich GmbH. Seine beruflichen Stationen führten den studierten Chemiker zu Unternehmen wie etwa Lafarge, Rehau oder Lasselsberger Ceramics, doch mit der Geschäftsführung am Wienerberg, sagt der 58-Jährige, sei er nun in einem Unternehmen gelandet, das vor mehr als 200 Jahren an genau diesem Standort begonnen hat, Geschichte zu schreiben. Wir treffen ihn im BRICK-Gebäude, Büro im 2. Stock, Blick hinaus auf die grüne Biotope City.

Warum Ziegel?

Weil mich der Baustoff zutiefst fasziniert. Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher brauche ich das Gute von Holz nicht zu erklären. Die emotionalen Gründe liegen auf der Hand. Und dass die Sache gar nicht so simpel ist, weil wir zur Erreichung einer nachhaltigen Holzwirtschaft einen massiven Umbau der österreichischen Wälder brauchen, interessiert die meisten schon gar nicht mehr. Beim Baustoff Ziegel wird es schon etwas komplexer. Und mich reizt es, diese Geschichte zu erzählen.

Wie lautet die Erzählung?

Unsere Basis ist Lehm, ich kann den Rohstoff Ton präzise zuordnen, ich weiß ganz genau, wo jeder Ziegel hergestellt wurde, ich habe eine lückenlose Transparenz von der Rohstoffgewinnung bis zum Verbauen auf der Baustelle, und wir haben genug natürliche Rohstoffquellen, um ganz Österreich mit Ziegelbauwerken zu erfreuen. Doch das Beste ist: In der Lebensdauer waren wir immer schon und sind wir auch heute noch unschlagbar. Ziegelbauten halten eine halbe Ewigkeit. Und sie sind so schön und so vielfältig nutzbar, dass wir sie auch wirklich eine halbe Ewigkeit behalten wollen.

Angenommen, die halbe Ewigkeit ist erreicht: Was passiert mit dem Ziegel, wenn er eines Tages nicht mehr benötigt wird?

Ziegel ist ein hervorragender Kandidat für Kreislaufwirtschaft – sowohl im Re-Use als auch in Recycling. Viele Bauten weltweit werden mit Abbruchziegeln alter Häuser errichtet. Da reicht schon ein Blick auf die nominierten Projekte beim internationalen Brick Award. Und auch im Re-Use spielt der Ziegel eine große Rolle, beispielsweise als Ziegelsplitt in Bodensubstraten oder als Schwammkörper in der Schwammstadt, denn als natürlicher Werkstoff ist Ziegel feuchtigkeitsregulierend und gesundheitlich unbedenklich. Wir schaffen also geschlossene Kreisläufe.

Einer Ihrer Ziegel wird nun als Green Brick im Elektroofen Uttendorf in Oberösterreich gefertigt. Wie darf man sich das vorstellen?

Wir haben den bestehenden Gasofen durch einen industriellen Elektroofen von One Joon ersetzt, der mit Ökostrom und Strom aus unser eigenen PV-Anlage am Dach betrieben wird. Außerdem haben wir in Uttendorf eine verbesserte Tonmischung, klimafreundliche Sägespäne als Zuschlagsstoff, neue Wärmepumpen und sogar tischgroße, selbstfahrende Transportfahrzeuge, sogenannte Automatic Guided Vehicles – sehr lustig und sehr effizient! Das Projekt wurde vom Klimafonds New Energy for Austria (NEFI) gefördert und entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Austrian Institute of Technology (AIT). Wir haben 30 Millionen Euro in die Hand genommen, um das Werk grün zu machen. Es hat sich gelohnt: Unterm Strich verbrauchen wir 30 Prozent weniger Energie und können im Produktionsprozess rund 90 Prozent CO₂ einsparen.

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Unterscheidet sich der elektrogebrannte Ziegel von einem klassisch, also fossil gebrannten Porotherm?

Nein, in keinster Weise. Das Produkt ist absolut das gleiche. Das war auch von Anfang an das Ziel.

Wurde mit dem Porotherm aus Uttendorf schon gebaut?

Im November 2024 haben wir das Werk eröffnet, seit März ist der Porotherm aus Uttendorf nun lieferfähig. Die ersten Baustellen, die nun mit dem Green Brick arbeiten, sind ein Hotelzubau in Tirol, eine Wohnhausanlage in Braunau im Inn, eine Reihenhausanlage in Nussdorf am Attersee, ein Kindergarten in Krems und ein Einfamilienhaus in Gänserndorf.

Wird Wienerberger nun auch seine anderen Werke umstellen?

Das ist mittelfristig das Ziel. Aber wir sind technologieoffen. Es gibt viele Möglichkeiten der Dekarbonisierung. Ich sage mal so: Das Pilotprojekt ist eröffnet, die Produktion läuft. Ab jetzt ist es eine wirtschaftliche Wette mit der Zukunft, denn leider ist aufgrund der fehlenden Kostenwahrheit Strom immer noch teurer als Gas. Ob sich das ändern soll oder nicht, ist eine Frage, die wir uns als Gesellschaft stellen müssen. Denn eines ist klar: Die Ökologisierung wird nicht zum Nulltarif passieren. Die Politik ist gefordert.

Wie lauten Ihre Pläne für die Zukunft?

2021 und 2022 waren gute Jahre für den Ziegel. Der Bedarf nach Corona war mit der Sehnsucht nach Hausbau, Homeoffice und Cocooning so hoch, dass wir nicht einmal in der Lage waren, die gesamten Nachfrage abzudecken. Der Ziegel wurde uns regelrecht aus der Hand gerissen! Mit dem Ukraine-Krieg, der Energiekrise und den steigenden Zinsen kam der große Stopp. Die Baupreise sind in die Höhe geschossen. Die Baubranche ist um 50 Prozent eingebrochen. Auch wir als Ziegelhersteller haben diesen Einbruch 1:1 zu spüren bekommen. In vielen Werken mussten wir die Kapazitäten zurücknehmen. Seitdem versuchen wir, auf Sicht zu fahren. Mein Plan für die Zukunft ist: Wir wollen die prekäre Situation wieder verlassen.

Wann wird Ihnen das gelungen?

Ab 2026 werden wir wieder etwas mehr Aufschwung erleben. Aber ich rechne damit, dass wir noch drei Jahre brauchen, bis wir wieder Normalität erreicht haben werden – vorausgesetzt natürlich, dass die Politik es schafft, die Vertrauenskrise, in der wir alle stecken, wieder aufzulösen.

Gibt es ein Projekt, an dem Wienerberger Österreich gerade tüftelt?

Ja. Wien baut gerade die U2, und schon bald wird die violette Verlängerung auch zum Wienerberg weiterführen. Bester Boden, wie wir wissen! Wir wollen den U-Bahn-Aushub zu Ziegeln weiterverarbeiten. Sowohl für uns als auch für die Stadt Wien wäre das ein fantastisches Vorzeigeprojekt für Kreislaufwirtschaft und Urban Mining. Im Sommer werden wir unseren ersten Prototypen präsentieren – einen Wiener Wandziegel aus dem Aushubmaterial der U2.

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Mietpreisdeckel – Wer profitiert wirklich?

Fotos: Marius Höfinger, Gerlinde Gorla
Fotos: Marius Höfinger, Gerlinde Gorla

Isabella Stickler ist Obfrau und Vorstandsvorsitzende der Alpenland, sie hat Rechtswissenschaften studiert und ist auch die Obfrau der Arge Eigenheim.

Die Einführung des Mietpreisdeckels ist eine pauschale Gießkannenförderung und verfehlt das eigentliche Ziel, mehr leistbaren Wohnraum zu schaffen. Die Politik hat sich zu einem vermeintlichen Quick-Win hinreißen lassen, der zu einer weiteren Instabilität führen wird. Diese Maßnahme ist weder treffsicher noch differenziert genug. Eine der größten Problemstellungen sind die Mindereinnahmen im gemeinnützigen Wohnbau. Durch die Deckelung der WGG-Mieten kommt es zu massiven Einschränkungen von Erhaltungs- und Verbesserungsmaßnahmen. Die Mindereinnahmen durch die bereits umgesetzte und noch geplante Mietpreisbremse werden sich auf fast 190 Millionen Euro summieren, was zu einem Investitionsstopp oder zumindest einem Investitionsrückstau führen wird.

Doch wer profitiert tatsächlich von der Mietpreisbremse? Mieter:innen in bereits stark regulierten Mietbereichen, die keinen echten Bedarf an zusätzlichem Schutz haben. Für den WGG-Bereich werden die günstigsten Wohnungen, also die sogenannten Grundmieten, noch einmal vergünstigt. Die Grundmieten, die jetzt gedeckelt werden, liegen in unserem Bereich bei 2,05 €/m2. Eine Indexierung mit einem dreiprozentigen Index wäre jetzt bei 2,11 Euro. Das ist für den Einzelnen sicherlich eine verträgliche Steigerung. Im Gegensatz dazu trifft die Maßnahme besonders die „Immobilienerhalter“, also die Investor:innen, die Vermieter :innen und Eigentümer: innen und in weiterer Folge alle unsere ausführenden Professionist:innen. Volkswirtschaftlich gesehen ein Fehler.

Die wahre Herausforderung im Sinne der hohen Kunst der Politik liegt darin, den komplexen österreichischen Wohnungsmarkt differenziert zu betrachten. Die Gemeinnützigkeit im Wohnbau hat sich als Modell bewährt, das leistbares Wohnen über viele Jahrzehnte ermöglicht.

Ich erwarte mir, dass die Politik ehrlich und differenziert das Thema Wohnen, Wohnstandort und Wirtschaftsstandort betrachtet. Statt sich mit kurzfristigen, populistischen Maßnahmen einen politischen Vorteil zu verschaffen, sollte die Regierung konkrete Lösungen entwickeln, die den gesamten Markt stabilisieren und für alle Beteiligten – Mieter: innen, Vermieter:innen und Investor:innen – langfristig tragbar sind. Nur so kann das Ziel des leistbaren Wohnens in Österreich wirklich erreicht werden.


Markus Fichta ist stellvertretender Generaldirektor des ÖSW-Konzern. Er verantwortet die Bereiche Vertrieb, Immobilienverwaltung, Facility Management sowie Projektentwicklung, zentrale Aufgaben der Kundenbetreuung und der strategischen Weiterentwicklung des Objektbestands.

Leistbares Wohnen ist ein zentrales gesellschaftliches Thema – und die aktuelle Diskussion um einen möglichen Mietpreisdeckel bewegt viele zurecht. Denn Wohnen ist mehr als nur ein Grundbedürfnis. Es ist ein sozialer Anker, ein Rückzugsort und Ausdruck individueller Lebensrealität.

Ein Mietpreisdeckel mag kurzfristig Entlastung für viele Mieter:innen bringen – langfristig wirft er jedoch Fragen hinsichtlich seiner Auswirkungen auf die Schaffung von leistbarem Wohnraum auf. Denn betroffen ist vor allem jenes Angebot, das heute schon zu den günstigsten in Österreich zählt: gemeinnütziger Wohnbau. Die aus einem Mietpreisdeckel entstehenden Einnahmenverluste führen dazu, dass weniger Budget für gemeinnützige Neubauten zur Verfügung steht. Gleichzeitig geraten wichtige Investitionen in die Sanierung und Dekarbonisierung des Bestands ins Stocken. Gerade bei ausfinanzierten Häusern, bei denen der Sanierungsbedarf am größten ist, werden notwendige Maßnahmen nicht mehr umsetzbar sein. Auch bei den vorübergehend gedeckelten Kostenmieten gilt: Die Erhöhungen werden lediglich aufgeschoben – für die Mieter:innen bedeutet das auf lange Sicht höhere Belastungen. Vorausschauend ist das nicht.

Um auch in Zukunft leistbaren Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten zu schaffen, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichend finanzielle Mittel – nicht nur für neuen Wohnraum, sondern auch für die nachhaltige Erhaltung und Weiterentwicklung unseres Bestands.

Leistbares Wohnen wird vor allem durch die kontinuierliche Stärkung des gemeinnützigen Wohnbaus und die Schaffung von genügend Angebot am Wohnungsmarkt erreicht. Wir nehmen diese Verantwortung ernst und gestalten mit zukunftsweisenden Projekten aktiv den Wandel mit. Unser Ziel ist es, Wohn- und Lebensräume zu schaffen, die sich an den Bedürfnissen einer sich wandelnden Gesellschaft orientieren und auch den Erwartungen kommender Generationen gerecht werden. Leistbares, nachhaltiges Wohnen soll keine Momentaufnahme sein, sondern ein langfristiges Versprechen.

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Vorbild sozialer Wohnbau

Vorbild sozialer Wohnbau
Die Architekturbiennale 2025 stellt unter dem Thema „Agency for better living“ den sozialen Wohnbau ins Zentrum. Fotos: Hertha Hurnaus

Am 10. Mai wurde die Architekturbiennale 2025 in Venedig eröffnet. Im Österreich-Pavillon beschäftigt sich die Ausstellung „Agency for better living“ mit der Frage nach besserem Wohnen und Leben.
— GISELA GARY

Auf der Architekturbiennale 2025, der weltweit bedeutendsten Ausstellung für Architektur, eröffneten die Kurator: innen Sabine Pollak, Michael Obrist und Lorenzo Romito die „Agency for better living“. Ihr Projektvorschlag für den österreichischen Pavillon wurde im Herbst 2024 mittels einer Ausschreibung des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport durch eine Fachjury ermittelt. Ausgehend von den Städten Wien und Rom stellen die Kurator:innen das Modell des sozialen Wohnbaus in Wien den Praktiken der Selbstorganisation der Zivilgesellschaft in Rom gegenüber.

„Es geht in unserem Biennale- Beitrag insgesamt um die Frage, wie ein zukünftiges besseres Leben aussehen könnte. Es geht um das Lernen von bewährten Systemen wie dem sozialen Wiener Wohnungsbau, aber auch von selbstorganisierten Projekten der Zivilgesellschaft, wie zum Beispiel in Rom. Die Gegenüberstellung kann unserer Meinung nachhelfen, neue Antworten zu finden auf die Frage nach besserem Wohnen“, so die Kurator:innen.

Leistbarkeit, Quartiersentwicklung und Klimaanpassung

Die Frage nach immer neuen Antworten und Lösungen für die Anforderungen an gutes Wohnen steht für die Stadt Wien seit mehr als 100 Jahren zentral im Interesse. Die Geschichte der 1920erund 1930er-Jahre des Roten Wien gilt als trefflicher Ausgangspunkt, wenn es um heutige und zukünftige Wohnbauentwicklungen geht. Etwa das Bestreben nach Leistbarkeit des Wohnens kann auf die reinen Mietkosten pro Quadratmeter, aber auch auf das Verhältnis zwischen Wohnungsgröße und Gemeinschaftsräume bezogen werden. In Wien sind vor allem die neuen Stadtquartiere, die in jüngerer Vergangenheit entstanden sind oder sich gerade in Bau befinden, als gesamthafte Entwicklungsprojekte für andere Kommunen vorbildhaft. Sie haben unterschiedliche Schwerpunkte und bilden jeweils unterschiedliche Formen von Urbanität, Ökologie oder Gemeinschaft aus.

Die Architekturbiennale in Venedig 
die alle zwei Jahre abwechselnd mit der Kunstbiennale stattfindet, ist noch bis 23. November 2025 geöffnet. Rahmenprogramm: Das Lernen aus Wien und Rom wird im Hof des Pavillons behandelt, wo eine Plattform zum Diskutieren und gegenseitigen Austausch einlädt, der „Space of negotiation“.
labiennale2025.at/de/programm

In der Ausstellung im österreichischen Pavillon wird das System Wien anhand von neun Stationen aufgearbeitet: Fotografien zeigen Stadt- und Gemeinschaftsräume in ihrem alltäglichen Gebrauch, begleitet von Filmausschnitten aus verschiedenen Jahrzehnten. Aktuelle Entwicklungen werden über neue Quartiere vermittelt, etwa das Sonnwendviertel, das Nordbahnhofareal und die Freie Mitte sowie die Per-Albin-Hansson-Siedlung als ein Beispiel für den Umgang mit dem Bestand. Dazu kommen Themen aus der Geschichte der Stadt, die das außergewöhnliche Wohnen stark beeinflusst haben, beispielsweise das seit 1998 etablierte umfassende Gender Planning oder einzelne Pionierprojekte wie etwa die Sargfabrik.

Im Teil über Rom zeigen sieben zeitgenössische Beispiele unterschiedliche Formen der Selbstorganisation und des zivilgesellschaftlichen Widerstands, die verschiedene Formen des innovativen Zusammenlebens hervorgebracht haben. Der Lago Bullicante ist ein Beispiel für die Ko-Evolution einer Nachbarschaftsgemeinschaft und eines spontanen Renaturierungsprozesses einer ehemaligen Viskosefabrik. An anderen besetzten Orten, wie z. B. einem ehemaligen Bürogebäude oder einem früheren Hotel, haben sich komplexe soziale und räumliche Strukturen herausgebildet.

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Urbane Transformation durch Co-Kreation

Neuperlach ist Münchens größte „Entlastungsstadt“ mit der auf die Wohnungsnot der Nachkriegszeit reagiert wurde. Heute geht es darum, sie „zukunftsfit“ zu machen. Fotos: Patrik Thomas
Neuperlach ist Münchens größte „Entlastungsstadt“ mit der auf die Wohnungsnot der Nachkriegszeit reagiert wurde. Heute geht es darum, sie „zukunftsfit“ zu machen. Fotos: Patrik Thomas

In München-Neuperlach lässt sich begutachten, wie ein Stadtteil aus der Nachkriegszeit modernisiert und Teil des „Green New Deal“ der EU werden kann.
— FRANZISKA LEEB

Es sei wichtig, Dinge auf einer emotionalen Ebene zu verstehen, betont die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk anlässlich der Eröffnung der Ausstellung, die im Frühjahr zum Abschluss des Projekts „Creating NEBourhoods Together“ in der Architekturgalerie München gezeigt wurde. Es handelt sich dabei um eines der sechs Leuchtturmprojekte, die ausgewählt wurden, um Ursula von der Leyens Initiative eines Neuen Europäischen Bauhauses, kurz NEB, umzusetzen.

Nach den Prinzipien schön, nachhaltig und gemeinsam sollen sie den umwelt- und wirtschaftszentrierten European Green Deal um eine kulturelle Dimension erweitern und ihn zwecks Inspiration weiterer Aktivitäten unter die Menschen bringen. „Wenn Funktionalität und Faktenwissen genügen würden, wären wir schon sehr viel weiter. Man braucht einen direkten Zugang zu den Menschen, mit denen wir die Stadt von der Mobilitätswende bis zur Klimawende gut aufsetzen wollen“, so die Stadtbaurätin.

Eines der Projekte: Nisthocker, vom Studio Animal-Aided Design gemeinsam mit Studierenden vom Forschungsbereich Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung der TU Wien. Die modulare Holzstruktur bietet Raum für Menschen, Tiere und Pflanzen, ist zerlegbar und kann bei Bedarf den Ort wechseln.

Eingebettet in Planungsstrategien

Neuperlach, ab den späten 1960er-Jahren als Trabantenstadt im Münchner Südosten aus dem Boden gestampft, hat rund 42.000 Einwohner:innen. Nicht von ungefähr wurde dieser Stadtteil ausgewählt, um ihn in cokreativen Prozessen zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Die Transformation von Neuperlach steht schon seit Längerem auf der Agenda, wie die gebürtige Wienerin Sylvia Pintarits, Europabeauftragte in der Münchner Stadtplanung sowie Koordinatorin und Seele des Demonstrationsprojekts, erklärt. Das NEBourhoods-Pro- jekt konnte daher in bereits bestehende Konzepte eingebettet werden und knüpft an Stärken von Neuperlach an – eine starke Bindung der Bevölkerung an den Stadtteil und aktive Vereine.

Creating NEBourhoods Together 
Als eines der Leuchtturmprojekte für das Neue Europäische Bauhaus (NEB) der Europäischen Union hat Creating NEBourhoods Together in München- Neuperlach gemeinsam mit der Bevölkerung, Initiativen, Verwaltung, wissenschaftlichen Institutionen und Unternehmen sowie Start-ups in co-kreativen Prozessen Prototypen und Lösungen erarbeitet. Koordiniert wurde das Projekt vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München, die das Projekt mit mehr als einem Dutzend weiterer Projektpartner ins Leben gerufen und umgesetzt hat. Die auf der Projektwebsite zugängliche Open-Access- Publikation „NEBourhoods for Tomorrow“ dokumentiert die entwickelten Methoden, Strategien und Prozesse und dient als Inspiration und Leitfaden für andere, die ähnliche Wege beschreiten möchten. Orientiert an den in transdisziplinären Arbeitsprozessen des NEB involvierten Gruppen bietet die Publikation verschiedene Lese- und Informationsebenen: Thematische Einordnungen, eine detaillierte Vorstellung der Prototypen sowie jeder Aktion zugeordnete Steckbriefe. Letztere beschreiben relevante Schritte zur Replikation, zu involvierende Stakeholder:innen sowie Potenziale und Herausforderungen der Maßnahmen. QRCodes, die zu weiterführenden Dokumenten und Informationen führen, sowie Kontaktdaten der für die jeweilige Aktion Verantwortlichen ergänzen das (vorläufig nur in englischer Sprache vorliegende) nützliche Handbuch. www.nebourhoods.de

Im Zusammenwirken motivierter und engagierter Menschen aus der Stadtverwaltung, der Wissenschaft, der Kunst und Kultur, der Wirtschaft und nicht zuletzt aus der Neuperlacher Bevölkerung entstanden in Reallaboren Prototypen für ein klimaneutrales Quartier mit starken Nachbarschaften. Dabei ging es von der räumlichen Erweiterung sanierungsbedürftiger Wohnbauten über nachhaltige Ernährung, innovative Mobilität, die Erhöhung der Biodiversität, Maßnahmen gegen Überhitzung, die Schaffung von Orten für Jugendkultur, die Transformation monofunktionaler Bürogebäude und der umgebenden Außenräume bis hin zur Gründung einer Energiegemeinschaft.

Prototypen für die Zukunft

Über Neuperlach verteilt entstanden zahlreiche Projekte. Zum Beispiel der Nisthocker, den das Studio Animal- Aided Design gemeinsam mit Studierenden vom Forschungsbereich Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung der TU Wien unter der Leitung von Thomas E. Hauck und Susann Ahn entwickelt hat. Die modulare Holzstruktur bietet Raum für Menschen, Tiere und Pflanzen, ist zerlegbar und kann bei Bedarf den Ort wechseln.

An einer Außenwand der Kinderund Jugendfreizeitstätte Südpolstation wird eine am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie an der TU München entwickelte Fassade getestet, die Nistmöglichkeiten für Vögel anbietet. Weiters entstanden leicht im Selbstbau zu errichtende Hochbeete, ein Schattendach, das zudem Energie produziert und vieles mehr.

Dabei gehe es nicht wie in früheren Zeiten darum, „zu sagen, hier ist ein defizitärer Stadtteil, reparieren wir drei Sachen und dann ist es wieder gut“, betont Stadtbaurätin Merk. Vielmehr gehe es um eine andere Haltung zur Stadt. „Der Gedanke, dass Gestaltung und ein gutes Miteinander Treiber für Änderung sein können, das war die Hypothese, und es hat geklappt.“

Das Beste daran: Die Ergebnisse samt Handlungsempfehlungen und Bauanleitungen sind auf der Projektwebsite dokumentiert und können so auch andernorts Eingang finden oder übernommen werden.

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Logisch ökologisch

Quartier „Am Hirschfeld“ vom ÖSW: 110 geförderte Mietwohnungen profitieren von der massiven Bauweise. Die Speichermasse von Beton wird über Erdwärme zum Heizen und Kühlen genützt. Fotos: ÖSW, Lukas Lorenz
Quartier „Am Hirschfeld“ vom ÖSW: 110 geförderte Mietwohnungen profitieren von der massiven Bauweise. Die Speichermasse von Beton wird über Erdwärme zum Heizen und Kühlen genützt. Fotos: ÖSW, Lukas Lorenz

Eine Studie des Economica Instituts für Wirtschaftsforschung bestätigt der Stein- und keramischen Industrie ihren bedeutenden Stellenwert im Kampf gegen den Klimawandel. Darüber hinaus tragen die Mitgliedsbetriebe für mineralische Baustoffe mit insgesamt 4.546,3 Millionen Euro maßgeblich zur österreichischen Wertschöpfung bei.

Quelle: jeweilige Nachhaltigkeitsberichterstattung der Mitgliedsbetriebe des Fachverbands Steine-Keramik ab 100 Mitarbeitenden.

Neben den Beiträgen zur Wertschöpfung sichert die Stein- und keramische Industrie Beschäftigung im Ausmaß von über 355.000 Beschäftigungsverhältnissen, was vergleichbar mit einer österreichischen Großstadt ist. Zudem flossen 2023 knapp zwei Milliarden Euro an Steuern und Abgaben an den Fiskus. Andreas Pfeiler, Geschäftsführer Stein- und keramische Industrie, unterstreicht darüber hinaus die Rolle als regionale Arbeitgeberin und deren hohe gesellschaftliche Relevanz. „Die größte Herausforderung ist für uns jedoch der Kampf gegen den Klimawandel. Wir zählen rohstoffbedingt zu jenen Sektoren mit einem hohen absoluten und relativen Ausstoß an Treibhausgasen. Um die österreichischen und europäischen Emissionsziele zu erreichen, braucht es noch deutlichere Anstrengungen“, so Pfeiler. Klares Fazit der Studie bestätigt einem Großteil der Unternehmen der Stein- und kera- mischen Industrie ein großes Problembewusstsein. Viele Maßnahmen zur Reduktion des eigenen CO₂-Fußabdrucks wurden bereits umgesetzt, wie ein höheres Maß an Elektrifizierung, die Verwendung von grünem Strom oder von Abwärme.

„Die Stein- und keramische Industrie ist inhärenter Teil der Lösung.“ – Andreas Pfeiler

Damit der Branche aber tatsächlich eine signifikante Reduktion des CO₂-Abdrucks gelingt, braucht es Innovationen im Produktionsprozess. Aber auch hier sieht die Studie die Unternehmen der Stein- und keramischen Industrie durchaus auf dem richtigen Weg. „Es werden immer mehr Schritte gesetzt und innovative Anlagen und Produkte entwickelt und umgesetzt“, heißt es in der Studie. Dies umfasse beispielsweise CO₂-reduzierten Zement und Beton sowie Ziegel. Darüber hinaus wird intensiv an einer rechtlich kompatiblen Lösung zur Kohlenstoff-Abscheidung und -Speicherung gearbeitet.

Interessant ist auch, dass die Steinund keramische Industrie zwar einen zu berücksichtigenden Anteil am CO₂- Ausstoß unserer Wirtschaft hat, ihre Produkte aber ein wesentliches Werkzeug im Kampf gegen den Klimawandel sind. „Die Stein- und keramische Industrie ist inhärenter Teil der Lösung, sowohl hinsichtlich der Abmilderung des Klimawandels als auch bezüglich der Anpassungsmaßnahmen“, heißt es in der Studie. Produkte der Stein- und keramischen Industrie würden „wortwörtlich das Fundament vieler Maßnahmen, die den Klimawandel eindämmen sollen, bilden“.

Quelle: Economica

Das gelte beispielsweise für die Transformation des Energiesektors wie den Bau von Windkraftanlagen oder Staumauern und die Verkehrswende durch den Ausbau der Schieneninfrastruktur. Auch im Gebäudesektor kann die Stein- und keramische Industrie durch innovative und emissionenreduzierende Produkte einen wichtigen Beitrag leisten. Hinzu kommen Anpassungsmaßnahmen, wie etwa Schutzvorrichtungen vor Extremwettersituationen, die überwiegend aus Produkten der Stein- und keramischen Industrie bestehen.

„Dem Klimawandel kann folglich nur mit der Stein- und keramischen Industrie entgegengewirkt (bekämpfen find ich bisschen hart, ist aber nur mein feeling) werden“, schlussfolgern die Autor:innen der Economica-Studie. Zudem verweist die Studie auf die Regionalität der Branche. Die heimische Produktion ermöglicht den Erhalt von Wertschöpfung, Arbeitsplätzen und Einnahmen für den Fiskus, bei gleichzeitig kurzen Transportwegen. Der durchschnittliche Transportradius über alle Produkte hinweg beträgt nur rund 65 Kilometer, der durchschnittliche Transportradius der Rohstoffe sogar nur 50 Kilometer.

Grüne Transformation: Best Practices der Stein- und keramischen Industrie 
- Entwicklung CO²-reduzierter Beton: Im Jahr 2022 wurden in Österreich 31.049.802,3 Tonnen Frischbeton produziert. CO₂-reduzierter Beton hat verglichen mit herkömmlichem Beton einen um 15 % geringeren CO₂-Ausstoß. Das Einsparungspotenzial ist somit deutlich.
- Green-Tech Zement: Eine veränderte Zusammensetzung von Beton und der Einsatz von erneuerbaren Energien ermöglicht die Herstellung von CO₂- reduziertem Zement.
- Ziegelproduktion im Elektroofen: Die Herstellung von Ziegeln im Elektroofen in Kombination mit neuen Tonmischungen und Begleitmaßnahmen führt zu einer 90 %-Reduktion der CO₂-Emissionen.
- CCU & CCS: Carbon Capture Utilisation and Storage bei der Herstellung von Zement. Mit der ersten CO₂- Rückgewinnungsanlage Österreichs im großtechnischen Maßstab sollen ab Ende 2026 bis zu 30.000 Tonnen jährlich zurückgewonnen werden. Damit können jährlich 50.000 Tonnen CO₂-freier Zement produziert werden.

Ökologische Verantwortung

Kreislaufwirtschaft ist für die Steinund keramischen Industrie längst selbstverständlich. „Für eine Vielzahl unserer Unternehmen sind die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft bereits seit Langem Teil des unternehmerischen Handelns, sei dies aus ökologischer Verantwortung heraus, als auch aus ökonomischen Überlegungen“, so Pfeiler. Mineralische Baustoffe können zu nahezu 100 Prozent wiederverwertet werden. Bis dato nicht so einfach recyclebare Materialien werden ebenso in den Kreislauf zurückgeführt wie z. B. Gipskartonplatten.

„Die Ergebnisse der Studie sind insgesamt erfreulich – dennoch, wir stehen vor der notwendigen ,grünen‘ Transformation, um die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen – insbesondere jene der Klimakrise – zu meistern. Dazu benötigen wir politische Weichenstellungen, die dem Klima und dem Wirtschaftsstandort zugutekommen müssen. Es braucht stabile Rahmenbedingungen und realistische Ziele, nur dann ist Planungssicherheit gegeben und ein Transformationsprozess umsetzbar. Ständig wechselnde Zielvorgaben und Lenkungsinstrumente in Richtungen, die kein Wirtschaften ermöglichen, schaden nur dem Standort. Denn ohne mineralische Baustoffe gibt es keine Klimawende – vom Ausbau der Schieneninfrastruktur und der erneuerbaren Energie, dem Hochwasserschutz, Staumauern oder Windrädern wie auch leistbarem Wohnraum“, so Pfeiler.

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Partizipativer Wohlklang

Partizipativer Wohlklang
Stadträume werden in der Seestadt von Jung und Alt genützt. Fotos: Daniel Hawelka, Luiza Puiu

Öffentliche Räume sind in der Seestadt immer wieder Gegenstand gemeinschaftlicher Planungsprozesse. Das Gemeinsame steht im Vordergrund, oft aber auch einfach die Freude, im Freien zu sein – und auch noch garteln zu können. Die Bewohner:innen wurden mehrfach in die Planung eingebunden. Das Ziel: hohe Aufenthaltsqualität und Identifikation mit ihrem neuen Zuhause.

Die Vorbereitungen für die nächsten Bauvorhaben im Norden der Seestadt laufen auf Hochtouren. Denn dort werden in den nächsten Jahren – neben weiteren Wohnungen und Betrieben, sozialer Infrastruktur und Nahversorgung – auch neue öffentliche Freiräume entstehen: Die sogenannte „Grüne Saite“, die durch abwechslungsreiche und wohnungsnahe Grünräume geprägt ist, sowie die „Rote Saite Nord“, die kommerzielle, kulturelle und kreativ-öffentliche Nutzungen miteinander verbindet. Diese öffentlichen Freiräume werden Platz für vielfältige Bedürfnisse bieten – die Nutzer: innen waren und sind eingeladen, sie zu beleben und mitzugestalten.

In Vorbereitung auf die beiden Teilräume im Norden der Seestadt haben mehrteilige Beteiligungsprozesse stattgefunden, die im Auftrag der Wien 3420 von der Arbeitsgemeinschaft PlanSinn und Caritas Stadtteilarbeit, durchgeführt wurden. Dabei wurde das Wissen von Menschen, die die Seestadt bereits gut kennen, einbezogen.

Bei den „CoCreation Days“ diskutierten Stakeholder:innen in vertiefenden Fokus-Sessions Aspekte, die bei der zukünftigen Gestaltung und Nutzung der öffentlichen Räume der Grünen und Roten Saite besondere Berücksichtigung finden sollten, und skizzierten den Prozess der Ko-Kreation im weiteren Verlauf der Planung und Umsetzung.

Eine Online-Umfrage ermöglichte es einer breiten Öffentlichkeit und ihrem Umfeld, Vorstellungen und Bedürfnisse in puncto Freiräume in der Seestadt zu äußern und gewünschte Qualitäten und Nutzungsmöglichkeiten zu benennen.

Die gemeinsame Nutzung und Bewirtschaftung von Grünräumen steht in der Seestadt hoch im Kurs. 8.900 m2 Urban-Gardening-Fläche stehen zur Verfügung.

Die Ergebnisse der CoCreation Days und der Umfrage flossen in die Wettbewerbsausschreibungen für die Planung der Grünen und Roten Saite ein, die Ergebnisdokumentationen wurden beigefügt und dienten den am Wettbewerb teilnehmenden Planer:innen als Grundlage.

Um auch den weiteren Planungsund Umsetzungsprozess zu begleiten, wurde zudem ein „Sounding Board“ aufgebaut, das sich aus insgesamt acht Bewohner:innen und lokalen Akteur:innen zusammensetzt. Diese kennen den Alltag in der Seestadt und vertreten unterschiedliche Nutzer:innengruppen und deren Ansprüche. Sie hatten eine beratende Funktion im Rahmen des Wettbewerbs und stehen den Planer:innen auch im weiteren Verlauf der Planung und Umsetzung mit ihrer Expertise zur Verfügung. Das führt auch zu positiven Rückkoppelungen in ihrem eigenen Umfeld.

Partitur des öffentlichen Raums 
Städtisches Leben ist von der Qualität seiner öffentlichen Stadträume abhängig. Gleich den Saiten eines Musikinstruments sind die öffentlichen Stadträume die Impulsgeber einer Stadt, die deren Leben in Schwingung bringen. aspern Seestadts öffentliche Stadträume sind nach den Saiten eines Musikinstruments benannt. Jede Saite schlägt einen neuen Ton an und differenziert sich so in Gestalt, Nutzung und Bestimmung. Das gekonnte Zusammenspiel der Saiten erzeugt den Wohlklang der Stadt, der sich an der Lebensqualität ihrer Bewohner:innen und Besucher: innen misst. Die zentralen öffentliche Stadträume der Seestadt werden von vier Saiten gebildet: Dem Ring der Sonnenallee (Gelbe Saite), der Roten Saite, der Grünen Saite und der Blauen Saite. Die Schwerpunkte der Saiten liegen jeweils auf infrastrukturelle Vernetzung, Handel und Kultur, Freizeit und Naherholung sowie Erholung am Wasser. So beschreibt die Partitur des Öffentlichen Raums die Grundidee für dessen Gestaltung.

Kulturelle Vielfalt

Der co-kreative Abschnitt der Roten Saite im nördlichen Teil der Seestadt wird sich vom Bahnhof Aspern Nord bis zum Zaha-Hadid-Platz am See erstrecken. Er wird die Seestadt mit vielfältigen Angeboten für alle Altersgruppen bereichern. Hier soll es ein breites Angebot an Geschäften, Lokalen und kulturellen Nutzungen geben, das sich gegenseitig co-kreativ befruchtet. Neben kommerziellen Nutzungen sind auch nicht-kommerzielle Angebote wie z. B. Gemeinschaftsräume, öffentliche Einrichtungen oder Flächen für kulturelle Veranstaltungen und konsumfreien Aufenthalt geplant. Mit der Roten Saite Nord soll ein Zentrum entstehen, das auch für die alten und neuen Stadtteile in der Umgebung eine wichtige Versorgungsfunktion erfüllt, weshalb auch Anrainer:innen eingeladen sind, sich aktiv in die Gestaltung einzubringen. Neue, urbane Orte der Kommunikation werden im öffentlichen Raum entstehen, an denen sich Nachbar:innen – in der einen oder anderen Form – begegnen.

Die Grüne Saite, eine Spielstraße für Jung und Alt, wird ein lebendiger, verkehrsberuhigter Treffpunkt mit attraktiven Nutzungsangeboten für alle Alters- und Interessensgruppen. Entlang der Grünen Saite wird es vor allem Wohnbauten, aber auch viele Nicht- Wohnnutzungen im Erdgeschoß – wie Kindergärten, Kleinbüros etc. – geben. Möglichkeiten zur Mitgestaltung im öffentlichen Raum werden auch hier eine große Rolle spielen. Wichtig: auch Insekten, Vögel etc. werden hier ihre Lebensräume finden. Entlang der Grünen Seite wird es zwei kleine Pocket Parks als grüne Grätzl-Zentren geben.

Ort des Miteinanders

Die Seestadt versteht sich als Ort des Miteinanders und der Partizipation und wird – wie auch Umfragen bestätigen – von Bewohner:innen als solcher wahrgenommen. Von Anfang an spielten Beteiligungsprozesse eine wesentliche Rolle in der Entwicklung des Stadtteils. Schon in der Masterplanung wurden Anrainer:innen miteinbezogen. Auch das Naherholungsgebiet asperner Terrassen wurde bereits miteinander entwickelt.

Bewohner:innen sind immer wieder eingeladen, ihre Wünsche für die Gestaltung von öffentlichem Raum einzubringen – wie beispielsweise beim Elinor-Ostrom-Park oder eben der Grünen Saite und Roten Saite Nord.

Auch bei Bauprojekten in der Seestadt spielt Partizipation eine große Rolle: Bei den bisher insgesamt zehn Baugruppen steht das Gemeinsame im Mittelpunkt. Hier können aktiv Ideen eingebracht werden, denn die Bewohne: innen planen, gestalten und organisieren sich als Hausgemeinschaft selbst und können schon vor dem Einzug aktiv mitgestalten.

Ganz entscheidend für die laufende Förderung der Partizipation von Bewohner:innen ist das vor Ort tätige Stadtteilmanagement. Es informiert über Entwicklungen im Stadtteil und unterstützt alle, die sich aktiv in die Gestaltung der Seestadt einbringen wollen. Ob gemeinsames Garteln, Musizieren oder Gestalten – zahlreiche Initiativen von und für Seestädter: innen sind so bereits entstanden. Mit dem Nachbarschaftsbudget werden jedes Jahr Ideen, die die Nachbarschaft und das Miteinander in der Seestadt fördern, unterstützt.

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Tschüss Gas, servus Grün!

Altes Gemäuer, neue leistbare Wohnungen, fossilfreie Energie und möglichst viel Grün: Das Wiener Quartier Sophie 7 bringt neue Quartiersqualitäten in die Bestandsstadt.
Altes Gemäuer, neue leistbare Wohnungen, fossilfreie Energie und möglichst viel Grün: Das Wiener Quartier Sophie 7 bringt neue Quartiersqualitäten in die Bestandsstadt. Fotos: SchreinerKastler, Sozialbau AG_Vogus

„Geht nicht, gibt es nicht“, lautet im Sozialbau-Verbund die Devise, wenn es um die thermisch-energetische Sanierung des Wohnungsbestands und klimasensiblen Neubau geht. Was ist technisch sinnvoll? Was ist rechtlich zu beachten? Wie ist das alles zu finanzieren? Während andere noch zaudern, wird bei der Sozialbau AG angepackt – im Bestand, im Neubau und im Grätzl.

In 25 Jahren will die EU klimaneutral sein, in 15 Jahren Österreich. Die Sozialbau AG hat sich 2030 zum Ziel gesetzt. Das bleiben gerade noch fünf Jahre, so viel wie die Legislaturperiode der Bundesregierung. Ist das zu schaffen? „Jein“, sagt Ernst Bach. Er ist seit 33 Jahren in der Sozialbau tätig, seit Mai 2023 Vorstandsvorsitzender der Sozialbau AG. Damals hatten sich infolge der Corona-Pandemie die Energiepreise vervielfacht und der Angriff Russlands auf die Ukraine hatte das Risiko, das mit der Abhängigkeit von russischem Gas einhergeht, deutlich werden lassen. Unabhängig von bereits festgeschriebenen europäischen, nationalen und regionalen Dekarbonisierungszielen war plötzlich die Notwendigkeit für „Raus aus Gas“ breit im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Aber wie man da rasch rauskommt, dafür hatten nur wenige einen Plan.

Ernst Bach, mit seinem Team immerhin für fast 55.000 verwaltete Wohnungen verantwortlich, hatte einen: „Die Erkenntnis für uns: Wir müssen sofort handeln. Das sind wir unseren Bewohnerinnen und Bewohnern schuldig.“ Im Zuge der Dekarbonisierungsstrategie wurde eine Vielzahl an Pilotprojekten zur energetischen Bestandsmodernisierung gestartet, um die nachhaltige Energieversorgung voranzutreiben. Bereits einige Jahre zuvor wurde eine mit der Zentralisierung der Einzelgasthermen durch eine Energiezentrale am Dachboden ein wesentlicher Grundstein für das „Raus aus Gas“ gelegt. „Bis 2030 werden wir technisch in der Lage sein, jedes Haus sofort auf nachhaltige Energieversorgung umstellen zu können, wenn die Bewohner:innen das möchten.“ Im „Jein“ klingt also Zweckpessimismus mit. Denn sieht man sich die bereits umgesetzten Projekte an, drängt sich kein Grund auf, warum die Menschen etwas dagegen haben sollten. Schauen wir uns also an, was alles geht, wenn man will.

Dekarbonisieren macht schöner

Vorzeigebeispiel Nummer eins finden wir in der Barawitzkagasse, die liegt zwar im feinen Wiener Bezirk Döbling, ist aber eine verkehrsbelastete Durch zugsstraße mit wenig Aufenthaltsqualität. Vom Aschenputtel zur Energieprinzessin der Gasse mausert sich dort gerade das 1966 fertiggestellte Wohnhaus von Harry Glück. Deren Heizsystem wird von dezentralen Einzelgasthermen auf ein Wärmepumpensystem – ein Mix aus Luft-Wärmepumpe am Dach und Sole-Wärmepumpe im Keller – umgestellt. Dazu wurden die Heizungsleitungen entlang der Fassade verlegt, und nun wird eine Wärmedämmung angebracht.

Über fünf bis zu 85 Meter tief in den Innenhof gebohrte Tiefensonden lässt sich in der kalten Jahreszeit Heizwärme entnehmen. Im Sommer wiederum wird die Wärme aus den Wohnungen in den Erdsonden gespeichert und somit eine Abkühlung der Wohnungen um etwa zwei Grad Celsius erreicht werden. In den Wohnungen haben die Bewohner:innen die Möglichkeit, ihre alten Heizkörper gegen Gebläsekonvektoren zu tauschen.

Die Warmwasserbereitung erfolgt über neue 80-Liter-Elektro-Boiler. Die Energie für den Betrieb von Wärmepumpen und Boilern liefert eine Photovoltaikanlage am Dach, etwaige Überschüsse werden den Mieter:innen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Zusätzliche Effekte bringt die Fassadenbegrünung die nicht nur dem Mikroklima von Haus und Gasse zum Vorteil gereichen wird, sondern auch der Optik.

Besser mehr

Ein Haus umzustellen, ist gut, noch besser ist es, wenn mehrere profitieren – so wie in der Simon-Denk-Gasse beim Franz-Josefs-Bahnhof in Wien- Alsergrund. Das dort von der Sozialbau initiierte, wissenschaftlich begleitete und von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) geförderte Nahwärmeprojekt umfasst fünf Liegenschaften mit insgesamt 100 Wohnungen, womit es der derzeit größte geplante Nahwärmeverbund im Bestand ist. Als Wärmequelle wird das vor Ort vorhandene geothermische Potenzial genutzt und der Wärme- und Kühlbedarf durch Grundwasser-Wärmepumpen gewährleistet.

Wenn auf dem eigenen Grundstück Tiefenbohrungen nicht möglich sind, ist – wie in der Simon-Denk-Gasse in Wien-Alsergrund – eine Kooperation über mehrere Liegenschaften hinweg eine gute Lösung.

Um einen optimalen Wirkungsgrad von Grundwasser-Wärmepumpen zu gewährleisten, ist ein Mindestabstand der dafür erforderlichen Brunnen von 15 Metern einzuhalten. Im dicht bebauten Grätzl waren daher Bohrungen auf Nachbarliegenschaften erforderlich – ein Grund, im Quartier zu denken und sich mit den anderen Eigentümer:innen im wahrsten Sinn des Wortes zu vernetzen. Optimale Ergebnisse für alle erreichen kann man – wie das Pilotprojekt zeigt – trotz ungleicher Gebäudestrukturen, Sanierungsstadien und verschiedener wohnrechtlicher Regime. Und wenn schon gebohrt und gegraben wird, dann gleich richtig: Im Zuge der Errichtung des Nahwärmenetzes wurde auch gleich die Neugestaltung der Gasse angegangen. Entsiegelte Flächen, neue Bäume. Sitzgelegenheiten, ein Trinkbrunnen und mehr Komfort für Fußgänger:innen kommen allen Anrainer:innen zugute und machen die Klimawende sichtbar.

Sozialbau AG in Zahlen 
- 54.937 verwaltete Wohnungen
- 120.000 Bewohnerinnen und Bewohner
- 6 % Anteil am Wiener Wohnungsbestand
- 581 Wohnungen in Bau
- 2.400 PV-Anlagen
- 37.125 t jährliche CO₂- Einsparung durch thermische Sanierung

Diese Pilotprojekte stehen beispielgebend für die Sozialbau-Strategie zur Dekarbonisierung des Wohnungsbestands. Je nach örtlicher Situation und Beschaffenheit der Wohnhausanlage steht ein „Werkzeugkoffer“ parat, dessen Inhalt aus Wärmepumpen, Erdsonden, Photovoltaik und Grünfassaden für die jeweils passende Lösung eingesetzt wird – gern auch gemeinsam mit anderen und so individuell wie möglich.

Neue Inhalte

Ein besonderes Zuhause-Gefühl verspricht das Quartier Sophie 7 gegenüber vom Wiener Westbahnhof. Im Herbst 2023 war Baubeginn für das in das bestehende Stadtgefüge eingewobene Wohnquartier auf dem Areal des ehemaligen Sophienspitals, das von der Sozialbau AG gemeinsam mit der WBV-GPA entwickelt und bis Ende des Jahres fertiggestellt sein wird. Hier erhält historischer, teils denkmalgeschützter Altbestand neue Inhalte und im Bezirk dringend benötigte leistbare Wohnungen. Dass hier die Energieversorgung von vornherein nachhaltig ist, versteht sich von selbst. Photovoltaik versorgt die Gemeinschaftsräume, Allgemeinflächen und die gesamte Haustechnik mit Strom.

Die Wärmeversorgung erfolgt durch Fernwärme und Geothermie. Mit Volkshochschule, Kindergarten, einem Treffpunkt für Pensionist:innen, Co- Working-Spaces, Pop-up-Stores, einem Veranstaltungssaal und einem Gastrobetrieb wird die Basis für soziale Nachhaltigkeit gelegt. Der öffentlich zugängliche Park wird ein wichtiger Naherholungsraum für den ganzen Stadtteil sein. Gegen sommerliche Überhitzung und für ein gutes Mikroklima sorgen begrünte Fassaden und Balkonlauben sowie Versickerungs- und Verdunstungsflächen auf den Dächern. Den Zweckpessimismus kann man getrost in Optimismus wandeln: Ja, wir schaffen das.

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Intelligent und nachhaltig

Intelligent und nachhaltig
Adolf Melcher, Sprecher der Geschäftsführung Kelag Energie & Wärme, Helmut Kusternig, Vorstandsvorsitzender meine heimat und Christoph Herzeg, Geschäftsführung Kelag Energie & Wärme – arbeiten gemeinsam an der Wärmewende. Foto: Kelag Energie & Wärme GmbH, Grafik: Statistik Austria/Global 2000

Die Kelag Energie & Wärme ist einer der größten Anbieter von Fernwärme in Österreich und Marktführer bei der Wärmeerzeugung aus Biomasse und dem Einsatz industrieller Abwärme. Geschäftsführer Adolf Melcher ist davon überzeugt, dass die grüne Transformation gelingen kann, wie er im Interview erläutert – aber Österreich braucht intelligente, nachhaltige Lösungen.

Wie viele Wohnungen versorgen Sie aktuell mit grüner Fernwärme?

Rund 80.000 Wohnungen – und es werden laufend mehr. Die Wärmewende ist ein zentraler Bestandteil der Energiewende. Ein wichtiges Instrument ist dabei die kommunale Wärmeplanung für die Raumwärme. Sie bietet Kommunen die Möglichkeit, eine nachhaltige Wärmeversorgung auf lokaler Ebene strategisch zu gestalten. Mit einer gezielten Planung wird nicht nur die Umsetzung langfristiger Klimaziele unterstützt, sondern auch aktiv die Nutzung von erneuerbaren Energien wie z. B. Biomasse und Abwärme gefördert. Wir haben eine kommunale Wärmeplanung für die Bereiche der 80 Fernwärmenetze erarbeitet. Über eine Online-Kundenplattform kann eingesehen werden, wo Fernwärmeleitungen verlegt sind und wie sie mittel- und langfristig ausgebaut und erweitert werden sollen. Damit können Bauträger und Immobilienbesitzer:innen aktuell oder in naher Zukunft Entscheidungen über die zukünftige Heizlösung ihrer Immobilien treffen.

Wie sieht es mit der Entwicklung von Fern- und Nahkältelösungen aus?

Natürlich, die Sommer werden heißer. Aber die Kälte spielt im sozialen Wohnbau keine Rolle, sondern eher im hochpreisigen Wohnbau. Noch ist die Kälte ein Thema für die Industrie. In Linz gibt es erste Projekte mit Fernkälte. Das große Potenzial sehe ich für uns jedoch nicht, es wird sich auf ein oder zwei große Projekte beschränken. Für die Fernkälte bräuchten wir große Verbraucher so wie ein Krankenhaus.

Die Zukunft gehört dem grünen Strom – wie wollen Sie hier Ihre Kapazitäten erweitern?

Strom wird immer wichtiger werden, wir investieren in Photovoltaik, Wind und Wasserkraft. Da stoßen wir an natürliche Grenzen, auf Widerstand in der Bevölkerung oder auch Regulatorien. Das Thema Dekarbonisierung ist auch für die Industrie entscheidend und dazu benötigen wir erneuerbare Energien. Die Welt wird noch viel elektrischer werden. Für diese Transformation müssen aber auch die Verfahren beschleunigt werden. Wir wollen ein krisensicherer Wirtschaftsstandort sein und das wird nur mit grünem Strom gelingen.

Wie hoch ist der Anteil an erneuerbaren Energien bei der Kelag Energie & Wärme?

Aktuell haben wir 67 Prozent erneuerbare Energie, bei Fernwärmenetzen über 90 Prozent. Wir haben für all unsere Fernwärmenetze einen klaren Plan, wie wir bis 2035 fossilfrei werden wollen. In Bad Gastein erarbeiten wir mit der JKU und der Gemeinde die richtige Ökologisierungslösung und nutzen dabei das Thermalwasser. In Pinkafeld stellen wir ebenso von Gas auf Biomasse um, mit Hilfe eines großen Industriebetriebs und der Stadt. In Spittal an der Drau werden wir die Molkerei ökologisieren. In Villach haben wir vor wenigen Wochen einen Biomassekessel in Betrieb genommen.

Welche Anreize erwarten Sie von der Politik, damit der Ausstieg aus fossiler Energie und die grüne Transformation gelingt?

Wir brauchen ein politisches Bekenntnis und eine Kompetenz, um Entscheidungen zu treffen, für langfristige Lösungen – damit wir nicht laufend am System scheitern. Da würde ich mir ein Ministerium oder ein Institut für Klimawende wünschen. Die Dekarbonisierung ist natürlich vor allem für die energieintensive Industrie eine Riesenherausforderung. Die Budgets müssen kontinuierlich geplant und auf die einzelnen Gewerke abgestimmt werden – wir brauchen Berechenbarkeit, auch für unsere Kund:innen. Klimaschutzmaßnahmen müssen sich auszahlen. Nur verlässliche Rahmenbedingungen ermöglichen Investitionen.

Wie werden Sie Ihre Vorreiterrolle in puncto Nutzung von Abwärme aus der Industrie weiter ausbauen?

Da sind wir laufend dabei. Wir versorgen bereits mit der Abwärme der Voest Wohnungen der WAG und der Giwog, das funktioniert hervorragend. Wir nützen eine Kläranlage in Spittal, aus dem Klärgas machen wir Strom und Wärme und versorgen damit zehn Prozent der Wohnungen. In der Industrie gibt es bezüglich Abwärme ein großes Potenzial auf einem Temperaturniveau bis zu 40 Grad. Mit der Wärmepumpe können wir die Temperatur erhöhen und Wohnungen beheizen. Für viele Themen könnten wir Anleihe aus der Vergangenheit nehmen. Bezüglich Stromversorgung: Der Wasserbau wurde bevorzugt, das sind intelligente und nachhaltige Lösungen. Heute brauchen diese Projekte zu lange.

Wie nahe sind Sie Ihrem Ziel, bis 2035 die Fernwärmenetze weitgehend frei von fossiler Energie zu haben?

Sehr nahe, 2035 werden wir 95 Prozent erreicht haben, die letzten fünf Prozent werden allerdings die schwierigsten werden.

Die Kelag Energie & Wärme GmbH 
ist ein Tochterunternehmen der Kelag-Kärntner Elektrizitäts- Aktiengesellschaft. Das Unternehmen mit Sitz in Villach ist der größte österreichweit tätige Anbieter von Fernwärme auf der Basis von industrieller Abwärme und Biomasse. Aktuell werden 85 Fernwärmenetze und rund 900 Heizzentralen mit einem Wärmeabsatz von rund zwei Terawattstunden betrieben. www.kew.at

Eine der größten solarthermischen Anlagen Österreichs in Friesach wie auch das Fernwärmenetz Niklasdorf zeigen, dass es möglich ist, aus fossiler Energie auszusteigen und erneuerbare Energie zu nutzen – gibt es weitere Pläne?

In Niklasdorf nützen wir die Abwärme einer Müllverwertungsanlage zum Heizen von Wohnungen. Und ja, wir haben eine Vielzahl an Projekten, die es kleineren Städten ermöglichen, aus der fossilen Energie auszusteigen. Bei größeren Städten wie Wien wird es kniffliger.

Die Bestandssanierung als auch der Ausstieg aus fossiler Energieversorgung ist für Österreichs gemeinnützige Bauträger eine der größten Herausforderungen, welchen Rat haben Sie für die GBV?

Wir müssen den Bedarf senken – eine entscheidende Rolle im sozialen Wohnbau. Mieter:innenstrommodelle sind z. B. sehr gute Modelle, da gibt es großes Potenzial. Wir haben Projekte mit der „meine Heimat“ Villach, Vorstandsvorsitzender Helmut Kusternik ist diesbezüglich sehr engagiert. Die Wärmeversorgung spielt eine große Rolle in der Energiewende, ohne Ökologisierung der Wärme wird es keine Energiewende geben. Mit der Wärme muss man viel stärker ins Gebäude eingreifen. Die Tiefengeothermie ist ein Weg, den Wien jetzt versucht. Die GBV müssen auf intelligente und nachhaltige Lösungen setzen und sich von Kurzfristmaßnahmen verabschieden.

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