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Mittelpunkt-Orte im Stadtgefüge

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Um ein Quartier zu bauen, reicht es nicht, Blöcke nebeneinander zu stellen. Aktuelle Stadtplanungskonzepte verlangen von Bauträgern und Planern, über die Grundstücksgrenze hinauszudenken – Grätzl- Konzepte sind gefragt. Zum Gelingen tragen eine zielorientierte Projektsteuerung und wirksame Qualitätssicherungsinstrumente ebenso bei, wie engagierte Bauherren, die Neues wagen.
FRANZISKA LEEB

Quartiersbildung heißt das neue Zauberwort der Stadtplanung. Aber welche Faktoren machen ein Quartier aus, was unterschiedet das Quartier von einer Siedlung? Der Versuch einer Antwortfindung in den Portfolios der Bauträger ist zum Scheitern verurteilt. So gut wie alles, was früher Siedlung oder Wohnanlage hieß, wird heute im Immo- Kauderwelsch Quartier genannt, auch wenn es sich bloß um eine monofunktionale Anlage oder eine Aneinanderreihung ebensolcher handelt. Der Quartiersbegriff boomt, schließlich ist er gut als zielgruppenorientierte Marketingstrategie einsetzbar. Das Goldene Quartier für die mit der goldenen Kreditkarte, das Gesundheits-Quartier für die Gesundheitsbewussten, das Öko- Quartier für die Umweltbewussten.

Was ist nun aber ein Quartier? Der Begriff ist assoziationsreich und damit anfällig für eine inflationäre, wenn nicht sogar missbräuchliche Verwendung. Etymologisch betrachtet stammt der Begriff aus dem Lateinischen. Ein quarterium bezeichnet ein Viertel, ebenso wie das französische quartier, beide bezeichnen seit je her auch Stadtviertel. Mit dem Quartier Latin oder dem Quartier des Halles in Paris verbinden wir ein bestimmtes Flair, eine gewisse Lebendigkeit, Durchmischtheit. Die Quartiers der französischen Hauptstadt, deren Namen sich meist von historischen Orten oder prägenden Einrichtungen ableitet, sind aber nicht nur emotional definierte Gegenden, wie die Wiener Grätzl oder die Berliner Kieze.

Jeder der 20 Stadtbezirke ist in vier Quartiers mit klaren Grenzen gegliedert. Auch Wien war im Mittelalter in vier nach den Stadttoren benannte Viertel geteilt. Während sich das Ordnungssystem in Paris erhalten hat, ging es in Wien mit der Erweiterung der Stadt verloren. Die Bezirke gliedern sich in die Bezirksteile, in denen sich die historischen Vororte auch noch namentlich abbilden.

In so manchem Bezirk bilden mehr als vier Viertel das Ganze. Nicht nur in neuen Stadtentwicklungsgebieten wie dem Sonnwendviertel, sondern auch in der gründerzeitlichen Stadt etablierten sich unabhängig von den amtlich definierten Bezirksteilen, in denen die alten Vorstadtsiedlungen weiterleben, vor allem in jüngerer Zeit Grätzl- Bezeichnungen wie Brunnenviertel, Karmeliterviertel oder Servitenviertel, die für ein bestimmtes Lebensgefühl und einen eigenen Charakter stehen. Es sind Wohnviertel mit guter Infrastruktur, die alles bieten, was man im Alltag braucht. Im Idealfall muss man sie wochenlang nicht verlassen, um seiner Arbeit und seinen täglichen Besorgungen nachzugehen, um Freunde zu treffen und die Freizeit zu gestalten.

Lebenswelt und Sozialraum

Dazu gehört eine gewisse soziale Reibung, die den Horizont öffnet und Toleranz verlangt, zumindest dann, wenn das Wohnquartier nicht völlig homogen ist. Ein Quartier ist ein „kontextuell eingebetteter, durch externe und interne Handlungen sozial konstruierter, jedoch unscharf konturierter Mittelpunkt- Ort alltäglicher Lebenswelten und individueller sozialer Sphären, deren Schnittmengen sich im räumlich- identifikatorischen Zusammenhang eines überschaubaren Wohnumfelds abbilden“ lautet die Definition des deutschen Stadt- und Quartierforschers Olaf Schnur. So weit und vielfältig das multidisziplinäre Feld der Theorien der Quartiersforschung ist, so schwierig ist es, den Quartiersbegriff knapp und eindeutig zu fassen.

Auch wenn gefühlt klar ist, was ein Quartier ist, stellen sich nicht alle dasselbe vor. „Neue Stadtquartiere − egal, ob innerstädtisch oder in periphereren Lagen − sollen urbane Qualität und Vielfältigkeit bieten, leistbar sein sowie allen Aspekten der Nachhaltigkeit gerecht werden, etwa in Hinblick auf Energieeffizienz und Mobilität“ heißt es in Wiener Stadtentwicklungsplan Step 2025. „Das Quartier kann eröffnen und verhindern: Lebensqualität, Chancen, Perspektiven, Engagement sowie soziale und ökonomische Teilhabe“, wird in einer Begriffsbestimmung der Friedrich- Ebert-Stiftung das Augenmerk auf die gesellschaftspolitische Dimension gelenkt.

Qualitätssicherung mit vielen Akteuren

Damit ein neues Quartier all den hehren Ansprüchen genügen kann, braucht es mehr als schicke Architektur und gezieltes Branding. Am Beispiel des Campagnereiter-Areals im Innsbrucker Stadtteil Reichenau, kurz „Campagne- Areal“ genannt, lässt sich die Komplexität einer Quartiersentwicklung, die das Umfeld nicht ausblendet, gut nachvollziehen. Schon 2009 wurde der traditionsreiche Reitverein Campagnereiter- Gesellschaft nach Igls abgesiedelt, weil die Stadt Innsbruck Flächen für Wohnbau benötigte.

Keine monofunktionale Wohnsiedlung sollte entstehen, sondern ein dichter Stadtteil, in den weitere auf dem Areal bestehende Sportvereine integriert werden. Ursprünglich war auch die Absiedelung der Fußball- und Tennisanlagen ins Auge gefasst worden. Davon wurde einerseits deshalb abgesehen, weil das Sportstättenschutzgesetz dies, obwohl die Stadt Grundeigentümerin ist, so gut wie verunmöglichte, zum anderen aber auch, weil der Wert von Sportflächen im Siedlungsverbund erkannt wurde…

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