Von Ole Hinneburg
Die Wärmewende wartet nicht. Im mecklenburgischen Tessin zeigt die Tessiner Wohnungsbaugesellschaft (TWG) gemeinsam mit HanseWerk Natur, wie der Umstieg von Erdgas auf Holzpellets gelingt – bei gleichbleibend hohem Komfort für die Mieter und verlässlicher Wärmeversorgung. Der Schlüssel: intelligente Fernüberwachung und vorausschauende Störungserkennung.
So bleiben die Wohnungen in Tessin im Winter warm
Seit November 2024 versorgt eine Holzpelletanlage das Wohnquartier um den Rosengarten mit Wärme aus erneuerbaren Energien. Die Anlage beliefert aktuell 325 Wohneinheiten über zehn Hausübergabestationen. In den nächsten beiden Jahren kommen perspektivisch weitere 23 Wohneinheiten hinzu. Zwei Pelletkessel mit jeweils 400 Kilowatt nutzen vertikale Silos zur Pelletlagerung. Ein Pufferspeicher mit einem Volumen von 50 Kubikmetern sorgt für einen effizienten Anlagenbetrieb.
Da das Hoch- und Herunterfahren einer Pelletanlage eine Weile in Anspruch nimmt, wird die Anlage in Tessin für eine verlässliche Versorgung über den Ladezustand der Pufferspeicher gesteuert: Fällt dieser unter 20 Prozent, schalten sich die Kessel zu – so steht immer noch genügend Wärme für die angeschlossenen Haushalte zur Verfügung, bis die Kessel neue Wärme produzieren. Bei 80 Prozent wird die Pelletanlage wieder abgeschaltet und die Pufferspeicher füllen sich noch etwas weiter auf, bevor die Wärmeproduktion stoppt. Diese Parameter werden saisonal angepasst, sodass im Sommer keine Übermenge produziert wird.

Der Jahresverbrauch liegt bei rund 500 Tonnen Pellets. Im Winter liefert alle zwei Wochen ein Tanklastzug automatisch nach. Dank der automatischen Füllstandsüberwachung kombiniert mit der aktuellen Wettervorhersage lässt sich der Bedarf präzise vorhersagen. Die Belieferung läuft von selbst: Der Lieferant hat einen eigenen Zugang zur Anlage und meldet sich digital an und ab.
Probleme erkennen und beheben, bevor der Mieter sie bemerkt
Das Herzstück der Versorgungssicherheit ist die digitale Fernüberwachung. HanseWerk Natur hat die Anlage vollständig in seine zentrale Leittechnik eingebunden. In der Leitwarte sind alle Betriebszustände in Echtzeit sichtbar – von den beiden Kesseln über Netzpumpen und Pufferspeicher bis zur elektrischen Versorgung.
Ein wichtiges Element ist die sogenannte Schlechtpunktmessung: Das System überwacht das Rohrleitungsnetz aktiv und regelt nach dem Punkt mit dem niedrigsten Druck. So kommt selbst am entferntesten Ende des Netzes immer ausreichend Wärme an.

Ein Praxisbeispiel zeigt, wie das funktioniert: Während der letzten Heizperiode hatte einer der Kessel eine Störung. Der technische Betriebsführer von HanseWerk Natur erhielt per SMS die Störmeldung, schaltete sich aus der Ferne per Laptop auf die Anlage und passte die Kesselfolge für die Wärmeproduktion an. Der zweite Kessel übernahm, die Pufferspeicher-Parameter wurden angepasst. Am nächsten Tag behob der Kundendienst die Störung vor Ort. Die Wärmeversorgung lief durchgehend. Die angeschlossenen Bewohner bemerkten nichts.
Die Fernüberwachung ermöglicht nicht nur schnelle Reaktionszeiten, sondern auch kontinuierliche Optimierung. Alle Datenquellen – beispielsweise Brennstoffeinsatz und produzierte Wärmemenge – laufen im betrieblichen Anlagenverwaltungsprogramm zusammen. Trendkurven zeigen Auffälligkeiten meist schon Stunden vor einer eventuellen Störung an, sodass HanseWerk Natur frühzeitig eingreifen kann.
Positive Betriebsbilanz: Weniger Asche, hohe Effizienz
Nach über einem Jahr Betrieb fällt die Bilanz positiv aus: Die Anlage läuft mit sehr hohem Nutzungsgrad und weniger Asche als bei vergleichbaren Pelletanlagen. Der Aschecontainer muss nur einmal jährlich geleert werden.
„Mit der Umstellung auf Holzpellets haben wir unsere Wohnungen fit für die Zukunft gemacht“, sagt Michael Radel, Geschäftsführer der Tessiner Wohnungsbaugesellschaft mbH (TWG). „Mit HanseWerk Natur und dem beauftragten Energieberater haben wir die Chance genutzt, die Dekarbonisierung voranzutreiben.“
Durch den Umstieg auf 100 Prozent Pellets in der Energiezentrale Am Rosengarten reduziert die TWG nicht nur den CO2-Ausstoß erheblich, sondern steigert auch die Energieeffizienz der 325 Wohneinheiten und macht das Wohnen weiterhin bezahlbar.
Radel ergänzt: „Besonders beeindruckend war die geräuschlose Umsetzung des Projekts – die Mieter profitierten von einer unterbrechungsfreien Versorgung während der gesamten Umbauphase.“ Dies gelte besonders für die unkomplizierte und termingerechte Abwicklung des Projekts.

Umstellung im laufenden Betrieb: Pünktlich zur Heizsaison
Der Umbau erforderte präzise Planung: Im April 2024 wurde die alte Erdgasanlage außer Betrieb genommen, ein Heizölcontainer überbrückte die Bauphase. Die größte Herausforderung: Zeitdruck. Innerhalb von weniger als einem halben Jahr musste HanseWerk Natur Schornstein und Statik an die Pelletanlage anpassen, Genehmigungen einholen und die Technik installieren.
Pünktlich zur Heizperiode im November 2024 ging die Anlage in Betrieb. Sowohl die Umstellung auf den provisorischen Heizölbetrieb als auch die Umbauphase und die Inbetriebnahme der Pelletanlage verliefen für die Mieter ohne spürbare Beeinträchtigungen.
Pellets: Nicht für jeden Standort die beste Lösung
Welche Energielösung zum Einsatz kommt, hängt von zahlreichen Standortfaktoren ab: Ist ausreichend elektrische Leistung für eine Wärmepumpe verfügbar? Welche nutzbaren Energiequellen gibt es vor Ort? Gibt es Anfahrtswege für Pellet-Lieferungen? Auch die Kosten spielen eine Rolle. Fossile Lösungen sind in der Anschaffung aktuell noch immer günstiger als erneuerbare Technologien, sodass die Wärme nur mit Fördermitteln bezahlbar bleibt.
In Tessin fiel die Entscheidung aufgrund der räumlichen Gegebenheiten und der Anforderungen an den Schallschutz im dicht bewohnten Quartier auf Holzpellets.

Was Wohnungsunternehmen beachten sollten
Aus den Erfahrungen im Ort Tessin lassen sich mehrere Erkenntnisse ableiten:
- Ganzheitliche Planung ist entscheidend: Gebäudesanierung und Wärmekonzept müssen zusammenpassen. CO2-Emissionen und Primärenergiefaktoren spielen für die Umlagefähigkeit eine zentrale Rolle.
- Standortfaktoren bewerten: Es gibt keine pauschale Empfehlung für eine fossilfreie Wärmelösung. Entscheidend sind vorhandene Energiequellen vor Ort, elektrische Leistung, Anfahrtswege, Schallschutz und Lastprofil.
- Ein gut durchdachtes Notfallkonzept: Für Tessin hat HanseWerk Natur dies durch die ständige Verfügbarkeit einer kurzfristig einsatzfähigen mobilen Heizanlage realisiert, die im Ernstfall innerhalb von spätestens 24 Stunden die Versorgungssicherheit wieder herstellt.
- Digitale Infrastruktur nutzen: Zentrale Leittechnik ermöglicht bei Störungen schnelle Reaktion per Fernzugriff – das spart Zeit und erhöht die Versorgungssicherheit.
- Fördermöglichkeiten prüfen: Programme wie die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) können erneuerbare Wärmelösungen wirtschaftlich machen. Das Tessiner Projekt wurde darüber finanziert.
Erneuerbare Wärme ist technisch machbar und verlässlich
Die Erfahrungen aus Tessin zeigen: Die Versorgungssicherheit mit erneuerbaren Energien steht der erdgasbasierten in nichts nach. Nicht die Technologie entscheidet über Verlässlichkeit, sondern intelligente Systemsteuerung, digitale Vernetzung und vorausschauende Wartung.
Für Wohnungsunternehmen, die vor dieser Transformation stehen, lautet die gute Nachricht: Durchdachte Planung, digitale Infrastruktur und enge Abstimmung zwischen Wohnungsunternehmen und Wärmenetzbetreiber ermöglichen den Umstieg bei gleichbleibend hohem Komfort für die Bewohner.
Die HanseWerk Natur GmbH ist einer der größten regionalen Anbieter für Wärme und dezentrale Energielösungen in Norddeutschland. Das Unternehmen betreibt über 120 Nah- und Fernwärmenetze mit einer Gesamtlänge von rund 850 Kilometern und versorgt mehrere zehntausend Privat- und Unternehmenskunden zuverlässig mit Wärme. Maßgeschneiderte Energiekonzepte und hochmoderne Anlagentechnik bringen die Wärmewende voran – im Mehrfamilienhaus-Quartier, im Krankenhaus sowie in Industrie und Gewerbe. Rund 40 Prozent der Wärme wird bereits heute auf Basis von Abwärme oder Erneuerbaren Energien erzeugt. www.hansewerk-natur.com
Die Tessiner Wohnungsbaugesellschaft mbH (TWG) ist ein kommunales Wohnungsunternehmen mit Sitz in Tessin (Mecklenburg), in der Nähe von Rostock. Gesellschafter sind die Stadt Tessin und die Gemeinden Cammin, Gnewitz, Grammow, Nustrow, Selpin, Stubbendorf, Thelkow und Zarnewanz. Tessin und die Gemeinden liegen im landschaftlich schönen und waldreichen Recknitztal.
Die Zukunft der TWG wird bestimmt durch energetische Sanierungen, altersgerechte Umbauten und die weitere Erhöhung von Dienstleistungen. Die TWG erfüllt die kommunalen Interessen, den Bürgern bezahlbare Wohnungen im ordentlichen baulichen Zustand zu vermieten. www.twg-tessin.de


