2026 ist kein digitales Versprechen mehr – sondern eine Bewährungsprobe

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Die Wohnungswirtschaft diskutiert Digitalisierung seit Jahren. 2026 zeigt sich nun, wer sie strategisch verstanden hat – und wer sie nur administrativ abgearbeitet hat. Fernablesbare Messgeräte, regulierte Rechenzentren und digitale Gremienarbeit wirken auf den ersten Blick wie getrennte Themen. Tatsächlich eint sie eine Kernfrage: Sind wir in der Lage, mit Daten, Regulierung und Komplexität professionell umzugehen – oder nur, auf Vorgaben zu reagieren?

1. Fernablesbare Messgeräte: Wer jetzt nur austauscht, verliert morgen

Die Nachrüstung fernablesbarer Messgeräte ist Pflicht. Doch sie ist vor allem ein Lackmustest für die digitale Reife von Wohnungsunternehmen. Seit der Novellierung der Heizkostenverordnung sind monatliche Verbrauchsinformationen vorgeschrieben – ohne Funktechnik nicht umsetzbar. Wer das Thema jedoch auf „Geräte tauschen“ reduziert, verpasst den eigentlichen Hebel.

Hartmut Michels, Vorstand von Deumess, bringt es auf den Punkt

„Die Pflicht zur Nachrüstung ist mehr als eine regulatorische Vorgabe: Sie ist ein Impuls für die digitale Transformation im Gebäudesektor.“

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Der entscheidende Punkt ist nicht die Ablesung, sondern der kontinuierliche Datenfluss. Erst fernablesbare Geräte – idealerweise in Verbindung mit Datensammlern und direkter Anbindung an Analysesoftware – ermöglichen einen effizienten Betrieb der Heizungsanlagen. Verbrauchsdaten werden zur Grundlage für Optimierung, Investitionsentscheidungen und perspektivisch auch für ESG-Berichte.

Davon profitieren Mieter durch Transparenz und Steuerungsfähigkeit. Vermieter gewinnen Planbarkeit und ein Instrument gegen steigende Energie- und Regulierungskosten. Gleichzeitig steigt der Druck: In vielen Beständen sind noch nicht funkfähige Geräte verbaut, die bis Ende 2026 ersetzt werden müssen. Engpässe bei Technik und Fachkräften sind absehbar.

Hinzu kommt der strategische Blick nach vorn. Ab 2032 müssen neue Geräte interoperabel und Smart-Meter-Gateway-kompatibel sein. Wer heute nur das Mindestmaß erfüllt, schafft neue Insellösungen – und blockiert künftige digitale Anwendungen im Gebäude. Die Messgerätefrage ist damit keine technische, sondern eine Infrastruktur- und Zukunftsentscheidung.

2. Rechenzentren 2026: Die digitale Basis wird zur energiepolitischen Realität

Während Gebäude zunehmend datengetrieben betrieben werden, rückt die Infrastruktur dahinter selbst ins Zentrum der politischen Debatte. Rechenzentren sind nicht länger neutrale IT-Immobilien – sie sind strategische Assets.

Tobias von der Heydt, Geschäftsführer von Prior1, beschreibt 2026 als Zäsur

Das Jahr markiert das Ende der reaktiven Compliance. Regulierung wird vom Prüfpunkt zum Planungsparameter.

Mit der NIS-2-Richtlinie, der CER-Direktive, dem Cyber Resilience Act, dem Energieeffizienzgesetz und der CSRD entsteht ein engmaschiges Regulierungsnetz. Betreiber müssen sich registrieren, Sicherheitskonzepte nachweisen, Energieeffizienz dokumentieren und Resilienz ganzheitlich denken. Projekte, die diese Anforderungen nicht von Beginn an berücksichtigen, riskieren Verzögerungen, massive Mehrkosten und Wettbewerbsnachteile.

Besonders brisant ist der Energiefaktor. Der KI-getriebene Rechenbedarf trifft auf begrenzte Stromverfügbarkeit, Netzausbauprobleme und politische Priorisierungen. Rechenzentren konkurrieren zunehmend mit Industrie, Kommunen – und indirekt auch mit der Wohnungswirtschaft – um Energie und Infrastruktur.

Damit wird klar: Rechenzentren sind Teil der Energie- und Standortpolitik. Gleichzeitig eröffnen sie Chancen, etwa durch Abwärmenutzung für Quartiere. Doch diese Potenziale lassen sich nur heben, wenn digitale und physische Infrastruktur gemeinsam gedacht werden.

Der Betreiber von 2026 ist kein reiner IT-Spezialist mehr. Er ist Energiemanager, Industriefertiger und Regulierungsexperte zugleich. Wer diese Rollen nicht integriert, scheitert – unabhängig von technologischer Exzellenz.

3. Digitale Gremienarbeit: Governance entscheidet über Zukunftsfähigkeit

Die dritte Ebene ist weniger sichtbar, aber ebenso entscheidend: die Unternehmensführung selbst. Gerade Wohnungsgenossenschaften stehen unter hohem regulatorischem Druck. Das Genossenschaftsgesetz verlangt umfassende Dokumentation, Nachvollziehbarkeit und Prüfungssicherheit. Analoge Prozesse werden hier zunehmend zum Risiko.

Nancy Endert, Unternehmensentwicklung und Strategie bei der BWG Halle-Merseburg, formuliert klar

„Digitale Gremienarbeit ist längst nicht mehr nur eine Option – sie ist zur Voraussetzung für professionelle und zukunftsfähige Organisationen geworden.“

Digitale Gremienplattformen ermöglichen revisionssichere Einladungen, versionierte Unterlagen und eine lückenlose Dokumentation für Prüfungsverbände. Compliance wird nicht nur eingehalten, sondern belegbar. Haftungsrisiken sinken messbar.

Gleichzeitig entstehen wirtschaftliche Effekte: weniger Druck- und Portokosten, schnellere Kommunikation, geringere Fehleranfälligkeit. Entscheidend für den Erfolg ist jedoch die Akzeptanz in den Gremien. Die Praxis zeigt: Wenn digitale Unterlagen so strukturiert sind wie klassische Leitz-Ordner – mit klarer Ordnung, Seitenzahlen und Corporate Design – verlieren auch weniger technikaffine Aufsichtsräte schnell ihre Vorbehalte.

Damit wird Governance selbst zum Produktivfaktor. Entscheidungen werden besser vorbereitet, Wissen bleibt verfügbar, und strategische Kontinuität wird gesichert – ein unterschätzter Wettbewerbsvorteil in einer zunehmend komplexen Branche.

Schlussfolgerung: 2026 trennt Umsetzer von Gestaltern

Die drei Beispiele zeigen: Digitalisierung ist kein Selbstzweck und kein IT-Projekt. Sie ist eine Überlebensstrategie unter verschärften regulatorischen, energetischen und organisatorischen Bedingungen.

Wer Messgeräte nur tauscht, Rechenzentren nur baut und Gremienarbeit nur digitalisiert, ohne die Zusammenhänge zu verstehen, bleibt reaktiv. Wer hingegen Daten, Infrastruktur und Governance strategisch verzahnt, gewinnt Handlungsspielräume.

2026 ist das Jahr, in dem sich entscheidet, wer in der Wohnungswirtschaft gestaltet – und wer nur noch verwaltet.

Februar 2026, Wohnungswirtschaft digital., Ausgabe Nummer 46 mit neuen Inhalten, auch vertiefende Artikel zum Inhalt meines Editorials.

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Bleiben Sie zuversichtlich und nachhaltig.

Ihr Gerd Warda

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